Ann-Kathrin Zwiesler

Breakable IX - Zweifel

Kapitel 19
 
Zweifel
 
Ich lag rücklings auf meinem Bett und die Augen starrten in die tiefe Dunkelheit meines Zimmers. Kein Laut war zu hören außer meinem gleichmäßigen Atem und dem leisen Pochen meines Herzens. Seit Stunden lag ich nun so bewegungslos da und versuchte zu begreifen was am Abend zuvor passiert war.
Ich war mit Jean zusammen…
Ich war wirklich mit ihm zusammen!
ZUSAMMEN!!!
Jean und ich!
Ich und Jean!
Ein Paar…
Das war… unglaublich!
Ein wohliges Gefühl machte sich in mir breit und zwang mich zu lächeln. Doch plötzlich war da noch ein anderes Gefühl. Es beschlich mich und streckt seine kalten Finger nach mir aus. Bald hatte es das Glück in mir verdrängt und tausende unausgesprochene Fragten tobten wild durch meinen Kopf. Was war wenn Jean mich gar nicht liebte? Was wenn er mich einfach nur nicht enttäuschen wollte?  Was wenn er mit mir spielte? „Das würde er niemals tun!“ durchbrach  ich die Stille und erschrak über meine eigene Stimme. „Er liebt dich nicht!“ flüsterte etwas in meinem Kopf. „Er liebt dich nicht!“ Die Worte hallten in meinen Ohren wider. „Er liebt dich nicht! Er liebt dich nicht! ER LIEBT DICH NCITH!!!“ „DOCH!!!“ schrie ich verzweifelt gegen die grausigen Worte in meinem Kopf an. Stumme Tränen benetzten mein Kissen „Er liebt mich“ flüsterte ich mit zitternder Stimme und presste mein Gesicht ganz fest in den feuchten Stoff.
 
Dieses bedrückende Gefühl verschwand nicht. nicht in den Nächsten Tagen und auch nicht in den nächsten Wochen.
In der Öffentlichkeit wirkte zwischen uns alles wie immer nur wenn wir alleine waren und uns in völliger Sicherheit glaubten berührten wir uns vorsichtig und gaben uns zärtliche Küsse.
Doch noch immer quälte mich der beklemmende Gedanke Jean könnte das alles nicht so erst meinen wie ich. Immer wieder sah ich ihn in meinen Träumen wie er vor mir stand und mir mit eisigem Gesichtsausdruck seine Gleichgültigkeit mitteilte. Jedes mal war ich schweißgebadet aufgewacht und nicht wieder eingeschlafen.
„So kann das nicht weitergehen!“ sagte ich mir in einer dieser Nächte.  Mit einer Hand ergriff ich die Decke und schlug sie zurück. Ich stand auf und tapste über den eisigen Fußboden barfuss zu meinem Schriebtisch.  Der kalte Stuhl knarrte verräterisch als ich mich auf ihm niederließ. Leise fluchend schaltete ich die Nachtischlampe an und kramte ein Blatt Papier aus der Schublade.
Nachdem ich eine Weile auf den leeren, weißen Zettel gestarrt hatte griff ich mit zitternden Händen nach einem Stift und schrieb langsam und unsicher „Hi Jean“ darauf. Der Stift kratzte erschreckend laut auf dem Papier. Ich sah auf und überlegt wie ich das was ich ihm sagen wollte am besten niederschreiben könnte und dabei fiel mein Blick auf eine hell erleuchtet Straßenlaterne die unseren tief verschneiten Hof in kaltes weißes Licht tauchte. Plötzlich fiel mir das Gespräch über Schnee wieder ein, das ich mit Jean geführt hatte. Er hatte Recht, es war einfacher nicht zu lieben. Aber ich wollte lieben! Und zwar Jean! Den Blick nun wieder auf das Blatt gerichtet atmete ich tief ein und begann zu schreiben.
 
Ich weiß, ich sollte den Mut haben dir das hier persönlich zu sagen, aber den hab ich nicht.
Ich hab ihn schon vor langer Zeit verloren, genau genommen als ich dich vor 17 Jahren das erste Mal gesehen habe.
Ich weiß, das macht keinen Sinn, aber ich schriebe einfach nur auf was ich denke und meine Gedanken haben schon vor langer Zeit aufgehört Sinn zu machen.
 
