Marina Juric

Erinnerungen an den Brokeback Mountain

Ennis Del Mar war ein Mann, der mit einer Lüge lebte.
Er belog seine Frau Alma, mit der er seit mehr als sechs Jahren Wohnung und Bett teilte, er belog seine wundervollen, kleinen Mädchen und er belog auch sich selbst.

Manchmal hörte er Alma nachts leise weinen, wenn er schlaflos mit dem Rücken zu ihr reglos auf der Seite lag und in die Dunkelheit starrte, aber er drehte sich nie zu ihr um.
Vielleicht weil er genau wusste, dass sie wegen ihm weinte, vielleicht aber auch weil ihm bewusst war, dass ihre Traurigkeit nicht wie ein schmutziger Fleck auf ihrer Haut war, die er mit einer streichelnden Bewegung seiner Hände hätte fortwischen können.

„Bist du glücklich, Ennis?“ hatte sie vor ein paar Wochen gefragt, kurz nach dem Wochenende mit Jack, die blassen Lippen zu etwas verzogen, was vermutlich ein Lächeln hätte sein sollen.
Sie hatte es einem beinahe beiläufigen Ton gefragt, während ihre Hände ihre Schürze geknetet und ihre Augen, deren nervöses Blinzeln sie verrieten, an ihm vorbei die Wand angestarrt hatten.
Er erinnerte sich an den hohlen Druck in seiner Magengrube, an den eiskalten, unförmigen Klumpen in seiner Kehle, als er den Kopf gehoben und mit einer Stimme, die sich nicht wie seine eigene angehört hatte, geantwortet hatte.
„Sicher bin ich das“, hatte er gesagt, während jedes Wort einen immer übler werdenden Nachgeschmack in seinem Mund hinterlassen hatte.
Er hatte sie angesehen und hatte sie doch nicht gesehen, ihr Gesicht war zu einem nebligen Etwas verschwommen und er hatte sich umgedreht, war dem Ausdruck in ihren Augen entkommen.

Manchmal legte er sich erst ins Bett, lange nachdem Alma schon im Schlafzimmer verschwunden war, kroch dann lautlos unter die Laken und wünschte sich, nicht mehr aufzuwachen.
Er schämte sich wegen dieser Gedanken, vor allem, wenn er an Junior und Jenny dachte, die fest schlafend in ihren Betten lagen, mit einem friedlichen Ausdruck auf ihren engelsgleichen Gesichtern.

Er liebte sie mehr als er hätte in Worte fassen können, sie waren sein ganzer Stolz, alles, was sich ein Vater von seinen Kindern hätte wünschen können.
„Woran denkst du, Daddy?“ hatte ihn Alma Junior vor ein paar Tagen besorgt gefragt, als er starr auf der Treppe vor ihrer Wohnung gesessen hatte, den Hut tief ins Gesicht gezogen, die Hände in den Taschen seiner Hose vergraben.
Keuchend und mit vor Anstrengung geröteten Wangen, nachdem sie mit ihrer Schwester gespielt hatte, war sie auf ihn zugelaufen und hatte ihre dünnen Ärmchen um seinen Hals gelegt, hatte ihn aus seinen Gedanken aufgeschreckt und die Bilder verdrängt, die vor seinen geschlossenen Augen wie ein Film abgelaufen waren.
Sie hatte den Kopf ein wenig schief gelegt, so wie sie es manchmal tat, wenn sie angestrengt über etwas nachdachte und mit ihren Händen sein Gesicht berührt.

Er hatte lange nicht geantwortet, hatte sie lediglich an sich gepresst, ihre Haare gestreichelt und ihr einen Kuss auf den Scheitel gedrückt.
„Daran, ob ich dir und Jenny unten in der Stadt eine Limonade kaufen soll.“
Sie hatte gelacht und begeistert „Jaaaaaa“ gerufen, er hatte ihre Hand in seine genommen und hatte das drückende Gefühl von Schuld abzuschütteln versucht, weil er sein kleines Mädchen belogen hatte.

*****

Der Mond tauchte das Schlafzimmer in ein schwaches, unwirkliches Licht und erinnerte ihn daran, dass er sich genauso fühlte, seltsam unwirklich.
Er lauschte Almas gleichmäßigem Atem und fing an zu zählen, kam ungefähr bei hundert an und begann von neuem, immer wieder, bis der Morgen graute.
Er wusste nicht genau, was er zählte.
Vielleicht zählte er die Tage, bis es aufhören würde sich so anzufühlen, als ob er eine leere Hülle wäre, ein Hohlkörper, der aus nichts bestand, der nichts enthielt.
Vielleicht zählte er die Tage, bis er sich wieder lebendig fühlen würde, bis er in den Spiegel schauen und sehen konnte, dass er nicht der Schatten war, als der er sich fühlte, dass er jemand war.

Vielleicht aber, und wenn er ehrlich zu selbst war, dann wusste er es mit Gewissheit, zählte er die Tage, bis er Jack wieder sehen würde.


Fortsetzung

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.05.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Wörterworte von Iris Bittner



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