Ann-Kathrin Zwiesler

Breakable III - Die Wahrheit

Kapitel 3

Die Wahrheit

Als ich am nächsten Morgen in die Schule kam erwarteten mich meine Mitschüler mit sichtbarem Interesse.
„Hey Chris“ tönte einer von ihnen „Hab gehört Jean vergnügt sich da drüben in Amerika ja recht hübsch“ Ich hatte keine Ahnung wovon er redete und ging deswegen wortlos weiter.
„Bleib doch stehen Chris, ich würde gerne mehr hören“ meinte nun ein anderer höhnisch.
Langsam reichte es mir. Ich drehte mich um und sah sie mit funkelnden Augen an „Was ist?“ „Hey nun mal nicht gleich so biestig“ lachte der erste nun wieder „Wusstest du etwa nicht, dass Jean da drüben mit diesem Typ… wie hieß er doch gleich… Josh in die Kiste gehüpft ist?“ Sie brachen in lautes Gelächter aus und ich starrte sie einfach nur an. Woher kannten sie Joshs Namen? Das stimmte doch nicht… oder? Mir wurde schlagartig übel und ich rannte schnurstracks in Richtung Toiletten. Dort angekommen schloss ich mich in einer der Kabinen ein und ließ mich an der Wand zu Boden sinken. Deswegen wollte er mir also nicht sagen wer Josh ist… Das alles ergab einen Sinn.
Ich starrte an die Wand gegenüber und versuchte mir darüber klar zu werden was ich da eben gehört hatte. Jean hatte was mit diesem Ami… aber… er war nicht schwul! Oder?
Die altklugen Botschaften die jemand an die Toilettenwände geschmiert hatte verschwammen vor meinen Augen und ich spürte wie etwas heißes meine Wange entlanglief.
„Fuck“ flüsterte ich und wischte mir die Träne aus dem Gesicht. Ein stechendes Gefühl kam in mir hoch. Ich versuchte es zu unterdrücken aber es ging nicht. Immer stärker wurde es und bald konnte ich es einfach nicht länger ignorieren. Ich war eifersüchtig! Es war schlichte, kalte Eifersucht! Als ich meine Hand hob um mir eine weitere verräterische Träne wegzuwischen merkte ich, dass ich zitterte. Das Gefühl der Eifersucht wurde plötzlich von einem erneuten Übelkeitsanflug übertönt und ich schaffte es gerade noch mich zur Kloschüssel zu ziehen als ich mich auch schon jämmerlich übergab.
Erschöpft ließ ich mich wieder auf den Boden fallen. Ich lehnte dort und gab es auf die Tränen aufzuhalten die feucht und heiß meine Wangen entlangliefen. Es wurde mir langsam aber schmerzhaft bewusst: Ich liebte Jean! Ich war in meinen besten Freund verliebt!
Ich war… schwul…
Müde schloss ich die Augen und konzentrierte mich auf meinen Atem, der langsam wieder regelmäßig wurde. Um mich herum wurde alles still und ich hörte nur noch mein Herz gleichmäßig und beruhigend schlagen.

„Chris Leon Sanders!“ schrie eine mir nur allzu bekannte Stimme. Fuck! Ich war eingeschlafen. Ich sprang auf und riss die Türe auf. Davor stand mein nicht gerade gütiger Mathelehrer und funkelte mich böse an. „Gibt es einen Grund, dass Sie fast die gesamte Mathematikstunde auf dem Klo verbringen?“ fragte er bissig. „Ähm…“ Ja den Gab es! Aber das konnte ich dem ja schlecht erzählen… „Ich… mir ist nicht gut wissen sie“ nuschelte ich und machte eine möglichst mitleiderregende Grimasse. „Und warum begeben Sie sich dann nicht umgehend ins Krankenzimmer so wie man es von ihnen verlangt?“ fragte er streng. „Weil Sie in der Türe stehen“ rutschte es mir heraus und ich biss mir auf die Zunge. Das war nicht sehr klug gewesen. „So so, jetzt werden Sie also auch noch frech“ stellte er fest „Sie machen jetzt sofort, dass Sie in ihr Klassenzimmer kommen und heute Nachmittag üben wir beide mal zusammen wie man sich Autoritätspersonen gegenüber verhält“ „Wieso kennen Sie eine?“ MIST! Warum konnte ich meine Klappe auch nicht halten? „Nachsitzen! Für den Rest der Woche“ Das war gemein! Es war gerade mal Montag! „Aber…“ „Nichts aber! Und jetzt ab in den Unterricht!“ Ich gab vorsichtshalber klein bei und trottete dem Lehrer nach in mein Klassenzimmer.
Der Schultag verging quälend langsam und mehr als einmal hatte ich das Gefühl, die Uhr wäre stehen geblieben, da sich der Zeiger nicht im Geringsten fortbewegt zu haben schien.
Als endlich der erlösende Einuhrgong ertönte sprang ich erleichtert auf und stürmte aus dem Klassenzimmer. „Mooooment!“ Mist. Ich blieb stehen und drehte mich um. „Ich meine mich erinnern zu können, dass sie mir heute Nachmittag Gesellschaft leisten wollten“ höhnte mein geliebter Matelehrer. „Wollen würde ich nicht sagen“ murmelte ich. „Was sagen Sie?“ fragte er nach „nichts, nichts“ stritt ich ab und folgte ihm in ein leerstehendes Klassenzimmer.
In den folgenden einandhalb Stunden durfte ich mir einen Vortrag über Respekt und Achtung anhören und einen netten kleinen Aufsatz über die Schulordnung schreiben. Wenigstens lenkte mich das Schreiben von meinen Gedanken an Jean ab. „So, Sie können jetzt gehen“ fiel um drei Uhr der befreiende Satz. Ich packte in Windeseile meine Sachen zusammen und war schon beinahe aus dem Raum, als ich zurückgerufen wurde. „Bis morgen hast du den Aufsatz fertig, ich werde ihn mir morgen Nachmittag durchlesen“ ich verdrehte die Augen, bejahte brav und machte das ich weg kam.

