Die Blumenwiese,wo meine Geschichte spielt,liegt mitten im Wald, dem dunkelsten,dichtesten Wald,den du dir ausmalen kannst. Du irrst umher,findest keinen Weg durch das Unterholz,drehst dich und gehst in die andere Richtung,bis du schließlich glaubst,dich vollends verlaufen zu haben.Doch wenn du dich jetzt nach rechts wendest und zwischen der Buche und dem Ilex,der sich an sie schmiegt,hindurchgehst,liegt sie plötzlich vor dir: Die schönste,wildeste,üppigste Blumenwiese,die du dir ausmalen kannst.Dort wächst hohes Gras,Farne,Löwenzahn,Gänse – und Leberblümchen,stolze wilde Rosen,Margeriten,Astern,Tulpen Butterblumen und Löwenmäulchen.
In den Bäumen ringsum leben Vögel und Eichhörnchen.Der Wind streicht durch das Gras und wiegt es sacht hin und her,so daß es in trunkenen Rausch versetzt wird.Morgens taucht die aufgehende Sonne die Wiese in leuchtendes Gold und wärmt die Blumen mit ihren Strahlen.
Und an solch einem Morgen wurde Takanneimy geboren.
Sie hatte sich durch die schwere,feuchte Erde gegraben,streckte ihren Stengel aus dem Boden,wuchs höher und höher und eines Tages öffnete sie ihre Knospe und hielt die Blütenblätter in die Sonne.
„ Willkommen,willkommen,kleine Blume,“ sangen die Vögel,die über ihr im Baum saßen. Takanneimy lauschte ihrem Gesang und begann,ihre Blätter auf dem Boden auszubreiten.
Endlich,endlich drückten sie sie nicht mehr.Endlich war sie am Licht,auf das sie sich wochenlang zubewegt hatte.Endlich würde ihr Leben als Leberblümchen beginnen.
Der Wind wiegte sie und die Vögel sangen ihr Willkommenslied. Takanneimy blinzelte in die Sonne,genoß den warmen Wind und begann,vor lauter Glück und Übermut,zu lachen.Sie lachte und lachte und hätte sie Arme gehabt,sie hätte sich den nicht vorhandenen Bauch gehalten.
Es dauerte eine ganze Weile,bis sie sich wieder beruhigt hatte,doch dann begann sie,sich ihre Umgebung anzuschauen.Nicht weit von ihr entfernt stand ein kleines Gänseblümchen.Es blickte zu ihr herüber und rief: „ Huhu! Na,hast du endlich deine Knospe geöffnet? Ich bin Slyia,ein Gänseblümchen.“
„ Ich bin Takanneimy,ein Leberblümchen.“
„ Was bist du?“
„ Ein L-E-B-E-R-B-L-Ü-M-C-H-E-N,“ wiederholte Takanneimy langsam.Vielleicht verstand das Gänseblümchen sie nicht richtig.Slyia betrachtete Takanneimy eingehend.
„ Ja,du hast recht.“
‚ Moment,’ dachte Takanneimy ‚ du hast recht? Was soll das denn bedeuten?’ Besonders helle schien Slyia nicht zu sein.
„ Ich war erst etwas durcheinander,weil Leberblümchen ja eigentlich gelbe Blütenblätter haben,nicht
rotgelbgesprenkelte,wie deine,“ fuhr Slyia fort. „ Aber sonst stimmt alles.Du hast den Stengel und
die Blätter eines Leberblümchens,nur deine Blüte ist etwas aus der Art geschlagen.“
Takanneimy schielte ängstlich zu ihren Blütenblättern.Tatsächlich,das satte,leuchtende Gelb war mit roten Streifen durchzogen und mit roten Klecksen besprenkelt.Das war ja furchtbar!
Takanneimy war fassungslos.Plötzlich gab es für sie keine warmen Sonnenstrahlen mehr,keinen sanften Wind und singende Vögel,sondern nur rote Streifen – rote Streifen überall.
Nur mühsam gelang es ihr,Slyias Geplapper zu folgen.
„ Kennst du schon die anderen Blumen auf der Wiese?“
„ Nein.“ Takanneimy untersuchte unauffällig ihren Stengel.Zum Glück waren dort keine roten
Punkte und Streifen.Währenddessen redete Slyia ununterbrochen.
