Gaby Schumacher

Heimweh

Ein eigenartiges Gefühl...
Ich lebe seit über 20 Jahren hier in einem Düsseldorfer Grüngürtel. Hät das nicht dazu beitragen können, jene dennoch aufkeimende Sehnsucht zu verdrängen oder sogar abzutöten?
Nein, es besiegt dieses mich verzehrende Gefühl nicht. Es nutzt mir nichts, eine schöne neue Heimat gefunden zu haben. Immer drängender wird der Wunsch, meinen Geburtsort wiederzusehen. Wenn ich Ihnen jetzt erkläre, woher ich stamme, werden Sie sicherlich mit dem Kopf schütteln, dass es mich dort hin zurück zieht. Und zwar mit aller Macht.

Ich komme aus dem ehemaligen Kohlenpott. Jeder denkt sofort an die schlimme Luftverschmutzung, die man damals, kam man ins Ruhrgebiet, regelrecht riechen konnte. Den Hausfrauen bescherte sie schwarze Fensterrahmen. Doch dann schlossen die Zechen und damit verschwand auch der Dreck. Meine Heimatstadt Bochum wurde zu einer attraktiven Stadt, die durchaus sehr reizvolle Wohngegenden hatte.

Nun ist Bochum in keinster Weise mit Düsseldorf gleichzusetzen. Düsseldorf bietet enorm viel an Kultur, hat eben ein besonderes Flair. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt. Bochum dagegen hat "nur" die Ruhruniversität, das allerdings weithin bekannte Bergbaumuseum, das Theater und die Sternwarte.

Aber...In Bochum bin ich geboren, dort habe ich die ganze Schulzeit und meine Jahre der Berufstätigkeit verlebt. So gesehen kann keine Stadt der ganzen Welt mit Bochum konkurrieren. Eine Fülle von Erinnerungen an Kindheit und Jugend fesseln mich an diesen Ort, lassen mich nicht los und werden mich nie los lassen. Die Gedanken an Schulfreundinnen, an die Tanzstunde mit der ersten Liebe, die in diese Zeit fiel...Später die Freunde und Bekannten in der Jungerwachsenenzeit...All das kettet mich fest!

Aus diesem Grunde fahre ich heute nach Bochum. "Das ist doch kein grosser Akt!", bemerken Sie. "Das ist ja wirklich nicht aus der Welt." Ja, wenn Sie Autofahrer sind, ist es wirklich ein Klacks, Bochum einen Besuch abzustatten. Genau da liegt aber der Hund begraben. Ich besitze nämlich keinen Wagen, sondern bin auf die Bahn angewiesen.

Die Strecke dorthin ist teilweise sehr schön und führt durch einen ausgedehnten Waldgürtel. So geniesse ich die Reise von Herzen. Währenddessen gehen mir tausend Gedanken auf einmal durch den Kopf. Dass sich Bochum sehr verändert hat, ist mir klar. Auch, dass ich viele Straßenzüge kaum mehr wiedererkennen werde.

Nach fast 90 Minuten stehe ich am Bochumer Hbf. Mir ist so eigenartig zumute. Einerseits fühle ich mich zugehörig, andererseits wie in einem nostalgischen Film voller Sentimentalität. Nach langer Zeit bin ich doch wieder einmal "zuhause". Wieso aber kann ich mich nicht einfach unbeschwert freuen, das nicht so richtig geniessen...Es ist doch das, was ich schon seit Wochen mit Ungeduld ersehnt habe? 

Unwillkürlich fahnde ich nach irgendetwas, dass die vergangenen Jahre wieder lebendig werden lässt.. Unbewusst oder auch bewusst studiere ich die Gesichter der Menschen, hoffend, wider Erwarten Bekannte  zu finden, vielleicht sogar ehemalige Klassenkameradinnen zu entdecken. Doch mir ist sehr wohl klar, dass das äusserst unwahrscheinlich ist.

Es verunsichert mich, ausschließlich Fremden gegenüber zu stehen. Kein Erkennen, kein "Mensch, Gaby, das gibt`s doch gar nicht?!"...Wieder einmal wird mir vor Augen geführt, alles ist ferne Vergangenheit.

Ich gebe mir einen Ruck und marschiere in die Einkaufszone. Wenigstens dort darf ich mich ein wenig heimisch fühlen. Das alte Kortum steht immer noch und auch das hübsche Cafe, in dem sich früher unsere Schülerclique regelmässig getroffen hat, erfreut sich auch heute noch ungebrochener Beliebtheit. 
Die alte Vertrautheit kehrt zurück. Ich fange an, meinen Ausflug zu geniessen.

Nach einem ausgiebigen Stadtbummel wandere ich zum alten Friedhofspark, der direkt hinter meinem Elternhaus liegt. Mir zittern ein wenig die Beine, als ich schließlich vor dessen wunderschöner Holztüre mit dem Nordrheinwestfalenwappen stehe. Ja, diese Türe gibt es immer noch. Jedoch hat man an der Hauswand direkt daneben einen super modernen Metallbriefkasten angebracht. Es passt stilmässig überhaupt nicht zueinander und schmerzte mich. Denn es ist ja das Haus meiner Kindheit. Ein paar Minuten verharre ich da wie in Trance, kann mich keinen Schritt fort bewegen. Mühsam reisse ich mich aus dieser Entrückung und seufze: "Es ist vorbei. Du bist bloß furchtbar sentimental. Du hast doch gewusst, was dich erwartet!"

Ich zwinge mich zum Abschied von dieser vertrauten Straße, von dem alten Friedhof, in dem wir als Kinder so oft spielten und in dem ich meinen ersten Kuss bekam. Für ein elfjähriges verträumtes Mädchen eine wunderschönes Erlebnis, das als Erinnerung nie, ein ganzes Leben lang nicht, verblasst.

Ich wandere die Hauptstraße zurück zum Bahnhof, nehme wieder einmal Abschied von meiner Kindheit und Jugend. Meine Seele kehrte zurück in mein nunmehr 54-jähriges Erwachsendasein.
Ich frage mich, was hat mir dieses Wiedersehen gebracht? Weshalb nur habe ich mir all diese widersprüchlichen, aufwühlenden Gefühle angetan?

Es war die schlimme Sehnsucht nach meinen Wurzeln.
Es war Heimweh.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.02.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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