Margit Farwig

Ein Gau

 

 

 

 

Deutschland ist auch das Träumen in der Nacht. Kunstvoll, liebestoll oder angstvoll. Und Träume sind Spiegelbilder von Ereignissen, die irgendwann oder immer öfter durch das Land galoppieren.

Dann kriechen dunkle Wolken ins Federbett, drücken den Träumenden auf harte Planken des sinkenden Bootes auf dem Meer der Sinnlosigkeit. Es sinkt und sinkt, Luftblasen füllen sich mit Traumfetzen, dass sie Mühe haben, die Oberfläche zu erklimmen, um endlich zu zerplatzen.

Dieser Traum war so wirklich, wie ein Traum nur sein kann. Ein paar Momente Tschernobyl unterm eigenen Dach, auf dem eigenen Kopfkissen ließen mich „strahlende“ Hauptdarstellerin auf verwaister Bühne sein, das verehrte Publikum war schon verklappt. Das daraus resultierende Unbehagen taucht sporadisch auf, der Eintritt ist frei, Tag und Stunde stehen in keinem Programmheft.

Durch und durch geschüttelt vom Beben und Zittern von unsichtbaren Strahlen, alles in Schwarz-Blau-Violett getaucht, suchte ich nach einem Halt. Es stand nur noch die Treppe mit dem Geländer, das Dach war weg, die Wände fort. Dazu das endgültige Bewusstsein: ich bin verstrahlt mit allen Konsequenzen.

Hundert Meter weiter tobten in einem riesigen Gebäude mit tausend kleinen Scheiben Kämpfe zwischen zuckenden Blitzen und massiv schwarz-blau-violettem Strahlengewirr. Der Himmel drohte schwarz, wenn es noch der Himmel war.

Ich versuchte, die rundgewundene Treppe hinunter zu laufen, trat aber auf der Stelle und fühlte, wie eine fremde Macht durch mich hindurch ging, glaubte schon, gläsern zu sein und umgeworfen zu werden.

Kein Mensch stieß einen Schrei aus, nur das Knistern von überhitztem Glas füllte die Luft. Die Glaswand bog sich, zersprang aber nicht. Das lautlose Schleichen steigerte meine Angst. Ich sah keine Strahlen, hörte sie nicht und doch rückten sie unaufhörlich nach. Immer mehr. Genauso blitzartig durchzuckte mich die Frage: Wie lange lebe ich noch?

Im nächsten Moment war ich wach, ohne Übergang. Wach, aber ich bebte noch wie im Traum und sah auch die unwirklichen Farben vor mir. Ein Maler würde sofort zur Palette greifen und traumgetreu das Bild auf eine Leinwand werfen. Das Farbenzittern hinter den Scheiben mit den schwarzen Fensterkreuzen würde ein herrliches Kirchenfenster abgeben. Ich schüttelte die Angst ab, indem ich mich an der Farbkomposition fest hielt. Auch heute sehe ich in erster Linie die unwirklich schöne Nachtmalerei.

Doch die elende Ohnmacht. Ich kann nichts dagegen tun. Einmal wird der Fall eintreten. Ich kann zwar demonstrieren, zwecklos, bekäme den Stempel eines uneinsichtigen Dummerchens aufgedrückt: „Ihr habt wohl eine Steckdose zu Hause.“

Die Reaktoren in den östlichen Ländern verkommen immer mehr. Sie werden nicht abgeschaltet. Ja, woher soll denn der Strom kommen? Und keiner weiß eine Antwort!

Ob wir nicht ganz einfach die Erde in der Überzahl bevölkern? Wohlgemerkt, das ist eine Feststellung. Sind wir denn so egoistisch, das Leben bis zum ‚Es geht nicht mehr’ auszukosten, als wenn wir die letzte Generation ausmachten?

Dabei sind auch wir nur ein Rädchen im Getriebe. Als Kind habe ich die armen Eintagsfliegen bedauert, weil sie nur einen Tag leben. Wir leben unzählige Tage, Jahre und sind immer noch nicht zufrieden.

Jeder wird am Leben erhalten. Geräte zur Erhaltung menschlichen Lebens beschäftigen ganze Industriezweige. Organe werden entnommen, entrissen, verpflanzt. Medikamente ersetzen Mahlzeiten. Die Aufzählung könnte endlos fortgesetzt werden. Wen es betrifft, der freut sich natürlich über medizinische Hilfen. Alle sind sich einig, dass es so sein muss. Es könnte mich selbst treffen

Richtig, und doch ist die Sucht auf „Leben unter allen Umständen“ nur die Eintrittskarte in ein Leben, das mithilft, die Natur auszuplündern, Massen an Energien herbei zu schaffen und zu verschwenden, auch unter todbringenden Begleiterscheinungen. Anstatt natürliches Beenden eines aushauchenden Körpers zu akzeptieren, wird gerettet. Ist der Tod denn so schlimm? Es muss ja ganz fürchterlich sein, was uns ‚danach’ erwartet. Und doch ist der Tod das Natürlichste am Leben. Für uns bestimmt. Wir können ihm nicht entrinnen. Im Gegenteil. Durch unsere krampfhaften Auswüchse ums Überleben, um Wohlstand, Bequemlichkeit, Essen und Trinken ohne Maßen, Freizeit ohne Grenzen steuern wir dem Tod in viel unmenschlicherer Form zu, als wenn wir bereit wären, ihn auf natürliche Weise anzunehmen.

Wenn wir so großherzig sind, unserem Mitmenschen die Gnade der medizinischen Errettung um jeden Preis angedeihen zu lassen, haben wir gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Dann bekomme ich erstens automatisch das Recht, die ‚Segnungen’ auch in Anspruch zu nehmen und zweitens war ich doch vorbildlich barmherzig. Das macht sich immer gut.

In Wirklichkeit könnte mir so mancher Zeitgenosse gestohlen bleiben. Überall gibt es Unfrieden, von den großen Kriegen ganz zu schweigen. Der erste Schreck ist vorüber, das Elend findet woanders statt und unsere Männer, Väter und Söhne bleiben verschont. Mit ein paar Spenden stopfen wir die mahnenden Löcher im Flattersack, der sich Gewissen nennt. Ein Wunder, dass an der Stelle überhaupt etwas sitzt. Wie oft haben wir weggesehen, weggehört, weggeworfen?

Die aufprallenden Ereignisse müssen schon stärkeren Kalibers werden. Sie entwickeln sich. Die Brutalität lässt nichts mehr zu wünschen übrig. Draufhauen! Manchmal komme ich auf die Idee, Schande über mein Haupt, die kleinen und großen Kämpfe unter uns Menschen mit dem heutigen Tennisspiel zu vergleichen. Ich sitze und warte auf schöne Bälle hin und her, Anmut und Eleganz, auch kraftvoll. Was kommt: hau drauf. Sogar die Geschwindigkeit wird gemessen: stolze 200 km/h, gemessene Brutalität. Asse, eines nach dem anderen.

Womit ich nicht sagen möchte, längere, dafür sanftere Praktiken an meinem Nächsten seien erlaubt. Gewalt in jeder Form ist abzulehnen.

Noch ist der Supergau heimatlos, grenzenlos wird er allemal. Dann wird auch die in keiner Weise berechtigte Forderung nach Verwirklichung aller Wünsche in Sekunden gegenstandslos. Dann beginnen wir wieder bei Null, sind auf den anderen angewiesen, helfen uns gegenseitig usw.

 

 

 

© Margit Farwig

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.04.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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