Jürgen Sander

Der leuchtende Wolf

Schon lange hatte mich der kleine Kramladen zwischen Luther- und Lautenschlagerstraße fasziniert. Er war eigentlich nichts besonderes, nicht viel anders, als man sie in vielen Städten sieht.

In der Auslage ein verrosteter Säbel neben Zinngeschirr und Kupferwärmflaschen, ein bunter Militärrock, vielleicht noch aus Napoleons Zeiten, auf einem alten, dreibeinigen Kleiderständer; einige alte, vergilbte Bücher in Schweinsleder gebunden.

Das schmalbrüstige Fenster war dunkel, mit von der Zeit fast schwarz gewordenem Holz eingefaßt und mit dunklem Samt ausgelegt. Rechts und links an den Seitenwänden hingen alte Stiche und Gemälde, von denen mich eines am meisten anzog:

Es stellte wohl einen heulenden Wolf dar, in einer nächtlich finsteren, von bizarren Felsen gebildeten Bergschlucht, der einen im Dunst schwach silbern schimmernden Mond anstarrte. Die Augen des Tieres strahlten ein silbernes Leuchten aus, das von innen zu kommen schien, obwohl es wohl nur das reflektierte Mondlicht war.

Jedes Mal, wenn ich vor dem Bild stand, fesselten mich diese Augen und schließlich, wie ein innerer Zwang, wurde der Wunsch immer stärker, dieses Bild zu besitzen; oder zumindest zu erfahren, was es bedeutete und woher es stammte. -Und doch hielt mich immer etwas zurück, eine unerklärliche Furcht, ein leichtes Gruseln, diesen Laden zu betreten.

Es war an einem Wintertag während meines Weihnachtsurlaubs, eine Zeit, in der ich es liebe, meiner Muße nachzugehen, zu lesen, ausgedehnte Spaziergänge im Schnee zu machen oder auch, wie heute, nur durch die Straßen zu bummeln.

Die Dämmerung hatte, nach einem purpurnen Sonnenuntergang, gerade eingesetzt, brauner Schneematsch lag auf den Straßen und quatschte unter meinen Tritten, das Licht wurde fahl und blaß, als ob gleich ein dichtes Schneetreiben einsetzen wollte, als ich mich unversehens wieder vor diesem Laden befand.

In dem gelblich-fahlen Licht der Dämmerung wirkte der Laden jetzt noch düsterer als sonst, und ich spürte einen Zwang hineinzugehen, der immer stärker wurde und von mir Besitz ergriff. Ohne daß ich es wollte, stieg ich die drei ausgetretenen Sandsteinstufen empor, öffnete ganz langsam die Tür, deren Messinggriff in einen Eulenkopf auslief, und trat ein, indem ich die Tür leise hinter mir schloß. Der Laden war innen noch düsterer als das Fenster , nur im Hintergrund von einer Kerze schwach erleuchtet. Die an Kleiderhaken hängenden Gewänder und die in offenen Regalen bunt durcheinanderstehenden Gegenstände, ein Samowar, eine wohl ehemals als Gallionsfigur dienende Büste eines chinesischen Mädchens mit langen, schwarzen Haaren, eine Unmenge von Kram, den ich in dem düsteren Licht nicht näher ausmachen konnte, warfen lange Schatten.

Während ich mich umschaute war, ohne daß ich es bemerkt hatte, der Inhaber herein gekommen. Ein hagerer alter Mann, leicht gebückt, mit hervorstehenden Backenknochen und einer Hakennase, stand er vor mir und sah mich mit seinen wasserblauen, stechenden Augen an.

"Sie kommen wegen des Bildes" sagte er und, ohne auf eine Antwort zu warten, ging er mit kurzen, wegen der Filzpantoffeln fast unhörbaren Schritten zum Fenster, wo er das Bild mit dem Wolf abnahm. "Sie sind noch unentschlossen" sagte er und fast flüsternd: "Es fällt mir auch schwer, dieses Bild herzugeben. Es ist ein ganz besonderes Bild, das mir mein Vorgänger übergab und das..." er stockte, "Ich komme ins Plaudern, Sie müssen es erst einmal aus der Nähe anschauen."