„ Dahinten stehen ein paar Löwenmäulchen.Lästermäulchen wäre eine bessere Bezeichnung,“ fügte sie schnippisch hinzu. „ Sie tuscheln immerzu,sind mit jedem gut Freund.Aber sei auf der Hut.
Hätten sie Zähne,bissen sie zu,sobald du ihnen deine Blütenrückseite zuwendest.Und dort stehen
noch zwei,vor denen du dich besser in Acht nimmst,Yoletta,die Rose und Vola,die Margerite.Sie
sind sehr eitel und hochnäsig und halten sich für was Besseres.Außerdem nehmen sie einem immer
die besten Sonnenstrahlen weg.Die Astern auf der anderen Seite kümmern sich um niemanden.
Sie sind nur damit beschäftigt,blau zu leuchten.Damit locken sie leider oft genug die Menschen an.
Die pflücken dann immer viele von uns.“
Slyia mußte Luft holen und Takanneimy nutzte die Pause für eine Zwischenfrage.
„ Sie pflücken uns? Du meinst,sie töten uns und nehmen uns mit?“
„ Richtig.Aber nun weiter.Wen habe ich vergessen?“
„ Mich,“ meldete sich eine Stimme direkt hinter Takanneimy.Überrascht drehte sie ihren Blütenkopf und erblickte einen großen Löwenzahn.
„ Ich bin Kunato,ein Löwenzahn,wie du siehst.Ich bin so ziemlich die freundlichste Blume hier.
Und weißt du,warum? Weil ich als häßlich gelte.Ich werde nicht bestaunt oder umschmeichelt.
Meine Freunde sind echt.Deshalb brauche ich nicht falsch zu sein oder zu heucheln.Ich brauche
keinem Bild zu entsprechen.Ich tue und sage,was ich will. - Übrigens,interessante Farbe.“
Takanneimy senkte das Köpfchen.
„ Bitte glaub’ mir,ich wollte nur ein ganz normales Leberblümchen sein.Ich konnte doch nicht
wissen,wie meine Blütenblätter aussehen würden.Also,wenn du mir die Wahrheit sagen willst,wie
du es anscheinend immer tust,dann behalte sie für dich.Ich will sie nicht hören!“
Kunato wollte etwas antworten,doch nun schaltete sich Slyia wieder ein.
„ Seid ihr endlich fertig?“ fragte sie ungeduldig. „ Kunato,was fällt dir überhaupt ein,mich so dreist
zu unterbrechen?! Halte deine vorlaute Löwenzahnklappe und störe uns nicht länger!“
„ Ich dachte doch nur,du wärest fertig mit deinen endlosen Ausführungen.Schließlich plapperst du
schon den ganzen Vormittag.“ Kunato schnaufte beleidigt und drehte sich um.Slyia ordnete ihr Blätter und gab ein „ Pöh“ von sich.
„ Also,wen habe ich dir noch nicht gezeigt? Ah ja,Elina;die Butterblume.Elina ist so wie wir.Mit ihr
kann man reden und viel Spaß haben.Hast du noch Fragen?“
Takanneimy schwirrte der Kopf.
„ Nein,vielen Dank,“ sagte sie erschöpft und hoffte,daß Slyia ihr eine Pause gönnen würde.
Tatsächlich ließ Slyia sie für den Rest des Tages in Ruhe.Sie unterhielt sich mit Elina,so daß Takanneimy Zeit zum Nachdenken hatte.Sie versuchte,das Chaos in ihrem Kopf zu bewältigen.Rote Streifen,sie hatte gelbrot gestreifte Blütenblätter.Was war denn da bloß schiefgelaufen? Sie war so glücklich gewesen,doch jetzt war sie verunsichert und traurig und kam zu dem Schluß,schlicht und ergreifend abgrundtief häßlich zu sein.Natürlich wußte sie,daß Leberblümchen sehr unscheinbare Blumen waren,aber sie war ganz und gar nicht unscheinbar,sondern auffallend häßlich.
Plötzlich platschte etwas auf ihren Kopf.Wasser! Regen! Ein Hoffnungsschimmer.Vielleicht wusch das Wasser die Streifen weg.Takanneimy öffnete ihre Blütenblätter so weit wie möglich.Keine Stelle sollte unbenetzt bleiben.Da hörte sie Stimmen und Gelächter hinter sich.
