Stephanie Müller

Wirklich

… nun konnte sie ihn in ihre Arme schließen. Endlich war die Zeit des Wartens vorbei. Wie oft hatte sie sich diesen Moment herbeigesehnt, sich ihn in ihren Gedanken und Träumen vorgestellt. Sie wusste es  nicht mehr. Und in diesem Augenblick war es doch anders – noch intensiver, noch unwirklicher.

Sie hatte ihn vorher nie gesehen, nur aus der Entfernung.

Ja geredet hatten sie viel, Millionen Worte müssen es gewesen sein. Doch selten waren es die gleichen Sätze, die sie zueinander sagten. Jede Silbe, ja jeder Laut war voller Hingabe und Liebe. Auch in ihren Träumen redeten sie weiter. Dort waren sie sich nah, so nah wie sonst nie zuvor. Sie verliebte sich immer mehr in ihn, auch wenn er bis dahin nur aus Worten und Gefühlen bestand.

Worte und Gefühle die ihm eine feste Substanz verliehen, obwohl sie ihn nicht berühren konnte, spürte sie ihn. Sie wusste eines Tages würden sie beieinander sein und sich in die Arme schließen.

Die Jahre vergingen. Ein Tag bestand aus vielen Worten, Gedanken und Träumen. Ja die Träume waren es die ihre Hoffnung nährten. In jedem Moment der Einsamkeit stahl sie sich aus der Wirklichkeit fort, zu ihm. Es fiel ihr schwer die Realität als ihre eigentliche Welt zu begreifen. Jeder Traum war wirklicher als das was um sie herum Tag für Tag passierte. Alles bewegte sich, doch war es die richtige Richtung in die sich jeder Schritt für Schritt begab? Manchmal wollte sie brüllen und schreien ‚geht nicht weiter, es führt euch ins Nichts’, doch auch wenn sie es getan hätte,

sie hätte die anderen nicht aufhalten können. Zu sehr war die Bewegung zur Normalität, ja zur Selbstverständlichkeit geworden. Ein Stillhalten war nur in ihren Gedanken möglich und auch nur wenn sie an ihn dachte und mit ihm sprach. Er redete nie laut, seine Worte waren stets überlegt, nie hätte er Böses äußern können. Er wollte nicht, dass sie zu oft Reißaus aus der Wirklichkeit nahm und zu ihm kam. Doch allein bei ihm, so weit sie auch voneinander entfernt waren, fühlte sie Zufriedenheit, spürte sie sich.

Draußen bewegte sich alles weiter, egal ob sie nun daran teilnahm oder versuchte in die andere Richtung zu gehen, immer wieder wurde sie von der Realität mitgezerrt. Immer wieder kämpfte sie dagegen an, versuchte mit denselben Worten zu reden, wie sie es mit ihm tat, niemand konnte sie jedoch verstehen. Zu schnell schritten alle an ihr vorbei, hetzten von der einen Flucht zu nächsten. Wovor flüchteten alle? Sie wusste es nicht. Hatten sie genauso Angst vor der Wirklichkeit wie sie oder dachten sie, dass sie die Wirklichkeit überrunden konnten, indem sie sich alle immer schneller in eine Richtung bewegen würden? Auf der Suche nach dem Besonderen, auf der Jagd nach Neuem? Wenn sie doch nur alle einmal stehen blieben und sich umschauen würden, wenn sie anfangen würden zu träumen und zu fühlen, vielleicht könnten sie dann aufhören zu jagen.

Den Kampf mit der Wirklichkeit gewann sie nur selten, immer wieder wurde auch sie zum Jäger. Nur der Gedanke an ihn, an seine Worte, an seine Gefühle ließen sie wieder zur Ruhe kommen. Doch wo war er nur? Je schneller die Zeit voran schritt, je stärker alle in eine Richtung drängten um so öfter nagte Verzweiflung an ihren Gedanken. Ich muss ihn endlich sehen.

Die Träume verblassten, ihre Worte konnte er kaum noch hören und auch er schien an Gestalt zu verlieren. Mit aller Kraft versuchte er sie zu halten, sie zu erinnern an das Gefühl was sie seit je her verband. ‚Du darfst nicht aufhören zu träumen, an mich zu denken, ich bin näher als du glaubst’. Wieder war es die Wirklichkeit die sie aus diesem Traum riss. Er war wieder näher, sie hatte ihn gespürt. Ein unbändiger Drang machte sich in ihr breit. Diesmal wollte sie den Kampf gewinnen, die andere Richtung einschlagen. Sie musste ihn finden, ihn endlich fühlen.

Wieder trat sie hinaus, wieder wurde sie mitgerissen, wieder hastete alles an ihr vorbei und auch sie war fast genauso schnell wie alle um sie herum - als sie plötzlich seine Worte hörte. Sie drehte sich langsam und mit allergrößter Anstrengung in die andere Richtung. Schritt für Schritt schaffte sie es dem Strom zu entrinnen. Es war beschwerlich, so beschwerlich, dass sie sich am liebsten wieder der Richtung aller angepasst hätte, doch irgendetwas sagte ihr, dass sie jetzt nicht aufgeben dürfte, er warte auf sie. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, so als bewege sie sich in langsamster Zeitlupe.

Sie sah sich vorsichtig um und bemerkte, dass sie nicht die einzige war, die kämpfte, wenn auch nicht viele, so waren es doch einige andere die mit ihr in eine andere Richtung gingen. Auf einmal spürte sie wieder das alte Gefühl und plötzlich hörte sie seine Worte ganz nah, jemand  berührte sie ganz vorsichtig. Sie sah etwas, erst noch verschwommen, doch dann erkannte sie ihn – ja er war es, wenngleich sie sich zuvor noch nie hier in der Wirklichkeit gesehen hatten.

Endlich schlossen sie sich in die Arme. Dieses Gefühl wollte sie nie mehr verlieren. Er war da um ihr den Kampf zu erleichtern, um ihn zu gewinnen. Vielleicht konnte sie noch anderen beibringen in die andere Richtung zu laufen um das Besondere, ja das Einzigartige zu finden –

die Liebe.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.05.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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