Karl-Heinz Fricke

Erinnerungen an 1944 (Erster Teil)

Erinnerungen an 1944 (Erster Teil)

Der größte Feldherr aller Zeiten hatte beschlossen die Jungen und Mädchen des Jahrganges 1928

als Luftwaffenhelfer und Helferinnen zu den Waffen zu rufen. Noch fast Kinder, gerade 16 Jahre alt. Die Jungen sollten die Flakkanoniere und die Mädchen die Soldaten an den Scheinwerfern ersetzen. Am 1. August 1944 stellte ich mich wie befohlen mit meinem zerschlissenen Koffer in der Luftwaffenkaserne in dem kleinen Ort Broitzem ein, der nur wenige Kilometer von der Stadt Braunschweig entfernt liegt. Eine achtwöchige Ausbildung an 3.8.cm Geschützen stand mir bevor.

Am folgenden Morgen, nachdem alle Einberufenen eingetroffen waren, wurden wir mit den graublauen Uniformen der Luftwaffe eingekleidet, mussten aber am linken Arm eine Hakenkreuz-Binde tragen. Nach dem Antreten auf dem Kasernenhofe wurde wir auf drei Geschütze verteilt, und verwundete Unteroffiziere, die für den Fronteinsatz nicht mehr tauglich waren, waren darauf aus, uns mit allen Schikanen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Jeder bekam seine Rolle zugeteilt, um seiner Aufgabe so gut wie nur möglich gerecht zu werden. Nach einem Augentest drückte man mir einen meterlangen Entfernungsmesser in die Hand, mit dem ich die Höhe feindlicher Bomber ausmachen sollte. Das Geschützeexerzieren wurde zu einem Ritual. Jeder Handgriff musste sitzen, und bis er saß, hatten wir den Kasernenkomplex dutzende Male umlaufen müssen, dass uns in der heißen Augustsonne die Brühe aus dem Hintern lief. Der Dienst war sehr abwechselnd, und obwohl wir die Terrorbomber vom Himmel holen sollten, gab es auch Infanteriedienst mit Gewaltmärschen. Die normalen Kasernen-Schikanen wurden auch an uns angewandt und mit diebischer Freude scheuchte und drillte man uns, dass selbst die Behäbigsten Vater und Mutter daheim vergaßen. Jedesmal wenn Fliegeralarm gegeben wurde, dann mussten wir laut Befehl in den Bunker, um nicht schon vorher dem Heldentod zu begegnen. Die Verpflegung war sehr karg und als es einmal wieder Fliegeralarm gab, beschlossen ein Kamerad und ich nicht in den Bunker zu gehen, sondern in einer anliegenden Obstplantage unseren Hunger an schönen Äpfeln zu stillen, die uns verlockend hinter einer undurchdringlichen Haselstrauchhecke anlächelten. Ein Gewächshaus, das in die Hecke eingebaut worden war, ermöglichte es uns jedoch am selben hinaufzuklettern, um an der anderen Seite in den Garten zu gelangen. Beim Herunterutschen an dem schrägen Betonsims riss ich mir an einer Glasscherbe die linke Innenhand nahe der Maus tief auf, nur wenige Millimeter von der Hauptschlagader entfernt. Eine starke Blutung setzte ein und im Dauerlauf lief ich zur Sanitätsbude, wo mich ein Sanitäter gleich verband. Natürlich musste er einen Report von meinen Angaben machen, und ich erzählte ihm in meiner Einfalt, dass ich nach einem Knall von einem fliegenden Objekt getroffen worden war, dessen Ursache ich nicht kannte. Dienstbeflissen schrieb der Sanitäter alles auf und ich war entlassen. Fast im selben Augenblick erfolgte die Entwarnung. Am Nachmittag wurde ich zum Leutnant befohlen. Mitleidslos schaute er mich an und verlangte zu wissen, ob ich bei meiner Aussage zu bleiben gedächte. Wenn das der Fall wäre, würde ich entweder das Verwundetenabzeichen bekommen oder wegen Selbstverstümmelung zur Verantwortung gezogen werden und vor ein Kriegsgericht kommen. Da ging mit ganz schön die Muffe. Ich änderte dann meine Geschichte, dass ich mit einem scharfen Gegenstand beim Laufen zum Bunker in Berührung gekommen sein musste. Es war mein Glück, dass keine Zeitangabe gemacht worden war. Er schnauzte mich dann an und befahl mir jeden Morgen nach dem Appell zur Wundbehandlung zum Sanitäter zu gehen. Über meine weitere Verwendung würde entschieden. Es war allerdings unmöglich, dass ich an den Geschützen mit meiner verbundenen Hand irgend etwas beisteuern konnte. So sass ich meistens untätig in der Schreibstube oder in der Kleiderkammer herum. Die Heilung nahm sich,nicht gerade zu meinem Leidwesen, Zeit und erst nach drei Wochen wurde mir befohlen wieder am regulären Dienst teilzunehmen. Ausgerechnet war an jenem Morgen eine Infanterieübung mit voller Ausrüstung und Gasmaske vor dem Gesicht angesetzt. Wir wurden über ein Stoppelfeld gejagt und es hieß "Hinlegen" "Auf Marsch Marsch" in mehrfacher Ausführung. Das gefiel meiner zarten Heilhaut an der Hand überhaupt nicht, und sofort schoß das Blut heraus. Der Unteroffizier wurde dafür gerügt, und weitere zehn Tage hatte ich Muße die Kaserne von innen weiter kennenzulernen. Dann endlich, zwei Wochen vor Beendigung der Ausbildung, kam das Reich zu seinem Recht, mich wieder voll in den Klauen zu haben. Man drückte mir erneut das E-Gerät in die Hand. Nach Beendigung meiner "Ausbildung" landete ich in der Flakstellung nur 2 Kilometer von der Kaserne entfernt, die von einem Wiener Leutnant geführt wurde. Nun war es das Leben eines Soldaten und bei Fliegeralarm mussten wir die Geschütze bemannen.