„ Was macht die kleine Blume denn da? He,bist du etwa eine Wasserpflanze,die sich verirrt hat?“
Takanneimy sah zur Seite und blickte direkt in Yolettas Gesicht.Die Rose lachte wieder.
„ Ach du liebe Güte,du bist ja bildhübsch,Ein ganz besonderes Exemplar.“ Ihre Stimme triefte vor Ironie.Takanneimy straffte sich.
„ Ich bin ein Leberblümchen,hast du was dagegen?“
„ Ein Leberblümchen,interessant.Ich hab dich für gelbrotes Unkraut gehalten.Verzeih’ meine
Kurzsichtigkeit.Vola,schau,ein neuer Wiesenbewohner.“
Die Margerite beugte den Kopf zu ihr herunter.
„ Mit dir hat die Natur es aber auch nicht gut gemeint,“ säuselte sie und lachte boshaft. „ Ich gebe dir
einen guten Rat.Stecke deinen Kopf in die Erde,dann lacht auch niemand über dich.“
Takanneimy wurde wütend.
„ Was seid ihr für herzlose,hinterhältige Geschöpfe.Ihr kennt mich doch überhaupt nicht.Ich habe
mir nicht aussuchen können,was ich werden sollte,genausowenig wie du.Nur hast du das Glück
gehabt,eine Rose zu werden,obwohl du eher ein verkleideter Kaktus bist!“
Yolettas Stime wurde eisig.
„ Sei vorsichtig.Siehst du meine Dornen? Ich kann dich damit stechen,wenn ich das will.“
„ Wie denn?“ mischte sich Kunato ein. „ Du bist zwar eine ziemlich eingebildete,hochnäsige Rose,aber du kannst dich nicht von deinem Platz bewegen,darin sind wir alle gleich.“
„ Was willst du denn,du vorlautes Grünzeug?“
Vola hielt die Rose zurück. „ Meine Gute,du wirst dich doch nicht dazu herablassen,mit diesem
Flegel und dem verunstalteten Leberblümchen zu streiten.“ Ohne ein weiteres Wort drehten sich beide um.Kunato lachte laut,doch plötzlich verstummte er,denn Takanneimy weinte.Hilflos langte er mit einem seiner langen Blätter zu ihr hinüber und berührte ihren Stengel.
„ Nimm das doch nicht so ernst.Die Beiden haben überhaupt keine Ahnung,was schön ist.Sie sind
nicht wichtig.“
„ Doch,das sind sie,“ schluchzte Takanneimy. „ Ich wäre viel lieber eine Rose oder Margerite,aber
sieh mich an.Ich bin ein mickriges,häßliches Leberblümchen.Ich bin wahrscheinlich die häßlichste
Blume auf der Wiese,sogar auf der ganzen Welt.Ich hatte mich so darauf gefreut,zu wachsen und
zu gedeihen und was ist jetzt? Ich bin häßlich! Ich bin so häßlich,ooohhohoho,ich bin so häßlich!
Warum sehe ich nur so scheußlich aus,warum,warum?!“ Takanneimy weinte lauthals. Kunato betrachtete sie einen Moment,dann schubste er sie mit seinem Blatt,daß sie zu wanken begann.
„ Jetzt hör endlich auf!“ schrie er sie an. „ Willst du wirklich eine von denen sein? Jeden verspotten,
jedem Leid zufügen,immer nur böse und verletzende Dinge über andere sagen? Pfui Teufel! Du
bist nicht häßlich,kapierst du das?!“ Wieder stupste er sie grob an. „ Du siehst anders aus.
A-N-D-E-R-S,verstehst du den Unterschied? Meine Güte,es ist nicht alles so passiert,wie du es
dir vorgestellte hast,na und ? Du bist auf einer wunderbaren Blumenwiese,du stehst neben sehr
netten Blumen,nämlich Slyia,Elina und mir.Du gehörst zu einer der freundlichsten Blumenarten,
die es gibt.Die Insekten lieben euch,weil ihr Leberblümchen so viel wohlschmeckenden Nektar
habt.Die fliegen nicht zu den Rosen,weil deren Nektar bitter ist und sie nur sehr wenig davon
haben.Außerdem verletzen sich manche Insekten an den Dornen und sterben.Die Rosen sind nur
schön,aber sie nutzen keinem.Sie ernähren niemanden und können niemandem Schatten spenden,
weil ihre Blüte so komisch verschlungen ist.Sie sind nur böse und hochnäsig,weshalb sie auch
keine echten Feunde haben.Und genau aus diesem Grund sind sie auch nicht in der Lage,sich über
irgendetwas zu freuen.
