Er steht am Rande der Klippe, nur wenige Schritte vom Haus entfernt. Von ihrem gemeinsamen Haus. Doch seit zwei Jahren wohnt er allein darin. Sie musste ihn verlassen. Es ging nicht anders.
Er steht oft hier, eigentlich immer, und denkt an ihre gemeinsame Zeit zurück. An diese Zeit, die er nie vergessen wird. Er würde alles dafür geben, wenn sie zurückkäme. Die Zeit und sein Mädchen.
Aber, wie gesagt, sie musste gehen.
Unter ihm rauscht das Meer. Er starrt an den Horizont. Irgendwo hinter dem Ozean wartet sie. Auf was auch immer. Vielleicht dachte sie an ihn. Vielleicht hatte sie auch längst schon jemand anderen gefunden.
Dabei hatten sie sich doch ewige Liebe geschworen. Nichts konnte sie auseinander bringen. Auch nicht das Meer, das sie nun voneinander trennt.
Aber was bedeutet schon ein Schwur? Die Leute in der Stadt redeten damals über die Beiden.
‘Was könnt ihr in eurem Alter schon von wahrer Liebe wissen?’ fragten sie spöttisch.
Doch die Zwei waren sich sicher. Sie waren damals fünfzehn Jahre. Er einen Monat älter als sie. Sie kannten sich schon lange, seit sie Kleinkinder waren. Sie waren die besten Freunde. Bis daraus mehr wurde. Als er seinen vierzehnten Geburtstag feierte, wurde alles anders. Seit diesem Tag waren sie richtig zusammen. Ein und ein halbes Jahr hielt das, bis sie weg musste.
Warum? Sie gab ihm keine Antwort.
‘Du musst es akzeptieren’, sagte sie.
‘So ist der Lauf der Dinge. Menschen finden sich und trennen sich wieder. Etwas entsteht und vergeht. Nichts bleibt ewig.’
Nach einer Pause fügte sie hinzu:
‘Aber das kann uns nicht trennen. Wenn ich eines Tages wiederkomme, bist du da und wartest auf mich und ich werde dir entgegen gelaufen kommen. Dann sind wir wieder vereint. Für immer!’
Dabei sah sie ihn an und lächelte ihr warmes herzliches Lächeln, das ihm das Herz aufgehen ließ und ihn tief in der Seele beruhigte.
Er hoffte. Aber doch war er skeptisch.
‘Dann lass uns unsere letzte gemeinsame Nacht nicht verschwenden’, flüsterte er.
‘Lass mich dich spüren. Wir wollen uns ganz nah sein!’
Ja, auch Kinder, die von ihrem körperlichen Alter her noch nicht so weit scheinen, können doch geistig schon reifer sein als andere, die mehr als doppelt so alt sind.
Sehr früh am nächsten Morgen gingen sie gemeinsam zur Klippe.
‘Wenn du hier ohne mich stehen wirst’, sagte sie, ‘dann denk an mich und merke dir: Ich werde hinter dem Meer darauf vertrauen, dass du auf mich wartest.’
Sie drehte sich zu ihm und sah in seine Augen. Dann küssten sie sich ein letztes Mal.
‘Ich verstehe es nicht und doch erklärst du’s mir nicht.’
‘Ich werde dich sehr vermissen!’ sagte sie kaum hörbar.
Damit ließ sie seine Hand los und verschwand im aufkommenden Schein der Morgendämmerung. Er sah ihr nach. Noch lange, nachdem sie nicht mehr zu sehen war, schaute er in diese Richtung. Doch irgendwann, nach einer unendlichen oder vielleicht auch kurzen Zeitspanne, ging er zurück ins Haus.
Jetzt steht er hier und wartet. Die Sonne scheint warm, obwohl sie sich hinter einer leichten Wolkendecke verbirgt.
Da kommt sein Täubchen angeflogen. Er streckt seinen Arm aus und zutraulich lässt es sich darauf nieder.
‘Hast du sie getroffen?’ fragt er.
‘Hast du ihr den Brief übergeben?’
Das Täubchen schaut ihn unschuldig aus seinen schwarzen Knopfäugelchen an und gurrt. Dann fliegt es weiter.
Mutlos senkt er den Kopf und sieht auf das blaue Meer, das unter ihm gegen die Klippe klatscht und Schaumkronen Zutage bringt.
Plötzlich überkommt ihn eine leise Wut.
‘Gib mir meine Liebste zurück!’ flüstert er.
Tränen steigen ihm in die Augen. Wind kommt auf und umspielt sein langes welliges Haar, das ihm bis zur Taille reicht. Er wickelt sein Band vom Handgelenk und bindet sich sein Haar zu einem Zopf.
Das Band ist von ihr. Sie hatte es ihm zum Abschied gegeben. Es hatte zu ihrem Kleid gehört.
Er legt den Kopf in den Nacken und schließt die Augen.
‘Hier bin ich!’ ruft plötzlich eine leise Stimme. Sie kommt ihm sehr bekannt vor.
‘Das Meer spielt mir einen Streich’, denkt er.
‘Hier!’ erklingt abermals die Stimme.
‘Dreh dich um!’
Erschrocken öffnet er seine Augen und dreht sehr langsam seinen Kopf.
Mit offenem Mund starrt er das Mädchen an. Sie hat sich kaum verändert.
Eine Zeit lang stehen sie unbeweglich da, sie lächelt ihm zu, doch er kann nicht glauben, was er sieht. Dann bewegen sich seine Beine und er geht langsam auf sie zu, bis ihre Nasenspitzen sich fast berühren. Er hebt seine Hand und streichelt ihr zärtlich über die Wange, als wolle er spüren, dass sie wirklich aus Fleisch und Blut vor ihm steht.
