Annie Krug

...Eiszeit..

Kinder suchen immer Kinder - und so lief ich eines Winternachmittags, den Schlitten an einem Strick hinterherziehend, sehnsüchtig der lärmenden Horde hinterher, die fröhlich das Dorfsträßchen entlangtobte. Ich wollte nichts weiter, als mit ihnen zusammen Schlitten fahren...
 In meiner Schneebegeisterung entging mir völlig, was um mich vorging - bemerkte nicht die boshaften Blicke, hörte auch nichts von dem, was sie planten. 
Arglos sauste ich selig vor mich hinlachend als erste die schmale "Schmiedsgass" hinunter, ohne mich groß  darüber zu wundern, daß man mir den Vortritt gelassen hatte. Dabei hätte genau das mich eigentlich schon mit tiefstem Mißtrauen erfüllen sollen, denn derartige Rücksichtnahme sah ihnen so gar nicht ähnlich. Dieses Mal hatte ich ganz einfach vergessen, auf der Hut zu sein.


Deswegen war ich auch vollkommen überrumpelt, als ich, kaum daß ich unten im schmalen halbdunklen Hohlweg angekommen war, von dem ganzen Pulk gezielt von hinten umgefahren wurde. Bevor ich mich aufrappeln konnte, hatten mich schon mehrere Paar Fäuste gepackt und in den Graben gestoßen. 


"Los, die wird jetzt anständig eingeseift!"
 
 "Ja, der verpassen wir einen gescheiten Denkzettel, daß sie uns so schnell nicht wieder nachläuft!"
  
„Dir werden wir´s schon zeigen!“
 
 "Stopft ihr das Maul mit Schnee, damit sie endlich aufhört zu schreien!"

"In den Kragen rein und in die Hose auch!"


Als sie mich schließlich auch noch von Kopf bis Fuß mit Schnee überhäuft und festgetreten hatten, rannten sie lachend davon.
Verzweifelt versuchte ich mich zu befreien, aber ich konnte weder Arm noch Bein rühren, zu sehr war ich eingepackt worden.
Vor Anstrengung begann ich, trotz der kalten Schneemassen, in denen ich lag, zu schwitzen. In meinem Kopf einzig der Gedanke: " Weg - nur schnell weg!" Ich wußte, auf Hilfe brauchte ich gar nicht erst zu hoffen. M
eine größte Angst war, daß sie zurückkommen würden, um mir noch mehr anzutun.

Längst hatte ich meinen aussichtslosen Kampf aufgegeben, lag leise wimmernd und zitternd im Schnee, da spürte ich zu meinem Schrecken, wie jemand an meinem Kopftuch zerrte. Waren meine Peiniger wieder da? Ging es nun weiter?

Seltsam - ich hatte sie gar nicht kommen gehört...

Dann schrie eine seltsam heisere Frauenstimme "Mutter-Anna!" 
Ich wurde aus meinem eisigen Grab gerissen und in einer warmen Stube auf das Sofa gelegt.
Zittrige Hände schälten mich hastig aus dem schneegepanzerten Mäntelchen, klopften Eiskrusten von mir ab und rieben mir Arme und Beine. Tröstlich hüllten sich angewärmte Handtücher um die kältestarren Hände und Füße, bis ich wieder Leben zeigte.

Die Wittfrau, welche das letzte Haus bewohnte, hatte beim abendlichen Hühnerfüttern das rote Tuch bemerkt, das da schon halb eingeschneit draußen vor ihrem Gartenzaun lag. Bestimmt hatte es vorhin eins der Kinder liegen lassen. Kopfschüttelnd über soviel Unachtsamkeit war sie nichtsahnend hinausgegangen um es zu holen, damit es nicht verlorenginge...
Nun murmelte sie beständig erschüttert vor sich hin: "Des Düügla wenn´i  etz net dat ling g´säng hit? Heilicha-Murra-Anna!" (wenn ich´s nun übersehen hätte?)

Ihr erwachsener Sohn, den sie in aller Eile hilfesuchend von seinen Kühen fortgeholt hatte - ein normalerweise ausgesprochen lustiger Kerl, beugte sich ebenfalls mit recht besorgtem Gesicht auf mich herunter.
Mein sonst so übermütiges Schnattergöschla war verstummt, ja ich reagierte nicht mal auf eines seiner üblichen Scherzworte.

Da ich nicht mehr laufen konnte, trug er mich  fürsorglich durch die einbrechende Dämmerung nach Hause.
 Meine Mutter, entsetzt und vollkommen außer sich über soviel Rohheit, verbot mir strikt, mich noch weiter mit diesen Kindern abzugeben. Es war eines der wenigen Male, wo ich widerspruchslos Folge leisten sollte.
Als sie mich nach einem heißen Fußbad ins Bett packte, glühte ich bereits vor Fieber und lag anschließend mehrere Wochen krank.

Seither konnte ich nie mehr einen anderen Menschen im Rücken ertragen, allein schon eine offenstehende Tür machte mich fahrig und nervös.
Zwar versuchte ich diese Angst so tapfer wie möglich zu verdrängen, aber erst, als meine Freundschaft mit Ritschi begann, fand ich wieder einigermaßen zu einer gewissen Sicherheit zurück
Ich war nicht mehr alleine!

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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