Seufzend lehnte ich mich zurück und laß das eben geschriebene. Es war so unglaublich schwer die richtigen Worte zu finden…
Ich lauschte in die Stille als könnte ich von irgendwo eine Stimme hören, die meine Gefühle besser ausdrücken konnte als ich selbst.
Als diese Stille plötzlich von lautem Hundegebell durchbrochen wurde zuckte ich zusammen und ließ meinen Stift fallen. Er fiel auf den Boden und rollte durch mein Zimmer. Mein Blick folgte ihm und schließlich stand ich auf um ihn wieder zu holen als mir meine Stereoanlage auffiel. Da war sie, die Stimme. Den Stift wieder in Händen suchte ich die richtige CD heraus und legte sie ein. Mein Finger ruhte einige Sekunden auf der Play-Taste, bis ich mich dazu entschloss sie zu drücken. Der Klang von „Breakable“, Jeans Lieblingslied, erfüllte mein Zimmer und ein Kribbeln durchfuhr meinen Körper. Ich setzte mich wieder hin und begann zu schreiben. Ich schrieb und schrieb. Einfach das was ich dachte und fühlte. Ich musste nicht mehr überlegen, was ich schreiben sollte, es kam einfach alles. Wie als hätte eine sanfte Stimme es mir eingeflüstert. 
 
Ich habe nie kapiert wie viel ich für dich empfinde.
Ich dachte immer das wäre Freundschaft, aber es war mehr!
Ich weiß nicht seit wann ich mehr für dich empfinde als Freundschaft, aber ich weiß, dass es schon lange so ist.
 
Ich weiß nicht, ob ich es nicht gemerkt habe oder ob ich es nicht begreifen wollte… oder konnte, aber ich bin mir jetzt sicher!
Jean ich liebe dich!
 
Ich verstehe es wenn dich das verunsichert und wenn du überfordert bist, aber ich rechne es dir hoch an, dass du mir eine Chance gibst!
 
Ich erwarte nichts von dir!
Ich hatte nicht mal erwartet, dass du mich verstehst.
 
Ich glaube richtig verstehen tust du mich immer noch nicht und ich will dir helfen das zu tun.
Ich will versuchen durchsichtig für dich zu sein… so wie du es für mich nie warst…
 
Ich weiß, das ist eine merkwürdige Art seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, aber ich will dir eine Geschichte erzählen:
 
