Manfred Mayr

Rendezvous mit einem Engel


15.11.2004
Rendezvous mit einem Engel



» Was machst du an Weihnachten, Milena? «
Nora Guttenberg lässt den PC herunterfahren und stülpt eine graue Plastikhaube über die elektrische Schreibmaschine. Dabei sieht sie Milena mit fragenden Blicken an. Sie weiß genau, dass ich allein bin, denkt Milena. Verwundert über die direkte Anfrage antwortet sie:
» Nichts! «
» Wie? Feierst du denn gar nicht? Ich meine, so mit Christbaum, Geschenken und Gänsebraten? « Sie ist sichtlich erstaunt über Milenas Gleichgültigkeit. Es ist doch Weihnachten. Nora ist wirklich betroffen, als Kollegin und Freundin liegt ihr Milenas Seelenheil am Herzen, aber eben nach ihrer Vorstellung.
» Nein! « Milena nimmt ihren Rucksack und knöpft die Lederjacke zu. Es gibt auch andere Zeremonien zu Weihnachten als die uns so vertraute, oder? «
» Ach, du feierst auf deine Art und Weise! Bist du denn ganz allein am Heiligen Abend? « Noras makelloses Gesicht nimmt einen verständnisvollen Ausdruck an. » Erzählst du mir nach unserem Urlaub über deine Zeremonie? «
» Ja, wie jedes Jahr! « Milena lächelt. » Endlich mal ein paar Tage frei! Ausschlafen, nichts tun, ich genieße das jedes Mal wieder. Weißt du, Nora, eine Zeit wie diese verursacht bei vielen Menschen noch mehr Stress. Da geraten viele Beziehungen ins Abseits, weil die Hektik sie überrennt. Bei mir kommt sowas erst gar nicht in Frage, weil ich diesen Konsumwahn nicht zulassen will. «
Nora schüttelt den Kopf. » Ich versteh dich nicht. Ich würde wahrscheinlich den ganzen Tag nur heulen, denn meine Familie erwartet doch die Feier und viele Geschenke unter dem Baum. «
» Für mich ist das ganz okay so. Dieser Rummel und das Getue um diesen Tag war mir schon immer zuwider. Alle Katholiken feiern den Heiligen Abend, aber vergessen doch den eigentlichen Sinn des Festes: den Geburtstag von Jesus, einem Mann, einem Menschen unter vielen geistig verarmten Wesen. Immerhin, er nutzte seinen Verstand und alle ihm zugekommenen Erkenntnisse für uns Menschen. Der Dank liegt sichtbar vor uns. An seinem Geburtstag eine Feier zum Wohle der Egobefriedigung liegt mir fern, Nora. « Milena steckt sich ein Plätzchen von Noras Weihnachtsteller in den Mund. » Die Feiertage sind für mich wie jeder andere Tag im Jahr. «
Nora holt ihren Mantel aus dem Kleiderschrank. » Also, mal ganz ehrlich! Ich bin zwar auch nicht besonders religiös ausgerichtet, aber fehlen würde mir schon was, ohne diesen ganzen Zauber. « Sie kramt in ihrer Handtasche und besprüht sich ausgiebig mit Parfúm. » Na ja, das muss schließlich jeder selbst wissen. Ich wünsche dir wunderschöne Feiertage! Also, bis nächstes Jahr. «
» Bis in zwei Wochen, Nora, und frohe Weihnachten! «


Endlich ist dieser Arbeitstag vorbei. Milena freut sich auf ein heißes Bad, ein Glas Rotwein und ein Buch. Es fängt an zu schneien, als sie die Treppe zur U- Bahn hinuntersteigt. Aus den Lautsprechern dudelt Weihnachtsmusik. Menschen hasten an ihr vorbei und verbreiten die ihr so verhasste Weihnachtsgeschäftigkeit. Sie setzt die Kopfhörer auf und startet den Walkman. Die U-Bahn ist übervoll. Sie steht eingezwängt zwischen mürrischen Familienvätern und kurzgeschorenen Jugendlichen. Milena versucht sich, so gut es eben geht, an eine Haltestange zu klammern. Ihr Musikband ist zu Ende. Aus dem Wortschwall um sie herum dringen ein paar Gesprächsfetzen in ihr Bewusstsein.
„Hoffentlich hat Helmut den Baum schon aufgestellt! Aber wahrscheinlich hängt er noch mit ein paar Kollegen in einer Kneipe fest. Am liebsten würde ich meine Koffer packen und in den Süden fahren, dahin, wo noch kein Mensch etwas von Weihnachten gehört hat.“ Dieses Jammern verstärkt noch Milenas Abneigung.
Warum tust du's denn nicht, denkt sie. Die U-Bahntüren öffnen sich geräuschvoll. Sie versteht den weiteren Verlauf des Gespräches nicht, denn eine Horde Teenager dringt in den Waggon ein und bevölkert heftig schnatternd die Gänge. Als die Türen sich wieder schließen, wird es etwas bequemer.
„...aber der Kinder wegen kann man das ja nicht einfach so machen“, jammert die Stimme von vorhin weiter. ,, Die freuen sich doch schon so sehr darauf,“ erwiderte ihre Freundin.
Als die Wohnungstür endlich hinter ihr ins Schloss fällt, atmet Milena kräftig durch. Als erstes legt sie die Lederjacke über die Sofalehne, zieht die Boots von den Füßen und geht ins Bad. Ihr wird erst jetzt wohler, als das Wasser dampfend in die Wanne fällt. Der Duft ihres Badeöls verteilt sich in der Wohnung. Der Spiegel läuft im Bad an. Sie wischt mit dem Ärmel darüber und sieht ihr blaugefrorenes Gesicht. Kein Wunder, bei der Kälte draußen!
,, Erstmal in die Wanne,“ sagt sie zu sich selbst und schlüpft aus der Jeans. Als sie den Pulli über das Gesicht zieht, fällt plötzlich der Strom aus und sie steht im Dunkeln da.
„Mist, ausgerechnet jetzt,“ murmelt Milena vor sich hin. Sie zieht den Pullover wieder an und tastet sich zum Wasserhahn vor, um ihn zuzudrehen. Dann tappt sie langsam zum Flur in Richtung des Sicherungskastens. Mit Erstauen stellt sie fest, dass alle Sicherungen in Funktion sind. Langsam gewöhnen sich ihre Augen an die Dunkelheit. Alles ist ruhig. Die Straßenbeleuchtung brennt noch. Draußen schneit es in dicken Flocken. Milena fröstelt, Unbehagen beschleicht sie.
Dann bewegen sich plötzlich die bodenlangen Gardinen. Milena hat das Gefühl nicht allein zu sein. Ihr Pulsschlag rast nach oben, das Herz klopft immens, was geht hier vor?
» Wer ist da?“, fragt sie leise. Sie starrt auf die Gardinen, deren Bewegungen kein Ende nehmen.
Für einen Moment durchfährt sie der Gedanke: was mache ich hier eigentlich, halbnackt und mit der wahnwitzigen Idee, einen Einbrecher in die Flucht zu schlagen. Sollte einer da sein, so wird der mir wahrscheinlich in der nächsten Minute den Tag verderben, wenn nicht gar Verletzungen zufügen.
Mit einem Ruck reißt sie die Gardinen zurück und erschrickt. Es ist kein Mensch, der da vor ihr steht, obwohl es so aussieht, aber was sehe ich eigentlich? Keine Zeit für Gedanken, sie starrt wie hypnotisiert auf das Unbekannte.
» Ich will jetzt ganz schnell wieder Licht, « flüstert sie und kann den Blick nicht abwenden.
» Du träumst nicht, Milena! « Der Schatten spricht nicht wirklich, es ist eine Stimme in meinem Inneren, glaubt sie zu deuten.
» Wer bist du? « Eine Gänsehaut überzieht ihren Rücken. Sie kann sich nicht bewegen, es fühlt sich an, als ob ihre Beine mit dem Fußboden verwachsen wären. Die Gestalt des Schattens kommt auf sie zu, doch die Silhouette verrät ihr die Form eines Menschen. Sie erkennt die Umrisse eines jungen Mannes, durchscheinend, wechselnd. Seine Stimme ist leise und wirkt auf sie angenehm.
Es ist eine total verrückte Situation, sie glaubt in einem Film zu sein, oder berauscht, obwohl sie noch nicht mal Alkohol getrunken hat.
» Ich bin kein Traum, Milena,“ wiederholt die Gestalt. Sie steht jetzt direkt vor ihr. Ein Kribbeln kriecht über ihren Arm, weil sie sich berührt fühlt.
» Was wollen Sie von mir und wer sind Sie? «
» Ein Engel im Dienst. «
In den nächsten Momenten kann sie nicht klar denken. Lautlos steht er vor ihr, schillernd, die Farben ineinander übergehend, aber dämmernd in der Wirkung.
» Ich werde jetzt die Augen schließen, bis zehn zählen und dann sind Sie verschwunden. Wenn nicht, schreie ich so laut, dass das ganze Haus angerannt kommt. « Als sie die Augen öffnet, ist der Unbekannte verschwunden. Milena fährt sich durch die Haare. » Wenn ich's nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass Nora mir Haschplätzchen angedreht hat,“ murmelt sie vor sich hin. Beim Umdrehen sieht sie diesen Typen ganz lässig im Flur stehen. Meine Worte sind ihm egal!
» Dein Badewasser wird kalt, Milena. «
» Das gibt es doch nicht. «
Er lächelt sie an und winkt sie ins Badezimmer.
» Was wird das hier? « Ihre Angst schlägt langsam in Wut um. Irgend jemand versucht offensichtlich sie zum Narren zu halten. Als sie das Badezimmer betritt, sitzt der selbsternannte Engel im Stuhl neben der Wanne. Das Badewasser läuft und endlich brennen die Lichter in der Wohnung wieder.
» Wer sind Sie? « Langsam geht sie auf ihn zu. Tatsächlich, ein Wesen aus Fleisch und Blut und doch kann ich ihn nicht spüren. Verdammt! Nochmals stellt sie laut ihre Frage: » Wer sind Sie? «
» Hab' ich doch schon gesagt! « Er sieht zu ihr auf. Das Gesicht ist plötzlich gut zu erkennen. Eine attraktive Erscheinung, fühlt Milena.
» Lass den Quatsch mit dem Engel « Milena wird noch zorniger im Ton. Als sie sich wegdreht, um ein Badetuch aus dem Schrank zu nehmen, ist der Stuhl plötzlich leer.
» Ich bin ein Engel, Milena! « Die Stimme kommt nun von hinten. Dort steht dieses Wesen im Türrahmen lehnend. Er lächelt friedlich, auch seine Haltung zeigt keine Aufdringlichkeit. Milenas Angst verschwindet langsam, da ihr Gefühl Frieden signalisiert.
