Anna-Luise Franke

Anderes Herz

Aendere dein Herz, sonst gehst du vielleicht noch ein. An mir. Weil ich nicht mehr so lieben wollen kann. Denn ich habe mein Herz geaendert. Mein Herz, das so sehr auf das große, das starke, das - nahezu - unvergaengliche ausgelegt war, musste ich aendern, damit es ueberhaupt weiterschlagen konnte. Denn da waren schon zu viele Maedchen vor dir und alle nahmen eine neue Herzkammer in Beschlag, spaeter musste ich mehrfach belegen und schob Platzanprueche hin und her. Ich musste mein Herz aendern.
Leider konnte ich die geplante Erweiterung der bereits bestehenden Herzanlage nicht durchfuehren, da sich ungeahnte architektonische Schwierigkeiten zeigten und auch die Waende liessen sich nicht ueberstreichen, sodass mir keine Wahl blieb, als mein Herz zu aendern und mein restliches Leben mit dem neuen zu bestreiten. Und deshalb gibt es jetzt keine Kammern mehr, das Plakatieren an den Waenden ist verboten, alles ist nur noch eine einzige große Lobby. In der sind alle gleich. Jeder hat denselben Status, die Beleuchtung ist an jeder Stelle ungedaempft hart und die Einrichtung farblos spartanisch.
Der Palast steht nebenan. Und er steht in Flammen. In den kannst du nicht einziehen. Da residieren die Diven, die kleinen Maedchen, die großen Schauspielerinnen... all die Lauten. Und du wirst sie hoeren, wenn du in meinem neuen Herzen wohnst, denn sie machen oft Krawall in den brennenden Raeumen, sie schreien und machen große Szenen, ziehen laut und entnervt davon, um wenig spaeter mit einem Knall zurueck zu kehren... Nein, ich glaube, es wuerde dir dort gar nicht gefallen und wenn du die Fenster schließt, kannst du sie manchmal beinahe ignorieren.
Aendere dein Herz. Ich kann nicht in diesen Palast aus Licht ziehen, den du dir so muehsam erhalten hast ueber die Zeit... ich war nicht so umsichtig, nicht so geschickt wie du. Ich liess Terroristen und Pyromanen in mein Herz, Sprengungsspezialisten und Unruhestifter... und ich habe sie machen lassen. Keine Scherben aufgelesen, keine Grundmauern wieder gefestigt, ja nicht einmal die aufgebrochenen Schloesser ausgetauscht... nicht etwa, weil es mir egal war, sondern weil ich dachte, es muesste so sein: Risse und Narben, Gebrauchsspuren eben... es sollte nicht so unglaublich steril wirken, sondern eher wohnlich.
Anscheinend fanden es aber einige zu gemuetlich. Deswegen musst du dein Herz aendern. Wir koennen nicht mehr so tief gehen, wie ich immer wollte. Weil ich damit nicht umgehen kann. Sieh doch hin: Ich habe mein Herz geaendert und das alte brennt noch und schmerzt und ist ein einziges Schlachtfeld... Aendere dein Herz fuer mich oder warte noch ein bisschen. Gib mir noch ein Jahr. Oder zwei. Dann vielleicht, dann habe ich die Feuer geloescht, die Scheiben gerichtet, die Graffitis uebertuencht und die Waende schallgedaempft... und ein Zimmer für dich frei geraeumt... aber bis dahin kann ich dir nur mein geaendertes Herz anbieten: Eine monotone, beengte Welt, die du mit vielen teilen musst. 

Wahrscheinlich ist das gar keine Kurzgeschichte. Eine Liebesgeschichte schon gar nicht. Und dennoch. Ich denke, es ist das Fragment einer Geschichte, es ist das, wonach in Geschichten immer niemand außer mir fragt... Ändere dein Herz. Es muss nicht die große Liebe sein. Es muss überhaupt nicht Liebe sein.
Wenn man das nicht kann.
Anna-Luise Franke, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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