‘Du bist wieder da!’ flüstert er.
Die Welt, die Zeit scheint still zu stehen während ihre Augen die Gefühle für den anderen verraten; während sie nach einer langen Trennung Botschaften austauschen, ohne Worte.
Doch dann bricht sie den Augenblick, der sie wie in einer Seifenblase gefangen hielt. Sie hebt ihre Arme, schlingt sie um seinen Nacken und zieht ihn sacht an sich. Er tut es ihr nach, berührt seine Hände hinter ihrem Rücken und drückt sie fest an seinen Leib.
Es ist unfassbar! Nach einer Ewigkeit kann er seine Geliebte endlich wieder in den Armen halten.
So bleiben sie einige Zeit; keiner sagt ein Wort und eine neue Seifenblase bildet sich um die beiden Liebenden herum. Eine Blase aus Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen.
Da fällt ihm sein Täubchen ein.
‘War es… bei dir?’ fragt er stockend.
‘Hast du die Nachricht bekommen?’
‘Komm mit!’ sagt sie nur.
‘Ich möchte dir jemanden vorstellen.’
Sie löst sich behutsam aus der Umarmung und nimmt seine Hand, wie damals, in der Vergangenheit, die sich nun in die Gegenwart verwandelt.
Sie schreiten auf ihr gemeinsames Haus zu, gelangen über die Veranda ins Innere, das hell und freundlich strahlt, und steigen die Stufen zum Schlafzimmer hinauf.
Vor der Tür bleibt er plötzlich stehen.
‘Was ist?’ fragt sie verwundert und sieht ihn an.
‘Wann warst du hier?’ will er wissen.
Sie lächelt nur. Dann öffnet sie die Tür und tritt in das kleine Zimmerchen, in welches gedämpftes, orangenes Licht flutet, da sie die Vorhänge vor das Fenster gezogen hatte.
In der Kammer befindet sich ein Schrank, daneben ein Bett. Links von der Tür steht ein kleines Tischchen mit einem Stuhl davor.
Aber wer liegt im Bett?
‘Wer… wer ist das?’ fragt er leise, um das schlafende Baby nicht aufzuwecken.
‘Ist er nicht süß?’
‘Aber wer ist es?’ Fragend sieht er sie an.
Ihr Blick ruht auf dem Kind.
‘Er ist das sichtbare, lebendige Zeichen unserer Liebe’, antwortet sie ihm, wie immer lächelnd.
Der Junge schluckt.
‘Was meinst du?’ fragt er. Aber sie weiß, dass er es nicht tut, um die Antwort zu hören, denn er weiß, was sie meint.
‘Aber… wie kann das sein? Wir waren zwei Jahre getrennt! Oder… hast du…’
Er spricht den Satz nicht zu Ende.
Sie schlägt die Augen nieder.
‘Du denkst, er ist von einem anderen?’ Ihre Stimme klingt traurig.
‘Warum? Haben wir uns damals, als ich ging, nicht etwas geschworen? Weißt du es etwa nicht mehr?’ Flehend sieht sie ihn an.
‘Ich war dir immer treu’, sagt sie fast schon verzweifelt.
‘Glaubst du mir?’
Er nickt langsam. Noch immer sieht er auf das Kind, denn er wagt es nicht, sie anzusehen. Wie könnte er auch? Jetzt, da er weiß, dass er für sie der Einzige ist.
Er hat ein schlechtes Gewissen; was soll er tun? Es ihr sagen?
‘Du nicht, habe ich Recht?’ sagt sie da auf einmal.
‘Ich sehe es dir an.’
Wieder nickt er, es tut ihm sehr weh.
‘Und nun?’ fragt er leise.
‘Wer war sie?’ Es klingt nicht anklagend. Nur traurig.
‘Ich… ich kann nichts dafür!’ stammelt er und versucht, sich zu verteidigen.
‘Du weißt, wie sie ist! Sie hat sich nicht geändert und wird auch immer so bleiben!’
‘Wann?’
‘Vor einem Jahr. Als ich schon ein Jahr ohne dich hier lebte.’
Er macht eine kurze Pause.
‘Sie wollte mich nur besuchen, sagte sie. Ich traute ihr nicht. Ich wusste, worauf sie es abgesehen hatte. Aber ich konnte nichts dagegen tun. Es ist einfach passiert! Ohne das ich es wollte!’
Plötzlich dreht er sich zu seinem Mädchen um.
‘Bitte, du musst mir glauben!’ In seinem Blick liegt etwas flehendes, und auch etwas, das sagt: Verzeih mir!
‘Ich glaube dir!’ sagt sie leise und sieht ihm fest in die Augen, die sich mit Tränen füllen. Als er blinzelt, laufen sie ihm über die Wangen hinab.
Noch immer stehen sie da und sehen sich an. Aber dann geht sie langsam hinaus und lässt ihn allein mit seinem Sohn, der friedlich schläft.
Als ihr Freund nach einer Weile zu ihr kommt, sitzt sie auf der Wiese unter dem Kirschbaum und weint.
Er setzt sich neben sie und nimmt sie in die Arme. Lange sitzen sie so da.
Sein Täubchen kommt, lässt sich auf einem Ast des Baumes nieder und gurrt.
‘Wie ist deine Antwort?’ fragt er leise, obwohl er Angst hat, sie zu hören.
Sie hat sich beruhigt. Ihr Kopf lehnt an seiner Brust, ihre Augen sind geschlossen.
‘Ja, ich will!’ sagt sie.