» Engel haben Flügel und ihr Erscheinen in hellem Lichtschein ist ihr Markenzeichen. Sie sitzen auf einer Wolke, um ungestört ihre Harfe zu spielen. Sehen kann ich weder eine Harfe, noch Flügel! « Der Typ lächelt sie nur an und macht sanfte Bewegungen mit den Fingern vor seinem Gesicht. » Wer, oder was immer Sie sind, es interessiert mich gar nicht!“, sagt sie ihm in aller Deutlichkeit. » Verschwinden Sie endlich! « Milena schlägt ihm die Tür vor der Nase zu, in dessen Türrahmen er immer noch lehnt.
Tief durchatmen ist das einzig Wahre jetzt. Sicher, ich habe ein bisschen viel gearbeitet in den letzten Wochen, da das Weihnachtsgeschäft im Büro Überstunden forderte. Dazu kommt sicher auch fehlender Schlaf, weil durchtanzte Nächte zum Stressabbau herhalten sollten. Ich bin doch nicht verrückt, versucht sie sich selbst zu überzeugen. Jemand muss mir einen üblen Streich spielen. Ein Hologramm, überlegt sie, aber das ist zu unglaubwürdig. Ein übler Scherz zu Weihnachten hätte mit Freundschaft auch nichts tun. Aber irgendwas muss es ja sein, oje, oje, warum passiert das mir?
Langsam zieht sie sich aus und lässt sich in die Wanne gleiten. Den Kopf unter Wasser getaucht, in den Duft des neuen Shampoos gehüllt, hofft sie auf die erfrischende Wirkung des Bades. Einen neuen Brausekopf, als Geschenk zum Heiligen Abend, hat Milena sich selbst geleistet. Das Wasser fließt besonders weich und perlend über die Haut und ihr Shampoo duftet wirklich gigantisch frisch. Bei diesem herrlichen nassen Erlebnis hat sie für kurze Zeit die Gestalt von vorhin vergessen. Endlich kann sie die Augen wieder öffnen. Doch da sitzt er erneut auf dem Stuhl und schaut sie mit klarem Blick an. Anmutig findet sie ihn. Trotz ihrer Nacktheit bleibt Milena ruhig und fragt spöttisch: » Wollen Sie mich verführen? «
» Nein! «
Er legt einen wärmenden Finger an die blassen Lippen von Milena. » Ich tue dir nichts! «
Sie rafft Schaumberge um sich zusammen und verschränkt die Arme vor ihren Brüsten. » Verschwinde doch endlich, bitte! « Langsam steigen Tränen in ihre Augen. Diese Gestalt lässt sich nicht so einfach vertreiben, dass wird ihr bewusst. Im Inneren verkrampft Milena und wird traurig.
» Beruhige dich, Milena. Lass mich doch erst einmal alles erklären. « Seltsamerweise geht etwas Beruhigendes von diesem Wesen aus.
» Entspann dich, hör mir doch einfach zu. Glaubst du, du schaffst das? «
Sie schluckt. Gut, wenn dieser Alptraum sonst kein Ende nimmt, werde ich mich ihm stellen, mit der Hoffnung auf Frieden. Sie nickt ihm zu.
» Danke, Milena! « Der Engel sitzt jetzt sehr bequem im Stuhl und versucht mit Worten ihr Gefühl zu erreichen. Doch sie kommt ihm zuvor und stellt zuerst eine Frage.
» Was für ein Engel bist du denn? « Ihre Stimme klingt sanft. Sie rutscht ein Stück tiefer in die Wanne, weil es dann nicht so kalt für den Oberkörper ist. Er streckt beiläufig eine Hand aus und gießt Kirschsaft ins Glas. » Keine Angst, Milena! Der Saft soll dir den Durst nehmen und auch ein Gefühl der Entspannung ermöglichen! «
» So, wie kann der Kirschsaft denn so was fördern? «
» Eine Mischung aus frischen Vitaminen und sekundären Botenstoffen lassen gewisse Hormone im Organismus frei werden, außerdem hat er viel Wasser, was du gerade durch deine Nervosität verbraucht hast. Wäre es jetzt Rotwein, wie er eigentlich dasteht, dann erfasst dein Körper nur ein Gefühl von Betäubung, aber Gutes für deinen Organismus tust du dir damit nicht an, Milena. « Sie greift das Glas und trinkt es in einem Zug aus.
» Wirklich lecker, Wahnsinn! « Milena bekommt zunehmend Farbe im Gesicht und ihr Nervensystem arbeitet deutlich ruhiger.
» Okay, lass mal hören, Herr Engel! «
» Wir beide kennen uns schon seit sehr langer Zeit, länger als du annehmen würdest. « Er macht eine kleine Pause, seine Gestalt wird etwas deutlicher. Milena glaubt jetzt Jeans, ein weißes T-Shirt und eine abgewetzte Jeansjacke zu erkennen. Er versucht wohlmöglich sich mir anzupassen, sind ihre Gedanken.
» Denk mal zwanzig Jahre zurück! Kannst du dich noch erinnern, als dich ein Betrunkener beinahe angefahren hätte? Im letzten Moment bist du aus der Gefahrenzone gestoßen worden. «
Milenas Augen werden groß. Woher weiß er darüber bescheid, denkt sie sich.
» Ich war derjenige! «
Sie schießt augenblicklich aus der Wanne empor und lässt sich gleich wieder ins Wasser gleiten. » Du warst der Held? «
» Im Alter von zehn Jahren kam es im See unten beim Schwimmen fast zur Katastrophe, weil du einen Wadenkrampf hattest. Den Angler schickte ich vorbei, der dich aus dem Wasser zog. Denkst du noch an den Unfall vor drei Jahren zurück, Milena?
» An welchen denn? «
» Deinem Chef gab ich ins Unterbewusstsein ein, er solle dich noch etwas länger aufhalten. Wenn du mit im Wagen gewesen wärst, würdest du jetzt nicht mehr leben. «
Die Zeit hört für einen Augenblick auf zu vergehen. Milena will nachdenken, wie sie es tausendmal nach ihren Alpträumen getan hatte, aber kein Ton kommt über ihre Lippen. Der Wagen war auf glatter Straße ins Schleudern geraten und an einem Brückenpfeiler zerschellt. Drei ihrer Arbeitskollegen, mit denen sie nach Hause fahren wollte, verstarben noch an der Unfallstelle.
Sie hört den Wind, der um die Häuser pfeift. Das Badewasser wird jetzt auch schon lau. Die Haut an den Fingerkuppen sieht bereits schrumpelig aus. Dennoch fragt sie ihren Engel.
» Woher weißt du das? «
Er setzte sich auf den Wannenrand, fischt sich eine Schaumkrone aus dem Wasser und bläst hinein. Eine Seifenblase formt sich, tanzt durch die Luft und zerplatzt schließlich.
» Ich bin dein Schutzengel, Milena! Du solltest das Wasser jetzt verlassen, damit du nicht frierst. «


Später sitzen sie im Wohnzimmer. Sie auf dem weißen, kuscheligen Sofa, die Knie bis zum Kinn angezogen und mit den Armen umschlungen unter ihrer Lammfelldecke, er auf dem alten Lehnstuhl ihrer Großmutter, den sie gerade noch vor der habgierigen Verwandtschaft in Sicherheit gebracht hatte.
» Weißt du noch, wie deine Oma dir in diesem Lehnstuhl von uns erzählt hat? « Lautlos wippt der Stuhl vor sich hin, als wäre er leer. Sie sieht ihn lange an. Die ganze Gestalt ist in ständiger Bewegung. Glaubt sie, etwas ganz sicher zu erkennen, ist es im nächsten Augenblick wieder verschwunden. Nur die großen braunen Augen verändern sich nicht.
» Ich war fünf, als sie mir vom Himmel und den Engeln erzählt hat. «
» Damals hast du mich zum ersten Mal gesehen. «
Milena kann sich plötzlich erinnern an das was er sagt. Sie lag in ihrem Bettchen und war fast eingeschlafen, als sie glaubte, ihre Mutter würde neben ihr stehen. Doch als sie genauer hinsah, war da eine Gestalt, aber nicht ihre Mutter. Es könnte durchaus er gewesen sein, denkt sie.
» Ich kann das nicht begreifen!“, sagt Milena nach einiger Zeit und greift nach ihren Lebkuchen, die sie mit viel Liebe selbst gebacken hatte. » Warum jetzt? « Sie beißt kräftig hinein und läßt die Schokolade auf der Zunge zergehen. » Wo bist du gewesen, die ganze Zeit über als ich meinen Engel gebraucht hätte? Warum jetzt? «
Mit freundlichem, nachdenklichen Schmunzeln antwortet er: » Ich bin doch da gewesen, Milena! «
» Warum hast du mir dann nicht geholfen? Ich dachte immer, ihr Schutzengel müsst so was können. «
Er hält den Schaukelstuhl an und steht auf. Langsam kommt er auf sie zu. Dann ist sein Gesicht plötzlich ganz nah und seine Hand streicht beruhigend über ihr Haar.
» Ich bin doch da. Ich bin immer dagewesen. Aber es gibt Dinge, durch die musst du selber deinen Weg finden. « Er setzt sich ihr gegenüber aufs Sofa.
» Dann sag mir mal, warum du jetzt plötzlich sichtbar wirst und das ganz ohne Flügel und Heiligenschein? «
» Du bist schon erwachsen geworden, Milena. Den Schein darf ich mir ersparen und Flügel benötigen wir Engel doch nicht. «
» Dürft ihr im Himmel denn in dieser Aufmachung herumlaufen? « Nervös beißt sie wieder am Lebkuchen ab. ,, Warum greifst du nicht zu? Es sind meine Lebkuchen, den Geschmack und die Form gab ich ihnen. Nur zu, sie schmecken wirklich lecker! «
» Gerne probiere ich deine Leckereien, Milena. «
» Verrückt“, kichert sie. » Ich sitze mit einem Engel am Tisch. «
Sie sitzen eine Weile schweigend da. Immer wieder kommen ihre Blicke aufeinander zu. Doch kein Wort wird ausgesprochen.
» Warum jetzt? «
» Es ist Zeit! « Seine Antwort kommt leise und bedacht daher.



Die Kirchturmuhr schlägt zweimal. Der Mond dringt durch die Schneewolken und scheint jetzt durch das große Balkonfenster ins Zimmer.
