Ingo A. Granderath

... und ist vermutlich bewaffnet

Ich fühle mich doch sehr angeschlagen, ist es doch schon drei Uhr in der Früh und ich fahre und fahre über die scheinbar endlos lange, triste Landstraße. Links die schwarze Masse der Nacht, rechts die schwarze Masse der Nacht. Mein Blick konzentriert auf den Lichtkegel gerichtet, den mein Scheinwerfer formt, und mein kleiner Wagen spult sein monotones Rattergeräusch hinunter, wie es wohl nur Autos rattern, die nur durch Rost zusammengehalten werden. Die Projektbesprechung in der Agentur artete wieder in Endlosdiskussionen aus und als man sich einigte, floß der Prossecco in Litern, da viele der Kollegen jetzt kurz vor Weihnachten in den Urlaub gehen und man sich dieses Jahr nicht mehr sieht. Ich bin froh endlich aus der Stadt rauszukommen. Streß hinter sich lassen und fort von der miefigen Luft. Dafür nehme ich täglich die dreißig Minuten Fahrtweg in Kauf und entspanne in meinem kleinen, ruhigen Dörfchen vor den Toren der Stadt. Zudem habe ich mich an dem Prosseccogelage beteiligt und dürfte lange nicht mehr fahren. Die Polizeipräsenz so kurz vor Weihnachten ist bedrohlich. Vor allem in der Stadt. Ich bin müde. Fenster auf. Fenster zu, bloß nicht einschlafen. Radio. Ich mache das Radio an. Michael Bolton. Ich drehe den Knopf weiter. Die Geräusche im Radio überschlagen sich quietschend. Quietsch, pfeif. Religionssendung. Quietsch, pfeif........ist der Mörder Arno N. heute Nacht aus der Haftanstalt ausgebrochen.... Quietsch, Pfeif. Ah, Nirvana. Den Sender lasse ich an. Jetzt fängt es noch an zu regnen. Die großen Tropfen prasseln wie Tennisbälle auf meine Scheibe. Mein Blick wird konzentrierter, meine Augen schwerer. Nirvana ist abgespielt, Pur hasse ich. Quietsch, Pfeif. Frank Sinatra. Lasse ich an. Mein Blick richtet sich wieder auf den Lichtkegel. Oh mein Gott ! Im grell gelbgrauen Licht erfaßt meine eingeschränkte Sehstärke einen schwarzen Schatten, dessen Umriß zweifellos als Menschengestalt zu erkennen ist, die gerade rechts in den Graben springt. Mensch, bin ich so fahruntüchtig, daß ich einen Menschen angefahren habe und es nicht bemerkt habe? Hat mein Auto den Aufprall übertont?
Ich halte hellwach an, lege den Rückwärtsgang ein, fahre wenige Meter zurück und halte auf der Höhe des eben erlebten. Ich steige schnell aus dem Auto und blicke einem durchnäßten Mann, der hinter seinem Dreitagebart und seinem ärmlichen Outfit, das an einen Blaumann erinnert ein wenig mitleiderregend aussieht, in die Augen. Wohl aber sympathisch. „Ist Ihnen was passiert, sind sie verletzt?“,frage ich, sehe ich doch erleichtert, daß der Unbekannte auf beiden Beinen steht. „Ich bin LKW-Fahrer. Mein Laster ist stehengeblieben und nun gehe ich nach Karlsbach um von dort aus zu telefonieren“, sagt der begossene Pudel der mir auf Anhieb echt sympathisch erscheint. „Karlsbach? Das ist das Dorf in dem ich lebe. Kommen sie, steigen sie ein. Ich nehme sie mit.“ Ich biete es ihm an. Kann ich mich eigentlich nicht an einen auf der Strecke stehengebliebenen LKW erinnern.
„Haben sie vielleicht eine Zigarette für mich?“ Ich gebe dem Unbekannten eine Zigarette und spüre langsam wieder die Lebensgeister in mir. „Was machen sie denn? Ich meine, wenn sie telefoniert haben? Um diese Zeit? Ich wohne fünf Minuten von hier entfernt. Telefonieren sie bei mir.“ Woher stammt meine spontane Hilfsbereitschaft? Ist es das Gewissen, einen armen Kerl um diese Zeit, bei diesem Wetter durch meine Unachtsamkeit in den Graben springen zu lassen? Sieben Tage Urlaub zu haben, eine Kiste Bier im Haus und die mittlerweile auch wieder aufgewachte Harmoniebereitschaft ist wohl eher daran beteiligt. Ich schätze ihn so auf mein Alter, so Anfang dreißig und glaube er ist in Ordnung. „ Ich heiße Arno. Danke, ich komme gerne mit. Haben sie vielleicht ein Bier zu Hause? Habe schon länger keins mehr getrunken.