Nick Köhler

Ich bin zufrieden

Der letzte Schluck meines Kaffee schmeckt genauso gut wie der erste und der zweite und jeder weitere Schluck. Über mir strahlt die Sommersonne. Neben mir sitzt ein wundervoller Mensch. Um mich herum, ist die schönste Stadt der Welt.
 
Ich fühle mich so gut, so lebendig, so frei. Nach langer Zeit endlich endlich wieder.
 
Hinter mir und meinem Freund liegen zwei öde Jahre. Jahre, die wir weit abgeschieden auf einem Dorf verbracht haben. Die Nachbarn waren nett, die Gegend schön grün und die Luft herrlich frisch. Doch Tag für Tag wurde es langweiliger. Für wahr, was sollten zwei junge Menschen dort auch anstellen. Außer schlafen, essen und fernsehen und ab und an den Garten schön in Ordnung bringen. Das war es nicht, was wir uns erträumt hatten. Wir wollten Freunde finden, ins Kino gehen, Spaß haben, das Leben genießen. Wir wollten den Sommer und den Winter spüren. Wir wollten leben und unsere gemeinsame Liebe Tag für Tag erneut wecken. Doch es war ganz anders. Statt Liebe gab es mehr und mehr Streit. Statt Freunde gab es den Fernseher. Statt Spaß gab es die Überlegung was wir heute, morgen oder übermorgen essen wollen. Es war grauenvoll und wir wussten nicht wie lange es dauert. Wir wussten nicht, ob und wann wir dort wieder weg können.
 
Sicher, damals war es die Chance zusammen zu ziehen. Hatte doch unsere Beziehung bisher nur über die Ferne statt gefunden. Viele viele Kilometer hatten uns getrennt. Dann gab unsere Firma ein Stellengesuch heraus, wir bewarben uns und konnten von nun an immer zusammen sein. Die Suche nach einer Wohnung erwies sich als einfach. Wir meldeten uns auf genau ein Inserat, fuhren dort hin und bekamen gleich ein ganzes Haus. Der Nachteil war nur die Lage. Weit weg von der nächsten Stadt. Weit weg von dem, was wir erst im Laufe der Zeit zu vermissen begannen.
 
Dann änderten sich plötzlich unsere Arbeitsbedingungen. Alles wurde leichter und wir waren nicht mehr länger gezwungen, dort wohnen zu bleiben. Wir brauchten dennoch lange, bis wir eine Entscheidung getroffen hatten, denn nun bekamen wir Angst. Wir dachten zuviel nach, überlegten was passieren könnte. In unseren Gedanken gab es auf einmal mehr und mehr Nachteile. Immer weitere Ausreden erfanden wir, nur um nichts tun zu müssen, nur um unser Verhalten vor uns selbst zu rechtfertigen.
 
Die Zeit verging und an einem Tag hatten wir Mut. An einem Tag änderten wir alles. An einem Tag suchten und fanden wir unseren neuen Weg. Von da an ging es vorwärts. Die Zeit raste dahin. Alles lief uns glatt von der Hand. Wir entpuppten uns als wahre Organisationstalente. Telefonate erledigten wir ruckzuck und Gänge auf Behörden waren keine Anstrengung. Keine Träne kullerte uns übers Gesicht, als wir die letzte Kiste mit unserem Hab und Gut verstaut hatten, als wir uns verabschiedet und auf den Weg in unsere neue Heimat gemacht haben. Im Gegenteil. Fast schon ein idiotisches Grinsen zeichnete sich auf unseren Gesichtern, als wir ganz von Ferne die ersten Spitzen der Hafenkräne sehen konnten. Endlich kamen wir da an, wo wir beide schon immer sein wollten. Endlich würde es so werden, wie wir es uns in gemeinsamen Stunden erträumt hatten und endlich würden wir anfangen zu leben. Gemeinsam zu leben.
 
Wir wurden nicht enttäuscht. Unsere Hoffungen erfüllten sich.
 

 
Nun sitzen wir gemeinsam hier und genießen den Tag. Ich greife nach der Hand meines Freundes. Drücke sie fest und beschließe ihn nie wieder los zu lassen. Beschließe hier nie wieder weg zu gehen. Ich schließe die Augen, atme tief ein und lächle. Ich bin zufrieden.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.02.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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