Fast ihr ganzes Leben hatte er ihr erzählt, Dinge, die sie längst vergessen hatte. Gesichter, die in der Menschenmenge untergegangen waren. Orte, Ereignisse, alles war wieder zum Leben erstanden. Das Gesicht ihrer Mutter, ihre Stimme, ihr Duft nach Lavendel, die Umarmungen ihrer Großmutter, der schreckliche erste Schultag, das gebrochene Bein an ihrem zwölften Geburtstag. Es ist, als würde sie ein Buch aufschlagen, das sie schon einmal gelesen hatte, vor langer Zeit.
» Ich bin immer da, Milena“, unterbricht der Engel ihre Gedankengänge.
,, Aber in letzter Zeit hätte ich dich fast verloren. Du hast dich so weit von mir entfernt, dass es sehr schwer wurde, dir zu folgen. «
» Gut, ich laufe nie schneller als mein Schutzengel fliegen kann,“ sagt sie scherzhaft, aber seine Miene blieb ernst. » Warum jetzt?“, fragt sie noch einmal.
Er rückt ein Stück auf sie zu und berührt sie sanft am Arm. Sie lässt es zu. Wieder dieses eigenartige Kribbeln.
» Morgen ist der Heilige Abend! « Sein Kommentar ist lapidar.
» Was? « Sie versteht ihn nicht. » Was hat das mit Weihnachten zu tun? « Sie sieht ihn entgeistert an. Worauf, in aller Welt, will er hinaus. Ihre Gedanken werden wieder misstrauisch.
» Es gibt Menschen, die dich brauchen, Milena. Menschen, die sich genauso einsam fühlen, wie du. «
» Komm mir jetzt nicht mit diesem Psychomist! « Sie springt auf. » Ich fühle mich nicht einsam und überhaupt, was geht dich das eigentlich an? « Sie dreht sich um und läuft in die Küche. Aus dem Küchenschrank holt sie sich ein Päckchen getrocknete Datteln, entfernt das Stanniolpapier und spießt eine Frucht mit einer Kuchengabel auf.
» Du erzählst mir stundenlang aus meinem Leben, Dinge, von denen du keine Ahnung hast. Dann willst du mir einreden, dass ich einsam und verlassen bin. Mir kommen gleich die Tränen! « Milena will an ihm vorbei zur Tür hinausgehen, zögert, als er nicht zur Seite rückt und geht plötzlich einfach durch ihn hindurch. Es ist ein Gefühl als wäre ein warmer Regen über sie geströmt, eine Welle, die alles mit sich reißt. Als sie sich nach ihm umdreht, ist er verschwunden.


Es wird halb acht, als sie die Augen aufschlägt. Draußen fährt der Schneeräumdienst vorbei. Durch die Gardinen dringen schwache Lichtstrahlen in das Wohnzimmer.
» Was für ein bescheuerter Traum“, murmelt sie, dreht sich auf den Rücken und gähnt. Eine schillernde Gestalt sitzt auf ihrer Bettkante.
» Oh, nein! Nicht schon wieder! « Sie drückt die Augen fest zusammen, in der Hoffnung, er würde weggehen.
» Hast du gut geschlafen? «
Als sie die Augen wieder öffnet, ist die Bettkante leer. Sie springt aus dem Bett und zieht sich an. Aus der Küche dringen leise Geräusche in ihre Ohren. Die Kaffeemaschine röchelt asthmatisch wie jeden Morgen, der Tisch wird gedeckt. Der Duft von frischen Brötchen dringt in ihre Nase.
» Möchtest du Orangensaft? « Seine Stimme kommt aus ihrer Umgebung, sie dreht sich um. Er steht hinter ihr und lächelt sie freundlich an.
» Die Leute liefern mich noch vor Jahresende in die geschlossene Abteilung ein, wenn ich das jemandem erzähle. « Sie lässt sich auf einen Küchenstuhl fallen und greift nach ihren Plätzchen.
» Nicht vor dem Frühstück naschen, bitte! «
Sie sieht ihn entgeistert an. » Jetzt spinnst du aber wirklich! « Ihre Augen funkeln vor Zorn. Sie schaut ihm zu, wie er wortlos zwei Spiegeleier in die Pfanne schlägt, zwei Gläser Orangensaft und zwei Tassen duftenden Kaffee eingießt. Die Eier brutzeln leise vor sich hin. Jetzt erst merkt sie, wie sehr ihr Magen knurrt. Er schneidet ein Brötchen auf, bestreicht es mit Butter und legt es vor ihr auf den Teller.
» Du solltest was Anständiges zum Frühstück essen. Wir haben heute noch viel vor! « Er strahlt sie mit einer Zuversicht an, dass es ihr die Sprache verschlägt.
» Ach ja? «
Die Eier sind fertig. Gekonnt läßt er sie auf einen Teller gleiten, schaltet den Herd aus und stellt den Teller vor ihr auf den Tisch. » Guten Appetit! « Er setzt sich ihr gegenüber und trinkt einen Schluck Saft.
» Wo hast du denn heute deinen beeindruckenden Lichtzauber gelassen? «
» Aufessen, sonst werden die Eier kalt! « Sie isst mit großem Appetit weiter. Normalerweise reicht ihr eine Tasse Kaffee. Doch bei diesem Service schmeckt es besonders gut.
» Braves Mädchen!“, ruft er und stellt das Geschirr in die Spüle.
» Du wiederholst dich! «
» Deine Weihnachtsgäste müssen noch eingeladen werden. «
» Meine was? « Sie sieht ihn entgeistert an.
» Du wirst dir jetzt überlegen, wer heute Abend als Gast mit uns feiert. Dann machen wir uns auf den Weg und kaufen Vorräte und ein paar Geschenke und... «
» Stopp! « Sie springt auf, der Stuhl fällt dabei um.
» Meine Lust auf Geselligkeit mit fremden Menschen existiert gar nicht, Herr Engel.“ Ihr Herz hämmert, die Gedanken überschlagen sich. Irgendwo ist ihr klar, dass er genau weiß was er da tut. Widerstand ist eher zwecklos.
» Ganz ruhig, Milena!“, sagt er sanft und steht auf.
» Langsam frage ich mich wirklich, wer hier der Verrückte ist. « Sie zittert vor der Ungewissheit des weiteren Verlaufes. Insgeheim aber fühlt sie doch eine merkwürdige Verbundenheit. Ihr Engel versucht langsam und behutsam sie auf den Weg zu bringen. Doch noch kämpfen zu widersprüchliche Gefühle in ihr, als dass sie bereit wäre, mehr zuzulassen.
» Setz' dich!“, sagt er streng, als sie erneut aufbegehren will. Er steht direkt vor ihr und sieht sie an. Verrückten soll man immer recht geben, denkt sie. Um seinen Mund zuckt ein spöttisches Grinsen und sie weiß im gleichen Moment, dass er sie schon wieder ertappt hat.
» Okay!“, meint sie versöhnlich und kuschelt sich in eine Sofaecke. » Ich soll mir also Weihnachtsgäste einladen? « Durch Ablenkung kann ich seine Strategie verhindern, am besten mit Gesprächen. Er setzt sich neben sie auf die Couch.
» Als deine Großmutter verstarb hast du angefangen, alles, was dich an früher erinnerte zu vergessen. Ostern, Weihnachten, Geburtstage usw., du hast es aufgegeben. « Sie will ihn stoppen, doch er redet einfach weiter.
» Wann hast du dich das letzte Mal um einen Freund gekümmert, der darauf gewartet hat, dass du für ihn da bist? Wann warst du das letzte Mal in der Kirche? Bedeutet Jesus für dich nichts mehr? Und Gott? «
» Bist du mein Beichtvater? « Sie verschränkt die Arme um die Knie und schürzt die Unterlippe, wie ein zorniges Kind.
Leise spricht ihr Engel weiter: » Milena, du denkst, du brauchst das alles nicht. Keine Freunde, nichts Aufregendes, damit deinem Inneren nicht schon wieder etwas zugemutet wird, was eigentlich nur menschlich ist. Du kapselst dich ab, lässt niemanden in deine Nähe. Dabei tust du dir nur selber weh. « Er legt seine Hand auf ihre kalten Füße und wieder ist da dieses eigenartige Kribbeln.
» Es gibt Menschen, die auf dich warten! Besuche du sie doch in diesem Jahr, Herr Engel. Mach die Tür einen Spalt weit auf und eile zur nächsten Insel der Hoffnungslosen. Danke, für den Versuch! « Sein Blick strahlt nahezu unerschrocken und Milena hat das Gefühl, dass sie gerade all zu frech konterte. » Du brichst dir doch nichts ab dabei. Nur mal ausprobieren, für einen Abend. Das Buch kannst du später auch noch lesen. Mal wieder Freude verschenken und Freude zurückbekommen. Ich weiß, der erste Schritt ist der schwerste. «
Irgendwann sind Tränen nicht mehr aufzuhalten. Milena lässt sie über ihre Wangen rollen. Das Gefühl von Wärme und Freundschaft ist ihr doch viel wichtiger als sie zugeben kann.
» Warum tust du das? « Sie weint und sieht ihn aus verschleierten Augen an. » Warum lässt du mich nicht in Ruhe? «
» Komm raus aus dem Schneckenhaus. Lass die Menschen wieder in dein Herz, Milena. Du hast soviel zu geben und du brauchst sie genauso wie sie dich.“ Sie kann nicht aufhören zu weinen, all der Kummer, der längst überwunden schien, alle Seelenqualen sind jetzt deutlich zu spüren.
Er hält ihr ein Papiertaschentuch unter die Nase. Sie schneuzt laut hörbar und wischt die letzten Tränen fort. Er sitzt noch immer neben ihr.
Sie lächelt ihn an. Milena weiß, dass er Recht hat. Sie fühlt sich oft einsam, auch wenn sie sich das selten eingesteht. Beim Tod ihrer Großmutter hatte sie viele ihrer Gefühle mit beerdigt. Sie war immer da gewesen, die große Seelentrösterin im Hintergrund, mehr Freundin als Oma. Als sie starb, gab es nur noch dieses große schwarze Loch. So viele Dinge, die sie ihr noch hätte sagen wollen, blieben ungesagt. So viele Orte, die sie ihr hätte zeigen wollen, blieben ungesehen. Dieses Wort hatte alle Hoffnungen ganz schnell zerstört: „Tod!“ Warum erfand niemand ein erklärendes Wort für diesen endgültigen Zustand. Verblichen klingt wie ein altes Stück Pergament. Verstorben? Nicht mehr da? Heimgegangen? Wohin?