Zu Hause angekommen tischte ich meiner Mutter eine Ausrede für mein Nachsitzen auf und schloss mich in mein Zimmer ein. Ich legte mich auf mein Bett und dachte nach.
Vielleicht stimmte das mit diesem Josh ja gar nicht. Diesen Idioten war es durchaus zuzutrauen, dass sie nur einen blöden Scherz gemacht hatten. Ich richtete mich auf, ging an meinen Computer und fuhr in hoch. Gespannt öffnete ich das Chatprogramm und zu meiner Überraschung war Jean online.

Chris: Hi Jean, gerade mal nichts zu tun?

Schrieb ich mit klopfendem Herzen
Bereits nach wenigen Sekunden kam die Antwort

Jean: Hi Chris, nein hab gerade Pause
Chris: Wie geht es dir?
Jean: Gut
Chris: Bist du böse wegen gestern?
Jean: Nein… na ja ein bisschen schon…
Chris: Tut mir leid, dass ich so überreagiert hab
Jean: Schon ok
Chris: Wer ist Josh denn nun?
Jean: Er wohnt im Zimmer gegenüber… ich komm ganz gut mit ihm aus
Chris: Ist das alles?
Jean: Ja
Chris: Lügst du mich an?
Jean: Was soll das Chris?
Chris: Ich will einfach wissen ob du mir alles sagst
Jean: Wieso sollte ich dir was verheimlichen?
Chris: ich weiß nicht…
Jean: Siehst du
Chris: Hast du was mit ihm?
Jean: Spinnst du?
Jean: Wie kommst du auf son Scheiß?
Chris: Na ja…
Chris: Haben einige erzählt…
Jean: und du glaubst ihnen?
Chris: Ja
Jean und mir nicht?
Chris: ich weiß nicht…
Jean: Ich muss weg tschüss

„Fuck!“ Fluchte ich und starrte auf den Bildschirm. Er war wirklich weg…
Doch dann wurde er wieder als online angezeigt.

Chris: Jean?

Schrieb ich in der Hoffnung, dass er doch noch da war.

Jean: Can’t understand you

Kam eine Nachricht zurück. Ich antwortete Auf Englisch und fragte wer das war. (Der Einfachheit halber werde ich das Gespräch auf Deutsch wiedergeben)

Jean: Ich bin Josh, ich glaube du kennst mich nicht
Chris: Stimmt
Jean: Bist du ein Freund von Jean?

So so… Jean hatte ihm also nicht mal von mir erzählt…
Eine unbeschreibliche Wut kochte im mir hoch.

Chris: Lass deine Finger von Jean!!!
Jean: Er hat mir nicht erzählt, dass er einen Freund hat
Chris: Hätte er aber tun sollen

Wieso tat ich das? Wieso behauptete ich, ich wäre mit Jean zusammen?

Jean: oh tut mir leid ich wusste das nicht

Ich schloss mit zitternden Fingern das Programm und ergriff mein Handy. Es dauerte eine Weile bis ich Jeans Nummer im Display hatte weil in meinen Augen schon wieder Tränen standen.
Ich drückte auf Verbinden und lauschte mit pochendem Herzen dem Läuten. „Ja?“ meldete sich nach einigen Minuten eine rauschende Stimme. „Warum lügst du mich an?“ schrie ich in den Hörer. „Chris, spinnst du? Ich kann jetzt nicht!“ „Doch! Du kannst! Du hörst mir jetzt mal zu!“ „Nein das tu ich nicht! Stell dir vor, es gibt wichtigere Dinge in meinem Leben als dich!“ „Was denn? Josh zum Beispiel?“ Am anderen Ende war Schweigen. Ich konnte Jean ausatmen hören „Halt dich da raus ja? Das geht dich n Scheiß an!“ Mit diesen Worten legte er auf.
„FUCK!!!“ Schrie ich und pfefferte mein Handy mit aller Kraft gegen die Wand. Das Plastik zersplitterte und schoss quer durch mein Zimmer.
Meine Knie gaben nach und ich sank auf den Boden. Dort blieb ich weinend liegen.

Fortsetzung folgt…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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