Klaus-D. Heid

Hä?

Aus einem mir unerfindlichen Grund habe ich das Haus mit nur einem Schuh verlassen. Da ich dieses Missgeschick erst bemerkte, als der unbeschuhte Fuß bei den eisigen Temperaturen des späten Dezembertages abzufrieren drohte, musste eine Entscheidung getroffen werden. Ich liebe es, Entscheidungen unter Zeitdruck zu treffen. Schnell zog ich den einen Schuh aus, der das optische Erscheinungsbild störend beeinträchtigte. Ich lege sehr viel Wert auf mein Äußeres, wobei auch mein Inneres dann und wann meine Aufmerksamkeit findet, wenn es sich zu Wort meldet. So geschehen am Dienstag vor einer Woche. Mein Magen signalisierte mir mit eindeutigem Knurren, dass irgendetwas nicht in Ordnung sei. Umgehend entschied ich, einen Arzt zu konsultieren, dem ich vertrauensvoll mein Leid klagen konnte. Doktor Metzger verweigerte jedoch eine Untersuchung, da er sich als Zahnarzt offensichtlich mit dem geschilderten Problem überfordert sah. Frustriert wies ich meinen Magen an, künftig nicht mehr zu nerven. Sieglinde meint auch, dass man nicht wegen jedem Mist zum Arzt rennen sollte. Dass ich auf einen Arzt verzichtete, als Sieglinde sich vor Schmerzen auf dem Bett krümmte, kann sie mir nun nicht mehr übel nehmen. Hinkend wankte ich hinter ihrem Sarg hinterher, bis mir der Pfarrer den freundlichen Wink gab, dass die vermeintliche Trauerzeremonie für Edeltraut Müller abgehalten wurde. Ich kannte keine Edeltraut Müller und dankte deshalb dem Pfarrer für seine aufmunternden und hilfreichen Worte. Ein Irrtum. Sieglinde hatte mich schon vor vier Jahren verlassen. Er hieß Manuel und verdiente wohl ganz gut. Wer aber war die Frau in meinem bett, die vor Schmerzen schrie? War es nicht besser, noch einmal nach dem Rechten zu sehen? In meinem Bett lag niemand. Mein Magen meldete sich wieder. Zornig schlug ich auf ihn ein, bis er endlich Ruhe gab. Ich hätte mir ein paar zähne ausschlagen sollen, denn ich wusste ja nun, dass es einen Zahnarzt gab, der keine Lust hatte, sich um schmerzende Mägen zu kümmern. Mit dem Bus der Linie 8 fuhr ich kreuz und quer durch die Stadt. Der Busfahrer konnte mir nicht sagen, wohin ich wollte. Sind alle Menschen so unwissend? Ich muss mich doch schließlich auch durch ein überaus verqueres leben kämpfen, oder? Als man mich an der Haltestelle ‚Stadtgarten’ aus dem Bus warf, bemerkte ich mit Schrecken, dass der Tag der Nacht gewichen war. Er hätte mich fragen können, ob das auch in meinem Sinne war. Im Dunkeln sehe ich nicht so gut. Obwohl ich bestimmt sehr lange mit dem Bus gefahren war, hatte sich der Sommer noch nicht entscheiden können, mir mit etwas Wärme das Kältegefühl zu vertreiben. Überall lag Schnee. Wie sollte ich nun nach Hause kommen? Wo wohnte ich überhaupt? Oder wohnte ich gar nicht? Ich musste wieder einmal eine Entscheidung treffen. Ich liebe es, Entscheidungen unter Zeitdruck zu treffen. Meine Entscheidung sah so aus, dass ich mich entschied, die Entscheidung zu vertagen. Morgen war auch noch ein Tag. Harry, mein lieber kleiner Dackel, hing noch immer steifgefroren an der Leine, die ich fest umklammert hielt. Harry? Ich hatte ja gar keinen Hund, der Harry hieß. Wenn ich etwas intensiver nachdachte, hatte ich überhaupt keinen Hund. Was zog ich aber dann hinter mir her? Es schien Sieglinde nicht gut zu gehen. Sie bewegte sich nicht. Wenn es an ihren Zähnen lag, konnte ich mein Glück bei Doktor Metzger versuchen. Es würde nur etwas länger dauern, da ich vergessen habe, wo der Doktor wohnt. Oder sollte ich Manuel informieren? Unsinn. Manuel war bestimmt kein Zahnarzt! Über sieben stunden saß ich auf der schneebedeckten Bank und dachte nach. Sieglinde wollte mir partout nicht weiterhelfen, da sie ja tot war. Ich starb übrigens auch. Vielleicht findet mich ja Doktor Metzger? Wenn’s an den Zähnen lag, wird er mir schon helfen können, oder?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Kein Leben hinter mir: Trauma oder Irrsinn von Klaus-D. Heid



Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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