» Deine Gedanken drehen sich um den Tod, Milena. Er sagt doch, dass ein Leben zu Ende ist. Die Angst vor dem, was danach ist, schreckt die Menschen, denn ihr Verstand und das Gefühl bringen nichts unter Kontrolle. Du hattest immer geglaubt, dass deine Großmutter sich in nichts aufgelöst hat, als sie verstarb. Alles Gesagte und alle Taten sind umsonst gewesen, außerdem ist eine starke Verbindung zwischen ihr und dir zerrissen. Doch der Schein trügt! «
Sie schluckt und sieht ihn an. » Es ist lange her, dass ich so heftige Weinkrämpfe hatte. Weißt du das? Verstehe mich richtig, denn deine Worte wirken wie Zauber. Niemals war ich so nah am Geschehen mit meiner Oma, wie ich es jetzt mit dir erlebe. Ich spüre jetzt Hoffnung, endlich ein großes Licht, dass mich trägt. Werden wir unser Gespräch denn fortführen können, wenn meine Gäste, die ich noch nicht einmal kenne, wieder gehen werden? «
Sie muss plötzlich an Ralph denken. Zwei Jahre hatte diese Beziehung gehalten, dann hatte er sich in eine Kollegin verliebt und zog in einer Nacht -und Nebelaktion aus. Sie hatte nichts bemerkt, als es irgendwann angefangen hatte schief zu laufen.
» Nach Ralph wollte ich nicht mehr, dass mich noch einmal jemand so verletzt. « Sie zerrauft das Papiertaschentuch in ihrer Hand. » Es tat so verflucht weh! « Sie sieht ihn an. » Ich weiß, man kann Gefühle nicht erzwingen. Und ganz sicher bin ich genauso Schuld daran, dass wir jetzt getrennt sind. Vielleicht wollte ich es auch nicht sehen. «
Es ist plötzlich sehr still im Zimmer. Draußen bellt ein Hund. Ein Auto fährt vorbei, es blubbert die Straße entlang.
» Ich weiß, Milena! Doch Entwicklung ist nur in der praktischen Natur möglich. Lernen und immer wieder lernen. Der Glaube an Gott beflügelt die Menschen, denn durch ihn wird die Mühe belohnt. Deine Großmutter hatte auch sehr wenig an Gott geglaubt. Ihre Überzeugung sprach sie nie vor dir aus, aber ihre Haltung konntest du genau fühlen. Deswegen sind auch für dich Engel nur Einbildung. Was sagst du nun? «
Nach einer Weile steht er auf und hält seine Hand entgegen. » Komm!“, sagt er und zieht sie sanft vom Sofa hoch.
» Wohin gehen wir? « Sie fühlt sich wie ein kleines Kind an seiner Hand. Sie gehen in den Flur, ziehen ihre Lederjacken an und hängen sich ihre Schals um. Der Engel öffnet die Haustüre, so ziehen beide los in die Stadt.



Als sie die Haustür hinter sich zuzieht, erlebt sie die zweite Überraschung dieses Tages. Neben ihr geht nicht mehr das durchscheinende Geisterwesen, das sie noch gestern Nacht so sehr erschreckt hatte, sondern ein normal aussehender junger Mann von der Straße. Sie sieht ihn sich von oben bis unten an und schüttelt erstaunt den Kopf, weil er so attraktiv ist.
» Ihr Engel überrascht mich! « Er lacht und hakt sich bei ihr unter, wie ein Gentleman. Mit erhobenem Haupt und sicherem Blick nach vorn schreiten sie in die Stadt.
» Komm, wir haben noch viel zu tun. «
Die Straßen sind voll bepackter Menschen, die schnell noch letzte Einkäufe erledigen. Aus jedem Geschäft schallt Weihnachtsmusik auf die Straßen. Am Marktplatz hat sich eine große Menschenmenge versammelt, um einem Posaunenchor zu lauschen. Es schneit wieder. Ganz langsam tanzen die Flocken durch die Luft und legen sich auf Mäntel, Pelzkragen und Mützen. Sie rutschen das vereiste Kopfsteinpflaster entlang, sehen in Schaufenster, kaufen Glühwein und Bratwürste.
» Sag mal, wie kann ich dich eigentlich nennen? Du hast mir noch nicht einmal deinen Namen gesagt. « Er wischt ihr mit einer Serviette Senf vom Kinn und lacht sie dabei an.
» Keine Ahnung, denk dir einen aus! « Jetzt muss sie lachen. Zum ersten Mal, seit vielen Jahren, fühlt sie sich unbeschwert und gut. Sie wirft die Papierservietten in den Abfalleimer, als der Engel sie auffordert zum Gehen.
» Komm, da vorn ist ein Supermarkt. Wir müssen noch dein Weihnachtsmenü zusammenstellen. « Sie sieht ihn von der Seite misstrauisch an.
» Du meinst das wirklich ernst? «
» Na klar! Wir werden sechs Personen sein. Da brauchen wir so einiges. «
Sie bleibt stehen und schaut verdutzt zu ihrem Engel empor.
» Sechs Personen? Wirklich? Ich koche doch nicht für eine Horde wildfremder Menschen. «
» Erstens sind es keine wildfremden Leute, zweitens wirst du nicht allein kochen und drittens,“ fügt er energischer hinzu und bugsiert sie durch die Eingangstür des Supermarktes, ,,lass mich nur machen! «
Mit einem Einkaufswagen gehen sie in den Markt hinein. Im Nu liegt eine große Weihnachtsgans, Kartoffeln, Rotkraut, eine Familienpackung Eiskrem, Obst, Gemüse und vielerlei Zutaten im Wagen, die sie nur erahnen kann.
» Hör mal,“ sie zupft ihn an seiner Lederjacke, ,,ich habe gar nicht genug Geld dabei, um alles zu bezahlen. « Ängstlich blickt sie von ihrem Portemonnaie zu ihm auf. » Außerdem habe ich noch nie eine Gans gebraten. «
Er legt lächelnd ihre Einkäufe auf das Band und Milena steht verwirrt hinter ihm und lässt ihn machen. Die blonde Kassiererin, die sie ja kennt, grüßt sie freundlich.
» Hallo, Milena! Ihr plant wohl ein großes Fest? «
Sie fühlt sich hilflos und verlegen. Es sieht ja anders aus als es ist.
» Fünfundsiebzigachtundneunzig! « Sie kann es kaum glauben. Das ist mindestens 25 Euro zuviel! Gerade will sie kleinlaut zugeben, dass sie nicht genug Geld dabei hat. Sie spürt schon, wie sich mindestens zwanzig Augenpaare verärgert in ihren Rücken bohren, als der Engel hundert Euro aus der Jacke zieht und bezahlt. Ihr stockt der Atem. Das "Frohe Fest" der Kassiererin überhört sie in ihrer Verblüffung. Vor dem Supermarkt, bepackt mit tausend Tüten, so kommt es ihr vor, hält sie ihn am Ärmel fest.
» Verdient man als Schutzengel soviel Kohle? « Sie stellt die Tüten ab und sieht ihn verständnislos an.
» Gewöhne dich langsam an Wunder, die für dich nur so zu erklären sind, Milena. « Seine braunen Augen blitzen. » Hast du Lust auf guten Kaffee? «
Er lenkt vom Thema ab, aber die Vorstellung, irgendwo gemütlich zu sitzen und eine Tasse heißen Kaffee trinken, ist sehr verlockend!
» Abgemacht, diesen Genuss übernehme ich! «
Das kleine Café ist um diese Zeit nur halb besetzt. Sie finden einen Platz in einer Nische, von dem aus man das geschäftige Treiben auf der Straße gut beobachten kann.
» Was hast du gegen Weihnachten? « Der Kaffee kommt gerade und sie kann sich deswegen Zeit lassen mit ihrer Antwort.
» Mir ist diese ganze Hetzerei zuwider, der Konsum, diese falsche Moral. Warum schenkt man sich nicht viel öfter unter dem Jahr etwas? Warum ausgerechnet an diesem Abend? « Sie rührt angestrengt in ihrer Tasse.
» Aber um die Geschenke allein geht es doch gar nicht, Milena. Da ist doch noch so viel mehr, als bunte Schleifen, Kugeln und Lametta. «
» Ja, ich weiß! Das Jesuskindlein in der Wiege, der Ochs und der Esel in der Krippe und die Hirten auf dem Feld...« Sie nimmt einen Schluck Kaffee.
» Wann warst du das letzte Mal in einer Kirche? «
» Das hast du mich schon einmal gefragt. «
» Ich warte immer noch auf eine Antwort. « Er packt ein Stück Würfelzucker aus und schiebt es sich in den Mund.
» Ich war nie sehr religiös. «
» Als du klein warst, bist du oft zur Kirche gegangen. Du wolltest sehen, wie die Engel putzen. Deiner Meinung nach durfte ein Gotteshaus nur von himmlischen Wesen intakt gehalten werden. « Sie muss lachen. Als kleines Mädchen wollte sie immer wissen, warum es überall in der Kirche blitzte und funkelte. Ihre Großmutter erzählte ihr dann eines Tages, dass die Engel jeden Tag den Altar putzen würden. Von da an wollte sie jeden Tag zur Kirche.
» Ich glaube wirklich, dass meine Großmutter sehr religiös war. «
» Sie hat dir sehr viel mitgegeben. « Er nippt an seiner Tasse. » Du hast es nur vergessen. Ihr Glaube war die Hoffnung, eine Existenz nach dem Tode. «
Draußen werden die Flocken immer dichter. Menschen eilen vorbei, die Hände tief in die Taschen vergraben. Die Kälte macht allen zu schaffen.
» Gehst du am Nachmittag mit mir in die Kirche? « Am Nachmittag des Heiligen Abend war sie früher immer mit ihrer Großmutter zur Kirche gegangen um sich die Krippe anzusehen.
» Nur wir zwei? «
Der Wind bläst ihnen die Schneeflocken ins Gesicht, als sie aus dem Café kommen und den Markt hinunter gehen. Die Bläser packen ihre Instrumente zusammen, Kirchenglocken läuten. Es ist zwölf Uhr. Langsam scheint das Treiben auf den Straßen abzuebben.
Vor einer kleinen Geschenkboutique sitzt ein grauhaariger, alter Mann mit struppigem, ungepflegtem Bart. Milena kramt in ihrer Handtasche, zieht ein Zwei-Euro-Stück heraus und wirft es in den zerbeulten Hut.
» Vielen Dank, Fräulein!“, bedankt sich der Alte lächelnd. » Ein schönes Fest, wünsche ich Ihnen! « Sie lächelt zurück. Er sitzt fast jeden Tag an dieser Stelle, egal ob Sommer oder Winter. Meistens wirft sie ihm dann etwas in den alten Hut, ahnend, dass er es gleich in Spirituosen umsetzen würde.
Sie bleiben vor dem Laden stehen und besehen die Auslagen.
» Möchtest du hineingehen?“, fragt der Engel.
