Ann-Kathrin Zwiesler

Breakable VII - Schnee ist wie Herzen

Kapitel 7
 
Schnee ist wie Herzen
 
„Chris beeil dich“  rief Jean genervt. Er lehnte an meiner Zimmertüre und betrachtete ungeduldig wie ich einen Stapel Kleider aus meinem Schrank zerrte und in den halb gepackten Koffer warf. „Ja ich hab’s ja gleich“ murrte ich und warf meinen Waschbeutel dazu.
Es war Mitte Dezember und uns stand ein hartes Probewochenende unserer Theatergruppe bevor. „Du weißt schon, dass wir schon vor einer Viertelstunde hätten da sein sollen?“ fragte er mit hochgezogener Augebraue „Ja weiß ich“ „Und du weißt auch, dass wir eine halbe Stunde fahren müssen?“ „Ja Jean!“ erwiderte ich nun auch etwas genervt und versuchte verzweifelt meinen überquellenden Koffer zu schließen. „Grins nicht so blöd, hilf mir lieber!“ schnauzte ich meinen Freund an der noch immer tatenlos im Türrahmen stand. „Helfen kann ich dir aber grinsen tu ich trotzdem“ lachte dieser und gemeinsam bekamen wir das störrische Ding endlich zu. In Windeseile hetzten wir aus dem Haus, schleppten unser Gepäck an die Bushaltestelle und erwischten gerade noch den Bus. „Wenn wir den verpasst hätten, hättest du mich hintragen müssen“ feixte Jean „Das hättest du wohl gerne“ erwiderte ich lachend und nachdem wir unsere Koffer verstaut hatten ließen wir uns in die weichen Sitze sinken.
Die Fahrt über unterhielten wir uns über meine Unpünktlichkeit und darüber ob uns Mia, die Theaterleiterin, wohl den Kopf abreißen würde. Tat sie nicht – aber fast.
„Werdet ihr es jemals schaffen einfach mal pünktlich zu sein???“ schrie sie uns an, als wir eintrafen. „nicht solange Chris nicht zentral erneuert wird“ grinste Jean. „Ihr macht das Wochenende über Küchendienst, dass das klar ist!“ entschied Mia und schicke uns auf unser Zimmer zum auspacken.
„Na toll!“ murrte ich „Ich will keinen Küchendienst machen!“ „Langsam solltest du dich doch dran gewöhnt haben“ lachte Jean und schmiss seinen Koffer auf eines der beiden Betten. „Ha, ha“ machte ich missmutig. Aber es stimmte, Jean und ich mussten jedes Mal Küchendienst machen… was natürlich nie an mir lag! „Ach komm jammer jetzt nicht rum“ meinte er und wir gingen zusammen nach unten wo die Proben schon begonnen hatten.
 
Nach dem Abendessen standen wir gemeinsam in der großen Küche der Jugendherberge und räumten sie Spülmaschine ein. „Hey Chris schau mal es scheit!“ rief Jean plötzlich und deutete strahlend auf das Fenster. „Ja und?“ fragte ich noch immer mürrisch. „Schnee Chris!“ klärte mich Jean auf „Der erste Schnee dieses Jahr!“ „Ja… toll“  „Griesgram“ folgerte er und warf mir einen nassen Schwamm ins Gesicht. „Hey du… na warte!“ lachte ich und packe den Schwamm. „Ah!“ schrie Jean und machte, dass er weg kam. Ich rannte ihm quer durch die Küche nach und versuchte ihn zu fangen, doch er war zu flink. „Stell dich du Feigling“ reif ich und als sein Kopf hinter einer der Theken auftauchte warf ich mir voller Wucht danach. Er duckte sich und das Geschoss traf direkt in Mias Gesicht. Sie war gerade eben zu Türe hineingekommen uns sah jetzt nicht besonders glücklich aus „Ups“ grinste ich unschuldig und Jean musste sich sichtlich beherrschen nicht loszulachen. „Jungs… wann werdet ihr endlich erwachsen?“ fragte sie Getroffene und musste ebenfalls ein Lächeln unterdrücken. „Tja, “ meinte Jean sachlich „Das kann wohl noch ein Weilchen dauern“ Wir mussten alle drei loslachen.
„Jetzt macht aber mal hinne“ meinte Mia die sich zuerst wieder gefasst hatte. „Wir wollen nachher noch ins Schwimmbad. „Ich bleib hier“ beschloss Jean sofort. Er mochte Schwimmbäder nicht – schlimmer: er hasste sie! „Wieso?“ fragte Mia verwundert „Bin allergisch gegen Badehosen“ behauptete Jean grinsend. „Na dann bleib mal lieber hier bevor du auf die Idee kommst nackt zu baden“ lachte die Betreuerin und sah zu mir „Auch Badehosenallergie?“ „Nein, Wasserphobie“ entgegnete ich und wir mussten wieder lachen.
 
