Melissa Behring

Die Brücke

 

Die Brücke


Es ist ein Tag im März. Zwischen den Wolken blinzelt die Sonne hindurch. Am ersten Frühlingstag ist es recht warm. Ich bin zu warm angezogen, mit Rollkragenpullover und dicker Winterjacke. Ich schwitze, obwohl ich friere. Ich bin nervös. Noch sitze ich in meinem Auto und rauche eine Zigarette. Gleich werde ich meine Freundin und ihre beiden Kinder abholen. Wir wollen nach Untereschbach fahren, das gehört zu Overath. Dort gibt es eine Brücke, die ich mir ansehen möchte. Ich habe nicht den Mut, allein hinzufahren. Deshalb hat sie angeboten, mitzufahren.

Ich hole sie ab und wir steigen ins Auto. Meine Beine zittern. Ich habe schon seit gestern überlegt, ob ich es wirklich wagen soll. Vielleicht ist es ein Fehler, einfach noch zu früh, mich dem auszusetzen. Aber vielleicht hilft es mir auch, damit fertig zu werden. Fertig zu werden mit der Tragödie, die sich vor 17 Jahren an dieser Brücke abgespielt hat. Ich bin unsicher. Die Tatsache, dass meine Freundin bei mir ist, hilft mir, den schwierigen Weg anzutreten. Den Kindern habe ich erzählt, dass wir einen kleinen Spaziergang im Wald machen. Sie freuen sich darauf. Sie sind noch zu klein, um die Wahrheit zu erfahren.


Als wir losfahren, werde ich erst richtig nervös. Ich beginne daran zu zweifeln, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich muss da jetzt durch. Die Fahrt dauert nicht lang. Etwa eine halbe Stunde, hauptsächlich über die Autobahn. Ich sehe, wie die Bäume und Autos an mir vorbeirauschen. Aber ich nehme sie nicht richtig wahr. In Gedanken bin ich schon dort. Ich wünschte, ich hätte es bereits hinter mir.

Als wir die Autobahn verlassen, spüre ich einen Druck in der Magengegend. Ich brauche eine Zigarette. Dann beruhigen sich meine Nerven. Aber es sitzen Kinder im Auto, deshalb warte ich noch. Ich finde nicht auf Anhieb den richtigen Weg. Es ist schon Jahre her, seit ich das letzte Mal hier war. Ich verfahre mich einmal, biege zu früh ab. Dann finde ich die richtige Straße. Die Nervosität steigt immer weiter. Als ich endlich einen Parkplatz gefunden habe, und alle ausgestiegen sind, zünde ich mir erst mal eine Zigarette an. Der warme Rauch füllt meine Lungen, meinen Hals. Ich merke, wie das Nikotin meinem Gehirn den Sauerstoff entzieht. Aber es tut gut. Ich konzentriere mich völlig auf das Gefühl, versuche, die Nerven zu bewahren.


Wir laufen über einen kleinen Weg durch den Wald. Der Weg ist eine Sackgasse, am Ende befindet sich ein Zaun. Ich sehe mich um. Am Ende des kleinen, nicht sehr steilen Abhangs, direkt neben mir, verläuft ein anderer kleiner Weg. Ich lasse den Blick entlang gleiten. Dann sehe ich sie. Die kleine Brücke am Ende des Weges. Ich weise meine Freundin an, dass wir hier runter gehen müssen. Eine Schliddertour beginnt, denn das Laub ist nass, der Boden teilweise matschig. Aber wir kommen den Abhang ohne größere Schwierigkeiten herunter. Ich bereue, dass ich meine Lieblingshose und die schwarzen Wildlederschuhe angezogen habe. Hoffentlich krieg ich die wieder sauber. Gedanken, die mich von meinen tatsächlichen Gefühlen ablenken. Als ich als Letzte den Abhang überwunden habe, zittern meine Beine noch mehr, als vorher im Auto. Die Zigarette ist abgebrannt, ich schmeiße sie weg und trete sie aus. Die Kinder sind schon auf der Brücke. Sie laufen um die Wette. Als ich den ersten Fuß auf die Brücke setze, beschleicht mich ein beklemmendes Gefühl. Mein Herz rast, ich schwitze. Ich bin nicht schwindelfrei. Die Brücke ist weit über einer Autobahn, verläuft in einer leichten Kurve, die recht steil herabfällt. Am Ende sehe ich einen kleinen Weg, der wieder in einen Wald hineinführt. Ich laufe in der Mitte der Brücke, in der Hoffnung, dass mir nicht schwindelig wird. Es funktioniert. Ich riskiere einen Blick nach links und einen nach rechts. Die Autos rasen unter uns durch. Es ist so laut, dass man seine eigenen Worte kaum hören kann. Meine Freundin nimmt mich bei der Hand, zwingt mich, stehenzubleiben, will, dass ich mich umsehe. Ich will weiter gehen, in meinem Inneren tobt die blanke Panik. Ich will hier weg, will nichts mehr sehen, nichts mehr hören. Aber als ich zum stehen komme, versteifen sich meine Beine. Ich blicke auf den Verkehr, Bilder schießen durch meinen Kopf. Meine Freundin sagt etwas zu mir, ich antworte, aber ich registriere nicht, worum es geht. Meine Gedanken sind weit weg. Sind in der Vergangeheit, 17 Jahre zurück. Damals war ich fünf Jahre alt. Meine Mutter sagte mir, dass ihre Schwester gestorben sei, weil sie krank gewesen war. Dann ein Zeitsprung: Ich bin 17 Jahre alt. Mein Vater knallt mir in einem Streit an den Kopf, dass es Selbstmord gewesen sei, dass sie von einer Brücke gesprungen sei. Der nächste Zeitsprung: Dezember 2004. Meine Mutter erzählt mir, dass es ein Unfall war. Sie hatte vorgehabt zu springen, wollte dann doch zurückklettern. Dann ist sie abgerutscht, gestürzt. Ich erinnere mich an gestern, als meine Mutter mir sagte, an welcher Brücke es passiert ist, dass sie von mehreren Autos überfahren wurde.

