Ann-Kathrin Zwiesler

Breakable XI - Lynn

Kapitel 11
 
Lynn
 
Zeit! Er brauchte Zeit! Und das fiel ihm JETZT ein!!!
Ich saß in unserem stickigen Keller und hämmerte wütend auf mein Schlagzeug ein. Es war die Woche nach Weihnachten und obwohl ich Jean seit unserem letzten Gespräch ncith gesehen hatte war ich noch immer unglaublich sauer. Ich konnte nicht einmal genau sagen was es war, das mich so aufbrachte aber meine Wut war in über die Feiertage, die Jean in Amerika bei seinem Vater verbracht hatte, nur noch mehr hoch gekocht.
Wenn er Zeit brauchte, warum zum Teufel hatte er mich dann glauben lasen, dass er mit mir zusammen sein wollte? Ich hatte nicht realisiert, dass ich im Laufe meiner Grübeleien immer fester auf die Felle eingeschlagen hatte und erst als ich einen stechenden Schmerz in der linken Hand spürte wurde mir bewusst, dass ich diese in meinem wilden Umherschlagen getroffen hatte. Ich ließ die Sticks fallen und betrachtete das Unglück. Es war halb so schlimm wie der Blutfluss vermuten ließ. Die Haut war an der Stelle an der das Holz auf sie getroffen war aufgeplatzt, doch es tat kaum noch weh. Ich lehnte mich zu einem der Regale, griff nach einem Taschentuch und drückte es auf die Wunde. Dabei warf ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Zehn nach drei. Jean müsste schon längst hier sein…
Auf die Anzeige in der Zeitung hatte sich tatsächlich ein Bassist gemeldet und wir wollten heute testen ob er etwas taugte.
Gerade wollte ich aufstehen um bei Jean anzurufen als die Türe zu unserem Keller aufging und er eintrat. „Frohe Weihnachten Chris“ strahlte er mich an und sah dabei aus wie ein Kleines Kind das ein besonders großes Geschenk auspackt. „Hi Jean“ grüßte ich bemüht kühl und stand auf. „Du kommst zu spät“.
Verwirrt blickte Jean mich an „Seit wann bist du denn so auf Pünktlichkeit aus?“ fragte er verwundert und machte sich daran seine Gitarre auszupacken.
„Ich will eben nicht den ganzen Tag hier rum sitzen!“ schloss ich die Diskussion ab und sah zu wie Jean am Mikro rumfummelte.
Der Keller war der einzige Raum in diesem Haus den ich je gemocht hatte. Was auch daran liegen könnte, dass es der einzige Raum war, den meine Eltern nicht mochten…
Seit kurzer Zeit stapelten sich hier unten Kabelrollen, Notenblätter und Songbooks zu einem undurchdringbaren Chaos, das Jean regelmäßig zur Weißglut brachte. Aber wenn er einen ordentlichen Probenraum haben wollte, sollte er selbst aufräumen, mir passte das so.
„Also mit Pünktlichkeit hat ders ja auch nicht so“ stellte Jean mit einem prüfenden Blick auf die Uhr fest. „Wer?“ fragte ich, konnte mir kurz darauf jedoch selbst Antwort geben als die Türe ein zweites mal aufging. Ein braunhaariger ziemlich gutaussehender Junge betrat den Keller und sah sich unsicher um. „Hey“ grüßte er uns und blieb ratlos in der Türe stehen. Da Jean nicht die geringsten Anstalten machte ihn hereinzubitten tat ich das. „Hey, Komm doch rein“ meinte ich freundlich und er schloss die Türe hinter sich. „Ich bin Chris und das ist Jean“ der Junge nickte und lehnte seinen Bass an die Wand hinter ihm. „Hey tut mir leid, dass ich zu spät bin, hab den Bus verpasst. Ach ich bin übrigens Lynn“ Er streckte Jean, der ihm am nächsten stand seine Hand entgegen und lächelte doch dieser rührte sich noch immer nicht. „Lynn ist ein Mädchenname“ teilte er dem verdutzten Kerl nach einer Weile nur mit. „Ja“ lachte dieser „Das weiß ich. Aber wie du siehst bin ich keins“ „Ah ja“ murmelte Jean und bückte sich ohne ein weiters Wort nach seinen Texten. Ich hatte das Gefühl mich für Jeans Benehmen entschuldigen zu müssen also ging ich auf Lynn zu und schüttelte seine noch immer ausgestreckte Hand. „Hey Lynn, fühl dich ganz wie zu Hause“ meinte ich aufmunternd und dann gingen wir gemeinsam die Songliste durch. Lynn hatte die meisten Lieder schon gespielt, was die Sache unheimlich erleichterte.
„Ok, dann fangen wir mal an“ beschloss ich und begab mich auf meinen Platz ans Schlagzeug. „1 2 3 4“ zählte ich an und hoffte inständig, dass alles glatt gehen würde. Ging es auch bis: „“Sag mal kannst du nicht mal in einem normalen Tempo spielen?“  giftete Jean Lynn plötzlich an und unterbrach das Lied. Lynn schaute erst ihn und dann mich verdutzt an. „Was stimmt denn an meinem Tempo nicht?“ fragte er Jean bemüht alles richtig zu machen. „Bin ich dein Metronom?“ entgegnete dieser unfreundlich und Lynn sah wieder zu mir. Ich zuckte mit den Schultern und wir begannen von vorne. Während des Nachmittages unterbrach Jean noch viermal um Lynn in irgendeiner Weise zu kritisieren und anzuschnauzen.
 