Einige Stunden später saßen wir zu zweit in unserem Zimmer und hörten Musik.
Ich lag rücklings auf meinem Bett und Jean saß zusammengekauert auf der breiten Fensterbank. Er starrte aus dem Fenster und ich starrte auf ihn. Ich konnte nicht anders – ich musste ihn einfach ansehen. Sein blasses, hübsches Gesicht wurde von dem im Schnee reflektierten Mondlicht angeschienen und er sah aus, als sei er gedanklich weit, weit fort. „An was denkst du gerade?“ fragte ich ihn leise. Eine Weile schwieg er, dann antwortete er ohne seinen Blick von dem Schneetreiben ab zu wenden. „Wieso wird in dieser Welt alles was anders ist unterdrückt?“ Ich wusste nicht was meinte. „Ich meine… wieso kann nicht jeder sein wie er will? Wieso kann nicht jeder fühlen wie er will? Denken wie er will?“ flüsterte er und sah mir abrupt in die Augen „Ich… ich weiß es nicht“ antwortete ich unsicher. „Willst du spazieren gehen?“ fragte er mich nun wieder lauter und lächelte. „Was? Äh ja“. Wir zogen uns warm an und durchquerten das totenstille Haus.
Die Herberge lag mitten im Grünen und zur Nordseite grenzte ein dichter Wald an.
Während wir durch die tief verschneiten Wiesen wanderten schwiegen wir. Es war dunkel geworden und das einzige Licht stammte von dem hell leuchtenden Vollmond. Es wurde von dem glänzenden Schnee zurückgeworfen und so war die ganze Gegend in kaltes, weißes Licht getaucht. „Ich mag den Schnee“ sagte Jean irgendwann leise. „Wieso?“ fragte ich, da ich ihn nur als nass, kalt und extrem nervig empfand. „Er ist so… rein… so unberührt… so… kalt!“ „Du findest es schön, dass der Schnee kalt ist?“ fragte ich verwirrt „Dummkopf“ grinst Jean und sah weiter auf den Boden vor seinen Füßen. „Ich meine damit nicht Kälte in dem Sinne“ Nachdem ich ihn nur weiter unwissend anschaute erklärte er „Du kannst den Schnee mit einem Herz vergleichen“ So? Konnte ich? „Ein unberührtes Herz, also eines, dass nicht weiß was Liebe ist, eines, das noch nie tiefe Gefühle für jemanden empfunden hat, das ist auch kalt – so wie der Schnee“ ich verstand immer noch nicht was er damit sagen wollte. „Verstehst du nicht?“ fragte er und als ich den Kopf schüttelte fuhr er fort. „Wenn ein Herz kalt ist, ist es nicht verletzlich“ „Das nicht“ entgegnete ich „Aber es ist tot“ „Nein, es schützt sich nur, es hat Angst davor verletzt zu werden und lässt so keine Gefühle zu.“ „Aber ist es nicht ein trauriges Leben ohne Liebe?“ „Es ist ein einsames Leben, ja, aber es ist sicher“ schloss Jean und wir liefen weiter schweigend nebeneinander her. Ich dachte über diese Unterhaltung nach. War es wirklich besser sein Herz einzufrieren als es gebrochen zu bekommen? Nein! Ich wollte kein kaltes Herz! Ich wollte nicht sicher sein! Ich wollte lieben! Und Liebe bedeutete nun einmal Risiko.
„Chris?“ flüsterte Jean plötzlich ganz leise und blieb stehen. Ich ging nicht weiter und drehte mich zu ihm „Ja?“ Er sah mich für eine Sekunde einfach nur an, dann näherte er sich mir langsam. Während sein Gesicht meinem immer näher kam sah er mir direkt in die Augen. Mein Herz schlug wie verrückt und aus Angst platzen zu müssen schloss ich die Augen. Ich konnte seinen heißen Atem an meiner Haut fühlen und plötzlich spürte ich wie seine weichen Lippen meinen Mund berührten. Ich behielt die Augen geschlossen und genoss das Gefühl. Er legte seine Hände an meinen Hals und ich umarmte ihn. Dicke Schneeflocken fielen seicht auf uns herab doch ich nahm sie nicht wahr. Ich nahm nichts um mich herum wahr. Es gab nur Jean und mich. „Bitte! Lass diesen Moment nie zu Ende gehen!“  dachte ich und hielt ihn fest. Seine Zunge stieß sanft an meine und wir küssten uns lange und innig.
 
Fortsetzung folgt…
 
 
 
 

Hier hätte diese Geschichte aufhören können, doch eigentlich fängt sie an diesem Punkt erst wirklich an und deshlab möchte ich sie auch noch weiter erzählen.Ann-Kathrin Zwiesler, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.04.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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