Jetzt stehe ich hier, erinnere mich an all die schlimmen Gefühle, die mich seit meinem 5. Lebensjahr immer wieder überfallen. Gefühle, über die ich nie mit jemandem sprechen konnte. Ich sehe ihr Bild vor mir, sehe, wie sie über das Geländer klettert, abrutscht, in die Tiefe stürzt. Es sind bestimmt 20 Meter. Ich überwinde mich, ans Geländer zu treten und kurz hinunter zu sehen. Ich sehe, wie sie unten aufschlägt, wie die Autos über sie fahren. Am liebsten würde ich schreien. All meinen Kummer hinausschreien. Aber ich reiße mich zusammen. Ich möchte auf die Kinder Rücksicht nehmen. Sie wissen nicht, was sich hier vor so langer Zeit abgespielt hat. Also schlucke ich die Schreie hinunter, unterdrücke die Tränen. Meine Freundin fragt mich, wie es mir geht. Ich antworte mit einem kurzen „Ganz gut.“ Dann ziehe ich sie weiter. Ich will hier weg. Einfach nur weg. Ich habe das Gefühl, als wäre ich damals dabei gewesen. Es tut so weh. Der Schmerz der letzten Jahre holt mich ein, schnürt mir die Luft ab. Ich habe einen Kloß im Hals, mein Magen schmerzt. Je näher das Ende der Brücke rückt, desto schneller laufe ich. Ich will wieder festen Boden unter den Füßen haben, will diesen Ort verlassen.

Als ich auf dem Waldweg ankomme, zünde ich mir eine neue Zigarette an. Plötzlich wird mir klar, dass ich noch einmal über diese Brücke gehen muss. Das Auto steht auf der anderen Seite. Mir wird wieder schlecht. Ich zwinge mich, weiter zu gehen, zwinge mich, meine Gefühle runter zu schlucken, den Tränen und den Schreien keine Chance zu geben.


Wir gehen den kleinen Weg bis zum Ende. An einer kleinen Böschung gehen wir runter an den kleinen Fluss, der sich schlängelnd und rauschend seinen Weg durch den Wald bahnt, beobachte das Wasser, das sich sprudelnd an den Steinen vorbeidrängt. Es gefällt mir hier. Die Stille, das Zwitschern der Vögel. Ich habe die Geräusche der fahrenden Autos auf der Autobahn völlig ausgeblendet. Ich konzentriere mich auf meine nächste Zigarette. Plötzlich bin ich müde. Ich fühle mich so kraftlos. Ich setze mich auf einen Stein, der im Gras lieg, und beginne zu begreifen, dass es ein Fehler war, hier her zu kommen. Es ist noch zu früh, ich bin noch nicht so weit. Aber jetzt ist es zu spät. Und gleich muss ich wieder an diesem Horror-Szenario vorbei. Aber ich habe keine Angst mehr davor. Ich bin ganz ruhig.

Langsam beginnt es zu dämmern. Wir beschließen, zum Auto zurück zu gehen. Ich möchte noch zum Friedhof fahren, ein paar Straßen weiter.


Als wir zum zweiten Mal über die Brücke gehen, bin ich völlig ruhig. Ich habe keine Angst vor der Höhe, keine Angst vor den Bildern. Sie sind verschwunden. Ich weiß auch warum. Ich habe mich völlig abgekapselt, gebe meinen Gefühlen keine Chance. Das mache ich immer, wenn ich nicht weiß, wie ich mit ihnen umgehen soll.

Wir sind schnell wieder am Auto. Mein Pullover ist völlig durchgeschwitzt, die Beine zittern noch immer. Ich habe Kopfschmerzen, trotzdem rauche ich eine neue Zigarette.

Als alle im Auto sitzen, fällt die Anspannung etwas von mir ab. Ich überlege, ob es klug ist, jetzt zum Friedhof zu fahren. Ich entschließe mich, hinzufahren. Zum einen, weil ich sehen möchte, ob die Kerze noch brennt, die ich gestern angezündet habe. Zum anderen, weil ich meine Freundin mehr an meinem Leben teilnehmen lassen möchte. Für mich gibt es nichts persönlicheres, als diesen Besuch hier in Untereschbach.


27.03.2006

 
© Melissa Behring

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.03.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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