Ann-Kathrin Zwiesler

Breakable X - Ehrlichkeit kann so grausam sein

Kapitel 10

 

Ehrlichkeit kann so grausam sein

 

„Chrihiiiiiiiiis“ stöhnte Jean genervt und stützte sich auf meinem Tisch ab. Es war schon zehn Minuten nach Schulschluss und ich saß noch immer an meinem Platz und packte gemütlich keine Hefte ein. „Ich eil mich ja“ log ich und fuhr fort im Schneckentempo meine Stifte einzusammeln. „Wenn du deinen Hintern nicht bald aus diesem Raum bewegst, dann…“ „Ja! Ich mach ja schon!“ Ich gab nach und schmiss die restlichen Sachen achtlos in meine Schultasche um ihm schnell aus dem Gebäude folgen zu können.

Als wir fünf Minuten später keuchend an der Haltestelle ankamen fuhr uns der Bus natürlich mal wieder direkt vor der Nase weg. „Na toll! Super Chris! Und was machen wir jetzt? Ich hab keinen Bock auf dem nächsten zu warten!“

Er konnte ja so ein Biest sein… Aber das war mir im Moment auch egal, ich hatte erreicht was ich wollte. Grinsend sah ich ihm in die dunklen Augen. „Na so ein Pech aber auch! Da wirst du wohl die nächsten zwanzig Minuten mit mir verbringen müssen“ teilte ich ihm in gespielter Trauer mit. Er lachte und boxte mir leicht in den Bauch. „Das war Absicht oder?“ „Ja“ lachte ich frech und wir gingen gemeinsam ein Stück und ließen uns wenig später auf einer  Parkbank nieder. Den ganzen Tag schon hatte ich so ein komisches Kribbeln im Magen und bei dem Gedanken an den Brief, den ich gut verpackt in meinem Rucksack mit mir umher trug wurde mir beinahe etwas schlecht.

Sollte ich ihn Jean wirklich geben? Sollte ich mich ihm wirklich so offenbaren?

„Chris? Hörst du mir überhaupt zu?“ riss mich Jean plötzlich aus meinen Gedanken. „Nein“ antwortete ich verwirrt und erkannte auch schon, dass das wohl die falsche Antwort gewesen war. „Kannst du nicht einmal einfach nur zuhören wenn ich mit dir rede?“ begann Jean zu motzen. „Kannst du nicht einfach wiederholen was du gesagt hast und die Standpauke ausfallen lassen?“ erwiderte ich leicht genervt. Sein Mund öffnete sich als wollte er empört reagieren, schloss sich jedoch wieder. „Idiot“ grinste er und wiederholte brav was ich verpasst hatte.

Jean und ich hatten vor eine Band zu gründen und er hatte eine Anzeige in die Zeitung gestellt, dass wir noch einen Bassisten suchen. „Na ob da was bei raus kommt?“ überlegte ich skeptisch. „Hast du ne bessere Idee?“ fragte Jean und da ich keine hatte war das Thema für ihn geklärt. „So jetzt schwing aber deinen Luxuskörper mal in Richtung Bushaltestelle ich hab nämlich keine Lust in der Schweinekälte noch länger zu warten.“ Lachte er und stand auf. Ich folgte ihm und frierend warteten wir bis der lang ersehnte Wagen endlich kam. Wir suchten uns einen Platz ganz hinten und ließen uns auf die weichen Sitze fallen. Die ganze Fahrt über redeten wir kaum etwas. Jean verbrachte die Zeit damit aus dem Fenster zu starren und ich damit ihn anzustarren.

Angekommen stiegen wir gemeinsam aus und bevor wir auseinander gingen wandte ich mich ihm noch einmal zu. Wie er da so vor mir stand wollte ich nichts als ihm um den Hals fallen, ihn feste umarmen und nie wieder loslassen. Stattdessen holte ich mit zitternden Fingern den Brief aus meiner Tasche und reichte ihn Jean. Dieser sah mich fragend an. „Für dich“ flüsterte ich und wandte ich schnell zum Gehen, sodass er die Tränen nicht sah, die heiß über meine Wangen flossen. Ich musste mich stark beherrschen mich nicht umzudrehen, doch hätte ich es getan hätte ich einen unsichern, verwirrten Jungen auf einer tief verschneiten Straße gesehen der einen bedeutenden Brief in den zitternden blassen Händen hielt.

 

 

Zu Hause angekommen schloss ich mich in mein Zimmer ein und schaltete die Stereoanlage an. Erschöpft rollte ich mich auf meinem Bett zusammen und lauschte dem Text von „Breakable“.

 

Do you always have to tell him      

everything on your mind?

You know that too much

honesty can be so unkind

 

Musst du ihm immer alles sagen was in deinem Kopf vor sich geht?

Du weißt, dass zu viel Ehrlichkeit so grausam sein kann.

Diese Zeilen brannten sich in mein Gehirn und immer wieder sah ich sie vor mir. War es dumm gewesen so ehrlich zu Jean zu sein? Belastete ich ihn damit nur unnötig? Ob er den Brief wohl schon gelesen hatte? Wie er reagieren würde?

Die größte Angst die ich hatte war, dass er sagen könnte er hätte das wirklich alles nur getan um mich nicht zu enttäuschen. Natürlich wollte ich nicht, dass er etwas tat was er nicht wollte, aber ich war so glücklich in den Stunden die ich mit ihm zusammen war, dass ich das einfach nie wieder missen wollte!

