Silke Bork

Visarun

Hastig bezahlt er den Tuktukfahrer, schultert den Rucksack, an dessen Schnalle ein Anhänger mit einem kleinen Plüschteddy baumelt, und läuft so schnell es der dichte Verkehr zulässt auf die gegenüber liegende Straßenseite. Der Reisebus wartet bereits mit laufendem Motor. Mit zwei Sätzen springt er die Stufen hinter der geöffneten Eingangstür hinauf, die direkt hinter ihm schließt. Auf seinen Armen bildet sich schlagartig eine Gänsehaut, kleine blonde Härchen richten sich empört nach oben - die Aircondition leistet ganze Arbeit: Im Bus muss es mindestens fünfzehn Grad kühler sein als draußen. Er zieht sein Ticket aus der Hosentasche hervor, zeigt es dem Fahrer, der gnädig nickt und losfährt. Puh, das ging gerade noch mal gut! Erleichtert lässt er den Blick durch den Bus schweifen. Er ist nahezu voll besetzt, überwiegend mit Farang*, doch er kann auch einige Asiaten ausmachen. Ein älteres japanisches Ehepaar, zwei junge Chinesen, ein allein reisender Koreaner. Die meisten Gesichter kann er mittlerweile ihrem Herkunftsland zuordnen. Meint er zumindest.

 

Der Bus schlängelt sich durch den mehrspurigen Großstadtverkehr, schaukelt unruhig hin und her, so dass er sich auf dem Weg nach hinten, wo er einige freie Plätze erspäht hat, an den Sitzlehnen abstützen muss. Flüchtige Blicke aus desinteressierten Gesichtern streifen ihn. Einige Farang haben sich mit ihren MP3- oder CD-Playern verkabelt, andere sind in Reiseführer oder leise Gespräche vertieft. Wortfetzen auf Deutsch, Englisch, Schwedisch dringen an sein Ohr, der Koreaner liest den Wirtschaftsteil der Bangkok Post - oder sollte er womöglich doch kein Koreaner sein?

Im Näherkommen fällt sein Blick auf eine junge Asiatin in der vorletzten Reihe, neben der noch ein freier Platz ist. Sie hält den Kopf gesenkt, scheint zu lesen. Auf einmal sieht sie auf und ihre Blicke treffen sich. Es ist nur ein kurzer Moment, für den sich ihre dunklen, mandelförmigen Augen von der Lektüre auf ihrem Schoß lösen und ihn ansehen. Sie ist wunderschön. Ihr schwarzes Haar glänzt seiden. Glatt wie fließendes Wasser fällt es über ihre schmalen Schultern. Es sieht so weich aus, am liebsten würde er es berühren. Ihr Gesicht ist vielleicht etwas zu breit, doch die schräg gestellten Augen verleihen ihm etwas Mystisches. Die Mundwinkel sind ganz leicht nach oben gebogen, wie zu einem angedeuteten, geheimnisvollen Lächeln. Er zögert einen Moment, wagt es dann aber doch nicht, sich neben sie zu setzen, wählt lieber den Platz schräg hinter ihr.

 

Der Bus rollt auf einem halbkreisförmigen Zubringer zum Expressway hinauf, einer gebührenpflichtigen Hochstraße, die geradewegs aus der Stadt hinausführt, dem Moloch mit seinen verstopften Straßen, dem Verkehrslärm, den Autoabgasen. Er zieht ein Papiertaschentuch aus seinem Rucksack hervor und wischt sich das Gesicht. Das zuvor weiße Tuch ist danach schmutzig grau. - Und in Europa diskutieren sie über Feinstaub, denkt er schmunzelnd. Dann vergewissert er sich, dass er seinen Reisepass auch nicht vergessen hat. Zum Glück, da ist er! Mechanisch blättert er durch die Seiten des Dokuments. Er hat mittlerweile viele Stempel gesammelt: Blaue, violette, schwarze, rote, grüne. Einige davon sind unleserlich, verwischt vom ausgelaufenen Inhalt einer Flasche Mekong Whisky, vielleicht aber auch durch das Wasser von Khao Lak, damals, als die Welle kam.

