Melissa Behring

Eine Kindheit in Afrika

 
Purity, so hatten ihre Eltern sie genannt, als sie vor sieben Jahren geboren wurde. Purity, das englische Wort für Reinheit. Ihre Mutter legte viel Wert auf Reinheit. Jeden Tag fegte sie mit dem Zweig eines Busches die kleine Lehmhütte im Herzen Kenias. Allen Staub und Dreck verbannte sie aus dem Haus, ebenso wie die schlechten Erinnerungen. Die Erinnerungen an den Tod ihres Mannes und ihres Sohnes.
Purity war noch sehr klein, als ihr Vater an Aids starb. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie ihrem Vater die Kräfte schwanden und er eines Tages die Augen für immer schloss. Aber sie erinnerte sich noch an ihren großen Bruder, ein Jahr älter als sie.
Als sie vier Jahre alt war, hatte die Familie eines Tages nichts mehr zu essen. Ihre Mutter arbeitete hart, um ihre drei Kinder satt zu kriegen, aber als der Regen ausblieb, gingen die Pflanzen auf dem kleinen Feld hinter dem Haus langsam ein. Es gab gerade so viel Wasser, dass die Kinder genug zu trinken hatten, es war nichts mehr zum gießen der Pflanzen übrig. Purity musste den ganzen Tag mit einem großen Loch in ihrem Bauch herumlaufen. Sie hatte so großen Hunger, dass sie oft weinte. Ihre kleine Schwester war gerade ein Jahr alt. Sie wurde noch von der Mutter gestillt. Die Muttermilch reichte gerade aus, um Stella ein Mal am Tag den Hunger zu stillen. Für Purity und ihren Bruder blieb nichts übrig.
Die Dürreperiode hielt fast fünf Wochen an. Es wollte und wollte einfach nicht regnen. Die Sonne brannte erbarmungslos auf die Köpfe der Pokot, zu deren Stamm Purity und ihre Familie gehörten. Ein Nomadenstamm, der mit seinen Viehherden von einem Ort zum nächsten zog. Doch das meiste Vieh war bereits verhungert oder verdurstet. Die übrig gebliebenen Tiere waren bereits völlig abgemagert, standen kurz vor dem sterben. Ebenso wie viele Menschen des Stammes. Auch Purity hatte in den vergangenen vier Wochen viel Gewicht verloren. Sie fühlte sich schwach und ihr war schwindelig, denn sie hatte vor drei Tagen zum letzten Mal etwas gegessen. Auch die Wasservörräte des Dorfes waren bereits erschöpft. Am Abend zuvor hatte sie ihre letzte Ration Wasser getrunken. Puritys Bruder ging es bereits so schlecht, dass er nicht mehr laufen konnte. Er lag im Schatten des Hauses und starrte nur noch vor sich hin. Als es Nachmittag wurde, schlief er schließlich ein. Er starb, während er in den Armen seiner Mutter lag. Sie trug seinen ausgemergelten Körper zum Friedhof, auf dem jeden Tag neue Gräber ausgehoben werden mussten.
Purity erinnerte sich noch genau daran, wie sehr ihre Mutter damals geweint hatte. Und sie erinnerte sich auch noch, wie ein paar Stunden nach dem Tod ihres Bruders die Lastwagen im Dorf ankamen. Die Lastwagen, die so viele gefüllte Wasserkanister und Lebensmittelsäcke gebracht hatten. Zum ersten Mal seit fünf Wochen konnte sie sich wieder satt essen, musste nicht mit vor Hunger schmerzendem Bauch schlafen gehen. Mit dem Eintreffen der Lastwagen änderte sich alles schlagartig. Die Männer, die die lebensrettenden Nahrungamittel brachten, waren von einer deutschen Organisation. Sie halfen dabei, den Brunnen des Dorfes zu reparieren und ihn so auszubauen, dass er länger das Wasser speichern konnte. Sie sorgten dafür, dass die Dorfbewohner das Wasser filtern konnten. Aber was Purity am besten gefiel, waren die Kinderpatenschaften. Eine deutsche Person würde vielleicht eines Tages die Patenschaft für sie übernehmen, und ihr damit den Schulbesuch und regelmäßige Arztbesuche ermöglichen. Und so geschah es auch, kurz nach ihrem sechsten Geburtstag.
 
Kurz vor Puritys siebtem Geburtstag, wurde ihre Mutter plötzlich sehr krank. Obwohl es genug zu Essen und zu Trinken gab, verlor sie immer mehr an Gewicht. Schließlich war sie so schwach, dass sie nur noch auf ihrer kleinen Strohmatte im Haus liegen konnte. Purity ging morgens zur Schule, kam erst am Nachmittag wieder nach Hause. Dann musste sie Holz sammeln, um über einem Lagerfeuer das Essen zuzubereiten. Sie kochte, putzte, holte Wasser und kümmerte sich um ihre kleine Schwester Stella, die den ganzen Tag allein mit ihrer schwer kranken Mutter zu Hause blieb. Als Purity eines Morgens aufstand, um das Frühstück zu machen, lag ihre Mutter regungslos im Bett. Sie war während der Nacht gestorben. Gestorben an Aids, so wie Puritys Vater vor einigen Jahren. Die beiden Schwestern mussten, nach der Beerdigung ihrer Mutter am Nachmittag, zu ihrer Tante ziehen, die noch vier eigene Kinder hatte. Der Ehemann war bereits vor drei Jahren ums Leben gekommen, als er auf der Suche nach Feuerholz von einem Löwen angefallen und getötet wurde.
Purity musste oft an ihre Mutter denken, die sie sehr vermisste. Jeden Abend weinte sie sich in den Schlaf, wenn die Sonne unterging. Doch so traurig sie auch manchmal war, sie wusste genau, dass am nächsten Morgen die Sonne wieder aufgehen würde.
 
05.04.2006
 
© Melissa Behring

Dies ist die wahre Geschichte eines meiner Patenkinder.Melissa Behring, Anmerkung zur Geschichte

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Die Autorin versteht es, mit Worten Stimmungsbilder zu malen und den Leser an der eigenen Begeisterung am Land zwischen Meer und Bodden teilhaben zu lassen. In ihren mit liebevoller Hand niedergeschriebenen Gedichten und Geschichten kommen auch Ahrenshooper Impressionen nicht zu kurz. Bereits nach wenigen Seiten glaubt man, den kühlen Seewind selbst wahrzunehmen, das Rauschen der Wellen zu hören, Salzkristalle auf der Zunge zu schmecken und den feuchten Sand unter den Füßen zu spüren. Visuell laden auch die Fotografien der Autorin zu einer Fantasiereise ein, wecken Sehnsucht nach einem Urlaub am Meer oder lassen voller Wehmut an vergangene Urlaubstage zurückdenken.

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