„Ach Jean“ seufzte ich und wischte mir flüchtig eine einzelne Träne aus dem Augenwinkel.

 

You always try to find

what’s holding him away from you

 

Ja! Ja, ich wollte wirklich wissen was es war, das ihn von mir fernhielt. Was diese Mauer zwischen uns war. Aber würde ich es so erfahren? Würde er so ehrlich zu mir sein wie ich es gewesen war? Und würde ich das überhaupt wollen?

Mit all diesen verzweifelten Fragen im Kopf schlief ich schließlich irgendwann ein.

 

Grelle Strahlen kalter Wintersonne stachen mir am nächsten Morgen in die Augen. Wovon ich wach geworden war wusste ich nicht doch ich kam mir seltsam beobachtet vor. Als sich meine Augen an das helle Licht gewöhnt hatten blickte ich mich in meinem Zimmer um und zuckte kurz zusammen, als ich auf meiner Fensterbank eine Gestalt sitzen sah.

„Guten Morgen Chris“ lächelte Jean und ließ sich auf die Füße rutschen. „Morgen“ murmelte ich schlaftrunken und recht verwirrt. Vorsichtig ließ Jean sich auf meinem Bett nieder und schaute aus dem Fenster. „Wie lange bist du schon hier?“ fragte ich ihn. „Nicht lange“ erwiderte er und ich hörte an seinem Tonfall, dass es gelogen war. Skeptisch zog ich eine Augenbraue nach oben und er grinste. „Seit neun Uhr“ gab er zu und ein Blick auf meinen Wecker verriet mir, dass das nun knapp zwei Stunden waren. „Hast… Hast du…“ ich brachte die Frage ob er den Brief gelesen hatte einfach nicht heraus doch zu meiner Überraschung nickte er.

„Hast du?“ frage ich ungläubig nach und wieder nickte er. Dann, nach einer kleinen Ewigkeit sah er mir direkt in die Augen. „Gib mir einfach mehr Zeit Chris.“ Ich sah ihn einfach nur an. Er senkte den Blick zu seinen nackten Füßen die imaginäre Muster auf meinen Boden malten. „Das ist einfach alles so… verwirrend für mich.“ Noch war ein deutliches Stocken in seiner Stimme zu hören, doch dieses Zögern ließ nach mit jeden Wort, dass er redete.

„Chris ich… ich… Es ist nicht, dass ich das nicht will…Ich bin nur einfach total überfordert!“ An seiner Schläfe zuckte eine winzige blaue Ader wie immer wenn ihm etwas unangenehm war. „Überleg doch mal: Du hattest genug Zeit dich daran zu gewöhnen. Für dich war es doch am Anfang auch schwer das zu akzeptieren. Genau die Zeit brauche ich eben auch um damit fertig zu werden.“ Als er erneut ansetzte wurde seine Stimme allmählich fester. „Chris, ich hatte doch keine Ahnung.

Ich wusste nicht was in dir vorging und konnte mich deshalb nicht darauf einstellen.

Als du mir das damals gesagt hast, da war das ein Schock für mich!

Ich weiß, ich habe nicht so gewirkt aber es hat mich einfach umgehauen.

Ich brauche einfach nur mehr Zeit Chris. Lass mich das alles erstmal verarbeiten und realisieren. Im Moment wirkt das alles wie ein verschwommener Traum auf mich…

Ich muss erst aufwachen und verstehen, dass das kein Traum ist.

Ich will dich doch auch nicht verlieren!

Und deshalb sollten wir das ganze vorsichtig angehen…

Ok das ist  jetzt ein bisschen zu spät, aber… Chris du weiß, dass du mir unheimlich wichtig bist! Und du weißt, dass ich dich brauche! Und, dass ich das alles ohne dich nicht schaffen kann!

Vielleicht war ich in letzter Zeit sehr verschlossen, aber ich habe das doch nicht mit Absicht gemacht…“ er atmete kurz heftig ein „Chris, gib mir einfach mehr Zeit!“ bat er mich dann und sah mich wieder an. Wie unter Schock versuchte ich das zu kapieren was da gerade geschehen war, was er zu mir gesagt hatte. Ich versuchte mich an jedes Wort genau zu erinnern aus Angst etwas falsch verstanden zu haben.

Was wollte er mir damit sagen? Sollte das heißen er liebte mich nicht? Oder er war sich nicht sicher? Wie konnte man sich denn nicht sicher sein ob man jemanden liebt? Aber… ich war ihm wichtig und deswegen wollte er nichts überstürzen… nur… hatte er das nicht schon getan?  „Chris“ setzte er erneut zaghaft an als ich keine Reaktion zeigte. „Ich habe einfach Angst einen Fehler zu machen.“ „Ich… ich weiß“ war das einzige zu dem ich im Stande war.

Plötzlich wollte ich dass er verschwand. Ich wollte alleine sein und in Ruhe über das nachdenken was er mir gesagt hatte. Er musste das wohl gespürt haben, denn er erhob sich zögernd von meinem Bett und verließ mit einem kaum hörbaren „Tschüss Chris“ mein Zimmer. Kaum hatte er die Türe geschlossen spürte ich schon wieder Tränen in meinen Augen.

 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.05.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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