Ich hatte einmal einen Freund.
Er war für mich nicht irgendein Freund sondern der beste Freund den ich jemals hatte.
Wir waren fast wie Brüder und haben viele Schicksalsschläge  gemeinsam überstanden.
Wenn einer von uns am Boden lag, hat der andere ihm wieder aufgeholfen, hat ihn wieder aufgebaut.
Wir haben uns all die Jahre gegenseitig am Leben gehalten und uns Kraft, Mut und Trost gespendet.
Nach 17 Jahren Freundschaft ohne größere Streitigkeiten oder Auseinandersetzungen passierte etwas:
Ich spürte, dass sich etwas veränderte.
Er verschloss sich zusehends vor mir.
Ich wusste nicht wieso und was ich dagegen tun könnte aber wir entfernten uns immer weiter von einander.
Ich dachte in dieser Zeit oft über unsere Freundschaft nach und irgendwann ist mir etwas aufgefallen:
Ich war eifersüchtig!
Ich saß alleine zu Hause und wusste, dass er bei seiner damaligen Freundin war und ich spürte ganz deutlich, dass ich eifersüchtig war!
Ich ignorierte dieses Gefühl und wertete es als Blödsinn ab.
Das ist jetzt ca ein halbes Jahr her.
Ich hatte danach noch oft solche Anflüge fremder Gefühl im Zusammenhang mit ihm, aber ich schenkte ihnen keine Beachtung
Doch mit der Zeit wurden diese Gefühle immer deutlicher und es viel mir immer schwerer sie zu ignorieren.
Als er dann drei Wochen wegfuhr war das für mich als fiele ich ein tiefes Loch.
Er was so weit von mir entfernt und ich saß ganz alleine zu Hause und wusste nicht, was er dort tat.
Diese Unwissenheit machte mich fertig!
Ich war es gewohnt jede Handlung von ihm zu überwachen ich wusste immer was er tat, da wir meistens zusammen waren, doch jetzt hatte ich nichts außer ein paar kurzer Mails wie es ihm ging.
Als ich dann erfuhr, dass er mich angelogen hatte, war das als schlüge er mir mit der Faust ins Gesicht.
Für ihn war es ein nicht von Bedeutung erscheinendes Detail, das er weggelassen hatte, aber für mich bedeutete es unerträgliche Schmerzen.
Ich konnte nur zu Hause rum sitzen und mir von anderen anhören, was er dort tat und weil er kein Verständnis für meine Wut hatte, brach ein großer Streit zwischen uns aus.
Ich wollte das nicht, doch er verlangte eine Erklärung für mein verhalten.
Ich konnte es ihm nicht erklären!
Ich konnte es ja nicht mal mir selbst erklären!
Aber als ich ihn nach diesen drei Wochen wieder gesehen habe war ich mir sicher:
Es war Liebe!
Ich hatte lange gebraucht mir das einzugestehen und es erschien mir als unmöglich es ihm gegenüber zu zugeben.
Doch irgendwie habe ich es dann doch geschafft ihm die Wahrheit zu sagen.
Ich weiß, dass ihn das überfordert hat und so habe ich ihn in Ruhe gelassen.
Ich habe mich verhalten wie immer und bin nicht wieder darauf zu sprechen gekommen.
Ungefähr eine Woche später ist dann etwas Verrücktes passiert:
Irgendwie sind wir zusammen gekommen.
Doch habe ich immer noch das Gefühl, das er das alles nur tut um mir einen Gefallen zu tun… oder um mich nicht enttäuschen zu müssen.
 
Ich hoffe diese Geschichte macht dir ein bisschen klarer wie ich die Dinge sehe und wie ich sie wahrnehme.
 
Ich will nur dass du zwei dinge weißt:
1.        ich will nicht!!! Dass du etwas tust was du nicht auch willst!!!!!!!
2.     ich will dich nicht als Freund verlieren!
 
Jean du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben und ich würde es nicht überstehen dich zu verlieren!
Ich weiß nicht ob du dir jemals Gedanken darüber gemacht hast, was du mir bedeutest…
Du bist eigentlich der einzige, der mich am leben hält!
Gäbe es dich nicht, würde ich nicht mehr leben!
Du gibst meinem Dasein erst Sinn Jean!
Es gibt Menschen, die ihr Leben lang auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind und ihn wenn sie sterben immer noch nicht gefunden haben – ich muss ihn nicht erst suchen, der Sinn meines Lebens bist du!
 
Ich weiß, das beängstigt dich vielleicht, aber  ich habe lange genug versucht meine Gefühle für dich zu unterdrücken!
Ich will nicht mehr Jean – ich will mich nicht mehr verstecken!
 
Ich weiß nicht, was in dir vorgeht, was du für mich empfindest, wieso du das tust, ich weiß nicht mal ob du ehrlich zu mir bist.
Aber ich will ehrlich zu dir sein!
Ich will, dass du weißt was in mir vorgeht, was ich für dich empfinde, warum ich das alles tue!
 
 
Ich denke du verstehst mich jetzt ein bisschen besser und kannst mein Verhalten vielleicht nachvollziehen.
 
 
Dein Chris
 
Erst als ich das letzte Wort geschrieben hatte nahm ich meine Umgebung wieder wahr.
Die Musik war von einer schmerzlichen Stille abgelöst worden und das Papier vor mir war an manchen Stellen feucht und die Tinte verschwommen. Ein letztes Mal setze ich den Stift an und schrieb:
 
P.S.:
Ich will, dass du noch etwas weißt:
Ich habe diesen Brief unter Tränen geschrieben!
 
 
Fortsetzung folgt…
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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