Ivana Herrmann

Verlorene Schlüssel

Manchmal sitze ich am Rand der Wirklichkeit und baumele mit meinen Beinen. Hinter meinem Rücken liegt der letzte grüne Hügel, auf dem ein einziger wundersamer Baum seinen tiefen Schatten wirft. Vor den Grenzen versinkt die glutrot schillernde Abendsonne in einem weichen Meer blauen Nebels. Der blumig-frisch duftende Mittsommerwind, der beständig hier zwischen den Grenzen weht, biegt sanft die kraftvollen Zweige des Kirschbaumes und tanzt vor dem goldenen Abendhimmel anmutig mit den leuchten weiß-rosa Blütenblättern, die er aus der Pracht des Baumes lösen kann. Feinfühlig streicht er wie eine leichte Brise über das dunkle Gras, dessen Halme sich wie Federn in seinen Händen wiegen. Am nahen Horizont scheint die blassgelbe Gestalt des aufgehenden Mondes durch den blauen Nebelschleier, der sich bis zur Grenze zieht, wo er sich in den uferlosen Tiefen des Hanges verliert. Von weit her klingt leise das Rauschen eines mächtigen Flusses oder Meeres. Vielleicht liegt es dort, irgendwo tief unten, am Rande der Wirklichkeit.
So sitze ich am Ende des Hanges, neben dem Morgenstern rechts. Der wohlige Wind spielt mit meinen Haaren, umfängt mich mit einem weiß-rosa Reigen aus leuchtenden Blüten. Jedes Blatt pulsiert vor gespeicherter Wärme der Sonne und spiegelt das silberne Licht des Mondes wider. Die Blüten reisen mit dem Duft des Frühlings, der Hitze des Sommers, der Würze des Herbstes und der Intensität des Winters durch die hohen Lüfte, die an den Grenzen sind.
Den Hang und Baum hinter meinem Rücken, sitze ich schweigend auf dem lauen Gras, hinter den Rand blickend, wo die ersten Ausläufer der anderen Grenze ihren Anfang nehmen.
Ich kenne Menschen genug, denen diese Ränder andersartig erscheinen, denen die hinter den Grenzen herrschenden Farben und Formen suspekt und unnatürlich sind. Menschen, die in spielenden Winden nichts als tobende Stürme sehen und das Flüstern in ihrem Herzen nicht mehr hören können. Die im bunten Farbengemisch nicht mehr die lächelnden Gesichter erkennen können, die sie zum Träumen auffordern; die nicht mehr die Wärme und Freude der unsichtbaren Hände fühlen, mit denen hell leuchtende Nebelstreifen sie umarmen. Menschen, die sich selbst versperren gegen die phantastischen Ideen, die ein guter Zauber in ihre Köpfe und Herzen legen möchte, um sie zu erfüllen, sie froh zu machen und sie zum Lachen zu bringen.
Die andere Seite ist ihnen fremd geworden. Ihre einst laute, leidenschaftliche Stimme nehmen sie kaum mehr als leises Flüstern wahr. Die Phantasie ihrer Kindertage bleibt in alten Jahren gefangen.
Nach langem Nutzen wurde sie ihnen irgendwann langweilig. So ließen sie sie einst liegen, verstaut und verschlossen in einer Schublade in einer Ecke des Hinterkopfes. Dort lag sie gut, dachten sie, man könne sie ja wieder herausholen, wenn man irgendwann genug von der Realität haben sollte.
Doch nein. Der Schlüssel ging ihnen verloren. Irgendwann, in wilden Jahren in der Wirklichkeit.
Wohin er fiel?
Sie wissen es nicht. Und manche bemerken seinen Verlust nicht einmal.
Das laute Rufen der Welt hinter der Grenze ist über die Jahre schwächer und schwächer geworden und nun können sie es nur noch als leises, unverständliches Murmeln vernehmen.
Es liegt eine schwere Sehnsucht in ihren Herzen; eine Sehnsucht nach beispielloser Ferne. Nach Farbe, Form, nach Klang und Abenteuer in fernen Welten – unstillbar für sie, die sie einst den Schlüssel verloren.
Was ihnen bleibt, ist die Erinnerung. Erinnerung an jenen Ort zwischen den Grenzen, zu dem ich komme, wann immer ich kann. Und während sie verständnislos durch die Welt irren, mich Träumer schimpfen und auf die Wirklichkeit beharren, deren Grenzen für sie verloren sind, lächele ich ihnen bedauernd zu.
Oft wissen sie nicht, was es ist, das ihnen fehlt. Doch ich kann sie hören, die Geräusche der kleinen, silbernen Schlüssel, die der mächtige Fluss oder das große Meer, das am Rande der Realität verläuft, mit sich trägt. Weit weg, an einen unbekannten Ort.
Und wenn ich abends auf dem grünen Hang am Rand der Wirklichkeit sitze und mit meinen Beinen baumele, dann höre ich der klangvollen Stimme zu, die mir so freudig von der anderen Seite erzählt. Ich lausche dem spielenden Wind, den tanzenden Farben, den lachenden Nebeln. Ich höre ihre Worte klar und prachtvoll in meinem Herzen und wenn ich aufstehe, trage ich sie hinaus in die Welt vor der Grenze. Zu all jenen, die die Phantasie in späten Kindertagen eingeschlossen und den kostbaren Schlüssel irgendwo in der Realität verloren haben.

Eine kleine Geschichte zu meinem Gedicht "One evening". Das ist es also, was mir abends so durch den Kopf geht, wenn ich in Gedanken versinke... ^^Ivana Herrmann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.03.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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