Jürgen Behr

TODESKAMPF AUF DER INSEL RIEMS. TEIL 1

Ein Meerschweinchen geht auf Reisen
 
Im Herbst 1921 sollte die Reise des Meerschweinchens „Quicky“ vorläufig auf der Insel Riems enden. In einem Käfig wurde Quicky mit Menschen und Materialien auf dem Dampfer „Löffler“ vom Festland auf die Insel Riems transportiert. Der Dampfer war damals die einzige Verbindung zwischen dem Festland und der Insel, die unmittelbar vor der Insel Rügen liegt.
Nachdem die preußische Regierung 1909 die Insel Riems erwarb,  mauserte sie sich von 1910 an zu einem regelrechten Forschungszentrum unter Friedrich Löffler.
 
Quicky hatte grosses Unbehagen gegenüber Prof. Waldmann. Unter seiner Führung entdeckten die Forscher im Jahre 1920 die Empfänglichkeit der Meerschweinchen für das Virus der MKS .  Für die Forscher waren wir Meerschweinchen ein ideales Kleintier, das eine vorzügliche Eignung für die Übertragung der Seuche zeigte. Bisher konnten die Forscher nur die Versuche an Rindern und Schweinen durchführen, da die lebensfähigen Stämme nur im Grosstierversuch nachgewiesen werden konnten. Zudem waren wir Meerschweinchen in der Haltung, sowie in der Beschaffung wesentlich billiger.
 
Quicky an sein vergangenes Leben, an einen Spaziergang mit seinen Eltern an einem Sommerabend erinnernd, sich erinnernd, wie schön und golden die Welt war, gross und in Ordnung und wie es geborgen war in der Stille, im Schweigen eines 1000 Seelen Bergdorfes in Süddeutschland. Auf dem Spaziergang mit seinen Eltern erfuhr Quicky, dass seine Vorfahren damals von spanischen Seefahrer nach Europa eingeführt wurden. 
 
An diesem Tag brachte Quicky  nichts zusammen, von dem es hätte sagen können, es wäre sinnvoll gewesen, irgendeine Tat oder ein Gefühl, irgendetwas, in dem es sich selbst wiedergefunden hätte. Da war kein Selbstvertrauen, kein Bejahen seines eigenen Seins und Fühlens. Es spürte Angst und Hilflosigkeit.
Quicky war, fern von Wärme, in Eiseskälte erstarrt, konnte nicht einmal mehr weinen, geschweige denn lachen. Es ist alles so fürchterlich, was es da auf der Insel erleben muss.  6000 Meerschweinchen konzentriert in einem Raum, Meerschweinchen-Boden nannten ihn die Forscher, warteten nur noch auf das, was jährlich 70 000 Meerschweinchen hinwegraffte.
Es war schlimm. Immer, wenn ein Forscher mit weissem Kittel und Gummistiefeln einem Meerschweinchen die tödliche Seuche in die zarten Meerschweinchenpfötchen infizierte, hoffte Quicky, dass ihm das nicht passiert.
 
Vor einer Woche lauschte Quicky einem Gespräch zwischen zwei Institutsmenschen, dass man nach so viel Erfolge bei der Erforschung der Biologie des Erregers  mit dem Meerschweinchen als Versuchstiere, auch im Ausland nun Forschungslabors plant und errichtet.
 
Aber an diesem Tag verlor Quicky seine letzte Hoffnung. Quicky hörte wie einer zu SU sagte: holen Sie bitte das Meerschweinchen Nummer  A666X, schnell. Wir haben überhaupt keine Zeit zu verlieren“.
 
Quicky riecht gerne braune Erde. Braune Erde, die immer frische Pflanzen hervorbrachte. Pflanzen waren seine Lieblingsspeise. Aber diesmal roch Quicky braunerdiges Fleisch,  das nur nach Moder roch, braunerdiges Fleisch, das sein Totengräber aufreisst für ihn.  Es gibt keine Möglichkeit mehr dem Tod zu entrinnen.. Quicky hörte die schnellen Schritte von SU.
SU trat ganz nahe heran. Während SU mit ihren Händen nach Quicky greift und spricht: „Komm mein Kleiner, ganz so schlimm ist das ja nun auch nicht“, nahm Quicky alle Kräfte zusammen, quiekte laut  und kratzte SU ganz fest in die Haut ihrer Hände. Von dieser Kratzattacke sichtlich erschrocken, liess SU Quicky auf den Boden fallen.
 
FORTSETZUNG FOLGT!

