Randolf Scholz

Amazonas - Auf dem Fluss

Irgendwie hat sie es geschafft, mich in die Mitte des Dampfers zu locken. Hier ist es dunkel. Ein bisschen zu dunkel für Rosas noch dunklere Absichten. Und je mehr Zeit ich hier verbringe desto sicherer wirde es, dass sie sich nicht mehr davon abbringen lässt. Aber ich fühle mich nicht in der rechten Stimmung. Keineswegs liegt es an ihr. Sie ist schön, gross und schlank. Einer ihrer Vorfahren war schwarz und sie hat eine leichte dunkle Hauttönung. Eine helle Mulattin mit kleinen, braunen Sommersprossen, die wie eine Welle über ihr Gesicht laufen. Sie steht mir im Dunkeln gegenüber und schaut mich ernst an. Eigentlich hat sie keinen Grund dazu, denn ich spreche über etwas Ausgelassenes. Sie antwort nicht, nicht ein Sterbenswort, schaut mir immer nur todernst in die Augen. Sie wartet auf etwas, möchte keine lustigen Geschichten hören und würde eher versuchen, mich in den Fluss zu werfen, als unverrichteter Dinge von dannen zu gehen. In der Dunkelheit wirkt ihr Gesicht ganz anders. Reizvoller. Noch dazu mit dieser Miene. Ich fühle mich ein, zwei Jahrhunderte zurückversetzt, oder gleich in einem von Twains Büchern.
Noch immer erzähle ich etwas im fröhlichen Ton. Als ich ein Wort in Portugiesisch falsch ausspreche, unterbricht sie meinen Redefluss und sagt nur das eine Wort in der richtigen Aussprache. Die Aggressivität, mit der sie das tut, ist nicht zu überhören. Ich versuche das Wort besser auszusprechen, sie aber wiederholt es in der selben Weise. Machtvoller denn je. Ich gebe rechthaberisch die spanische Version zurück: “Que cosa!” Sie blickt mir ernst in die Augen, ohne jede Rührung sagt sie “O que coisa.” Ich bleibe dabei “Que cosa!”, und komme ihrem Gesicht näher. Sie lässt sich nicht umstimmen “Coisa!”, brasilianisch-melodisch, ich antworte “Cosa!”, spanisch-kantig, ohne jegliche Kompromissbereitschaft. Zur Unterstützung meiner Version komme ich ihrem Gesicht ein kleines Stück näher. “O que coisa!” - “Que cosa!” - “Coisa!” - “Cosa!” Die Diskussion setzt sich fort. Unterdessen dringe ich immer weiter in ihr Raum vor - ab einer bestimmen Nähe zu ihrem Gesicht, wenige Zentimeter, sagt sie nichts mehr. Was wohl in Rosas Kopf vorgeht? Unbeirrt setze ich fort “Cosa!” Unsere Nasen berühren sich, Rosa stiller denn je, und ich nochmal etwas leiser “cosa”, fast flüsternd, dass sich die Lippen um einen Hauch verfehlen.
Ich nehme mein Gesicht zurück und greife das Gespräch auf. Beginne wieder von dem zu sprechen, was mich beschäftigte, bevor mich Rosa unterbrochen hatte. Es ist ein Monolog. An ihren angespannten Zügen ist zu erkennen, dass sie nicht einverstanden ist. Vorsichtshalber lege ich meinen linken Arm über das Geländer und schliesse meine Hand darum. Bis zur Flussoberfläche sind es gut fünf Meter und es gibt böse Strömungen, Strudel und dergleichen, die selbst dem besten Schwimmer zum Verhängnis werden können. Und wer weiss schon wie lange der Bootsmann bräuchte um den Dampfer zu wenden? Währenddessen mir diese Gedanken durch den Kopf schwirren, verliert Rosa die Aufmerksamkeit und schaut zunehmend auf den Fluss. Skeptisch frage ich “Wie war das nochmal: Que cosa?” - Sie ganz in ihrem Element, aggressiv “O que coisa!” Ich befehle langsam und ruhig, mit vorgeschobenen Kinn “Que cosa!” Das lässt sie sanfter werden. Vielleicht hat sie nun doch erwogen, dass ich recht habe. Auch ich lässe mit mir verhandeln, spreche das Wort brasilianisch aus “Coisa.” Rosa verharrt still. Ich frage verunsichert “Que coisa?”, und lasse so wenig Platz, dass sich unsere Nasen leicht berühren. Sie entgegnet nichts und schaut mir nur fest in die Augen. Ich zweifele “War es nun...”, die Nasen berühren sich “que cosa”, die Lippen berühren sich sanft “oder vielleicht”, ich nehme meinen Kopf fragend zurück, schaue auf den Fluss “o que”, wende mich wieder zu ihr, ihr Gesicht hautnah “coisa?” die Lippen berühren sich kraftvoller. Ich setze fort “Cosa?”, meine Lippen streichen über die ihren “o coi...” ich komme nicht mehr dazu das Wort zu vollenden. Meine Zunge, so blitzschnell sie auch die zwei Buchstaben formen will, wird die Unnötigkeit dieser Handlung mitgeteilt. Beim Versuch über ihre Lippen zu streichen, hat sie mich eingesaugt.