Du bist anders.Du spendest Leben,weil du Nektar hast,du gibst den Insekten Schatten,weil deine Blüte weit geformt ist,du hast Freunde,weil du selber freundlich bist.Und genau aus diesem
Grund bist du in der glücklichen Lage,Freude zu empfinden,tief in dir.Das sind die Eigenschaften
der Leberblümchen.Sie stimmen bei dir alle.Das Einzige,was bei dir nicht stimmt,ist die Farbe
deiner Blütenblätter.Na und? Du bist trotzdem ein richtiges,echtes Leberblümchen.Und nebenbei
gesagt,“ Kunato mußte ein paarmal schlucken, „ ich finde deine Blütenblätter wunderschön.“
Er räusperte sich verlegen und schwieg.Takanneimy schwieg ebenfalls,einfach weil sie Kunatos Worte überwältigt hatten.Vielleicht hatte er recht.Ändern konnte sie ihren Zustand ja nicht.Sie konnte nur versuchen,das Beste daraus zu machen.Sie wollte jetzt nichts erwidern,wollte diese Worte nicht verlieren,sondern sie tief in sich aufnehmen.Deshalb lächelte sie Kunato nur an und als er zurücklächelte,wußte sie,daß er sie verstand.
Der Abend brach an.Die Sonne war blutrot und stand tief am Himmel.Sie tauchte die ganze Blumenwiese in rotgoldenes Licht.Takanneimy war müde.Sie hatte den restlichen Nachmittag in Gedanken versunken verbracht.Es war alles zuviel für sie gewesen,die Euphorie über ihren ersten Tag,Slyias erschreckende Feststellung,der Streit mit Yoletta und Vola und schließlich die feurige Rede von Kunato.Doch nun bemerkte sie,daß die übrigen Blumen erwartungsvoll verstummt waren.Sie sah sich erstaunt um.Slyia lächelte.
„ Wir warten auf das Abendkonzert,“ erklärte sie.
Takanneimy öffnete den Mund,da sie mehr darüber erfahren wollte,doch im selben Moment schloß sie ihn wieder.Denn oben auf einer hohen Fichte stimmte eine Nachtigall ihr Lied an.Takanneimy lauschte der einsamen,klagenden Melodie ehrfürchtig.Die Nachtigall sang höher und höher,das Lied bekam eine fröhlichere Note,und beendete es es mit einem jubilierendem Trillern.Dann war es sekundenlang still.Nun begannen die Grillen mit ihrer zirpenden Musik und die Nachtigall sang das Lied noch einmal,erst melancholisch,dann immer fröhlicher werdend und mit hohem Trillern endend.Die ganze Wiese schien wie verzaubert.Takanneimy stiegen Tränen in die Augen,so sehr bewegte sie die Melodie.Und plötzlich bemerkte sie,daß Slyias und Kunatos Blätter ihren Stengel berührten.Sie streckte ihre eigenen Blätter weit aus,suchte und fand ihre beiden Freunde und als die Nachtigall zum dritten Mal anhub,wiegten sich die Drei im Einklang zu der zauberhaften Musik.
Ich müßte lügen,wenn ich dir erzählte,Takanneimy hätte ihren Schmerz über ihr Aussehen vollständig überwunden.Natürlich gab es immer wieder Augenblicke,in denen sie sich ihrer rotgelben Blüte schämte.Doch die tiefe Verzweiflung darüber empfand sie nicht mehr.War sie doch einmal nah an diesem Zustand,versuchte sie sich klarzumachen,daß sie sich mit dieser Tatsache abfinden mußte.Sie erinnerte sich selbst immer wieder daran,wie gut es ihr doch ging.Sie hatte einen der begehrten Sonnenplätze erwischt,bekam aber genügend Schatten von der alten Linde,die in ihrer Nähe stand.Sie wuchs immer höher und ihre Blüte wurde größer und breiter.Zwischen ihr und Kunato bestand eine tiefe Freundschaft.Er neckte sie oft kameradschaftlich,half ihr,die Dinge leichter zu nehmen und stand ihr bei,wenn sie der Mut zu verlassen drohte.