Da, sein aktuelles Visum. Morgen läuft es ab, es ist höchste Zeit. Er steckt den Pass wieder zurück in den Rucksack. Noch zwei Stunden bis zur Grenze. Ausreisen, einreisen; weitere Stempel erhalten; eine Cola trinken, vielleicht einen Happen essen; dann dasselbe retour. Noch mehr Stempel und - ein neues Visum! Am Abend wird er wieder zurück sein, im Schoß der lärmenden Stadt. Ein klassischer Visarun.

 

Entspannt lehnt er sich zurück, sein Blick wandert in Richtung des Mädchens. Oder der jungen Frau. Sie trägt blaue Jeans, ein hellblaues T-Shirt mit buntem Aufdruck und hellblaue Flipflops. Hellblau steht ihr, es passt gut zu ihrem schwarzen Haar. Woher sie wohl kommen mag? Vermutlich aus dem Norden, überlegt er. Andererseits könnte sie auch aus Kambodscha stammen und ist vielleicht unterwegs zu ihrer Familie. Oder ist sie aus Vietnam? Nein, nicht so weit östlich, eher aus dem Norden. Aber diese schräg gestellten Augen …?

Wie alt sie wohl sein mag? rätselt er. Vor einigen Monaten noch hätte er ein Mädchen wie sie auf höchstens sechzehn geschätzt. Doch er hat dazu gelernt auf seiner Reise, lässt sich nicht mehr so leicht irreführen von zierlichen Figuren mit kleinen Brüsten und schmalem Becken. Neunzehn oder zwanzig ist sie bestimmt, auch wenn sie nicht so aussieht, denkt er.

In der Gepäckablage über ihr liegen dicht an dicht Rucksäcke, Tüten und Taschen. Unmöglich, etwas zweifelsfrei jemandem zuzuordnen. Nach der Menge an Gepäck zu urteilen scheinen die meisten Businsassen das Land zu verlassen und ihre Reise jenseits der Grenze fortzusetzen. Die Tempelanlagen von Angkor Wat besichtigen, die Hauptstadt Phnom Penh, vielleicht auch ein paar Tage am Strand von Sihanoukville entspannen, bevor es weiter geht in Richtung Mekongdelta, Vietnam ... Er lächelt gedankenverloren. In etwa die Route, auf der er damals von Australien hergekommen ist, nur in umgekehrter Richtung. Wie lange das nun schon her ist, wundert er sich.

 

Der Busfahrer dreht das Radio an, was weitere Farang veranlasst, sich die Kopfhörer ihrer Musikgeräte in die Ohren zu stöpseln. Er lehnt seinen Kopf gegen die Fensterscheibe und schaut hinaus, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Sein Blick ist auf unendlich eingestellt, seine Gedanken wirbeln unruhig durch Raum und Zeit. So viele Gesichter, so viele Orte während der letzten Monate. Und dazwischen immer wieder das Gesicht von Maja, verschwommen, unklar inzwischen. Maja, die er zurück gelassen hat. Maja, die ihn „Huckleberry Finn“ nannte, ihm zum Abschied den Anhänger mit dem kleinen Teddy schenkte, den „Weltenbummler“, der seitdem an seinem Rucksack baumelt. Maja, die er nie mehr wieder sehen wird. Er hat es schon damals beim Abschied gespürt, eine Ahnung nur, so vage wie ein leiser Windhauch, doch erkannte er an ihrem Blick, dass er sich nicht irrte.

