Ann-Kathrin Zwiesler

Breakable VI - Nie geschehen?

Kapitel 6
 
Nie geschehen?
 
Als ich am nächsten Morgen aufwachte und neben mich blickte, sah ich, dass das Bett leer war. Jean musste schon aufgestanden sein. Ich war hier schon so oft zu Gast gewesen, dass ich mich in dem urig gemütlichen Haus schon weitaus heimischer fühlte als in dem meiner Eltern. Gähnend stand ich auf, zog mich an und schlurfte über den Gang ins Bad wo ich einer widerlich gut gelaunten Lily begegnete. „Guten Morgen Chris!“ strahlte sie und kämmte sich ihre langen dunkelblonden Haare. „Morgen“ brummte ich und dachte mal wieder darüber nach wie unterschiedlich sie und Jean doch waren. Lily war blond, sommersprossig und hatte ein gesundes braun im Gesicht während Jeans Haare kohlrabenschwarz waren und seine Haut sogar im Sommer fast weiß schien.
Als Lily das Bad geräumt hatte wusch ich mich und betrachtete mich im Spiegel. Ich war nicht hässlich – eigentlich sah ich sogar recht gut aus mit meinen hellbraunen Augen und den fransigen dunklen Haaren. Verträumt zupfte ich mir einige Strähnen aus dem Gesicht.
„Hey Chris, keinen Hunger?“ hörte ich Jeans Stimme auf dem Flur. „Doch“ rief ich, warf noch einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel und trat aus dem Bad. Er lächelte – schon wieder dieses Lächeln! Wie ich es hasste… dagegen war ich einfach… wehrlos! „Wie lange bist du schon wach?“ fragte ich nur um etwas zu sagen. „Seit einer Stunde ungefähr“ antwortete er und wir gingen gemeinsam nach unten in die Küche. Es war eine riesige, gemütliche Küche mit dicken Balken an der Decke und gemütlichen Holzmöbeln. Ich liebte diese Küche! So wie ich das ganze Haus liebte. „Ist Null weg?“ wunderte ich mich als ich sah, dass der Raum leer war. „Ja, die ist bei deiner Mumm“ meinte Jean leichthin und drückte mich auf die Eckbank am Tisch. „Toast?“ fragte er und schob mir einen Teller hin. „Ja“ antwortete ich und stand auf um es mir selbst zu holen. „Setzen!“ befahl er mir grinsend und bemutterte mich weiter.
Wenig später standen eine Tasse dampfender Kaffee und ein Nutellatoast vor mir. Jean ließ sich mit einer Tasse heißem Tee auf den Stuhl mir gegenüber sinken und zog die Beine an. Er rührte in seinem Tee herum und schaute mich an. „Was ist?“ fragte ich verunsichert und kaute mit schon wieder klopfendem Herzen auf dem Toast herum. „Nichts“ lächelte er und sah mich weiter an. „Du machst mich nervös“ teilte ich ihm mit und sah ihm in die Augen. „Sorry“ murmelte er und senkte den Blick. „Wegen gestern…“ fing ich an „es tut mir Leid, ich wollte dich nicht…“ „Schon gut. Ich hab es eh schon irgendwie geahnt“ erzählte er seinem Tee. „Wirklich?“ fragte ich verwundert und er sah auf. Da! Schon wieder dieses Lächeln! „Na ja… welchen Grund hätte es denn sonst für dein Verhalten gegeben?“ „Wenn du es wusstest… wieso hast du mich dann angelogen?“ „Das habe ich dir doch gestern schon gesagt“ wandte er sich nun wieder an seine Tasse. „Und jetzt?“ fragte ich nach einer Weile leise meinen leeren Teller. „Ich weiß nicht…“ murmelte er kaum hörbar. Ich nahm allen Mut zusammen den ich noch hatte und fragte mit klopfendem Herzen: „Wirst du…“ Doch ich kam nicht dazu die Frage fertig auszusprechen da in diesem Moment Lily in die Küche platzte. „Hey hier seid ihr! Ich hab euch schon gesucht!“ Jean stöhnte auf und verdrehte genervt die Augen. „Ja Lil, stell dir vor: Es gibt Menschen, die sonntags in Ruhe frühstücken wollen!“ „Tut euch keinen Zwang an“ strahlte das Mädchen fröhlich und lehnte sich gegen den Kühlschrank. „Ich sagte IN RUHE!!!“ meinte Jean ungeduldig und machte ihr somit klar, dass es Zeit für ihren Abgang war. „Ich bin ja schon weg“ motzte sie und wenig später konnten wir ihre Zimmertüre knallen hören.
„Was wolltest du fragen?“ wandte Jean sich nun wieder an mich und zog mir den leeren Teller weg. „Nichts“ log ich, nahm ihm das Geschirrteil wieder aus den Händen und stand auf um es selbst in die Spülmaschine zu stellen.
Das war eine von Jeans nervigsten Angewohnheiten: Er musste ständig alles aufräumen und sauber halten. Ich bin ein ziemlicher Chaot und es gewöhnt ständig von Unordnung umgeben zu sein, deswegen hatte mich sein Ordnungsfimmel schon immer auf die Palme gebracht.
Als er seinen Tee ausgetrunken hatte (und selbstverständlich alles aufgeräumt war) gingen wir nach oben in sein Zimmer und unterhielten uns. Es war ein ganz normales Gespräch, wie als wäre das alles nie geschehen und doch war da dieses unvermeidbare Kribbeln in meinem Bauch wenn er mich zufällig berührte oder lachte oder… es war eigentlich egal was er tat, das Kribbeln war immer da.
 
Auch in der folgenden Woche verschwand es nicht.
Wir gingen wie jeden Tag in die Schule, legten uns mit Lehrern und Klassenkammeraden an und verhielten uns in jeder Hinsicht wie immer.
Jean warf die blöden Kommentare die er sich anhören musste mit einem Lächeln ab und entgegnete ab und zu eine freche Bemerkung, und für den nasengeschienten Marco hatte er nur ein breites Grinsen übrig. Dieser hatte mich natürlich angezeigt und meine Eltern hatten gedroht mich zu enterben (nicht, dass ich scharf auf ihr Erbe gewesen wäre) als sie es erfuhren. Aber aus Angst um ihren guten Ruf zahlten sie brav Schadensersatz und die Sache war erledigt. (Nur Marco hat seitdem zu meiner Genugtuung einen leichten Knick in der Nase) Rundum: Es war alles wie immer.
Doch da war etwas – hinter der Fassade – etwas das zwischen Jean und mir stand und sich wie eine dicke, riesige Mauer langsam aber stetig zwischen uns aufbaute.
 
Fortsetzung folgt…
 
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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