Auch an Slyias Geplapper hatte sie sich gewöhnt und sie genoß es,ihren kunterbunten Geschichten zuzuhören,auch wenn sie nie wußte,was der Wahrheit entsprach und was Slyia in ihrem Übermut dazudichtete.
Elina stand leider zu weit weg,als daß sie zusammen hätten reden können.So begnügten sie sich damit,einander zuzulächeln und sich morgens mit ihren Blättern zuzuwinken.
Doch,es ging ihm schon gut,dem kleinen Leberblümchen.Und eines Tages geschah etwas,das sie erkennen ließ,daß das „ Häßlichsein“ ihr etwas bot,das sie nicht erwartet hatte: SCHUTZ!
Es war Nachmittag und Slyia erzählte Takanneimy gerade eine Geschichte über zwei Bienen,die sich darum gestritten hatten,wer sich als erste an ihrem Nektar gütlich tun dürfte.Plötzlich flog eine Schwalbe im Tiefflug über die Wiese und rief immer wieder aufgeregt:
„ Achtung,Menschen! Achtung,Menschen!“
Die Tiere verschwanden in ihren Höhlen und Nestern und Takanneimy zog verängstigt das Köpfchen ein.Sie hatte nicht vergessen,was Slyia ihr am ersten Tag über die Menschen erzählt hatte.
Am Rande der Lichtung tauchten zwei Mädchen auf.Takanneimy hörte sie rufen und lachen.Sie rannten über die Wiese und rissen im Laufen ein paar Astern die Blütenköpfe ab.Sie bewarfen sich mit Blütenblättern,die sie den Tulpen ausgerupft hatten.Es war ein Massaker unter den Blumen.
„ Komm’,wir flechten uns zwei Blumenkränze,“ rief das eine Mädchen.
Sie pflückten all die kleinen Gänseblümchen,Butter- und Leberblümchen und näherten sich dabei mehr und mehr Takanneimys Platz.Jetzt griff das eine Mädchen nach ihr,stutzte,besah sie sich und murmelte „ Nein,die ist zu häßlich .“
Takanneimy wollte schon aufatmen,als das Mädchen neben sie griff und Slyia herausriß.Keinen Atemzug später pflückte sie Elina.Slyia hatte nicht einmal schreien können,so schnell war es gegangen.Jetzt lag sie neben Elina in der Hand des Mädchens,schlaff und leblos,und wurde fortgetragen.
Takanneimy jedoch hatte geschrien.Sie konnte nicht glauben,was gerade geschehen war,was sie hatte mitansehen müssen.Kunato fluchte,hob und senkte zornig seine Blätter,doch welcher Mensch bemerkt schon einen vor Wut rasenden Löwenzahn.
Die Stimmen der Kinder wurden leiser,bis sie schließlich ganz verklungen waren.Takanneimy weinte lautlos und aus Kunatos Kehle drang ein Schluchzen.Auf der Blumenwiese war es totenstill,die Blumen schockiert durch ein Erlebnis,das in nur einer Stunde das Leben der Einen zerstört und der Anderen für immer verändert hatte.
Selbst wenn etwas Furchtbares geschehen ist,muß das Leben weitergehen,auch für ein kleines rotgelbes Leberblümchen.Doch Takanneimy fiel es schwer,diesen grauenhaften Nachmittag zu vergessen.Sie und Kunato lachten und scherzten zwar wieder miteinander,doch manchmal umhüllte beide das Schweigen und der eine wußte,was der andere dachte.Zuweilen bekam Kunato gewaltige Wutausbrüche,die doch alle zu der einen Erkenntnis führten,daß es keine Antwort auf das große Warum gab.
„ Warum haben sie nicht mich genommen?“ wetterte er. „ Ich bin schon zwei Monate länger hier als
Slyia.Warum pflücken sie überhaupt welche von uns? Ich sage dir,die Blumenkränze haben sie
noch am selben Abend weggeworfen.Das ist alles so ungerecht.Hätten sie doch wenigstens
Yoletta mitgenommen,dann wäre es hier etwas friedlicher.Aber nein,sie mußten unsere Slyia und
Elina haben.“
„ Warum hörst du nicht auf damit?“ fragte Takanneimy entnervt.Immer wieder stellte Kunato dieselben Fragen.
