Verena D.

Tribute to Joschi

"Zieh bitte eine Jacke an, Schatz!" Das waren die Worte, mit denen meine Mutter mich verabschiedete, als ich wie jeden Morgen zur Schule aufbrach. Doch heute war etwas anders. Ich hätte damals nicht erklären können, was es war, aber es kam mir vor, als läge eine Spannung in der Luft. Ich fühlte, das etwas passieren würde und dieser Gedanke bereitete mir Unbehagen. Ich ging zur Bushaltestelle. Es war ein kühler, frischer Morgen und die Luft war feucht. Ein kalter Wind pfiff mir um die Ohren und wehte die letzten Blätter von den Bäumen. Es war früh kalt geworden dieses Jahr.
Das Ruckeln des Buses machte es unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich starrte ihn an, wie er auf seinem Sitz saß und den Kopf im Rhythmus der Musik bewegte, die aus seinen Kopfhörern dudelte. Er hatte seine schwarze Mütze tief ins Gesicht gezogen. Seine störrischen halblangen Locken sprangen vereinzelt darunter hervor. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Er beachtete mich nicht.
Ich weiß nicht, wie lange ich ihn schon liebe. Ich weiß nicht, wie lange ich mich schon danach verzehre, in seiner Nähe zu sein. Ich kenne jede Regung seines Gesichts, ich habe seinen Gang studiert, seine Gestik, wie er stolz seinen Kopf trägt, wenn er durch den Schulflur geht. Er versucht stark zu wirken. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die Einzige bin, die weiß, wie schwach er doch in Wirklichkeit ist.
Seine Augen sind leer. Seine Gedanken sind weit weg. Er spielt an etwas in seinem Rucksack. Ich wende meinen Blick ab, sehe zum Fenster hinaus. Der Himmel hat sich verdunkelt. Dicke Regentropfen prasseln ans Fenster.
Im Klassenzimmer setzt er sich an seinen Platz, verschränkt die Arme und lehnt sich zurück. Er starrt an die leere Tafel. Das Klassenzimmer ist voller Menschen, doch ich konzentriere mich völlig auf ihn, versuche seine Gedanken zu erraten, ihn zu verstehen.
Da passiert es: Für den Bruchteil einer Sekunde sieht er mich an. Es ist das erste Mal, dass er mich ansieht. Ich zucke zusammen, denn in diesem Moment weiß ich, dass es auch das letzte Mal sein wird.
Ich schreie, als ich die Waffe in seiner Hand sehe. Ich will nicht mehr aufhören zu schreien. Ich sehe ihn an, wie er die Waffe an seine Schläfe drückt. Ich blicke in seine Augen. Sie schreien ebenfalls. Doch diese Schreie kann niemand hören außer mir.
Ich schreie so laut, dass ich den Knall nicht höre, der das Leben aus seinem Schädel bläst. Ich sehe nur das Blut, das in dicken roten Tropfen an die Wand spritzt. Ich sehe wie seine Augen sich verdrehen, wie er zu Boden sinkt.
Ich schreie immer noch. Ich schreie nicht, weil er tot ist. Ich schreie, weil ich ihm nie sagen konnte, wie sehr ich ihn liebe.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.04.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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