Eva Markert

Liebeszauber

„Ich hab’s mitgebracht.“ Geheimnisvoll zwinkerte Tine ihrer Kollegin und Freundin zu, kramte ein halbvolles Fläschchen aus ihrer Handtasche und hielt es Marie hin. „Braunglas“, erklärte sie, „weil Licht die empfindliche Substanz zerstören würde.“
Marie drehte den Verschluss ab und schnupperte. „Ich rieche nichts. Das kann gar nicht nützen.“
Tine schüttelte den Kopf. „Mensch, Marie! Das ist doch gerade der Trick! Pheromone sind Duftstoffe, die der Mensch nur unbewusst wahrnimmt. Kennst du nicht das Experiment mit dem Stuhl im leeren Wartezimmer, den man mit weiblichen Pheromonen besprenkelt hat? Alle Männer steuerten sofort darauf zu.“
Marie seufzte. „Auch Pheromone ändern nichts an meinen langweiligen braunen Haaren und den Kuhaugen.“
„Nun mach dich doch nicht immer selbst runter. Außerdem, wenn sogar leere Stühle mit dem Zeug Männer anlocken können ...“
„Meinetwegen.“ Marie tupfte sich ein paar Tropfen hinter die Ohren.
Tine riss ihr das Fläschchen aus der Hand. „Nicht kleckern, sondern klotzen!“ Kurzerhand goss sie die Flüssigkeit über Maries Kopf aus.
„Hilfe!“ Marie lachte. „Nicht dass mir jetzt ein ganzer Rattenschwanz von Männern hinterherläuft!“
„Nur der eine“, dachte sie, „der soll mir bitte, bitte hinterherlaufen.“
Sie fuhr den Computer hoch. „Wie lang hält die Wirkung eigentlich an?“, erkundigte sie sich.
Tine, die ihr gegenüber saß, hob den Kopf. „Ungefähr fünfzehn Stunden. Also denk dran: Heute Nacht oder nie!“
In diesem Augenblick steckte Jörg den Kopf zur Tür herein. „Guten Morgen, die Damen!“, rief er gut gelaunt.
„Hi, Kumpel“, begrüßte ihn Tine. Sie wohnten schon lange in derselben Straße.
Marie lächelte ihm zaghaft zu.
Jörg zögerte, dann trat er an ihren Schreibtisch. „Der erste warme Tag in diesem Jahr“, sagte er und schaute ihr ins Gesicht.
„Es scheint tatsächlich zu wirken!“, dachte Marie erstaunt. Sie spürte, wie sich ihr Lächeln vertiefte und ihre Augen anfingen zu strahlen. „Ja, endlich ist Frühling“, antwortete sie.
„Ich freu mich immer, wenn draußen alles wieder grün wird“, fuhr Jörg fort.
Urplötzlich war Maries Kopf hohl und leer. Stumm blickte sie auf ihre Hände hinunter.
„Na, dann noch viel Spaß bei der Arbeit.“ Jörg grinste zu Tine hinüber und verschwand.
Verzweifelt schaute Marie ihre Freundin an. „Was nützen mir die schönsten Pheromone, wenn ich nicht weiß, was ich sagen soll?“
„Aber es klappt doch! Hast du nicht gemerkt, wie er dich ansieht?“, fragte Tine.
„Meinst du wirklich?“
„Na klar. Pass mal auf! Gleich gehst du in die Küche. Und auf dem Weg dorthin fragst du, ob du ihm einen Kaffee mitbringen sollst.“
„Ich will aber nicht aufdringlich ...“
Tine fiel ihr ins Wort. „Ach, Unsinn! Und denk daran: reine Pheromone! Meine Mutter konnte nur ein Fläschchen aus dem Labor mitnehmen. An so was kommen wir nie wieder ran.“
Marie fühlte sich gar nicht wohl in ihrer Haut, als sie zu Jörg hinüberging. Aber Tine hatte Recht. Heute sah er sie wirklich anders an als sonst.
„Möchtest du einen Kaffee?“, fragte sie.
„Oh ja! Schwarz, bitte.“
Mit zittrigen Händen stellte Marie kurz darauf eine Kaffeetasse vor ihn hin.
Und dann geschah das Wunder, auf das sie so lange gehofft hatte. „Wir könnten nach der Arbeit noch einen Spaziergang machen“, schlug er vor. „Und dann vielleicht was essen gehen.“
„Ja, gern.“ Nun zitterte auch noch ihre Stimme.
An diesem Tag konnte sie sich kaum auf ihre Arbeit konzentrieren.
Als sie sich abends verabschiedete, kicherte Tine. „Glück brauche ich dir wohl nicht zu wünschen“, sagte sie. „Bei der geballten Ladung Pheromone! Da kann ja gar nichts schief gehen!“
Als Marie mit Jörg durch den Park schlenderte, konnte auch sie die Wirkung der Pheromone nicht länger leugnen. Sie las in seinen Blicken und hörte an seiner Stimme, wie sehr sie ihm gefiel. Das machte sie so froh, dass es auf einmal ganz leicht war, mit ihm zu flirten.
Als sie nach dem Essen in einem kleinen Restaurant noch bei einem Glas Wein beisammen saßen, legte er seine große, warme Hand auf ihre. Das prickelnde Glücksgefühl, das sie durchströmte, war unbeschreiblich.
Bis ihr Blick auf seine Armbanduhr fiel. Schon fast Mitternacht. Bald musste die Wirkung der Pheromone verflogen sein.
Auch er schaute auf die Uhr, zog seine Hand zurück und senkte den Blick.
„Ich wusste es“, dachte Marie. „Es war einfach zu schön, um wahr zu sein.“
Ein unbehagliches Schweigen breitete sich aus.
Sie gab sich einen Ruck. „Heute Nacht oder nie“, hatte Tine gesagt.
„War ich ...“, stotterte sie, „fandest du mich ... heute – irgendwie ... anders als sonst?“
Verwundert blickte er hoch. „Wie kommst du darauf?“
„Weil du mich eingeladen hast und ...“ Vor Verlegenheit konnte sie nicht weitersprechen.
„Mir kam es tatsächlich so vor, als wärst du heute anders zu mir“, antwortete er.
Marie schluckte. „Sehe ich in denn in deinen Augen ... noch genauso aus wie heute Morgen – ich meine, genauso gut?“
Jörg schaute sie prüfend an. „Nein.“
Seine Antwort war wie ein Schwall Eiswasser.
„Du siehst noch viel hübscher aus“, setzte er hinzu.
Tränen stiegen ihr in die Augen. „Es sind doch bloß die Pheromone“, flüsterte sie.
Jörg starrte sie an. Dann griff er in seine Jackentasche und stellte ein leeres braunes Fläschchen vor sie hin.
„Tine?“, stieß Marie hervor.
Jörg nickte.
Einen Augenblick waren sie still. Dann brachen sie in Gelächter aus und lachten, bis sie kaum noch Luft bekamen. Als sie sich beruhigt hatten, schob Jörg die brennende Kerze zur Seite, beugte sich über den Tisch und küsste sie.
„Ich möchte wirklich wissen, was Tine in diese Medizinfläschchen gefüllt hat“, sagte er, als sie später Hand in Hand durch die Nacht gingen. „Ob sie uns das wohl verraten wird?“
Die zierte sich erst, doch dann erfuhren sie, was in den Fläschchen gewesen war: reines Leitungswasser.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.02.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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