Sie liebt diesen Nippes, ein Vermächtnis ihrer Mutter. Der Duft von Zimt und Vanille weht ihnen entgegen. Die Regale sind vollgefüllt mit allerlei Geschenkartikeln, Tassen, Duftöllampen, Porzellanfiguren und vieles mehr. Sie greift in eines der Regale und bringt eine kleine Spieluhr zum Vorschein. Es ist die Nachbildung eines alten Kinderkarussells, mit Holzpferden, einer Kutsche, einer Lokomotive und eines Feuerwehrautos.
» Als kleines Mädchen hatte ich auch so eine Spieluhr. Sie sah fast so aus wie diese hier. « Sie dreht an einer kleinen Schraube am Boden und das Karussell setzt sich in Bewegung. Die Pferdchen schaukeln durch die Luft und die Räder der Lok beginnen sich zu drehen. Die Melodie erinnert sie an ihre Kindheit und die Traurigkeit, die plötzlich über sie hereinbricht, ist so heftig, dass es schmerzt.
Sie stellt die Uhr in das Regal zurück. » Lass uns gehen!“, sagt sie und drängt sich an ihm vorbei aus dem Laden.
Der alte Mann von vorhin hat sein Lager geräumt. Sie gehen schweigend nebeneinander. Die Straßen sind rutschig und Milena ist froh, als sie endlich vor ihrer Haustür ankommen. Die Taschen werden mit der Zeit ganz schön schwer. Als sie die Tür öffnet, kommt ihnen eine alte Dame mit Eimer und Schrubber entgegen. Milena grüßt höflich und wechselt ein paar belanglose Worte mit ihr.
» Die alte Frau Bergmann“, meint sie im Flüsterton, als sie die Treppe hinaufsteigen. » Sie wird auch immer eigenartiger. Vorgestern stand sie um fünf Uhr morgens in Nachthemd und Winterstiefeln vor meiner Tür und bat mich um eine Tasse Milch. « Sie stehen vor der Wohnungstür und Milena wühlt in ihrer Tasche nach dem Schlüssel. » Aber sie besorgt ihren ganzen Haushalt allein. Bewundernswert wie fit sie noch ist, auch wenn sie ab und zu mal etwas durcheinander ist. « Sie hat den Schlüssel gefunden und steckt ihn ins Schloss. » Manchmal erinnert sie mich an Großmutter. « Sie bleibt in der Tür stehen und hält sie ihm auf.
» Was ist? Warum siehst du mich so an? «
» Du hast soeben deinen ersten Weihnachtsgast ausgesucht, Milena! « Er lächelt über das ganze Gesicht aus purer Freude.
» Du spinnst! « Die Tür fällt hinter ihnen ins Schloss. » Die Frau Bergmann? Warum denn ausgerechnet die alte Frau? « Milena protestiert weiter, als sie aus der Lederjacke schlüpft.
» Du sagtest doch eben, dass sie dich an deine Großmutter erinnert. «
» Ja und? «
» Da wird sich doch ein Thema finden, über das ihr reden könnt. Außerdem ist sie alleinstehend und kann gut kochen! « Er breitet seine Hände aus wie ein Zauberkünstler, der soeben ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert hat.
» Man kann doch nicht so einfach einen fremden Menschen zum Weihnachtsfest einladen. Vielleicht will sie das gar nicht. Vielleicht will sie lieber allein sein. « Abwartend sieht sie ihn an.
» Was hindert dich daran, einfach zu ihr zu gehen und sie zu fragen? Mehr als „nein“ sagen kann sie nicht. « Er nimmt die Tüten und legt sie auf dem Küchentisch ab.
» Wo hast du einen Bratentopf? « Er reißt die Verpackung von der gefrorenen Gans herunter.
» Dieses Volumen passt in keinen meiner Töpfe. « Sie sucht alle Küchenschränke durch, doch ein Topf dieses Ausmaßes lässt sich nicht auftreiben.
» Gut, du gehst jetzt zu Frau Bergmann und bittest sie um einen Bräter. Bei der Gelegenheit kannst du sie gleich zum Essen einladen. « Es klingt so einfach aus seinem Mund.
» Keine Angst, Milena. Sie beißt nicht! « Er lacht wieder dabei.
» Sie macht gerade die Hausordnung, da kann ich sie nicht stören. « Versucht sie die Angelegenheit hinauszuzögern, weiß aber, dass dieser Einwand mehr als dürftig klingt.
» Sie ist da!“, meint er überzeugt. » Ich weiß es! «
» Das letzte Wort sprichst wohl immer du, Herr Engel! «
» Ja! «



Wieder einmal fragt sie sich was sie tut. Wahrscheinlich würde Frau Bergmann ihr die Tür vor der Nase zuschlagen. Schlimmstenfalls würde sie denken, Milena wolle sie berauben oder beerben. Man weiß ja nie!
Sie drückt die Klingel, und es gibt kein Zurück mehr. Drei Sekunden später öffnet sich die Tür. Frau Bergmann steht in ihrer blauen Kittelschürze vor ihr.
» Fräulein Milena! Das ist aber eine schöne Überraschung! « Sie hält Milena die Tür auf. » Ich bin gerade mit der Hausordnung fertig!“, sagt sie und tritt zur Seite.
» Kommen Sie doch herein! «
» Hoffentlich störe ich Sie nicht, Frau Bergmann? « Sie sieht sich um. Die Tapeten sind vergilbt, der Teppich abgetreten.
» Sie stören nicht! « Ich will gerade Plätzchen backen. Was kann ich denn für Sie tun? «
» Haben Sie vielleicht einen großen Bratentopf für mich, leihweise? « Frau Bergmann öffnet die Küchentür und lässt sie eintreten. Es riecht ungelüftet. Auf dem Küchentisch stehen Mehl, Zucker, Eier und eine altersschwache Küchenwaage.
» Was möchten Sie denn kochen? «
» Eine Gans! «
» Wie groß ist sie denn? «
» Etwa so! « Milena deutet die ungefähre Größe an. Frau Bergmann lacht.
» Zehn Pfund, schätze ich. «
Milena hat keine Ahnung. Die Gans suchte ja der Engel aus.
» Da erwarten sie aber eine Menge Gäste. «
Raus jetzt mit der Frage! Die Stimme des Engels ist wieder in ihrem Kopf.
» Möchten Sie gern zum Essen kommen, Frau Bergmann? «
» Oh, wie freundlich von Ihnen. Ist Ihnen das auch nicht zuviel? « Sie lächelt über das ganze Gesicht. » Vielleicht kann ich Ihnen etwas behilflich sein? « Sie sucht in einem Küchenschrank und zieht einen riesigen Bratentopf hervor. » Der dürfte wohl ausreichen, oder?“, sagt sie und drückt ihn Milena in die Arme.
» Ich nehme Ihre Hilfe gern an. Ich bin nämlich keine besonders gute Köchin." Sie stehen wieder an der Wohnungstür.
» Das mache ich gern! « Sie sieht auf eine kleine Armbanduhr an ihrem Handgelenk. » So gegen fünf Uhr? Dann haben wir noch genug Zeit, um alles fertig zu kochen. Wann kommen denn Ihre Gäste? «
Milena hat keine Ahnung ob überhaupt jemand kommt.
» So gegen acht Uhr!“, erfindet sie, unsicher lächelnd.
» Gut! « Frau Bergmann legt eine Hand auf Milenas Arm. » Ich freue mich sehr über ihre Einladung. « Ihre Augen werden feucht.
» Schön, dass Sie kommen!“, sagt Milena und springt gutgelaunt die Treppe hinunter.
Das war doch gar nicht so schlimm! Sie hat sich richtig darüber gefreut, denkt sie noch.
» Alles paletti?“, ruft sie, als sie die Tür aufschließt. Es duftet nach Rotkraut. Doch die Küche ist leer.
» Keiner da? « Sie bekommt keine Antwort darauf.
Er ist fort, fürchtet sie nun.
» Dieser sogenannte Engel lässt mich mit den ganzen Sachen hier allein zurück. « Ihre Stimme ist laut und verhallt in der Stille. Sie ist enttäuscht und wütend zugleich. Das Rotkraut köchelt leise auf dem Herd. Die Einkäufe sind verstaut, die Gans bratfertig auf dem Küchentisch gesalzen und gepfeffert. Sie braucht sie nur in den Ofen zu schieben. Aber die Enttäuschung überwältigt sie.
» Schutzengel! Dass ich nicht lache! « Sie knallt den Bratentopf auf den Tisch, greift sich Jacke und Schal und verlässt die Wohnung.
Ziellos geht sie die Straße hinunter, die langsam menschenleer wird. Es ist die Zeit, in der man den Baum schmückt, letzte Geschenke verpackt oder das Festessen zubereitet.
Wie kann sie nur so dumm sein und alles glauben, was ihre Einbildung ihr vorgaukelt. Dieser angebliche "Schutzengel"!
Was soll ich nur der alten Bergmann erzählen, denkt sie. Soll ich sagen: „Es tut mir leid, war alles nur ein schlechter Scherz“, oder soll ich die Gans doch braten und mit der alten Frau allein verspeisen? Wir werden bis Ostern daran essen.
Als sie den Marktplatz erreicht, schlägt die Uhr der Marienkirche zweimal. Unschlüssig überlegt sie, ob sie sich die Krippe ansehen soll. Sie würde ganz allein sein. Niemand würde stören. Wie lange ist es her, dass sie eine Kirche betreten hatte? Viele Jahre, erinnert sie sich. Großmutter hatte damals noch gelebt.
Sie würde hineingehen, nur ganz kurz. Die große Eichentür schließt sich hinter ihr. Die Stille ist so plötzlich um sie, dass sie erschrickt. Es ist, als hätte man den Ton eines plärrenden Radios abgestellt. All die störenden Straßengeräusche bleiben draußen vor der Tür. Sie kommt sich wieder wie das kleine Lenchen vor, das vor vielen Jahren an der Hand ihrer Großmutter nach vorn zum Altar getrippelt war, die Augen zu den blitzenden Heiligenfiguren gerichtet. Der Geruch der gebohnerten Holzbänke ist ihr so vertraut, als wäre ihre Kindheit erst gestern zu Ende gegangen.
Zuerst glaubt sie, die kniende Gestalt in einer der vorderen Bänke, sei eine junge Frau, die ganz versunken zu beten scheint. Doch als sie näher kommt, weiß sie, dass es ihr Engel ist. Sie bleibt einen Augenblick stehen, um ihn zu betrachten. Doch er hat sie bemerkt und sie geht langsam auf ihn zu.
» Milena, ich habe auf dich gewartet. « Er lächelt und ihr Zorn ist augenblicklich verraucht.