„ Du wirst nicht herausfinden,warum es passiert ist.Du hast einen zu dicken Stengel,mit dir kann
man keinen Kranz flechten.Yoletta hat Dornen und scheidet damit auch aus.Und warum sie uns
pflücken,wirst du nie begreifen.Deine Fragerei ist völlig sinnlos.“
„ Nein,es kann nicht sinnlos sein.Ich kann nicht vergessen,was passiert ist.Ich sah Slyias
fassungslosen Blick.Und ich hoffe,daß es schnell ging und sie sofort tot war.“
„ Warum?“
Kunato sah traurig zu der Stelle hin,wo Slyia gestanden hatte.
„ Weil ich ihr nicht helfen konnte,“ sagte er leise und senkte den Kopf. „ Ich wünschte,ich hätte
diese Kinder beißen können.Ha,Löwenzahn,ein lächerlicher Name,der nicht hält,was er verspricht.
Es macht mich wahnsinnig,daß ich nicht in der Lage war,zu helfen,sondern zusehen mußte.
Ich habe es satt,immer nur zusehen zu können.“
Takanneimy dachte nach.Dann sagte sie langsam:
„ Du kannst das Schicksal nicht ändern.Slyia würde sich schieflachen,wenn sie dich hören könnte.
Sie wußte immer,was sie war und sie war damit zufrieden.Du bist,was du bist,ein Löwenzahn.
Du kannst nicht beißen,du kannst nicht zum Riesen werden und um dich schlagen.Du hast keine
Waffen,außer deiner Wortgewandheit und Schlagfertigkeit.Du kannst dich nicht wehren.Alles,was
du kannst,ist,auf einer Blumenwiese zu stehen,den Kopf mit der Sonne drehen,Wasser aufnehmen
und Nektar herstellen.Akzeptiere es.Es ist zwecklos,sich zu fragen,was du hättest tun können.Es
gab nämlich nichts.Es ist deine Bestimmung,ein Löwenzahn zu sein,so wie es meine Bestimmung
ist,rotgelbe Blütenblätter zu haben.Und genauso war es Slyias Bestimmung,an jenem Tag zu
sterben.Du mußt diese Dinge akzeptieren.Trauere um Slyia,das verstehe ich und tue ich auch.
Aber suche nicht nach irgendeiner Schuld,vor allem nicht bei dir.Man kann niemandem die Schuld
an Dingen geben,die vorherbestimmt sind.“
Kunato hob den Kopf und sah sie an.
„ Da hat aber jemand eine Menge von mir gelernt.“
„ Und noch einiges mehr,“ lächelte sie. „ Habe ich dir schon die Geschichte von dem Marienkäfer
erzählt,der Yoletta vor Blattläusen beschützen sollte und dann kündigte,weil Yoletta wollte,daß er
um ihre Blüte Patrouille flog?“
Und Takanneimy begann,zu erzählen,eine kunterbunte Geschichte,deren eine Hälfte der Wahrheit entsprach und deren andere sie dazudichtete.
Einige Zeit später herrschte auf der Blumenwiese erwartungsvolle Aufregung.Yoletta drehte ihre Blüte alle 30 Minuten in die Sonne und alle 30 Minuten von ihr weg,jeden Tag,ununterbrochen.
Vola öffnete und schloß ihre Blüte immer wieder,reihte ihre Blütenblätter ordentlich aneinander und hielt die Blüte alle 60 Minuten in die Sonne.Die Tulpen schüttelten ihre langen Blätter auf,bis sie wie Schleier hinter sie fielen und hielten ihre Blüte alle 45 Minuten in die Sonne.Außerdem schwatzten und kicherten sie alle pausenlos.
„ Bist du denn auch sicher,daß er zu unserer Wiese kommen wird?“ hörte Takanneimy Vola fragen.
„ Er muß kommen.Das hier ist eine der schönsten Blumenwiesen in der Gegend.Er wird hier
bestimmt eine Zwischenlandung machen.Man sagt,daß er sich nur auf die schönsten Blumen setzt.
Wer das hier ist,ist ja wohl offensichtlich.“ Yoletta drehte ihre Blüte,denn wieder waren
30 Minuten vergangen.
‚ Naja,’ dachte Vola, ‚ genausogut könnte er zu mir geflogen kommen.Ich bin schließlich
ebenfalls sehr schön.Vielleicht sogar schöner als Yoletta.’ Aber sie hütete sich davor,diesen Gedanken laut auszusprechen.Mit Yoletta verdarb man es sich besser nicht.
