Thomas Zangerl

Mein Sengen

Sengen. Das Gefühl, es durchzuckt jede Faser, jedes Härchen, jede Zelle, jeden noch so entlegenen Bereich meines mir gegebenen Körpers, durchstreift mein Gehirn, mein Herz, meine inneren Organe, mein vegetatives Nervensystem, vom Zentrum zur Peripherie, kontrolliert mich von meinen Händen zu meinen Füßen zu meinen Fingern zu meinen Zehen, ergreift Besitz von meinen Augen, meinen Ohren, meinem Geschmack, meiner Nase und meinen Hautzellen, aber und das ist in diesem Moment für mich und meine Auffassungsgabe der absolut wichtigste Punkt, es übernimmt, langsam, aber konstant vorangehend übernimmt es meine Seele.
Meine Seele. Das ist die Seele eines undefinierten Mannes undefinierten Alters mit noch undefinierten Namen. Eigentlich wird uns ja das Recht zugestanden, uns einen Namen auszuwählen, aber mein Name blieb immer undefiniert, was nicht ausschließlich daran liegt, dass ich in etwa zu faul wäre einen Namen zu wählen oder unfähig das zu tun oder immer noch zu unentschlossen. Dem ist einfach nicht so. Ich habe keinen Namen. Und ich habe keinen Namen, weil ich keinen Namen habe. Einfach weil ich keinen habe. Aus keinem, rational erklärbaren anderen Grund und schon gar nicht aus irgendeinem offensichtlichen oder rational erklärbaren Grund. Es kam einfach durch ein Schicksalsfügung, sie muss gar nicht merkwürdig oder sprichwörtlich ironisch sein, einfach durch eine Schicksalsfügung dazu, dass ich heute keinen Namen habe. Wer weiß, ob es überhaupt Schicksal war oder ist oder jemals sein wird.
Doch dann kam dieses Sengen. An irgendeinem Tag, es war kein besonderer, startete dieses Sengen in mir und begann langsam Besitz von mir zu übernehmen, was anfänglich ein rein körperlicher Prozess war und von mir daher durch Nichtbeachtung gestraft wurde, da körperliche Unannehmlichkeiten durch meine körperliche Beschaffenheit, die, im Gegensatz zu dem Tag, an dem das Sengen startete, sehr wohl eine besondere ist, jedoch nicht geformt von mir oder von irgendeiner anderen Instanz, die sich meiner Kontrolle unterziehen könnte. Doch dann, dann begann das Sengen auf einmal von meiner Seele Besitz zu ergreifen. Ich wusste bis zu diesem Datum hin gar nicht, dass ich so etwas überhaupt besaß, eine Seele, meine ich, aber da der Menschheit, zu der ich scheinbar nicht zu gehören scheine, alle Dinge erst auffallen, wenn sie nicht mehr da sind, ist auch mir erst aufgefallen, das ich eine Seele besaß, als das Sengen von ihr Besitz zu ergreifen schien.
Allerdings hat mich das Sengen nicht zu interessieren – es mag ein Prozess sein, der von meinem Auftraggeber gesteuert wird, er mag für meine Kontrolle sorgen mögen und er mag, statt sich mit meinem Körper zu begnügen, von meiner Seele ebenfalls Besitz ergreifen – aber – das hat mich nicht zu interessieren.
Ich, falls es mir noch gestattet ist, diesen Begriff auf mich selbst zu übertragen, sitze jetzt in diesem Raum und versuche das Sengen, das bewirken mag, was es bewirkt, zu ignorieren und werde mir immer mehr der Tatsache bewusst, dass ich eigentlich weder sitzen sollte noch dürfte.
Denn ich habe einen Auftrag: Einer unter den Meinen hat es sich zur Berufung gemacht, das Sengen nicht zu ignorieren und nicht zu akzeptieren, das es bewirken mag, was es bewirkt. Das macht ihn wertlos für meinen Auftraggeber. Nun wünscht mein Auftraggeber, und das versuche ich jetzt ganz konkret, ohne abstrakte Terminologie darzustellen, dass ich ihn töte. Wessen Seele Kontrolle über seinen Körper übernimmt, dessen Körper kann Kontrolle über das Sengen übernehmen. Wessen Körper Kontrolle über das Sengen hat, dessen Geist hat Kontrolle über den Auftraggeber. Wessen Geist Kontrolle über den Auftraggeber hat, dessen Intellekt kann diese Fähigkeit an andere weitergeben. Das Ziel hat die Fähigkeit.
Und mein Auftraggeber hat seine Rechnung ganz genau, in seinem analytischen Berechnungsweg gemacht: Die Meinen sind nämlich sehr viele, muss man wissen und Einer unter den Meinen, dessen Seele Kontrolle über den Körper hat, ist, multipliziert mit einer größeren Zahl an Seinen, die Kontrolle über den Körper haben, ist in der konkrete Lage, das Sengen und damit den Auftraggeber zu ignorieren. Mein Auftraggeber hat natürlich sofort erkannt, dass das für ihn nicht gut ist.
Also sitze ich nun hier, in dem Raum, in dem ich nicht sitzen sollte, ignoriere das Sengen, das Kontrolle über meine Seele übernimmt, im Gegenteil, versuche sämtliche Energie des Sengens auf den kalten Stahl jenes Instruments zu richten, dass solche unter den Meinen, die dem Auftraggeber unerwünscht sind, aus der Gesellschaft der Meinen herauszuoperieren gedenkt.
Jetzt ist fast nichts mehr übrig. Von der Seele.
Ich habe jetzt fast die gesamte Energie, sei es von meiner Seele oder von dem Sengen, diese Entscheidung steht mir nicht zu, zu treffen, auf dieses Instrument, ein vom Auftraggeber sehr gelobtes Instrument, übertragen. Ich fühle kein Sengen mehr, die Nervenzellen, Spinalganglien, Synapsen, Axone, Rezeptoren und Neuronen normalisieren sich, das Instrument richtet sich zu seinem Zweck und überträgt die Energie meines individuellen Sengens. Nach außen.
Jener der Meinen, der sein Sengen kontrolliert, wurde vom Instrument entfernt, ohne jetzt irgendeine abstrakte Terminologie zu verwenden, sagen wir, er wurde getötet. Er ist weg. Jene unter den Meinen, die glaubten, Seiner oder Seiner Seele habhaft werden zu können, wurden von dem Auftraggeber geheilt.
Ich wurde geheilt. Und da war es wieder. Das Sengen. Mein Sengen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.06.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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