Um 1920 rum erblickte Traute Lots, die zum Team „Waldmann“ gehörte, auf der kleinen 100 Morgen Insel Riems, die verspielt im Meer nicht weit vom Festland in der Ostsee droben lag, die BLAUE BLUME. Traute Lots, die naturverbundene, stille, die sich dort in der Einsamkeit wohlfühlte, behielt das Geheimnis viele Jahre für sich. „Sie war restlos von der Pracht bezaubert, aber ahnte auch schon, dass die Insel ihr Schicksal ward“.

„Das Inselleben war recht problematisch und wirkte damals ganz verschieden auf die Menschen“, sagte sie mir und erzählte weiter: „ Der eine Teil Menschen bedrückte es sehr, nicht kommen und gehen zu können wie man es wollte, das Festland zu betreten war verboten, die Seuchenpolizei streng hinterher wegen der Maul- und Klauen-Seuche Verschleppung auf das Festland. Nur alle 14 Tage durften sie zur Stadt, am Samstag Nachmittag Einkäufe machen. Dieser Teil der Menschen war gefangen und wusste nichts von Freude, sah nicht die Natur“.

Die erste Begegnung mit Traute Lots liegt bereits 25 Jahre zurück. Gerne erzählte sie von ihren Erlebnissen auf der Insel Riems. Ein Brief aus ihren Händen erinnerte mich vor einigen Tagen an diese erste Zusammenkunft. Wir sprachen viel über Kunst, aber auch über die Menschheit, die immer öfters aus vom Erstaunen weit aufgerissenen und obendrein tränenden Kinderaugen in den vom eigenen Gestank verpesteten Himmel starrt. „Sogar die Muttermilch ist schon in einem Maß vergiftet, dass ihre Verabreichung an Jugendliche wie die von Alkohol verboten werden müsste“.

Und sie sprach auch von dem Teil der Menschen, die waren wie sie, naturverbunden und still. Dann hielt Traute für einen kurzen Moment inne: „Die Melodie, die in diesem Teil der Menschen schon ruhte, kam dort ganz wunderbar zum Tönen. Gleich wie ein Licht, auch, das am Tag verblasst, erst in der Dunkelheit recht sichtbar wird, so wurden diese innerlich erhellt und fanden jene Kräfte in sich selbst, die sich besonderer Lebensart zu fügen halfen“.

Traute bemerkte, dass mein Blick auf ein kleines Ölbild gerichtet war und sagte: „Immer waren diese zärtlich kleinen Wellen im ewigen Spiel um unsere kleine Insel. Und immer fing der Wasserspiegel den Himmel ein mit seinen tausend Farben“.

Traute war wirklich eine gute Künstlerin. Herrlich konnte sie bezaubernde Augenblicke in Öl oder Bleistift einfangen. Fast täglich werfe ich einen Blick auf das kleine Bild: „Glatt liegt des Wassers weite Fläche da in seinem blanken Spiegel Wiederschein der roten Lohe Sonnenunterganges“.

In einem Gespräch kam Traute schon auch mal auf die Meerschweinchen und sagte, dass diese damals in ihrer Vielzahl die Hauptbeteiligten der Forschung waren. Das ist der eigentliche Hintergrund zur Kurzgeschichte: „Todeskampf auf der Insel Riems“.

Die Vogelpest, die zur Zeit zur Schlagzeilen-Bedeutung avanciert, ist der Beweggrund, warum ich die Kurzgeschichte: „Todeskampf auf der Insel Riems“ schreibe.
Der Tod kehrt dahin zurück, von wo er seinen tödlichen Lauf nahm. Nämlich auf die Insel Riems. Immer wieder haben Ärzte, Biologen und Chemiker schon vor Jahrzehnten Warnungen ausgesprochen, die damals nicht einmal belächelt, sondern glatt ignoriert wurden. Aber auch ohne alle fachlich-sachlichen Warnungen hätte uns immer schon klar, wie längst kein Wasser mehr ist, sein müssen, dass ein bloss technisch verstandener Fortschritt nirgendwo sonst als im Abgrund enden kann. Kurzum, die Menschheit löscht sich selbst aus. Denn jeder neue Gipfelsieg eines bloss technisch verstandenen Fortschritts verbannte uns nur noch tiefer in die Neandertäler unseres Bewusstseins.
Eben deshalb, weil der Fortschritt nicht zur Bewusstseinserweiterung, sondern zur geistigen Schrumpfung auf „technologisches Verständnis“ geführt hat, steht die rettende radikale Umkehr eigentlich jenseits aller Denkbarkeit.
Und dennoch habe ich den Glauben an die Blaue Blume nicht verloren, die uns magische Kraft verleiht. Lese ich auf „wikipedia“: In der blauen Blume verbinden sich nicht nur Natur, Mensch und Geist; sie symbolisiert das Streben nach der Erkenntnis der Natur und - daraus folgend - des Selbst.






Jürgen Behr, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.02.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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