Plötzlich fühlt er sich unendlich einsam. Vorsichtig schielt er wieder zu der jungen Asiatin. Er traut sich nicht, sie anzusprechen. Ob sie überhaupt Englisch spricht? Bestimmt, da ist er sich ziemlich sicher. Doch was soll er sagen? Sie ist noch immer in ihr Buch vertieft. Noch immer liegt die Andeutung eines rätselhaften Lächelns auf ihrem Gesicht. Mona Lisa, nur viel schöner, anmutiger, wie eine siamesische Prinzessin. – Sirikit*, der Name würde wunderbar zu ihr passen, denkt er, während er zu erkennen versucht, in welcher Sprache das Buch geschrieben ist - doch vergebens, kein Anknüpfungspunkt für ein Gespräch.

Guten Tag, schöne Fremde, woher kommst du, wie alt bist du, was ist dein Ziel? Und verrat mir, wie du heißt, damit dein Gesicht einen Namen hat, wenn ich in schwülen Tropennächten von dir träume. Von deinem seidigen Haar, deinen Mandelaugen, deinem Lächeln

- Nein, das geht natürlich überhaupt nicht, allenfalls in einer Bollywood-Romanze!

Entschuldigung, bist du auch allein unterwegs?

- Idiotische Frage, schließlich ist die Antwort offensichtlich!

Hallo, mein Name ist Finn. Ich fühl mich grad ein bisschen einsam, bin so lange schon allein unterwegs. Meine Freundin hab ich zurück gelassen, tausende von Kilometern von hier entfernt. Ich fürchte, ich werde sie nie wieder sehen.

- Vergiss es … Wenn du jemanden garantiert nie wieder sehen wirst, dann dieses Mädchen. Und zwar sobald wir über der Grenze sind. Sie fährt weiter zu ihrer Familie, du besorgst dir ein neues Visum und fährst zurück!

 

Er wendet den Blick ab, schließt die Augen und während der Bus sanft auf der Schnellstraße dahin gleitet, denkt er an seine Prinzessin, die so nah ist und doch unerreichbar scheint.

Als er die Augen wieder öffnet, haben sie die Grenze erreicht. Er ist tatsächlich eingeschlafen. Die anderen Businsassen sind schon aufgestanden und holen ihr Gepäck aus der Ablage. Ein munteres Stimmengewirr verschiedener Sprachen erfüllt den Raum, das dumpfe Motorengeräusch erstirbt, mit ihm das plärrende Radio und die Aircondition, die Tür öffnet sich und sofort strömt schwülheiße Luft herein.

Er streckt sich und reibt sich verschlafen die Augen. Dabei fällt sein Blick auf das Mädchen. Sie steht neben ihm auf dem Gang, trägt einen großen, roten Rucksack auf dem Rücken. Mist, er hat verpasst, ihr behilflich zu sein! Sie fängt seinen Blick auf, lächelt ihm zu und folgt dem ins Freie drängenden Menschenstrom.

Die Grenze ist ein unübersichtliches Gewusel von Bussen, Autos, LKW, Karren und Menschen. Der Busfahrer zeigt ihnen den Weg. Ein Teil der Straße ist nicht asphaltiert, die Luft ist erfüllt mit umherwirbelndem Staub, der in der Lunge kratzt. Das Mädchen hält sich schützend ein Tuch vors Gesicht, über ihre Hände hat sie lange, weiße Handschuhe gestreift, die ihr bis über die Ellbogen reichen.

Sie möchte den Staub nicht einatmen, nicht schmutzig werden, denkt er. Und auf keinen Fall braun von der Sonne, so wie die Bauern auf den Reisfeldern, denn sie ist ja eine Prinzessin … Unter der Last ihres Rucksacks wirkt sie klein und zerbrechlich. Jetzt oder nie. Er atmet tief durch, beschleunigt seine Schritte, bis er auf einer Höhe mit ihr ist. Dann spricht er sie an. Auf Englisch. Ihre Augen blicken ihn fragend an, sie duftet nach Jasmin.