“ „Ich bin Jochen. Ja, ich habe Bier zu Hause. Da sind wir auch schon. Wir fahren in mein kleines Dorf hinein, biegen die Erste links ab und steuern den Parkplatz an der zu meinem Haus gehört. Nichts besonderes, drei Zimmer aber ich fühle mich wohl. Durch meinen Fahrgast rückte das Radioprogramm in denn Hintergrund. Muß jetzt dreiuhrdreißig sein. Es laufen Nachrichten: Der Frauenmörder trägt blaue Sträflingskleidung und ist vermutlich bewaffnet, ertönt es aus dem Äther. „So, darf ich bitten? Das Bier wartet“ sage ich schon so selbstverständlich als hätte ich einen alten Schulkollegen mit nach Hause gebracht. Wir gehen in den dritten Stock. Arno macht einen leicht verunsicherten Eindruck aber setzt sich sichtlich entspannt, gar erleichtert auf meine Eckcouch im Wohnzimmer. Ich gebe ihm ein Handtuch, hole das Bier aus dem Kühlschrank und setze mich zu Arno auf die Couch. Ich erfahre im Laufe des Gesprächs, welches sich zu einem wirklich guten Gespräch unter Männern, bei Bier entwickelte, daß Arno LKW-Fahrer bei einer Spedition in Frankfurt ist, verheiratet, daß er Schalke genau so wenig mag wie ich, und Jennifer Lopez gerne im Bett hätte. Das Gespräch läuft schon seit wann? Keine Ahnung. Das Bier strömt und wir werden immer betrunkener, immer vertrauter. Als ich Arno bitte, noch zwei Bier aus dem Kühlschrank zu holen, er muß eh auf die Toilette, steht er grinsend, torkelnd auf und es fällt ihm eine Pistole aus dem Hosenbein. „ Mann Arno, was für ne Kawumme. Wozu brauchste die?“ , frage ich überrascht aber nicht erstaunt, wie es üblich wäre, wenn eine fremde Person vor Deinen Augen eine Pistole verliert. Arno ist mir nicht fremd. Das Bier. „Jochen, du bist ja jetzt mein Freund.“; Erhob Arno offensichtlich sehr betrunken das Wort.“ Weist du Jochen? Die Frauen denken sehr kompliziert und dadurch oft verkehrt, und wenn sie auch noch so handeln; zerstören sie viel. Was willst du da machen?“ Ich habe meine Frau erschossen!“ Trägt blaue Sträflingskleidung und ist vermutlich bewaffnet, schoss es mir durch den Kopf. Wo habe ich das gehört? Wo? „Nicht wie du denkst, Kumpel“ setzte Arno sein Geständnis fort. „ Sie hat mich für dumm verkauft, verstehst du? Sie hat mich beschissen, belogen und mich nur als Fußtreter benutzt. Seit zwei Jahren Beziehungen zu anderen Männern, Beschimpfungen, Beleidigungen. Ich wartete eines Nachts auf sie, wohl wissend, daß sie von einem ihrer Liebhaber kommt. Es kam wieder mal zum Streit. Ich wollte sie töten. Ich zielte mit einer Waffe die ich vom Polenmarkt billig bekommen habe auf sie. Irene, so heißt meine Frau, lachte über mich und traute mir nicht zu, abzudrücken. Schlappschwanz und Feigling, nannte sie mich. In Ihrer widerlichen Art. Als sie immer näher kam und vor mir rumzappelte in ihrer Hysterie, löste sich ein Schuß. Irene zog an der Waffe, und mein Finger war noch am Abzug. Ich wollte sie töten. Ja. Doch sie behielt recht. Ich war ein Feigling. Es war ein Unfall. Du glaubst mir Kumpel, ja?“ „Mann Arno, die Weiber“, fiel es mir leicht zu sagen, hatte ich doch mein letzte Freundin auch an einen Porschefahrer verloren. Und das Bier. „ Ich glaube jetzt trinken wir einen Whisky. Ich gehe in die Küche und hole eine Flasche Whisky die mir ein Kunde unserer Agentur zu Weihnachten geschenkt hat. Ich setze mich wieder zu Arno. „Und jetzt suchen Sie dich? Keine Angst Arno. Ich bescheiss dich nicht. Mensch, solch netter Kerl wie du einer bist?! Der gehört nicht ins Gefängnis. Noch einen Whisky?,frage ich mit alkoholkontrollierter Stimme. Wir lallen uns noch ein zusammenhangloses Gespräch zusammen. Ich muß wohl auf der Couch eingeschlafen sein. Es ist jedenfalls hell und Arno ist fort. Auf dem Tisch liegt ein Zettel auf dem geschrieben steht: Ein sehr netter Abend, ich danke dir für alles, mein Kumpel. Wie wahr! Witziger Abend, echt in Ordnung der Arno, denke ich, ohne die Todesgeschichte seiner Frau Irene in den Fordergrund zu stellen.
Ich gehe in die Küche um mir einen Kaffee zu kochen und stelle wie gewohnt das Radio an: Quietsch, pfeif:.....der Frauenmörder Arno N. am heutigen Morgen auf der Flucht kaltblütig einen Polizisten erschossen hat.

Es ist schon wieder Februar und wieder mal verdammt kalt, naß und neblig auf unseren Straßen. Ich werde mir heute mein Mittagessen bei Da`Alberto besorgen. Ich bestelle mir eine Pizza Prosciutto und vertreibe mir die Wartezeit mit dem Lesen der Tageszeitung:

Der Doppelmörder Arno. N., der erst aus kürzester Distanz seine Frau erschoß und auf der Flucht einen Polizeibeamten mit vier Schüssen tödlich niederstreckte, wurde vom Landgericht zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Arno N. stand in dringenden Tatverdacht seine Frau umgebracht zu haben, um an die Versicherungssumme zu gelangen. Sein Geständnis bestätigte den Verdacht.
Arno? Ist doch ein verdammt dufter Kumpel!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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