Peter Schönau

Die arabische Nutte

 

Sie durchwanderte die Concourses wie die von Geisterhand gesteuerten People Movers, wenn auch weniger zielstrebig, und doch auf der Suche.
Sie blieb in den Warteräumen vor den Gates stehen, und wenn die Flüge ankamen, fischte sie die alleinreisenden Vertreter und Manager aus der Masse der Fluggäste heraus. Mit dem einen oder anderen versuchte sie Blickkontakt herzustellen. Wenn sie das Gefühl hatte, daß es einen Versuch wert war, folgte sie dem potentiellen Freier und sprach ihn an, bevor er das Flughafengebäude verließ.
Sie war noch jung, vor wenigen Tagen erst hatte sie ihren sechsundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Das Geschäft, das sie betrieb, hatte an ihr noch keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Doch in ihrem Aufzug machte sie klar, daß sie nicht zum normalen Publikum des Flughafens gehörte: Hochhackige Sandalen mit goldfarbenen Laschen, enge pinkfarbene Jeans und eine weiße Bluse, kurz über dem Bauchnabel verknotet. Ihre Ohren schmückten zwei im Neonlicht türkisfarben funkelnde traubenförmige Ohrringe. Ihr schwarzes Haar trug sie zu einem Knoten straff nach hinten gekämmt. Ihre Gesichtsfarbe war ein Übergang zwischen Kastanienbraun und Ebenholzschwarz. Ihre Nase war klein und schmal. Wenn sie den Mund öffnete, schimmerten ihre Zähne wie ein Satz ebenmäßiger Zuchtperlen. Ihre Augen versprachen mehr, als der Prophet es einer tugendhaften Frau erlaubt hätte.
Allerdings war Mohammed nicht mehr der richtige Ansprechpartner, denn nach der Emigration ihrer Großeltern aus Ägypten in die Vereinigten Staaten waren ihre Eltern zum katholischen Glauben übergetreten. Sie hatten ihre Tochter auf den Namen Alicia getauft. Alicia Bendat hatte schon in der Schule begriffen, daß sie gegenüber den anderen Mädchen in der Klasse einen Mangel hatte, der sehr schwer auszugleichen war: Ihre Hautfarbe. Als ihre Eltern bei einem Brand umkamen, war sie mit siebzehn Jahren plötzlich allein und konnte auf niemanden zählen, außer auf sich selbst. In einer nüchternen Bilanz ihrer Möglichkeiten stellte sie deswegen ihre Aktiva und Passiva zusammen, die die Hypothek beziehungsweise das Kapital ihrer noch im Dunkeln liegenden Zukunft bildeten. Sie wußte, daß sie gut aussah, doch den Besuch der High School hatte sie vorzeitig abgebrochen. Sie war flatterhaft, unbeständig, aber ein Ziel verlor sie nie aus den Augen: Eine gesicherte Existenz, fernab von dem sozialen Tellerrand, auf dem sich ihre Eltern Zeit ihres Lebens bewegt hatten. Und zur Erreichung dieses Zieles würde sie die Mittel einsetzen müssen, mit denen die Natur sie ausgestattet hatte. Das war ihr Credo, moralische Bedenken prallten daran ebenso ab wie die Ermahnungen des Pfarrers der schäbigen Holzkirche zwischen ungepflegtem Rasen und verdorrtem Unterholz, wo sie am Sonntag manchmal den Gottesdienst besuchte. Schließlich stand in der Heiligen Schrift zu lesen, daß Gott ein reuiger Sünder mehr bedeutete als hundert Gerechte, und mit der Reue konnte sie sich in ihrem Alter noch Zeit lassen. Aber bei einem dieser Gottesdienstbesuche hatte sie das Angebot eines Reiseveranstalters entdeckt, das mit einer Heftzwecke an die Innenseite der Kirchentür geheftet war. Es wurde eine billige Wallfahrt nach Rom angeboten, einschließlich Besuch des Petersdomes und Teilnahme am Ostergottesdienst des Papstes auf dem Petersplatz. Warum eigentlich nicht, hatte sie sich gesagt. Sie hatte in ihrem bisherigen Leben eine Lektion besonders gelernt: Es gab nirgendwo eine Leistung ohne Gegenleistung. Und wenn sie nach Rom zum Ostergottesdienst des Papstes pilgerte, war dies eine Leistung, die es Gott erleichtern würde, ihr für ihre Sünden zu vergeben, wenn der Zeitpunkt gekommen war.
Für eine Hadsch, die Wallfahrt nach Mekka, die zu den rituellen Pflichten eines jeden Moslems gehörte, hatten ihre Großeltern nie das Geld gehabt.
Ihre Tochter konnte sich die Reise nach Rom leisten, ohne daß diese Ausgabe ihre „Haushaltskasse“ sonderlich strapazierte.
Sie hatte sich Prospekte von der ewigen Stadt besorgt. Der Anblick der Sehenswürdigkeiten, der römischen Villen und Paläste versetzte sie schon Wochen vor Antritt der Reise in eine ekstatische Vorfreude.
Am Valentinstag ging sie zu der angegebenen Adresse und buchte bei dem Reiseveranstalter eine achttägige Pauschalreise nach Rom.
Vor der Abreise blätterte sie immer wieder in den Prospekten. Bei einem Bild von der Via Veneto überlegte sie, daß es für sie sicher auch dort einiges zu tun gäbe.
 
 

 

Die Geschichte ist die Exemplifizierung von
These, Antithese und Synthese:

1. Die These ist das „Gute“ (die sozialen Ambitionen der Protagonistin)
2. Die Antithese ist das „Böse“(die Wahl der Mittel, um 1 zu erreichen)
3. Die Synthese ist der „Beruf“ (der 1 und 2 miteinander „versöhnt“)
Peter Schönau, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.02.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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