Als wir zur vorderen Bootsspitze gehen, sitzt dort Gabriel mit Rosinha. Wir setzen uns zu ihnen und kurz darauf gehen die beide Mädchen hinunter ins zweite Deck, um sich schlafen zu legen. Meine Rosa in eine Kajüte, Gabriels Rosinha in eine Hängematte.
Im Augenblick als sie verschwinden, wirft mir Gabriel ein zweideutiges Lächeln zu, holt seine Mundharmonika aus der Hosentasche und beginnt zu musizieren. Ich lehne mich zurück und betrachte den Fluss, blicke hinauf zur Mondsichel, die noch wenige Minuten zuvor ihr fahles Licht auf das Gesicht des eigensinnigen Mädchens geworfen hat. Der Himmel ist klar, die Milchstrasse leuchtet und verbindet die Horizonte mit ihrem schimmernden Band. Nachts liegt der Fluss immer in blau, das Ufer auf jeder Seite ist nur ein schwacher, schwarzer Streifen. Wir fahren in der Mitte des Flusses, wo die Strömung am stärksten ist, immer flussabwärts, in zwei Tagen sind wir in Manaus, zwei Tage später in Santarém und irgendwann in Belém. Mich wird es danach weiter gen Süden ziehen und Gabriel hinauf in den Norden. Mein Freund ist Argentinier. Er arbeitete in Buenos Aires als Ingenieur bis zu dem Tag, als er sich entschied, die Welt kennenzulernen. Zweifellos ein durchaus ansehnlicher, mittelgrosser Argentinier mit schwarzem kurzen Haar, engstehenden grünen Augen und einer grossen Nase, auf die er sich etwas einbildet, die aber bei genauerer Betrachtung nur grösser scheint als sie ist, da sie einen Bogen beschreibt. Seine gesamte Erscheinung lässt einen recht schnell darauf kommen, dass man es mit einen ausgewachsenen Rotzlöffel zu tun hat.
Gabriel unterbricht sein Spiel, schaut mich forschend lächelnd an: “Erzähl schon! Was hast du mit Rosa angestellt?” Wir hätten ein bisschen geküsst, sage ich, und ich hätte die primären Vorzüge ihres Körper zu fassen bekommen. “Sie hat dieses kleine Begrüssungsritual initiiert, was mir abzulehnen das Gesetz der Gastfreundschaft und vor allem Rosas Ehre und Schönheit verbot.” Gabriel beginnt abwertend zu lächeln “Sei still!”, und er besinnt sich seiner Mundharmonika. Er neigt seinen Kopf etwas, setz das Instrument langsam an den Mund, schaut sanft und schon erklingt die Melodie. Seine Stirn legt sich in Falten und bei hohen Tönen treffen sich die Augenbrauen. Nun schliesst er die Augen und versinkt in seinen Harmonien. Als er das Lied verklingen lässt fragte ich ihn nach seiner Rosinha. “Sehr, sehr unschuldig.” sagt er und bekommt etwas Engelhaftes. Aber ich spüre eine gewisse Eifersucht, denn Gabriel hat sich während des ganzen Tages so benommen, als wolle er die beiden Mädchen gleichzeitig erobern. Ein Wort, dass man hier öfters zu hören bekommt.
