Klaus-D. Heid

So wird’s gemacht!

Magnus Söderbaum blinzelte verschmitzt in die Sonne. Er genoss es, frei und unabhängig vom Stress des Alltags, im hohen Gras zu liegen, während all jene, die ihn für verrückt hielten, Sklavendienste in Büros, Fabriken oder Praxen leisten mussten. Es störte Magnus nicht im Geringsten, dass er von allen anderen Bewohnern der kleinen Stadt Briest belächelt wurde. Die Briester waren ohnehin unfähig, einen wirklich Geisteskranken von einem cleveren Filou zu unterscheiden. Insofern hatte eigentlich nur Magnus Grund, zu lächeln. Er musste nicht um 6 Uhr aufstehen, um rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz zu sein. Er musste keinem Chef in den Hintern kriechen, weil er sonst Angst haben musste, seinen job zu verlieren. Ihm konnte es völlig egal sein, was um ihn herum in der Welt geschah. Für Magnus zählte lediglich, dass er irgendwie ausreichend zu essen und zu trinken bekam. Alles andere sollten die stressgeplagten Werktätigen dieser Welt unter sich ausmachen! Dass er stets gutgenährt und zur Genüge mit allen Getränken versorgt war, garantierte sein spezieller Status als ‚Stadt-Idiot’, den er sich vor vielen Jahren mühsam aufgebaut hatte. In den Augen der Briester war Magnus ein liebenswertes, dummes und schützenswertes Wesen, das sich nur darin vom Haustier unterschied, weil es in der Lage war, die Sprache der Menschen zu verstehen. Wie ein treuer Hund zottelte Magnus mal zu dieser und mal zu jener Familie, um sich an den gemachten Tischen der Briester den Bauch voll zu schlagen. Magnus hatte immer das Gefühl, dass er so etwas wie das ‚Medikament gegen schlechtes Gewissen’ war, wenn man ihm den Teller auf den Tisch stellte. Mit jeder Mahlzeit, die er sich erschnorrte, tat er eigentlich den Briestern einen riesengroßen, fast unbezahlbaren Gefallen. Wenn sie gut zu ihm waren, brauchten sie sich dafür um kein anderes Leid in der Welt zu kümmern. Mit einer einzigen Portion Hackbraten, Salzkartoffeln und leckeren Erbsen konnte man eine Menge für das Seelenheil tun. Keine langfristigen Verpflichtungen. Keine Abbuchungen vom Girokonto. Keine Photos von halbverhungerten Kindern und schon gar keine penetranten Aufforderungen, Patenschaften für vegetierende Kinder zu übernehmen. Obwohl Briest nur eine mickrige Kleinstadt war, war sie doch groß genug, damit die einzelnen Briester nicht überfordert wurden. Im Schnitt mussten die Familien nur einmal jährlich ihren Gewissens-Obolus leisten, um sich wieder für ein ganzes Jahr wohlfühlen zu können. Magnus schmunzelte, als er an die Ablassbriefe dachte, mit denen sich die Gläubigen im Mittelalter von Sünde und Gleichgültigkeit freikaufen konnten. „Ich bin ein ganzer Container voller Ablassbriefe...!“ murmelte Magnus, während er sich das Hemd auszog, um auch dem wohlgefüllten Bauch etwas Sonne zu gönnen.

So gingen die Tage ins Land. So gingen auch die Jahre ins Land – und Magnus avancierte immer mehr zu einer Kultfigur der Briester, die es mit allen Mitteln zu schützen galt. Wie so oft im Leben, veränderte sich alles, was irgendwie mit Glauben zu tun hatte. Zu jeder Feier lud man Magnus nun ein. Bei Hochzeiten und Geburten erwartete man, dass Magnus die Brautpaare und Neugeborenen segnete. Selbst bei Beerdigungen wurde es zum Standard, dass Magnus alle Hinterbliebenen mit seiner Hand berühren musste, um unheil von ihnen fernzuhalten. Der gute Magnus Söderbaum wurde von Tag zu Tag mehr zum Briester-Gott, der seine schützenden Hände über solange über die Stadt hielt, wie man ihn bei Laune halten konnte. Es dauerte nicht lange, da steckten ihm die ersten Briester Geldscheine zu, um einen ‚Segen außerhalb der normalen Segnungen’ zu erkaufen. Die Briester Bürger bauten Magnus sogar ein doppelstöckiges Haus, in den er wohnen und segnen konnte. Ein ‚Magnus Unterstützungskonto’ wurde eingerichtet, auf das alle braven Bürger Briests ihren Obolus einzahlten. Der Briester Rathausplatz wurde mit einer bronzenen Magnus-Statue verschönert, die Magnus in segnender Haltung darstellte. Der Briester Bürgermeister überlegte sogar, im Stadtrat den Vorschlag einzubringen, Briest künftig in Magnusstadt umzubenennen.

Währenddessen wuchs Magnus’ Bauch fast so schnell wie sein Bankkonto. Täglich kontrollierte er auf Kontoauszügen die Spendenbereitschaft ‚seiner’ Schäfchen. Bei all den Segnungen und Besuchen von Feiern, kam Magnus kaum noch dazu, seinem geliebten Müßiggang zu frönen. Um deshalb nicht vollends im Strudel der arbeitenden Bevölkerung unterzugehen, engagierte Magnus einen ‚Hilfsmagnus’, den er zufällig beim wandern durch den Stadtpark getroffen hatte. Ein knappes Jahr später gab es bereits achtzehn ‚Hilfsmagnusse’. Ein weiteres Jahr später gründete Magnus die Verein der ‚Magnusiter’, der selbstverständlich und umgehend von den Stadtvätern als gemeinnütziger Verein anerkannt wurde. Alle Magnusiter erkannte man an beigefarbenen Leinenhemden und Leinenhosen. Auf den Magnusiterhemden prangte eine riesige gelbe Sonne als Symbol der neu geschaffenen Religion. Zehn Jahre nach der Vereinsgründung wurde Briest tatsächlich in Magnusstadt umbenannt. Magnus Söderbaum hatte es geschafft.

Lächelnd saß er im hohen Gras der Wiese. Er blinzelte vergnügt in die Sonne, während ihm eine seiner Magnusistinnen zärtlich den Nacken massierte...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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