Damit hielt er mir das Bild vor. Um seine Mundwinkel spielte ein geheimnisvolles, freundliches Lächeln. In diesem Moment stieg in mir das Gefühl von Ruhe und Freude auf und ich empfand eine starke Sympathie für ihn und ergriff das Bild. Es war, als ob in diesem Moment die ganze Spannung und Unruhe von mir abfiel und ich mich wohl und entspannt fühlte, als mein Blick auf das Bild fiel.

Alles versank um mich, das Bild entschwand aus meinen Händen, es war mir, als ob ich plötzlich in der Wildnis dieser Schlucht stand und den Wolf heulen hörte. Kein schauriges Heulen, wie ich es aus Filmen kannte, eher ein lockendes Rufen, das ich als melodisch und schön empfand. Ich hörte die Stimme des alten Mannes leise, wie von fern in mein Ohr flüstern: "Vertrauen Sie ihm!". Da begannen die Augen des Wolfs zu leuchten, wurden heller und heller, so daß ihr Licht alles ausfüllte und mich fast schmerzte.

"Ich bin froh, daß Du gekommen bist" sagte der Wolf, "Ich habe Dich schon lange erwartet. Wenn Du willst, kannst Du durch mich die Kraft der Geister erlangen, Dich in alles zu verwandeln und überall hin zu gelangen." Obwohl es mir etwas unheimlich wurde trieb mich meine Neugier, dieses Angebot anzunehmen. Ehe ich noch antworten konnte, begann auf einmal Musik zu spielen. Eine wilde, wirbelnde Musik, die in mir den Wunsch weckte, nach ihr zu tanzen. Aber ich konnte mich nicht bewegen, meine Glieder waren schwer wie Blei. Auf einmal wurde mir bewußt, daß es noch eine Möglichkeit gab zu tanzen ohne die Schwere meines Körpers. Ich fühlte plötzlich, wie ich mich erhob von diesem schweren, bewegungslosen Körper, begann zu tanzen, war plötzlich wie ein Blatt, ein letztes Blatt im Wind, das der Herbst vergessen hatte. Im Wirbel der Töne taumelnd, mit Schwung hinab, sanft von den Tönen getragen aufsteigend, wie ein vom Wind getragenes Blatt, dann wieder mit neuem Schwung der Töne hinabschießend.

Ein unbeschreibliches Gefühl der Leichtigkeit und Freude überkam mich, ließ mich in sanften Bahnen auf und ab schweben. Unter mir erkannte ich auf einmal ein verschneites Tal, rechts und links von mir in sanfte Hügel ansteigend und unter mir, inmitten der weichen, frischen Schneewellen, ein kleines Bächlein. Am Rande hing der Schnee in weichen Rundungen über, fast bis ins Wasser, das heimlich und leise gluckste und gurgelte.

Ich sank tiefer, sachte im Wildbach eintauchend, fühlte das Wasser, das mich weich und warm umgab, wurde Wasser und Woge, schäumend und rauschend, jetzt an Steinen hoch aufspritzend, dann wieder durch Schnellen schießend. Kristallklares Schmelzwasser, das im Rausch der Töne vorbeischoß an herrlichen, weißen Schneefeldern, gurgelte durch kleine, verschneite Höhlen am Ufer, die der Schnee

bildete, schäumend, plätschernd, spritzend in die Tiefe schoß, übermütig ein Stück von dem überhängenden Schnee abreißend. Dann im flachen Land wurde es langsamer, ruhiger, sanft über sandige Ufer plätschernd.

Ein Sonnenstrahl traf mich glitzernd, in allen Farben schillernd, zog mich hinauf, ließ mich wirbelnd emporsteigen, dann langsamer, mit ausgebreiteten Armen dahinschweben über tief verschneite Felder, auf denen der Schnee in sanften, weißen Buckeln und Wellen lag, hier ragte die Spitze eines Zaunes aus dem Schnee, dort ein Baum, ganz bedeckt mit der schweren, weißen Last, die überhängend auf seine Äste drückte. Dort vorne begann der Wald, immer kleiner werdend, da ich immer noch höher stieg. Stetig nach Norden.