Takanneimy beschloß,Kunato zu fragen,was all der Rummel zu bedeuten hatte.
„ Hast du denn noch nichts von Somlatus,dem großen Schmetterling gehört? Seit Jahren warten die
Blumen darauf,ihn zu sehen und in ihrer Blüte zu beherbergen.Er soll sehr mächtig und weise sein
und sich immer nur die schönsten Blumen aussuchen.“
„ Wann wird er kommen?“
„ Keine Ahnung.Er muß sich ja erstmal verpuppen und ausschlüpfen.“
Takanneimy war gespannt.Sie wagte zwar nicht,zu hoffen,daß Somlatus sie auch nur eines Blickes würdigen würde,aber sie hoffte,ihn wenigstens ansehen zu können,bevor er zu Yoletta flog,denn daß er die Rose auswählen würde,war klar.
„ Verschwinde hier!“ hörte Takanneimy am anderen Morgen ein Zetern.Sie reckte den Kopf und sah,wie Yoletta mit ihren Blättern gerade nach einer schwarzen Raupe schlug.
„ Ich will mich doch nur ein bißchen in deinem Schatten ausruhen,“ sagte die Raupe.
„ Das fehlte noch. Du wirst dich nirgendwo ausruhen. Du zerstörst mein ganzes Aussehen.Mach
endlich,daß du wegkommst,du widerliches Kriechtier!“ Yolettas Stimme wurde ganz schrill vor Wut.Eingeschüchtert kroch die Raupe davon.In Takanneimys Schatten machte sie Rast.
„ Du kannst gerne hierbleiben,“ sagte Takanneimy. „ Warte,auf meinen Blütenblättern sind noch ein
paar Wassertropfen.Bist du durstig?“
„ Sehr !“ rief die Raupe.Takanneimy neigte ihr Köpfchen und die schwarze Raupe trank gierig.
„ Danke,“ seufzte sie erleichtert. „ Wer bist du?“
„ Takanneimy.“
„ Sag’ Takanneimy,darf ich dich um einen Gefallen bitten? Ich suche einen schattigen Platz,an dem
ich mich verpuppen kann.Dürfte ich mich an deinen Stengel hängen?“
„ Natürlich,es wäre mir eine Freude,dir helfen zu können.“ Takanneimy fühlte sich geehrt,daß die Raupe ihr soviel Vertrauen entgegenbrachte.
„ Danke,kleine Blume.Die Rose dahinten hätte mich bestimmt in der Sonne sterben lassen.
Sowas Unfreundliches!“ schimpfte sie.
„ Ach,Yoletta ist immer so.Und im Moment ist sie sowieso sehr reizbar.Sie wartet nämlich auf
Somlatus,den Schmetterling.Er wählt immer nur die schönsten Blumen aus und sie hat gute
Chancen,seine Auserwählte zu werden.“
„ Interessant,“ schmunzelte die Raupe. „ Und was ist mit dir? Wärst du nicht auch gerne seine
Auserwählte?“
„ Sieh’ mich an,“ erwiderte Takanneimy lachend. „ Ich bin keine Konkurrenz für Yoletta.“
„ Da wäre ich mir nicht so sicher,“ sagte die Raupe leise,mehr zu sich selbst.Dann kletterte sie an Takanneimys Stengel hinauf,hängte sich unter ihre Blüte und begann,sich zu verpuppen.
Kunato und Takanneimy pflegten die verpuppte Raupe wie ihren Augapfel.Kunato flößte ihr Wasser und Nektar ein und Takanneimy drehte ihren Stengel täglich so,daß die Raupe vor der Sonne geschützt blieb.
Nach einigen Wochen,an einem klaren Sommermorgen,schlüpfte aus dem Kokon ein herrlicher Schmetterling.
„ Oh,“ hauchte Takanneimy, „ wie bist du wunderschön.“
Vorsichtig gab sie ihm von ihrem Nektar und Kunato ließ etwas Wasser in seinen Mund tropfen.Der Schmetterling wurde munter.Er schwang sich in die Lüfte und flog über die Blumenwiese.Die Blumen wurden auf ihn aufmerksam.