» Komm! « Er nimmt ihre Hand. » Ich zeige dir die Krippe. «
Und dann steht sie vor dem kleinen Holzstall und tausend Erinnerungen überfluten sie. Damals hatte sie Großmutter noch hochgehoben, damit sie alles sehen konnte. Nichts hat sich verändert, alles sieht so aus als wäre die Zeit stehen geblieben.
Da ist der Hund, der die Schafherde zusammenhält, der Hirt, der schlafend am Feuer liegt, nichtsahnend was um ihn herum geschieht. Einer hackt Holz, immer wieder saust das Beil nieder, bis die Spieluhr abgelaufen ist. Beim nächsten Geldstück, das der Engel in den kleinen Münzschlitz wirft, erblickt sie ein paar versprengte Schafe und einen Hirten, der geblendet zum Himmel schaut, hinauf zu den prächtigen Engeln, die über einem Wäldchen schweben.
Sie werfen noch eine Münze ein und sehen den Stern mit dem Kometenschweif, der über dem verfallenen Stall prangt, unter sich die Heilige Familie, dahinter Ochs und Esel.
Die Münze fällt durch, die Krippe liegt wieder im Dunkeln. Milena dreht sich um.
» Wie lange brät man so eine Gans eigentlich? «
Er sieht sie verständnislos an. » Drei bis vier Stunden, würde ich sagen. «
Sie nimmt seine Hand. » Dann komm jetzt! Wir müssen unseren Gästen doch eine fertige Gans präsentieren."
Die Geräusche auf der Straße wirken auf einmal schrecklich laut, als sie die Kirchentüre hinter sich schliesst.
» Dürfen Engel eigentlich Gänsebraten essen?“, fragt sie ihn grinsend.
» Weißt du, ich glaube, wir hätten die Gans eine Nummer kleiner kaufen sollen. Drei Leute werden wohl kaum mit einer zehnpfündigen Gans fertig werden. « Er fängt an zu lachen.
» Schutzengel-Geheimnis!“, murmelt er, legt den Zeigefinger an die Lippen und öffnet dabei weit die Augen.
» Danke!“, sagt sie und bleibt plötzlich stehen. Er hat ihr vieles zurückgebracht, auch wenn sie sich beharrlich gesträubt hatte.
» Ich glaube, langsam begreife ich, was du von mir willst. « Sie streicht sich die rotbraunen Haare etwas verlegen aus dem Gesicht. » Ich weiß zwar nicht, woher du jetzt noch drei Gäste nehmen willst, aber du wirst das schon machen. « Ein eisiger Wind lässt sie frösteln. Sie hakt sich wieder bei ihm unter und zieht ihn weiter.
Der Topf auf ihrem Herd fällt ihr ein, als sie die Haustür aufsperrt.
» Das Rotkraut! « Sie sprintet zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf und erwartet Qualm, Gestank, vielleicht sogar Feuer. Doch nichts davon ist geschehen. Das Rotkraut steht fertig gekocht und köstlich duftend auf der lauwarmen Herdplatte, weder verkocht, noch verbrannt.
Ihr Engel steht an der Küchentür, als sie sich umdreht. Seine Miene bleibt unerschrocken.
» Jetzt beruhige deinen Herzschlag wieder, Milena. Das Rotkraut habe ich in der Frühe schon auf niedrigstes Niveau am Herd gestellt. Den Backofen dürfen wir jetzt ordentlich einheizen. Machst du das? «
Als die Gans endlich im Ofen schmort, brüht sie Kaffee auf. In der Küche duftet es so köstlich nach Essen, dass sie sich dort bequem auf die Eckbank setzen.
» Du hast Ralph seit damals nicht wieder gesehen? «
Sie schüttelt langsam den Kopf. » Ich möchte ihn auch nicht wiedersehen! « Milena steht auf und holt zwei Bottiche aus dem Küchenschrank. » Es tut nicht mehr weh. Dazu ist zu viel Zeit vergangen. « Sie stellt Milch und Zucker auf den Tisch und gießt den heißen Kaffee ein. » Ich habe mich hundertmal gefragt, was ich falsch gemacht habe. « Sie rührt in ihrer Tasse und sieht ihn an. » Sag du's mir! «
Er neigt seinen Kopf nach links und zieht seinen Mund etwas nach oben. Die Augen sperrt er weit auf, bevor seine Antwort kommt. » Hast du dir schon einmal überlegt, dass manche Dinge einfach passieren müssen? Vielleicht, um daran zu lernen, weil daraus ein neues Ziel entstehen kann? Vielleicht auch, weil das was danach kommt noch viel besser ist! « Er leckt den Kaffeelöffel ab. » Glaubst du, du könntest ihm verzeihen? «
Sie starrt aus dem Fenster. Es schneit wieder. Wie ein Meer aus Daunen schweben die großen Flocken auf die Erde und machen sie schläfrig.
» Irgendwann vielleicht“, murmelt sie leise vor sich hin.
Sie will sich gerade einen Lebkuchen nehmen, als das Telefon klingelt.
» Deine nächsten Gäste“, sagt der Engel und reicht ihr den Hörer.
Es ist die junge Kassiererin aus dem Supermarkt, die sich für die Einladung zum Essen bedankt.
» Im Geschäft ergibt sich leider nie die Zeit zum Reden. Normalerweise sind wir am Heiligen Abend immer allein, deshalb hat mich die nette Einladung ihres Freundes um so mehr gefreut. « Mit „wir“ meint sie ihre kleine Tochter und sich, das erfährt Milena aus dem Gespräch. » Sie freut sich schon so sehr darauf. Hoffentlich ist es Ihnen Recht, wenn ich sie mitbringe? «
» Natürlich!“, sagt Milena ganz herzensfroh. Sie verabreden sich für acht Uhr und Milena legt auf.
» Und wer ist die geheimnisvolle sechste Person?“, fragt sie den Engel, der sich eine zweite Tasse Kaffee einschenkt.
» Wart's ab!“, meint er und nippt an seiner Tasse.
Die Dämmerung zieht langsam über das Land. Es ist vier Uhr am Nachmittag. Im Nebenhaus gehen nach und nach die Lichter an. Hier und da strahlen festlich geschmückte Christbäume, die sie von der Küche aus sehr gut sehen können.
» Hast du Angst?“, fragt der Engel.
» Ganz wohl ist mir bei der Sache nicht. « Sie lehnt am Fenster und sieht ihm zu, wie er die Kartoffeln zu schälen beginnt. » Was wird denn das? «
» Knödel!“, antwortet er einfach. » Die restlichen Kartoffeln müssen wir kochen. « Er greift sich einen Kochtopf, der auf dem Herd steht.
» Sag mal“, meint sie und gießt Wasser in den Topf, ,, warst du in deinem früheren Leben mal Koch? «
Er bespritzt sie mit Wasser und lacht. » Ein Schutzengel muss vielseitig sein, vor allem, wenn man so einen schwierigen Fall wie dich bearbeiten darf. «
Die Kartoffeln sind geschält. Er sucht aus einer Küchenschublade ein Reibeisen und drückt es ihr in die Hand.
» Reiben! « Er deutet auf den Berg Kartoffeln. » Alle, bitte! «
» Schön weitermachen! Ich bin gleich wieder da. « Schon ist er aus der Wohnung und die Tür fällt hinter ihm ins Schloss. Als sie die letzte Kartoffel gerieben hat, klingelt es an der Tür. Frau Bergmann steht mit einer großen Keksdose und zwei Flaschen Wasser vor der Tür und ihr Lächeln strahlt heller als die Perlenkette um ihren Hals.
» Jetzt bin ich etwas früher dran, wie ich sehe. « Sie lächelt. » Können Sie etwas Hilfe gebrauchen? « Milena nickt beschämt.
» Ich habe noch nie in meinem Leben Knödel gekocht. « Sie steht ratlos vor den geriebenen Kartoffeln, die langsam rötlich werden.
» Kommen Sie!“, sagt Frau Bergmann. » Wir trinken jetzt erst einmal einen Schluck Wasser, es ist levitiert. Das ist übrigens selbstgemacht! Und dann widmen wir uns dem Essen. Abgemacht? « Ihre Energie tut Milena gut. Sie sitzen sich gegenüber.
» Die Kekse sind für heute Abend. « Frau Bergmann hebt den Deckel der Keksdose etwas an.
» Vanillekipferl! Das ist lieb von Ihnen. « Die Plätzchen duften köstlich.
» Mein kleiner Beitrag zu dieser Einladung. «
» Sauerkirschsaft und levitiertes Wasser. « Milena ist überrascht. » Den Kirschsaft hat meine Großmutter früher auch immer gemacht. «
» Lebt ihre Großmutter noch?“, fragt Milena ganz neugierig.
» Nein, sie ist vor vier Jahren verstorben. «
» Und ihre Eltern? «
» Meine Mutter starb, als ich noch ganz klein war, einen Vater hat es nie gegeben. « Dann schweigen beide eine Weile.
» Ich hätte gern Kinder gehabt, aber mein Mann ist im letzten Krieg in Russland gefallen. Danach war es wohl zu spät für mich. « Sie nippt an ihrem Glas.
» Warum haben Sie nicht wieder geheiratet? «
» Er ist meine einzige große Liebe. Viele junge Menschen können nicht mehr verstehen, was es heißt, wenn man füreinander bestimmt ist. Heutzutage heiratet man und am nächsten Tag läuft einem ein anderer über den Weg. Das gab es damals nicht. « Sie blickt Milena über den Rand ihres Glases an. » Es gab auch nie die Gelegenheit dazu. Und jetzt bin ich alt. « Ihre Augen glitzern feucht hinter dem altmodischen Horngestell.
» Wie ist es? « Frau Bergmann räuspert sich. » Wollen wir uns nicht duzen? « Sie lächelt scheu. » Ich heiße Emilie! «
» Gern, Emilie! «
Sie fühlt sich entspannt und zufrieden. Als der Schlüssel im Schloss gedreht wird, sind die beiden Frauen kichernd in ein Gespräch vertieft.
» Guten Abend, die Damen!“, sagt der Engel und bleibt unter dem Türrahmen stehen. Milena dreht sich zu ihm herum.
» Darf ich dir Frau Bergmann vorstellen? « Sie reichen sich die Hände und schauen sich dabei intensiv in die Augen.
» Und das ist...« Sein Name, denkt Milena nach. Wie soll ich ihn eigentlich nennen. Hmmm? Ach! ,, Das ist Angelo!“ Ihr fällt plötzlich dieser Mann aus der Kaffeewerbung ein, der immer vorgab „gar kein Auto zu haben“ und sie muss heimlich grinsen.
» Sind sie Italiener, Angelo? «
Er zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich zu ihnen an den Küchentisch. » Nicht direkt! Ich habe himmlische Verwandte mit italienischen Wurzeln. «
» Wie lustig, denn ich habe auch himmlische Verwandte, nur leider direkt vor Ort, Angelo! « Emilie bringt die illustre Runde zum Lachen.
