Melissa Behring

Innere Dämonen

 

Innere Dämonen


 

Ich stand in einem Wald, Nebel zog auf. Eine dichte Nebelwand trieb auf mich zu, rief meinen Namen. Ich sah mich um. Es war niemand da. Weit und breit kein Licht, nur der Vollmond leuchtete mir ins Gesicht. Ich drehte mich um und begann zu rennen. Ich lief und lief, konnte aber keinen einzigen Schritt tun. Die Nebelbank kam immer näher, rief immer lauter meinen Namen. Der Schweiß lief mir über die Stirn. Ich rief um Hilfe, aber kein Wort kam über meine Lippen. Ich wusste ich würde sterben. Sterben in völliger Einsamkeit.

Plötzlich hörte ich neben mir einen dumpfen Knall. Ich schreckte hoch. Wusste zuerst nicht, wo ich war. Dann spürte ich die warme Zudecke, die meine nackten Arme berührte. Ich drehte mich zur Seite und tastete nach meiner Brille. Als ich sie endlich hatte, zog ich sie an und sah mich im Zimmer um. Mir war warm, mein Gesicht in Schweiß gebadet. Der Vollmond stand hoch am Himmel, ich konnte ihn von der Couch aus sehen. Draußen tobte ein Sturm, der Wind heulte. Ich hörte das Knarren der Holzdielen auf dem Speicher. Plötzlich lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich erinnerte mich. Ich hatte geträumt. Geträumt von der Einsamkeit. Mir wurde klar, dass sie mich wieder eingeholt hatte. Die Einsamkeit, die mich manchmal überkam. Ich fror, zitterte am ganzen Körper. Die Decke konnte mich nicht mehr warm halten. Also stand ich auf, ging auf wackligen Beinen zur Heizung. Ich hatte Angst. Angst davor, dass irgendetwas plötzlich aus dem Schatten herausspringen und mich anfallen würde. Ich setzte mich in eine Ecke zwischen Wand und Heizung. Geschützt vom Wohnzimmerschrank.


Meine Kehle war wie zugeschnürt. Ich konnte kaum atmen. Es war schon fast Mitternacht, aber ich war hellwach. Draußen fuhren einige Autos vorbei. Die Zimmerdecke war voller sich bewegender, gespentischer Schatten, die die kahlen Äste der Bäume warfen, wenn ein Auto vorbei fuhr. Ich zog die Beine dicht an den Körper. „So wenig Angriffsfläche wie möglich bieten“, war das Einzige, was ich denken konnte. „Du musst dich verteidigen!“ Ich sah verängstigt im Zimmer umher. Plötzlich wurde mir klar, dass die Zimmertür nicht abgeschlossen war. Ich zwang mich, aufzustehen. Langsam ging ich zur Tür und drehte den Schlüssel so leise wie möglich um. Niemand sollte hören, dass ich in der Wohnung war. Ich wollte mich nicht verraten. Ich dachte nicht daran, das Licht einzuschalten, ging zurück in meine Ecke und setzte mich hin. Die Knie bis unter's Kinn, saß ich da, und lauschte dem Heulen des Windes. Dann gab es plötzlich einen lauten Knall! Ich zuckte zusammen, war den Tränen nahe. Auf dem Speicher musste ein Fenster zugefallen sein. Ich schloss die Augen, um sie gleich darauf wieder aufzureißen. Ich musste wach bleiben! Wach bleiben, bis die Sonne auf ging! Ich durfte mich nicht kampflos ergeben. „Durchhalten!“, sagte ich mir immer wieder. So leise, dass selbst ich es kaum hören konnte. Die Dämonen in mir flüsterten mir zu:“Gleich kriegen wir dich!“ Ich sprach ein kurzes Gebet, hoffte darauf, dass wenigstens Gott mir helfen würde. Doch ich bekam keine Antwort.