„ Seht! Da kommt Somlatus!“ riefen die Tulpen.
Takanneimy sah Kunato fassungslos an.Meine Güte,es war der große,weise Schmetterling,dem sie Obdach gewährt hatte und den sie beide gehegt und gepflegt hatten.Sie war völlig verwirrt.Mit Sicherheit würde er nicht zu ihr zurückkehren.Es mußte ihm entsetzlich peinlich sein,von einer so häßlichen Blume aufgenommen worden zu sein.Deshalb war er wohl auch so schnell davongeflogen.Yoletta verdrehte den Kopf,um Somlatus nicht aus ihrem Blickfeld zu verlieren.
Eifrig brachte sie ihre Blütenblätter in die richtige Lage und beobachtete ihn.Er flog tiefer,kam näher und näher und ... flog an ihr vorbei.
‚ Na also,’ dachte Vola, ‚ er weiß schon,wer hier die schönste Blume ist.’ Sie sah ihm entgegen,bereit ihn aufzunehmen.Doch Somlatus beachtete sie nicht,flog zielstrebig weiter und landete schließlich auf Takanneimys Blüte.
Yoletta schrie entsetzt auf und Vola starrte verdattert zu ihr hinüber.
„ Du hast dich verirrt,“ flüsterte Takanneimy. „ Die schönen Blumen stehen da drüben.“
„ Nein,ich bin hier schon richtig,“ sagte Somlatus. „ Ich möchte dir danken,daß du mir geholfen hast,
als ich noch eine unscheinbare,kleine Raupe war.Die wahre Schönheit,Takanneimy, liegt nicht
außen.Sie liegt in dir.Deine Freundlichkeit,die Hilfsbereitschaft und dein fröhliches Wesen machen
dich schön.Denke daran,äußere Schönheit ist kalt und tot.Deine innere Schönheit ist warm und
voller Leben.Niemand,“ fuhr er fort und sah Yoletta streng an, „ ist von Natur aus schön.Das Wesen des Einzelnen macht ihn schön.Oder auch häßlich.“ Er nickte der Rose zu.
Nun wandte er sich an Kunato.
„ Ich danke auch dir,Löwenzahn,daß du mir Nektar gegeben hast.Deine Entschlossenheit,zu helfen
und dein zündender Humor machen dich für mich zu einem wertvollen Freund,den ich nicht
vergessen werde.An euch Beide werde ich mich immer erinnern.“
Somlatus nahm noch etwas von Takanneimys Nektar,erhob sich dann und flog davon.Bei Yoletta machte er noch mal Halt.
„ An dich übrigens auch.Deine Hartherzigkeit werde ich wohl niemals vergessen können.“
Am Abend war Yolettas hysterisches Kreischen endlich verstummt.
‚ Ob sie jemals lernen wird,daß sie an all dem selber schuld ist?’ fragte sich Takanneimy.
Sie wartete zusammen mit Kunato auf das Abendlied der Nachtigall.
„ Was für ein Tag,schönste Blume der Wiese,“ sagte er.
„ Weißt du,Kunato,es ist gar nicht so wichtig,die schönste Blume der Wiese zu sein.Wichtig ist,daß
man Freunde hat,gute,echte Freunde,die zu einem stehen und mit denen man lachen und weinen
kann.Das hast du mir beigebracht.“
„ Dann habe ich also nicht umsonst gelebt,“ lächelte Kunato.
Takanneimy lächelte ihn an.Dann schwiegen sie,lauschten gemeinsam Nachtigalls Lied und ließen sich davon verzaubern.
- ENDE-
Vorheriger TitelNächster TitelEs gab eine Zeit,da war meine beste Freundin total unglücklich über ihre Figur und ihr Aussehen,weil,sie nicht dem klassischen Schönheitsideal entsprach.Also habe ich ihr zum Geburtstag die Geschichte von Takanneimy geschrieben.Ich wollte ihr damit klarmachen,wie schön sie ist,weil ihre Art,ihr Humor und die Tatsache,daß sie immer für mich und andere da ist,sie wunderschön und unglaublich liebenswert machen.Jutta Schroth, Anmerkung zur Geschichte
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Jutta Schroth).
Der Beitrag wurde von Jutta Schroth auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.06.2002.
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Komm, ich zeige dir den Weg!
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