» Was macht denn unser Gänsebraten?“, fragt Angelo und richtet seinen Blick auf die Backofentür, aus der ein köstlicher Bratenduft strömt.
» Keine Angst, wir haben alles unter Kontrolle“, so Emilie. « Milena bedankt sich bei Emilie, die aufsteht um die Gans zu begießen.
» Sie duftet herrlich! Das ist Weihnachtsduft! « Sie wischt sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und sieht in den Topf, der auf dem Herd steht. » Eine tolle Idee, Rotkraut, Knödel und Gans als Menü! «
» Ich mache mich jetzt an den Knödelteig und ihr schmückt den Baum! «
Ein Baum, denkt Milena mit Entsetzen. Sie zieht Angelo aus der Küche und schließt die Tür hinter sich.
» Wir haben etwas vergessen, den Baum! Woher bekommen wir jetzt noch einen Baum? « Aus der Küche kann man hören, wie das Radio schöne Weihnachtslieder spielt. Ein Kinderchor singt. Ihre zarten Stimmen jubeln „Oh, du fröhliche...“
» Ich werde schon noch einen Baum finden“, sagt Angelo und geht zur Tür.
» Warte!“, ruft sie ihm nach, nimmt ihren Schal vom Garderobenständer und schlängelt ihn um seinen Hals. » Damit ich nach den Feiertagen nicht noch einen kranken Schutzengel pflegen muss! « Und schon springt er die Treppe hinunter. Sie sieht ihm nach, bis die Haustür hinter ihm ins Schloss fällt.
Im Wohnzimmer guckt sie sich um und vergewissert sich, ob alle Gäste Platz haben. Den Esszimmertisch kann sie ausziehen. Wenn sie noch zwei Stühle dazustellt, wird es gehen.
In der Küche summt Emilie zu den festlichen Klängen aus dem Radio. Milena steckt den Kopf zur Küchentür hinein.
» Alles klar, Milena?“, fragt Emilie.
» Ja, alles ist klar! «
» Dann decke ich jetzt den Tisch. « Sie schließt die Küchentür und Emilie summt weiter.
Als der Esszimmertisch ausgezogen und eine festliche Weihnachtstischdecke darüber ausgebreitet ist, klingelt es an der Wohnungstür.
Zuerst sieht Milena nur die ausladende Tanne, erst dann erkennt sie den alten Mann mit dem schmutziggrauen Bart, der dahinter steht.
» Guten Abend, Fräulein! Habe mir erlaubt, ihnen ein kleines Bäumchen mitzubringen, als Dankeschön für die freundliche Einladung. « Er lacht über das ganze schmutzige Gesicht.
Ihr nächster Gast ist soeben eingetroffen, der Straßenbewohner, dem sie heute Morgen Geld in den Hut geworfen hatte.
» Ist der nicht etwas groß?“, fragt sie ängstlich, als er das Ungetüm durch den Flur ins Wohnzimmer schleift. Sie springt hinter ihm her und versucht Nippes und Vasen zu retten, bevor er alles von den Regalen fegt. Als der Baum schließlich fest verankert ist, schickt sie ihren Gast in die Badewanne. Sein letztes Vollbad muss Jahre her sein, kichern Milena und Emilie.
Er lächelt sie an. » Sie sind sehr freundlich. Ich bin übrigens der Hermann. « Als Hermann mit seinen Plastiktüten im Badezimmer verstaut ist, wird die Wohnungstür aufgeschlossen.
» Wir haben einen Baum!“, ruft sie Angelo entgegen. Seine rote Nase zeigt an, wie die Kälte draußen wirkt. Sie nimmt seine Hand und führt ihn ins Wohnzimmer.
» Ist der Baum schön, was meinst du? « Der ganze Raum duftet nach Tannengrün.
» Ja, besonders seine ebenmäßige Form und die weichen Nadeln gefallen mir. Hast du Kerzen und Kugeln? « Der Christbaumschmuck ihrer Großmutter liegt seit Jahren irgendwo im Keller vergraben. » Schon, aber ........«
» Ich gehe ihn suchen!“, meint er und eilt aus dem Zimmer. Sie wendet sich wieder ihrem Esstisch zu. Aus dem Wohnzimmerschrank holt Milena das "gute" Tafelgeschirr ihrer Großmutter heraus. Jemand kommt ächzend und stöhnend zur Tür herein. Sie lacht, als sie Angelo mit Spinnweben im Haar und mit Kartons beladen ins Wohnzimmer gehen sieht.
Eine Stunde und dreißig Minuten später strahlt auch ihr Baum in festlichem Glanz. Vor der großen Scheibe zur Straße leuchtet er auch für andere, wenn sie zu ihr in die Wohnung hoch sehen.
» Er ist wunderschön! « Sie kann ihren Blick nicht von den rotglänzenden Kugeln wenden. » Weißt du wie alt dieser Schmuck ist? « Sie greift nach seiner Hand. Es scheint ihr plötzlich alles so vertraut, als wäre es nie anders gewesen.
» Sechzig Jahre?“, schätzt Angelo mit sichtlicher Freude. Emilie genießt den Anblick des Baumes, an dem sie gerade mitwirkte und lässt Tränen der Freude erkennen. Hermann sitzt im Sessel und ist überwältigt. Er, der frisch gebadet und rasiert ein ganz anderer Mann zu sein scheint, strahlt den tiefen inneren Drang nach Harmonie aus. Milena denkt nach, mein Engel sagte doch sechs Personen werden wir sein, im Moment sind wir nur zu viert. Schon jetzt empfinde ich himmlische Freude, es kann nur noch gesteigert werden, weil unsere Begeisterung sehr ansteckend ist.
» Ich bin gespannt, was du mir als nächstes zaubern wirst, Angelo! «
» Abwarten! «
Draußen ist es dunkel und es schneit auch wieder. Die klirrende Kälte mit ihren tanzenden Schneeflocken hebt drinnen die romantische Stimmung.
» Ich sehe mal nach unserem Braten! « Schon während Angelo es ankündigt, setzt er sich in Bewegung.
» Vielen Dank für den wunderschönen Baum, Hermann. « Milena umarmt ihren Besucher mit Herzlichkeit.
» Als dein Freund mich heute in meiner Behausung besuchte und mich fragte, ob ich zum Essen kommen wolle, da dachte ich, will mich dieser Mensch auf den Arm nehmen, aber er war so beharrlich, da habe ich ihm schließlich doch geglaubt. « Seine Augen leuchten und jeder kann erkennen, wenn er nur mal genau hinsieht, dass Hermann tief im Herzen ein lieber Mensch ist.
» Wie lange lebst du schon so?“, fragt Milena aus Neugierde, aber auch um wahres Verständnis zu gewinnen.
» Zu lange!“, sagt er und wischt sich mit dem Ärmel über das Gesicht. » Die andere Seite des Lebens, die kann eigentlich niemand wirklich verstehen, weil man es selbst erfahren, ausleben muss. Die unterschiedlichsten Gründe sind mir zu Ohren gekommen in den Jahren auf der Straße von anderen, die sich wie ich entschieden haben. « Hermann senkt seinen Kopf, er ist nicht traurig darüber, aber doch nachdenklich gestimmt. » Um es in Erfahrung zu bringen, Hermann, muss man doch nicht ein ganzes Leben lang so verbringen, oder? « Milena sträubt sich innerlich dagegen, es will ihr nicht in den Kopf, dass es keinen Weg zurück geben soll.
» Dieser Weg hat eine Reichweite, Milena, bei der sogar Flugzeuge blass werden vor Neid. Überlege mal! Du stehst vor einem Wald und es ist schon düster. Um dich herum stehen Freunde und Verwandte, alle kennen sie den Wald, aber keiner von ihnen ist jemals hinein- oder gar durchgegangen. Du willst es endlich wissen, doch dein Handeln wird von Warnungen blockiert. Ist dir jetzt schon klar, dass in dir eine enorme Entwicklung stattfinden muss, um den Weg zu ermöglichen? « Er sieht sie an, ihre Augen schauen irritiert, ein klarer Blick fehlt. » Das verstehe ich jetzt nicht so ganz, Hermann!“, sagt Milena. Macht es heute Sinn, denkt er sich heimlich, ihr noch genauer zu erklären, welchen Weg er geht. Doch dann sieht er ihr wieder in die Augen und erkennt, dass sie unbedingt auf Antwort wartet.
,, Der Weg in den Wald bedeutet, dass du dich von den Strukturen deiner Umgebung befreien musst. Sie werden dich nicht mehr begleiten, weil es nicht ihr Weg ist, aber sie werden dich verurteilen, weil du anders geworden bist. Sie haben jetzt Angst bekommen, da sie fürchten, dass du weiter kommst als sie und vielleicht sogar mehr bedeutest. Damit ihre Haltung im Leben eine Rechtfertigung und Bestätigung bekommt, versammeln sie sich, am liebsten in der Kirche. Dort erfahren sie ja, was richtig und was falsch ist. Die Kirchenoberen erzählen ihnen wie sie sich zu verhalten haben. Danach gehen sie auf die Straße und zeigen mit den Fingern nach uns oder lassen ihre Wut an uns aus. «
Milena wird nachdenklich, nicht traurig, aber doch tiefsinnig. » Und doch gehst du in den Wald! « Ein Ausruf, den Hermann sehr gut verstehen kann. »Ja, weil es mein Weg ist! «
Sie legt ihren Arm um seine Schulter. » Schön, dass du heute abend hier bist, Hermann. Und Angelo ist ein Engel, weil er dich hergebracht hat!“
Milenas Stimme klingt recht feierlich, als sie verkündet: » Die Gans ist so gut wie fertig. Ich lasse jetzt die Knödel zu Wasser. « Sie klatscht gutgelaunt in die Hände. » Etwa noch dreißig Minuten, dann können wir schon essen. «
Hermann steht auf und sieht ihr zu, wie sie die Knödel formt. Wie ein Zirkusjongleur, läßt sie die kleinen Kugeln von einer Hand in die andere hüpfen.
» Milena, in dir steckt eine Künstlerin! « Milena strahlt.
Es klingelt. Angelo geht zur Tür und öffnet.
» Hallo, hier sind wir nun! «
» Alles okay? «
Ein großer Blumenstrauß wird als erstes sichtbar in der Hand einer netten und bekannten Frau, dahinter ein blondes junges Mädchen an ihrer anderen Hand. Die junge Kassiererin und ihre Tochter, die ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten sieht, kommen mit froher Stimmung herein.