Unter mir einsame, verschneite Häuser, die langsam hinter mir im Weiß verschwanden. Dann Seen, noch nicht verschneit, ruhig daliegend, leise Wellen kräuselnd. Ich wunderte mich, daß ich nicht fror, aber es war warm hier oben in der Sonne. Selbst die Luft, die an mir vorbeizog, empfand ich als lau, obwohl mein Flug jetzt immer schneller wurde. Straßen mit langsam schleichenden Autos, klein, wie Spielzeuge, Städte, Flüsse, Berge und Täler und dann wieder eine endlos scheinende Ebene zogen mit atemberaubender Geschwindigkeit unter mir vorbei, bis ich schließlich unter mir das Meer liegen sah, mit hohen, sturmgepeitschten Wellen, auf deren Kämmen weiße Schaumkronen glitzerten.

Langsam wurde jetzt wieder mein Flug. Vor mir tauchten flache, weiß bedeckte Felsinselchen auf, mit einem dunklen Rand nassen Felsens umsäumt, an welchem tobend die Brandung nagte. Wie eine riesige, weiße Bärentatze im Wasser tauchte vor mir die Küste auf. Steil und doch in sanften Rundungen aus dem Wasser aufsteigend, mit tiefen Einschnitten dort, wo das Meer zwischen den Zehen ins Land vordrang. Durch ein Tal mit vereistem See, vereinzelt niederen, unter der Schneelast geduckten Häusern, vorbei an bizarr vereisten Stromschnellen ging es weiter nach Norden.

Das Land unter mir wurde bergiger, rauher. Ab und zu blickte durch den Schnee der nackte, hellgraue Fels eines Berges. Dann wurden die Felsen häufiger und schließlich stieg das Land an und mündeten in ein weites, leicht ansteigendes Hochplateau. Langsam kam die Erde wieder auf mich zu.

Ich hatte den Wunsch, dort im Schnee herumzustapfen und augenblicklich landete ich im weißen, unter meinen Füßen verstäubenden Schnee. Tastende Schritte im knöcheltiefen Pulverschnee, jedes Mal ein großes Loch in der jungfräulichen Schneebene hinterlassend, eine kleine Schneewolke um die Füße aufwirbelnd. Langsam stapfte ich durch die Schneemassen zum Rand der Ebene, der vor mir zu erkennen war, blickte hinunter in die Tiefe, die sich plötzlich vor mir auftat.

Fast senkrecht fiel die Wand ab, hinunter zum Fjord, aus dessen Grund tiefgrünes Wasser das Sonnenlicht spiegelte. Mich packte der Wunsch, frei wie ein Adler an den Felsen entlang zu segeln. Und dann, im plötzlich einsetzenden Wirbel der Musik stürzte ich mich hinein in die Luft, im Fallen Schwung holend stürzte ich hinab, in Kurven voll wilder Lust an den Felsen entlang jagend, auf und nieder, hin und her. Gar nicht genug bekommen konnte ich von dem wilden Spiel, turnte an Felsklippen herum, fast die Kanten streifend, bis ich des Herumtollens müde den Fjord hinabschoß, in weitem

Bogen auf das Meer hinaus, weiter nordwärts.

Unter mir dehnte sich endlos das Meer. Weiter, immer weiter trieb es mich. Eisberge tauchten auf. Ein gewaltiger Klotz, der aus dem Meer ragte, zog mich an. Ich sank nieder und landete auf einem flachen Vorsprung, dicht über dem Wasser. Wie überrascht war ich, als sich direkt vor mir eine Höhle auftat, hoch genug, um darin zu stehen. Ich ging hinein. Erst hell, dann dunkler grün werdend schimmerte der Bogen der Höhle über mir. Das Licht wurde fahl. Tropfen klirrten von der Decke in Pfützen , mit langem Echo nachhallend. Aus dem Dunkel der Höhle vor mir tönte warme, dunkle Musik, die mich anzog. Den wunderbaren Tönen lauschend achtete ich nicht auf den Weg und stieß gegen einen riesigen Eiszapfen, der wie eine Säule in dem jetzt breiter werdenden Gang stand. Der Berg erzitterte in dumpfen Tönen, die in ein Krachen und Bersten und Prasseln übergingen, als der Eiszapfen sich löste und in berstenden, brausenden Stücken herniederbrach.

