Luki K

Knie nieder!

 

 
„Auf die Knie!“
Er weigert sich. Er will das nicht machen. Bin’ ja kein Objekt, denkt er sich und sträubt sich dagegen, gegen den Willen des Meisters.
„Knie nieder!“
„Ich bin nicht der wahre Sieger, ich hätte nicht gewinnen dürfen“, sagt er.
„Ich habe schon von Anfang gewusst, dass du es bist. Du bist es, ich weiss es!“ widerspreche ich ihm.
„Ach ja, und warum das Ganze, wenn ich schon von Anfang an vorbestimmt war?“ Seine Augen zeigen Zorn auf, doch auch Angst spricht aus ihnen.
„Durfte ich nicht noch ein wenig Spass haben, hä? Fast mein ganzes Leben lang sass ich in diesen Räumen und musste diese Aufgaben vollbringen, jeden Tag überwachte ich das Geschehen und immer musste ich bereit sein, alles musste ich richtig machen.“ Ich bin traurig und ich will, dass er es merkt, dass er Mitleid mit mir hat, dass er gehorcht und die Aufgabe beendet.
„Ich hatte nie Spass, Freude kenne ich nicht. Warum soll ich mir meinen letzten Wunsch nicht erfüllen? Soll ich sterben, unglücklich und voller Leid oder mit einem Lächeln auf den Lippen?!“
„Ich… ich weiss nicht“, sagt er und zittert ein wenig. Die Wände sind kalt und auch ich muss kalt sein, um diese Aufgabe zu beenden. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr.
„Schweig!“ Ich schreie, obwohl ich es nicht will – noch nicht. Er ist zusammengezuckt, steht aber weiterhin aufrecht vor mir, nicht nachgebend und nicht gewillt, auf die Knie zu gehen, damit er die Aufgabe annehmen kann. Habe ich doch den Falschen ausgewählt?
„Du weisst, dass du es machen musst. Es gibt für dich kein Zurück mehr, die Aufgabe war schon vor deiner Geburt für dich bestimmt.“ Meine Stimme ist wieder sanft und etwas hoch, wie sie schon immer gewesen war.
„Auch wenn ich diese Sache annehme, was hast du davon?“ fragt er und es klingt herausfordernd. „Was bringt dir das? Such dir jemanden anderes aus, jemanden, der es machen will. Ich werde nichts tun, nichts! Ich gehe zurück, von da wo ich her komme, wo ich aufgewachsen bin, lebe weiter, wie ich es bis jetzt gemacht habe. Diesen Scheiss hier kann mich mal, ich will das nicht machen!“
Er macht einen Schritt auf mich zu, ich muss handeln, bevor er mir etwas antut. Jetzt oder nie, ich muss ihn zwingen, das zu tun, was ich will.
„SCHWEIG!“
Meine Stimme ist wieder laut, tiefer und hässlich. Wie erwartet bleibt er sofort stehen, teilnahmslos und im Raum ruhend, wie eine Wolke am Himmel – schwerelos.
Meine Wut steigt drastisch, das ist immer so, wenn mir widersprochen wird. Der Zorn hinterlässt eine dunkle Röte in meinem Gesicht und meine Zähne beginnen aufeinander zu schlagen. Sanft zwar, aber trotzdem nervend.
„Nur du kannst diese Aufgabe vollbringen und du wirst sie erledigen, ganz gleich, ob du willst oder nicht! Du kannst nicht zurück, niemand kann zurück, niemand ist zurückgekehrt! Auch ich kann nicht zurückkehren!“
Ich weiss, dass er merkt, dass ich zu ihm spreche und ich weiss, dass er alles versteht. Er zeigt keine Reaktion, aber er versteht mich. Gleich sollte er hinunterknien.
Ich weiss nicht, ob ich es noch schaffe, ihn bis zum Ende zu bringen. Meine Kräfte schwinden. Überhaupt bin ich überrascht, ihn bis hier her gebracht zu haben. Ich hätte nicht gedacht, es zu schaffen.
Aber das hier muss jetzt auch noch klappen. Er muss den Schall empfangen, er muss die Aufgabe übertragen bekommen, er muss sie vollbringen und es beenden.
Er muss.
„Knie jetzt nieder!“ herrschte ich ihn an.
Er tut keinen Wank. Verdammt, er muss es tun! Das hier ist meine allerletzte Chance, wenn das nicht klappt… Ich mag gar nicht daran denken. Ich darf es nicht vermasseln, er muss es einfach tun.
„Auf die Knie, mach schon!“ sagte ich. Es klang flehend.
„Knie endlich nieder!“
Einen kleinen Wank. Endlich, nur einen winzigen aber er hat sich bewegt. Ich schaue ihm weiter in die Augen, tief und forschend, wie bei einer Hypnose.
„Knie nieder!“
Dann sinkt er auf seine Knie. Es dauerte lange und ich glaubte die Minuten zu zählen, bis er endlich auf dem kalten Steinboden auftraf. Der Aufprall war stumm.
Schnell lege ich meine Hände auf seinen Kopf, schnell, bevor ich keine Gelegenheit mehr dazu habe.
Ich durchlebe nochmals die letzten Jahre. Nochmals empfinde ich all das, was geschehen war.
Ich denke an Gossoth und ich denke an mein erstes Treffen mit ihm, vor einem Jahr.
Leise sprechend rassle ich die Worte nieder, drücke mit meinen Händen fester auf seinen Kopf, dann auf seinen Mund, auf die Wangen, die Nase und die Ohren, auf die Augen. Ich presse sie energischer darauf, doch es schmerzt ihn nicht.
Der Adrenalinstoss durchflutet meinen Körper, ich fange an, am ganzen Körper zu zittern.
„Ja, Herr und Meister, so sei es befohlen, bevor die Arbeit nicht erledigt. Ich befolge all die mir aufgetragenen Aufgaben“, murmelte er, immer noch kniend.
Es ist vollbracht.
Ich habe es geschafft. Laut lachend stehe ich da, freue mich, es doch vollbracht zu haben. Wirklichkeit, ich habe es geschafft! Erlösung, Freude, Wut, Unsicherheit und Angst. Alles zugleich, erlebend in diesem Raum.
Dann sterbe ich.
Endlich.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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