„Also dann bis Donnerstag“ rief ich Lynn hinterher als er die Straße entlang zur Bushaltestelle ging. Jean stand mit ausdrucksloser Miene neben mir und verlor kein Wort. Ich schloss die Türe und sah ihn an „Was sollte das denn bitte?“ rief ich aufgebracht. „Lch mag ihn nicht“ antwortete Jean leichthin und drehte sich um. Ich ergriff seinen Arm und hielt ihn fest. „Mann Jean ,was ist den Problem? DU wolltest doch unbedingt  einen Bassisten per Anzeige suchen! Jetzt hast du einen und ekelst ihn schon am ersten Tag raus!“ „Genau genommen ist er für mich nicht mal drinnen“ erwiderte Jean kalt und riss sich los. Ich folgte ihm die Kellertreppe hinunter und sah schweigend zu wie er seine Sachen packte. „Bis Donnerstag“ rief ich auch ihm nach, doch er reagierte nicht und verließ den Raum ohne sich noch einmal umzudrehen oder etwas zu erwidern.
„Scheiße!“ flüsterte ich und ließ mich zu Boden sinken.
Heute Mittag war ich noch sauer auf Jean gewesen, jetzt war er sauer auf mich… dabei hatte ich doch gar nichts getan. Was hatte er denn gegen Lynn? Ich fand ihn eigentlich echt nett. Seufzend stand ich auf und ging nach oben in mein Zimmer.
 
Zwei Tage später klingelte es als ich gerade mal wieder einen Versuch startete mein Zimmer aufzuräumen. Da mein Eltern nicht zu Hause waren und mein Bruder grundsätzlich taub war, wenn es klingelte musste ich wohl oder übel nach unten spurten.
Keuchend riss ich die Türe auf und vor mir stand „Lynn?“ ich muss wohl ziemlich perplex  geschaut haben denn er lachte. „Heute ist Donnerstag“ klärte er mich auf. „Stimmt“ bestätigte ich mit einem Grinsen. Ich bat ihn herein und wir setzten uns in den Probenkeller um auf Jean zu warten.  Wir verstanden uns ziemlich gut und ich erfuhr, dass er in den Ferien auch ständig den Überblick über die Wochentage verlor und dass er mir wohl auch sonst in einigem ähnlich war. „Vielleicht solltest du ihn mal anrufen?“ schlug Lynn vor als Jean eine Stunde später noch immer nicht gekommen war. „Hm…“ meinte ich wenig begeistert. Ich hatte keine Lust ihm jetzt auch noch nachzutelefonieren. Doch das Problem erledigte sich als es wieder klingelte. Ich sprang auf um Jean die Türe zu öffnen. „Du weißt wie spät es ist?“ fragte ich ihn bissig als er eintrat doch er ging einfach stur an mir vorbei nach unten. Ich folgte ihm und bekam so mit wie er auch Lynns Gruß völlig ignorierte. „Ok, dann fangen wir an“ seufzte ich und setzte mich ans Schlagzeug. „Zu erst  I kissed the dark.“ Beschloss ich. „Lynn? Hast du das geübt?“
I kissed the dark war unser bisher einziges eigenes Lied und deshalb besonders wichtig. Lynn nickte und machte sich bereit. Ich zählte wieder an und bevor ich überhaupt bei vier angekommen war unterbrach mich Jean „Ich will das jetzt nicht spielen“ eröffnete er. „W-Was?“ Das sollte jetzt ja wohl ein Witz sein? Doch als ich ihn das fragte entgegnete er mit dem Trotz eines kleinen Kindes: „Nein das ist kein Witz! Ich will dieses Lied jetzt einfach nicht spielen!“ „Warum?“ „Weil ich nicht will!“ Lynn seufzte leise was für Jean Grund genug war ihn gleich wieder anzufahren. „WAS???“ schrie er ihn an. Lynn zog eine Augenbraue hoch und schüttelte nur stumm den Kopf. „Wisst ihr was? Ich hab die Schnauze voll!“ rief Jean, ließ seine Gitarre auf den Boden fallen, griff nach seiner Jacke und eilte aus dem Raum. Wenig später hörte ich die Türe ins Schloss fallen und legte meinen Kopf in die Hände. „War das meine Schuld?“ fragte Lynn vorsichtig obwohl er genau wusste, dass es das nicht war. „Nein“ antwortete ich „Ich weiß auch nicht was mit ihm los ist“ Ich sah auf als Lynn seinen Bass verstaute „Das bringt ohne Sänger ja nicht mehr ganz so viel“ meinte er und als ich nickte bewegte er sich in Richtung Türe. „Ich rede mit Jean“ begann ich „Das kann so nicht weiter gehen“ Lynn drehte sich nicht um und nickte nur kaum merklich. Dann öffnete er die Türe doch bevor er den Raum verlassen hatte hielt ich ihn zurück. „Hey Lynn?“ er drehte ich um „Ja?“ „Ich hab am 1. Januar Geburtstag, wenn du willst kannst du mal vorbeischauen“ Er nickte kurz lächelte zum Abschied und verließ das Zimmer.
Entweder Jean würde sich da mit ihm vertragen oder er würde mich umbringen… oder etwas ganz anderes mit dem ich nie gerechnet hätte...
 
Fortsetzung folgt…
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.05.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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