 

Die Ausreiseformalitäten werden rasch und professionell abgewickelt. Weiter geht es zur Einreise, etwa dreihundert Meter die staubige Straße entlang. - Auf Wiedersehen, schönes Land, bin gleich wieder zurück, denkt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es ist Mittag und die Sonne brennt unbarmherzig auf sie herab. Schweigend gehen sie nebeneinander her. Er trägt ihren Rucksack, sie teilt den Inhalt ihrer Wasserflasche mit ihm. Gemeinsam reihen sie sich in die Warteschlange vor dem Grenzgebäude ein. Sie müssen lange warten in der Hitze, stehend oder auf den Gepäckstücken sitzend, nirgendwo gibt es Schatten. Doch es macht ihm nichts aus. So weit wie möglich möchte er den Zeitpunkt hinauszögern, an dem sich ihre Wege trennen werden. Vielleicht kann ich sie hinter der Grenze noch auf eine Cola einladen, bevor sie weiter fährt, überlegt er.

 

Nach einer guten Stunde sind sie nur wenige Meter vorangekommen. Er hat seine Schirmmütze aufgesetzt, sein blondes Haar klebt auf der Stirn. Das Hitzeflimmern der Luft und der Geruch nach Schweiß und Sonnencreme erinnern ihn an Strand. Jetzt auf einer einsamen Insel sein, träumt er …

Die Gesichter der Farang in der Warteschlange sind gerötet und feucht. Allein ihres ist trocken, ihr Teint makellos, sie duftet nach Jasmin. Und sie versteckt sich nicht mehr hinter dem Tuch, sondern hat es zur Hälfte in ihre Hosentasche gesteckt, denn es stört beim Trinken und Sprechen. Erst ganz allmählich ist er mutiger geworden, redseliger, wagt es, ihr all die Fragen zu stellen, die ihm während der Fahrt durch den Kopf gegangen sind. Sie antwortet mit leiser, feiner Stimme, ihr Englisch ist perfekt - kein Wunder, wie sich heraus stellt, denn sie hat mehrere Jahre in England gelebt, erzählt sie. Ihr Vater kommt aus Singapur, die Familie ihrer Mutter aus China. Nächsten Monat wird sie dreiundzwanzig. Sie ist auf einem Wochenendtrip, möchte die Tempel von Angkor Wat besichtigen, die sie schon immer sehen wollte. Ihr Name ist Kai. Sie sagt, es bedeutet Huhn, und lächelt.

 

Inzwischen sind sie in das Gebäudeinnere vorgedrungen. Es tut so gut, nicht mehr in der prallen Sonne zu stehen, doch der Raum ist nicht minder heiß und zudem stickig, ihr Trinkwasser ist aufgebraucht. Bis zum Einreiseschalter sind es jetzt nur noch wenige Meter. Mit etwas Glück verbleiben ihnen noch etwa zwanzig Minuten. Vielleicht noch die Aussicht auf eine gemeinsame Cola. Vielleicht. Dann wird jeder seiner Wege gehen. Sie werden sich sehr wahrscheinlich nie wieder sehen.

Und was ist mit dir, wohin fährst du? fragt sie, den Kopf keck zur Seite geneigt, um besser zu ihm heraufschauen zu können.

Ja, wohin fahre ich überhaupt? fragt er sich selbst. Momentan eigentlich nirgendwo hin. Ich überschreite Grenzen, hin und her, scheinbar ziellos, für einen Stempel … hm … Visarun - schön und gut, doch warum so eilig? Keiner, der mich heute noch zurück erwartet. Nichts, das nicht aufgeschoben werden könnte. Dafür die Möglichkeit, den Duft von Jasmin einzuatmen, ein geheimnisvolles Lächeln zu ergründen, in mandelförmigen Augen zu versinken …

Er lächelt und antwortet: Nach Angkor Wat natürlich. Übers Wochenende …

 

 

*Farang - Der in Thailand übliche Begriff für Ausländer weißer Hautfarbe

* Sirikit -    in Anlehnung an Königin Sirikit von Thailand

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© Silke Bork, 2006

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.03.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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