Allmählich legte sich der Wind. Das Heulen wurde leiser. Mir taten alle Muskeln weh, wie jedes Mal, wenn ich vor lauter Angst am ganzen Körper zitterte. Seit einer unendlich langen Zeit saß ich nun schon hier. Mein Rücken war kurz vor dem Verbrennen, denn die Heizung lief auf Hochtouren. Doch ich fror. Wie ein erbärmlicher Haufen saß ich da und wartete darauf, dass die Dämonen, die mich immer wieder in diese Lage brachten, verschwanden. Ich war erschöpft. Erschöpft vor Müdigkeit und Angst. Ich wollte schlafen. Aber ich traute mich nicht, aufzustehen. Die ganze Zeit hielt ich meine Beine fest umschlungen. Als der Wind nachließ und die Schatten nicht mehr durch's Zimmer tanzten, lockerte ich langsam meinen Griff. Mir taten die Handgelenke weh, so fest hatte ich sie umschlungen. Seit einiger Zeit fuhr kein Auto mehr an meinem Fenster vorbei. Draußen herrschte Totenstille. Ich war froh, denn nichts war schlimmer, als ein Geräusch in der Dunkelheit, dass ich nicht einordnen konnte.

Vorsichtig sah ich um die Ecke der Schrankwand, vergewisserte mich, das niemand dort stand. Dann streckte ich langsam die Beine aus. Stück für Stück. Sie kribbelten, weil die Blutversorgung so lange abgeschnitten war. Das Zittern hatte nachgelassen, die Augen waren nicht mehr wie von selbst in Todesangst weit aufgerissen. Ich hatte Kopfschmerzen. Ich zwang mich, aufzustehen, torkelte zum Bett. Ich konnte meine Beine nicht richtig spüren, sie waren fast wie abgestorben. Ich zog mich auf die Couch, hielt kurz inne. War auch wirklich niemand in der Wohnung? Ich hörte nichts. Dann kroch ich langsam unter die Bettdecke, zog sie mir bis unter die Nase. Wieder hielt ich inne, wieder hörte ich nichts. Ich drückte mich mit dem Rücken an die Lehne der Couch, suchte Rückendeckung. Mit dem Gesicht zur Tür lag ich da, die Brille noch immer auf der Nase, die Arme dicht an den Körper gepresst. Ich beobachtete den Schlüssel, der auf der Tür steckte. In meiner Geistesgegenwart hatte ich ihn quer im Schloss stecken lassen, damit man ihn von außen nicht heraus schieben konnte. Plötzlich bewegte sich der Schlüssel ein Stück, kaum merklich. Ich hielt den Atem an. Das war mein Ende! Ich würde sterben, ganz sicher! Ich beobachtete weiter den Schlüssel, doch er rührte sich nicht mehr. Ich bemühte mich, so leise wie möglich zu atmen, bewegte mich keinen Millimeter. Die inneren Dämonen waren verstummt, aber ich spürte ihre Gegenwart. Langsam wurden meine Augen kleiner. Es wurde immer schwerer, sie offen zu halten. Schließlich konnte ich mich nicht mehr wach halten und schlief erschöpft ein.


Geträumt habe ich in dieser Nacht nicht mehr. Aber als ich am nächsten Morgen von den warmen Sonnenstrahlen geweckt wurde, wusste ich genau, was passiert war. Die Dämonen der Angst, der Angst vor der Einsamkeit, hatten mich wieder heimgesucht. Hatten mich überfallen, diesmal im Schlaf. Jetzt waren sie weg. Ich konnte sie weder hören, noch spüren. Doch ich hatte zwei Andenken an diese grauenvolle Nacht: Muskelkater, als wäre ich einen Marathon gelaufen und einen roten Saftfleck auf meinem hellen Teppich. Anscheinend hatte ich im nächtlichen Kampf mit dem Nebel mein Glas vom Tisch getreten.



17.03.2006


© Melissa Behring


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.03.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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