Am15.Oktober l944 um 2:15 Uhr Alarm, Alarm, Alarm. Wir stürzten zu den Flakgeschützen in unserer Stellung, 3 Kilometer von Braunschweig entfernt. Die russischen Hilfswilligen, die Handreichungen machen mussten, zitterten wie Espenlaub. Um harter Gefangenschaft zu entgehen hatten sie sich der Wehrmacht verpflichtet. Trotzdem waren sie nicht frei, und wurden des nachts in ihren Baracken eingeschlossen. Nach einigen Minuten hörten wir das Gedröhn feindlicher Kampfverbände wie schon so oft, und jedesmal flogen sie weiter nach Osten auf Richtung Berlin. Die Entwarnung mussten bald erfolgen, aber plötzlich war der Himmel hell erleuchtet. Und die sogenannten Christbäume gaben die Sicht auf die verdunkelte Stadt frei. Kurz darauf erfolgten die lauten Einschläge des ersten Bombenteppichs. Unser Leutnant befahl: "Feuerfrei" und aus den drei Flakgeschützen bewegte sich die Leuchtspurmunition wie eine bunte Perlenkette nach oben. Es war vollkommen sinnlos, denn die Bomber flogen weitaus höher, und waren unerreichbar. Die Nachtjäger des Reichsmarschalls flogen wegen Benzinmangel schon lange nicht mehr, und man hatte ihn inzwischen auf Meier umgetauft, weil er so heißen wollte, wenn nur ein einziges Feindflugzeug über das Reichsgebiet gemeldet würde. An einem unserer drei Geschütze hatte die Bedienung unterlassen nach 80 Schüssen das glühende Rohr auszuwechseln. Dadurch verschmolz es sich mit der Rohr- und Verschlußhülse und war somit außer Gefecht. Die Bombardierungen dauerten zirka 2 Stunden lang an. Dann war es still und ein roter Feuerschein stand über der Stadt. Als der Morgen graute, befahl der Leutnant die Besatzung des betroffenen Geschützes in die Stadt zu marschieren, um Hilfestellung zu leisten. Ich musste mich ebenfalls ihnen anschließen. Nach etwa 20 Minuten erreichte wir den Außenbezirk der Stadt. Das Dach eines großen Mietshauses stand in hellen Flammen. Ein kleiner älterer Mann lief aufgeregt hin und her und stürzte auf uns zu: "Bitte helfen Sie mir etwas aus meinem Kellerraum zu retten. Es ist alles was ich noch besitze". Nun dieses Etwas bestand in einer großen Weinsammlung. Flaschen dicht an dicht in diversen Regalen. Es war nicht gerade die Hilfe, die wir leisten sollten, aber wir taten ihm den Gefallen und schleppten viele der Flaschen ins Freie, aber nicht ohne uns an dem Wein schadlos zu halten. Nach einer knappen Stunde war sein Weinkeller leer, und wir waren voll. Weiter torkelten wir mehr als wir schritten auf die brennende Stadt zu. Um Schiller zu zitieren: Aus leeren Fensterhöhlen schaute das Grauen. Die ganze Innenstadt war ein einziger Trümmerhaufen. Sogar der Asphalt der Straßen brannte und die Hitze war fast unerträglich. Wir tauchten unsere Käppies in die Löschwasserbehälter und legten sie über unsere Augen. In einer Strasse, die nicht brannte, hatte man die Toten in einer langen Reihe ausgelegt und auf jeder Brust lag ein Ziegelstein. Wir nahmen an, das bedeutete, dass sie gezählt worden waren. Mehrere Leichen waren vom Phosphor wie Puppen zusammengeschrumpft. Es war ein Bild des Grauens und bis zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nie eine Leiche gesehen. Ein anderes Bild bot sich in einem halb zerstörten Hause. Die Bewohner sassen oder lagen an einem Tisch. Eine Luftmine hatte ihnen die Lungen zerrissen. Von der Feuerwehr war nichts zu sehen. Es war auch unmöglich die zahlreichen Brände zu löschen. Überlebende rannten hilflos hin und her. Einige suchten in den Trümmer und halbzerstörten Häusern nach Angehörigen und andere betrachteten die Toten, um Angehörige zu identifizieren. Als die Dämmerung hereinbrach machten wir uns auf den Rückweg ohne eigentlich viel Hilfe geleistet zu haben. An folgenden Tage befahl der Leutnant einem Kameraden und mir das unbrauchbare Geschützrohr samt Vor-und Verschlusshülse nach Hannover Bothfeld zu bringen und die Ersatzteile empfangen. Es war nicht gerade eine angenehme Spazierfahrt. Auf den Schultern schleppten wir das etwa sieben Meter lange Teil zum zerstörten Bahnhof. Wir hofften auf einen Zug, der nach Hannover fuhr. Glücklicherweise waren die Schienenwege intakt und es stand auch eine Lokomotive mit dritter Klasse Waggons bereit, die uns nach Hannover bringen sollte. Es war nicht so einfach das lange Geschützteil in den Zug zu bekommen. Aber schließlich konnten wir es lang in den Gang legen. Passanten sahen uns missmutig an, waren aber zu apathisch, um Bemerkungen zu machen. In Hannover angekommen erwischten wir eine Straßenbahn in der Podbielski Straße, die bis nach Bothfeld fuhr. Die Auswechslung ging schnell vonstatten, und denselben Transportweg benutzend, kamen wir abends in unserer Stellung wieder an. Befehl ausgeführt.

Anmerkung: Die Fortsetzung erfolgt im Mai.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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