Angelo begrüßt sie herzlich. Dann kommt auch Milena dazu und erkennt mit Erstaunen, dass auch dieser Gast eine einsame Seele ist. » Was für eine Überraschung! «
» Der ist für dich!“, flüstert die Kleine und deutet auf den Blumenstrauß.
» So ein großer Blumenstrauß ganz für mich allein? « Milena geht in die Hocke, um auf gleicher Höhe mit ihr zu sein. « Der ist aber toll! Hast du den selbst gepflückt? « Die Kleine kichert: » Nein! Jetzt kann man doch keine Blumen pflücken! « Milena gibt zu: ,, Wie konnte ich nur so dumm fragen! Wie heißt du denn? « » Julia! « Beim Ausruf ihres Namens strahlen ihre blauen Augen. » Weißt du, Julia, die Blumen sehen so frisch aus und lebendig, dass ich dachte, du hättest sie sogar im Winter gepflückt. « Darüber staunt die Kleine. » Du bist ja wirklich lieb! «
» Vielen Dank für die herrlichen Blumen!“, sagt Milena, als beide Jacken und Schals ablegen. » Die müssen ein Vermögen gekostet haben. «
» Die Freude über die überraschende Einladung ist tausendmal mehr wert, als so ein Blumenstrauß je kosten kann. « » Mama, du hast noch gar nicht deinen Namen verraten. « Jetzt ist auch die Mutter betroffen, weil ihre kleine Julia sie rüffelte. » Natürlich, mein Name ist Christine, und hallo, alle zusammen! «
Kaum hat Milena sich und auch Hermann mit Emilie vorgestellt, sagt Angelo plötzlich: » Ich glaube, ich habe das Christkind gehört. « Als die Wohnzimmertür aufschwingt, macht er eine einladende Geste.
Der Christbaum erstrahlt in heller Pracht und darunter verstreut liegen viele kleine, bunt verpackte Geschenke.
» Toll, wow, Mama! « Julia ist begeistert. » Ist auch eins für mich dabei?“, fragt sie ganz ungeniert. Angelo streckt ihr seine Hand entgegen. Julia geht zu ihm hin. Er hebt sie hoch und meint: » Natürlich, ganz und gar auch für dich, kleine Julia. Du kennst doch das Kribbeln im Bauch, oder? « » Meinst du die tausend Ameisen in mir? « Alle lachen, weil sie so fröhlich und offenherzig ist. » Ja, die meine ich! Aber Julia, wir haben zuerst unser Menü, eine Weihnachtsgans. Dein und auch unser Bauch brauchen Nahrung, damit wir gestärkt die Freude beim Auspacken genießen können. Deshalb werden wir erstmal gemeinsam essen.“
» Komm, wir schauen mal nach unserer Gans!“, fordert Milena Julia auf.
Milena legt die Küchenschürze an und schiebt Hermann zum Topf mit den fertigen Knödeln. Milena und Julia holen gemeinsam ein großes Messer und die extra lange mit zwei Zinken versehene Gabel hervor, dazu ein rundes aus Kunststoff gefertigtes Brett zum Zerlegen des Bratens. Angelo und Emilie ziehen behutsam den zehnpfündigen Braten aus dem Backofen und heben ihn zu Milena hoch.
Milena und Julia, sie steht inzwischen auf einem Hocker, machen sich ans Aufteilen. Dieser Engel hat das alles organisiert, ohne ihr auch nur ein Wort davon zu sagen, denkt Milena gerade. Wie schön kann Weihnachten unter erwartungslosen Menschen sein.
Milena spricht ein Gebet: » Der Tisch ist festlich gedeckt, und doch, der Prunk hat hier keinen Einzug erhalten, weil alles improvisiert ist. Es ist Weihnachten, der Tradition unserer Ahnen gemäß und der gegenwärtigen Gesellschaft mit ihren üblichen Vorstellungen. Wir gedenken aller Menschen, unserer Vorfahren, unserer Eltern und auch unserer Freunde, Bekannten und Verwandten, ganz bewusst jetzt, weil wir sonst nur wenig Zeit dazu finden. Wir denken an unseren Planeten und an unsere Sonne, alle zusammen machen die Natur zu unserem Leben, an alle Engel mit Jesus und an unseren Schöpfer, weil unser Gott sich so erfreut an unseren Freuden, wie wir an seinem Himmel. Zum Schluß ein besonderer Dank an die Gans, weil ihr Tod unser Leben sichert. Eines Tages, der schon bald kommen mag, liebe Gans, werden wir Menschen uns mit dir lebend erfreuen, das will ich dir versprechen. Amen « Das Mahl wird langsam bei leichter Unterhaltung verspeist, sogar Julia plaudert und isst mit Begeisterung mit. Ihr Kribbeln im Bauch wegen der Geschenke hat sie einstweilen vergessen. Eine liebe und herzliche Runde sitzt versammelt, um in Eintracht Weihnachten zu feiern.
» Alles in Ordnung, Hermann?“, fragt Milena beim Auspacken, weil er neue Winterstiefel von Angelo geschenkt bekommt. Sie legt einen Arm um seine Schulter. Er nickt und räuspert die Verlegenheit aus seiner Stimme. » Danke, Angelo!“, sagt er leise. Sie sieht hoch und bemerkt Angelos Blick, als er mit einem weiteren Päckchen in der Hand etwas abseits steht. Sie steigt über Schachteln und Papier und steuert auf ihn zu.
» Für dich, Milena! «
» Oh, lieben Dank, Angelo! « Milena umarmt ihren Engel und schenkt ihm einen kleine Kuss auf die Lippen.
» Aufmachen!“, bittet er sie. Milena entfernt die Schleife und den Klebestreifen. Es ist die Spieluhr, die sie am Morgen in dem kleinen Laden entdeckt hatte. Sie dreht die winzige Schraube und wieder setzen sich die Holzpferdchen in Bewegung, die Räder der Lokomotive und des Feuerwehrautos drehen sich. Das Kinderlied erklingt und wieder fühlt sich Milena ganz klein, als ob gerade ihre Oma anwesend sei.
» Dafür hast du wohl dein ganzes Gefühl aufgebracht!“, sagt sie und hält die Tränen nicht mehr zurück. Sie schlingt die Arme um seinen Hals und drückt ihn ganz fest. Für einen Moment glaubt sie, etwas würde sie sanft hochheben und davontragen. Sie spürt eine nie gekannte Ruhe in sich, fühlt sich gewärmt und geborgen. Erst allmählich dringen die Stimmen im Wohnzimmer wieder zu ihr durch. Sie löste die Arme von ihm, die Spieluhr an sich gedrückt.
» Frohe Weihnachten, Milena! «
» Für dich auch! « Er legt einen Arm um ihre Schulter und sie sehen den anderen zu, die sich gegenseitig ihre Geschenke vorführen. Hermann marschiert in den neuen Winterstiefeln an ihnen vorbei, wie ein Dressman auf dem Laufsteg. Milena besprüht Christine mit ihrem neuen Parfúm und Julia sitzt ganz versunken vor ihrer neuen Puppe und kämmt das lange Haar.
» Wartet, bitte! « Milena eilt plötzlich in ihr Schlafzimmer und holt ihre Kamera mit Stativ. » Nicht von der Stelle rühren! Ich bin gleich wieder zurück! « Sie saust über Papierberge und Schleifen aus dem Zimmer. Als sie wieder zurück kommt, stehen alle ganz gespannt da. Schnell platziert sie ihr Stativ und stellt die Kamera auf automatisches Auslösen. Zum ewigen Gedenken, an eine wirkliche frohe Gesellschaft. Sie lachen alle und zeigen tiefen Dank.
Milena verpackt den Schal, den ihre Oma zuletzt noch strickte, für Angelo. Wohlwissend, dass ein Engel nicht friert. Doch, denkt sie sich, wie steht er denn da, so ohne Geschenk. Und eine Überraschung soll es auch für ihn geben, neben unseren Dank. » Angelo, dein Geschenk ist noch verpackt! « Er sieht es sich an und freut sich. Gleich macht er sich ans Auspacken und hebt den Schal hoch. » Damit du dich nicht erkältest, wenn du wieder einmal hinter mir her flitzen musst“, sagt Milena ganz aufgeregt zu ihm. Er küsst sie jetzt auch.
» Kaffee kochen ist das einzige, was ich einigermaßen beherrsche“, sagt Hermann und setzt sich in Bewegung. Die kleine Julia ist unter dem Christbaum eingeschlafen. Christine legt sie in Milenas Bett und deckt sie zu. Ihre kleine Puppe hat sie selbst im Schlaf nicht losgelassen. Emilie hilft ihrem neuen Freund Hermann beim Kaffee aufbrühen und deckt auch gleich die Tassen auf. Das Geschirr von vorhin hat sie mit Christine bereits abgespült. Milena zieht die leckeren Lebkuchen aus dem Schrank heraus, Plätzchen und sogar eine Kreation von „gesunder Nascherei“, wie Angelo es immer betont. Sie sitzen bis in die ersten Morgenstunden gemütlich beisammen. Dann nimmt Emilie Hermann mit zu sich nach Hause, weil er von jetzt an bei ihr wohnen soll. So sind beide nicht mehr allein und können sich gegenseitig helfen. Christine schläft bei Milena neben ihrer Tochter.
» Es wird Zeit für mich, Milena! «
» Geh noch nicht, Angelo!“, fleht sie ihn an. » Ich weiß gar nicht, was ich ohne dich machen soll. « Er nimmt ihre Hände und schaut sie mit einem tiefen Blick an.
» Ich bin doch da! Ich bin immer da, auch wenn du mich nicht siehst. « Sie weint. Ihr ist klar geworden, dass die Zeit für ihn drängt. Angelo kümmert sich um viele andere Menschen auch noch.
» Danke für alles!“, sagt sie, als die Tränen langsam versiegen. » Wann sehe ich dich wieder? «
» Wart's ab! « Er lässt sie los. Seine Stimme verhallt im Raum. Dann ist er fort.
Draußen deckt der Schnee die Häuser und Straßen zu mit seiner weißen Pracht. Alles ist ruhig und friedlich. Aus dem Wohnzimmer dringt Musik. Eine wehmütige Stimmung macht sich in ihr breit. Sie fühlt sich ganz plötzlich wieder allein. Doch dann wird ihr bewusst, durch ihn hat sie neue Freunde gewonnen. Die Basis für wahre Freundschaft ist gelegt. Jeder darf so sein, wie er sich von Natur aus fühlt und niemand zwingt den anderen vom Weg durch den Wald zurück, sondern unterstützt ihn auf seiner Reise. Angelo ist ein wahrer Engel.
,,Ja“, erklingt seine Stimme nochmals in ihren Gedanken.
Frohe Weihnachten !


Autor: Manfred Mayr

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.03.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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