Die Höhle weitete sich zu einer riesigen Halle gleich einer Kathedrale, in deren Hintergrund ein mächtiger Gong wie von selbst tönte. In erst blassem, dann leuchtender werdendem, goldenem Licht tauchte an ihrem Ende eine mächtige Buddhastatue auf, während die Wände das goldene Licht in glitzernden Farben wiedergaben.

Mit dem Austönen des Gongs verlöschte das Licht wieder zu einem blaßfahlen, grünen Schimmer, nur noch die hallenden Wassertropfen waren zu hören, während ich die Halle durch einen Gang verließ. Und wieder öffnete sich der Gang in eine weite Halle. Welch eine Pracht lag da vor mir! Säulen aus glänzendem, blitzendem Eis, große, armdicke Säulen, dazwischen dünne Eisfäden, die in hellem Grün und rubinrot leuchteten. Helle, glasklare Musik ertönte, brach sich in hundertfachem Echo und ließ mich wirbelnd tanzen. Blaßgrün und rot schimmernde Gestalten, wie Schemen tauchten auf, tanzten in langem Reigen in sanften Bögen wirbelnd durch die Halle, in süßen Tönen schwingend und verschwanden wieder, immer blasser werdend. Leise verebbte die Musik, es wurde dunkel. Nur am Ende der Höhle drang ein schwacher Lichtschein herein. Ich schritt wieder durch einen Gang, erstaunt, plötzlich hoch oben im Gebirge zu stehen, auf schmalem Weg in langem Pilgerzug die Berghänge hinauf zu steigen. Blickte hinunter in tiefe Täler, steile Schluchten, hinauf auf schroffe Felsen. In langem Bogen zog sich der Pilgerzug die Hänge entlang, vor mir, am gegenüberliegenden Hang um die Biegung verschwindend, hinter mir, immer kleiner, tief unten aus dem Tal heraufkommend.

Es gab keine Zeit zu verweilen. Ich wurde gedrängt, geschoben, immer weiter hinauf, bis auch ich um die Biegung trat und im Dämmerlicht vor mir einen riesigen Moos- und Grasbewachsenen Absatz erkannte. In der Mitte ein großes Feuer, in das jeder, der ankam, ein Stück von dem Holz, das er mit sich getragen hatte, warf, um sich dann am Rande des Platzes zu lagern, etwas gedörrten Fisch oder Fleisch kauend, dazu Maisfladen, ein Krug klaren Quellwassers kreiste von Einem zum Anderen. Auch ich ließ mich nieder, ließ die Abendstimmung auf mich wirken. eine Sitar ertönte, ließ sanfte Töne erklingen und langsam entschlummerte ich. Ich merkte nicht, daß die Musik ausklang, spürte aber, daß ich zurück mußte.

Licht umgab mich, überflutete mich. Es war mir, als erwachte ich aus einem tiefen Traum. Das Licht wurde blasser und ich schaute wieder in die Augen des Wolfs. "Komm bald wieder" sagte er. Ich versprach es ihm, da verschwand sein Bild vor mir und ich stand wieder vor dem Ladentisch. Nur, sonderbarerweise war ich allein, das Bild war

weg, der Laden war jetzt von zwei hellen Lampen an der Decke erleuchtet und jetzt gar nicht mehr düster. Die Tür zum Nebenraum ging auf. Ein junger Mann, vielleicht achtundzwanzig, modisch angezogen, kam herein: "Sie wünschen?" Ich stockte "Ich hätte gerne das Bild mit dem Wolf", sagte ich. Er meinte: "Dieses komische, alte von meinem Vorgänger, da muß ich mal schauen, wo ich das noch habe." Er kruschtete in den Ecken des Nebenraumes herum, dann tauchte er mit dem Bild auf. "Es ist ja nicht viel Wert, für fünfzig Mark können Sie es haben." Ich legte das Geld hin und verließ das Geschäft.

Im Gehen warf ich noch einen Blick in das Schaufenster, das Bild war nicht mehr da. An der Stelle, wo es noch vorher hing, war jetzt ein kitschiges Sonnenuntergangsbild. Grübelnd ging ich nach Hause

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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