Birgit Lüers

Flucht in die Stille

Wieder einmal war die Situation eskaliert.
Wie schon so oft in den vergangenen Tagen, Wochen, Monaten.
Es war in der Küche und er hat sich vor Kristin aufgebaut. Seine Augen weit aufgerissen. Starr!
Der Jähzorn war ihm ins Gesicht geschrieben und ja… oh ja, er machte ihr Angst.
Herrschsüchtig stand er wieder vor ihr, mit seinem zornesroten Gesicht, aus dem die Augen hervor zu quellen schienen. Er starrte sie an und seine Stimme wurde immer lauter und klang bedrohlicher, mit jedem Schritt den er auf Kristin zukam. Panik ergriff die junge Frau!
Pure, nackte Angst hatte sie vor diesem Monster, das sie einmal geliebt hatte!
Ihr Herz pochte wie wild und schien ihr fast Brust und Hals zu sprengen! Die Kehle war wie zugeschnürt! Sie hätte noch nicht einmal schreien können. Noch einen Schritt wich sie zurück und spürte in ihrem Rücken schon die Küchenzeile.
Und nun?
Weiter zurück konnte sie nicht mehr. Wie ein gehetztes Tier, war sie in die Ecke gedrängt worden.
Vor ihr, der Jäger mit seinen tödlichen Giftpfeilen. Anscheinend bereit, jeden Moment von seiner Waffe gebrauch zu machen.

Wo Kristin die Kraft und den Mut hergenommen hatte, wissen die Götter.
Irgendwie konnte sie sich an ihm vorbei drängen und raus aus der Küche.
Im Flur riss sie die Autoschlüssel vom Brett und rannte aus dem Haus.
Raus! Nur schnell raus! Sie musste weg!
Einfach weg aus seiner Nähe die ihr so furchtbare Angst und Ekel bereitete.
Aufgebracht, zitternd und mit tränennassem Gesicht saß sie im Auto, steckte schnell den Schlüssel ins Zündschloss und raste davon.
Weg! Nichts wie weg… wie schon so häufig in letzter Zeit.
Wenige Minuten später, war sie am Waldrand angekommen, machte den Motor aus und ihr Kopf sank erschöpft und erleichtert auf das Lenkrad.
Sie war ihm entkommen.
Heftig wurde der Körper von Weinkrämpfen geschüttelt.
Sie konnte und konnte einfach nicht aufhören zu weinen.
Nach einer Weile hatte sie sich ein klein wenig beruhigt, nahm sich eine Zigarette aus der Schachtel, die zwischen den Vordersitzen lag und stieg mit zitternden Beinen, die sie kaum tragen konnten, aus dem Wagen. Kristin ging ein paar unsichere Schritte, rauchte hektisch und saugte tief das Nikotin und stille Waldluft ein, was sie jetzt beides so nötig brauchte. Gedankenfetzen, Bilder und Worte… alles wirbelte wild und haltlos in ihrem Kopf herum.
Warum tut dieser Mann mir so weh? Haben wir uns nicht einmal geliebt? Warum lässt er mich nicht einfach gehen? Wer oder was gibt ihm das Recht, mich an ihn fesseln zu wollen?
Er muss doch auch sehen, dass das so keinen Sinn mehr hat!
Ist er denn wirklich so blind, dass er nicht bemerkt, dass das schon lange keine Ehe mehr ist, die wir führen? Warum jagt er mich nicht zum Teufel, wenn er mich doch so hasst?
Warum will er denn mit aller Gewalt erzwingen dass ich bei ihm bleibe?
Nur damit er seine Geilheit an mir stutzen kann?
Warum? …Warum? …Waaaaarum????
Alles in ihr schrie!
Wo sollte dieser Wahnsinn noch hinführen?
Weinend sank Kristin auf den kalten, feuchten Waldboden, der an einigen Stellen noch leicht mit Schnee gepudert war, doch sie spürte ihn nicht. Ihre Schreie der Verzweiflung, der Ohnmacht und Resignation, hallten zwischen den Bäumen und wurden von diesen stummen Zeugen verschluckt.

Die Kirchenuhr schlug 3 mal und holte das Bündel Mensch, das inzwischen schon eine ganze Weile still und reglos am Boden lag, langsam wieder aus seiner Apathie zurück.
Kristins Armbanduhr zeigte 13:45 an.
Es wird Zeit… ich muss jetzt wieder zurück… Kim hat heute Geburtstag… sicher wird sie jetzt schon von der Schule zu Hause sein… sie ist jetzt 14 ...mein Mädchen… sie wird sich schon fragen wo ich bin… warum ich nicht zu Hause bin… ausgerechnet heute… wo ich doch sonst immer da bin, wenn…...   und Robin?… womöglich hat er jetzt schon ausgeschlafen… ich muss schnell nach Hause… ich muss zu meinen Kindern… und die Gäste… werden auch bald da sein… und ich muss den Kuchen noch fertig machen… und den Tisch decken… und die Gäste… ich muss mich noch waschen und umziehen… meine Hände sind ganz schmutzig und die Hose auch… ja und die Gäste… die von all dem nichts ahnen… nicht von den letzten Monaten und nicht von heute… von gar nichts… und das ist gut so…
ich schäme mich so sehr…

Mit von der Kälte schmerzenden Gliedern ging Kristin zurück zu ihrem Wagen, stieg ein und startete den Motor um wieder nach Hause zu fahren. Nach Hause zu ihren Kindern - zurück in die Höhle des Löwen.
 
 
© Birgit Lüers

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.02.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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