Sonja Nic Rafferty

Mit der Unbeschwertheit der Jugendzeit

Ein Mädchen saß auf der Bank mitten im Dorf und fiel mir sofort auf, denn es sah viel exotischer aus als meine Altersgenossinnen und ich. Fremde verirrten sich nur selten in dieses „Storchennest“ der Lüneburger Heide. So wurde meine Aufmerksamkeit schon geweckt als unser familieneigener Fiat langsam an der Bank vorbeirollte um einen sonntäglichen Verwandtenbesuch im Wendland zu absolvieren. Neugierig schaute ich hin. Sie trug ein kleines Tuch im Pantherlook flott im Nacken über den schwarzen Haaren zusammengeknotet und sah aus, als hätte sie schon viel gesehen in ihren jungen Jahren. Ich selbst hatte Campingurlaub in Dänemark und eine Schulreise nach Österreich erleben dürfen, das war’s!

Wenige Tage später bestätigte Africa Espinosa Román meine Vermutung persönlich. Ihre Familie hatte in Madrid gelebt, musste aber vor dem Franco-Regime fliehen und da sie in Tanger geboren wurde, kam sie zu diesem ungewöhnlichen Vornamen. Zu meiner Freude durfte ich sie auch bald Afri nennen, wie alle ihre  Freunde. Das war 1964. Wir wurden unzertrennlich. Afri musste ihre Familie finanziell unterstützen und jobbte am Fließband und ich ging noch in der Kreisstadt Celle zur Schule. Modemäßig war Afri immer mein großes Vorbild. Sie hatte zum Beispiel schon vor mir echte Jeans, damals eine Sensation, während ich noch die feminin geschnittenen Hosen in rosé trug.

Wir waren gleichaltrig und als wir 16 wurden, wünschten ihre Eltern, dass ich Afri in den Sommerferien nach Madrid begleitete. Dort wohnte ihre älteste Schwester mit Familie. Mit dem „Gastarbeiterzug“ hatten wir eine Nachtfahrt zu bewältigen. Endlich in der Stadtwohnung angekommen, öffnete niemand. Afri vermutete, dass sie alle im Ferienhaus in Pozuelo seien. So ließen wir das Gepäck bei Nachbarn und weiter ging’s mit dem Bus. Ich hatte noch nie so eine Hitze erlebt und wenn der freundliche Busfahrer nicht gehalten hätte, damit ich mich kurz im Schatten abkühlen konnte, dann wäre ich bestimmt einfach umgekippt.

Mein Körper akklimatisierte sich schnell und wir verlebten einen herrlichen Sommer unter der Sonne Spaniens. Afri begann, mir die Landessprache beizubringen und wir besichtigten mit ihrer Familie einige Kulturstätten, z.B. das Schloss Escorial. Wir waren unbeschwert, tanzten und flirteten mit jungen Spaniern. Doch jeder Sommer geht einmal zu Ende.

Wieder in Deutschland gingen wir noch jahrelang durch dick und dünn, auf Schritt und Tritt verfolgt von Afris Brüdern, die beschützend über ihre Schwester wachten.

Ich begann ein Textildesign-Studium in Hannover und Afri jobbte weiter in der Fabrik. Abends und an Wochenenden unternahmen wir immer noch viel. 

Eines Tages wurde ihre Cousine auf einem Zebrastreifen angefahren und musste zu Grabe getragen werden. Tiefe Trauer herrschte in dem Haus neben der Korkfabrik am Bahndamm, in dem sonst von früh bis spät der Fernseher vor fröhlichem Stimmengewirr flimmerte, auch wenn niemand hinsah.

Ich verlobte und entlobte mich wieder, hatte danach sogar einen Flirt mit Afris Bruder Andrés, bis er nach Spanien ging.

Wir saßen oft zusammen auf „unserer“ Bank und malten uns die Zukunft aus, tollen Mann, süße Kinder und noch mehr!

Als Afris Vater starb, zog die Familie nach Düsseldorf, wo eine Schwester wohnte. Afri kam nie wieder in mein Heidedorf, aber sie schrieb und ich antwortete stets. Ich fuhr zweimal zu ihr und wir ließen unsere alte Heiterkeit wieder aufleben. Sie arbeitete in einer Kosmetikfabrik und schenkte mir Probedöschen, eins in Rosenform habe ich immer noch. Sie schwärmte mir von Esperanto vor und wir stritten heftig, aber respektvoll über den Sinn des Stierkampfes, den ich nicht verstand und auch nie verstehen werde. 

Als wir uns nach 10 Jahren Jugendfreundschaft ein letztes Mal in Düsseldorf sahen, waren wir beide verheiratet. Ich hatte eine Tochter im Kindergartenalter, die ich mitgenommen hatte und sie war voller Vorfreude auf  ihr Baby, das ihre Figur nicht mehr verleugnen konnte. Afris Mutter war inzwischen verstorben.   

In den 32 Jahren bis jetzt gab es nur noch ein Telefonat, in dem wir uns gegenseitig von unseren Kindern erzählten. Ich arbeitete in Hannover als Lehrerin und Afri war jetzt in einem großen Kaufhaus im Zentrum Düsseldorfs in der Kosmetikabteilung tätig. Andrés sei in Spanien verheiratet und habe Kinder, aber wäre sehr schwer von einer Leiter gestürzt. Das Schicksal hatte auf beiden Seiten, ihrer und meiner, noch mehrmals zugeschlagen. Einzelheiten würden hier den „Rahmen sprengen“.

 

Ich bin nach über 30 Jahren in mein Heimatdorf zurückgekehrt. Das Dorf hat sich sehr verändert, es gibt Straßenzüge, an die damals noch niemand dachte, aber Afris Elternhaus steht leider nicht mehr. Das „Herz“ des Dorfes mit seiner Bank in der Mitte sieht unverändert aus. Ich muss gestehen, dass ich sehr froh  darüber bin. Die Bank würde sicher „stöhnend“ zusammenbrechen, wenn wir heute darauf säßen, mit dem sichtbaren und unsichtbaren Gewicht, das wir  inzwischen tragen.     

 

Manchmal, wenn ich dort vorbeikomme, kneife ich einfach die Augen ein wenig zusammen. Dann sehe ich Africa Espinosa Román dort sitzen, so wie sie damals aussah, in ihrer Unbeschwertheit der Jugendzeit.

 

 

 © Sonja Nic Rafferty~April 2006 ; ~ überarbeitet 16. April 2006

 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.04.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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