Ein kleiner Exkurs. Die europäischen Eroberer Amerikas, in erster Linie die Spanier des Mittelalters, hatten dieses Wort zu einem kraftvollen Begriff werden lassen, es floss in die Mentalität ein und ist heute allgegenwärtig. Obwohl natürlich auffällt, dass der heutige Spanier in der Eroberung oftmals schwerfälliger wirkt, nur eine gewisse unsichere Brünftigkeit zur Schau stellt und sich wie ein menschliches Brüderchen des Stiers in der Arena anstellt - stark, potent, kopflos. Was dem Stier nämlich fehlt, um die Hörner in den Leib des Toreros zu treiben und ihn durch die Luft zu wirbeln ist schnelle Anpassungsfähigkeit und Intelligenz. Demnach muss es eine andere Art Spanier gewesen sein, welcher ein paar Jahrhunderte vor uns den Kontinent eroberte. Die Geschichtsbücher entlarven ihn als Dieb, Mörder, Vergewaltiger, alles in allem einen gesetzlosen und gierigen Parasiten. Töten, Morden und ähnliches liegt dem wahren Eroberer fern. Die Vergewaltigung allerdings, im weiteren Sinne natürlich, ist Hauptmotivation zwischengeschlechtlicher Kommunikation. Das gewaltsame Aufbrechen, oder sich Aufbrechen lassen, was bei Anstauung in explosionsartiges Aufplatzen übergehen kann, ist unverkennbares Merkmal lateinamerikanischer Kultur, und des Eroberers reinste Quelle der Freude. Scheinbar grenzenlos ist die Vielfältigkeit des Vorgehens und zahllos die lokalen Eigenheiten.
Das Grundmuster ist denkbar einfach: die Integrität der zu überwältigenden Beute als achtbare und ehrenwerte Person wird nur solange gewahrt wie es ihr Stolz vorschreibt. Ist der Punkt erreicht, wo der Dschungel und die Erhaltung der Art leise an die Kajüte klopft und Einlass erbittet, nimmt man das Steuerrad in die Hand, stellt heuchlerhafte Respektbekundungen ein, sofern nicht schon von vornherein darauf verzichtet wurde, und setzt die eigene Autorität vollständig und gnadenlos durch. Die Frau mag zwar flüchten, räumlich gesehen, mit rotem Kopf, klopfendem Herzen und feuchtem Höschen aber mit ein wenig Glück hat sie sich schon in einem unsichtbaren, sehr viel kräftigerem Netz verfangen. Der Wille ist vom erstem Moment der Kommunikation an ausgefahren, erst leicht verdeckt, dann immer offenkundiger. Denn ein Mann ohne Wille ist eine Frau. Und Frauen erobern, aus evolutionsbiologischen Gründen, sehr selten - ich traf nur eine Einzige, in einem viertel Jahrhundert. Ich sass in Huancayo in der Plaza de Armas auf einer Bank, lass in einem Büchlein und wurde unvermittelt von einer Frau in den frühen Dreissigern, welche sich neben mich setzte, angesprochen. Forcierend drängte sie sich auf und begann einen langen, im Zickzack-Kurs verlaufenden, nie enden wollenden Monolog. Schon nach kurzer Zeit merkte ich, dass sich mein Interesse an ihrer Weltsicht galoppierend verflüchtigte. Mir stand es ins Gesicht geschrieben. Sie liess sich nicht davon abbringen und stellte immer schiefere Gedankengebäude auf. Ich sah mich in meiner Ruhe gestört, begann gelangweilt, kopfnickend ihrer Meinung zuzustimmen, liess meinen Blick schweifen und begann zu gähnen. Dies hatte ein ungeahnte Wirkung. Sie sah sich angespornt und redete noch unermüdlicher weiter, verstärkte ihre Gestik und zeigte mir ihr unermessliches Bemühen mich nicht so einfach auf der Bank sitzen zu lassen. Innerlich war ich amüsiert und begann meine anfänglich ablehnende Haltung zu überdenken. Gewiss hätte sie mich weiter überwältigt, wenn nicht eine ältere Frau ! an die B ank getreten wäre, welche sich als ihre Mutter herausstellte, und entrüstet ihrer Tochter vorwarf, dass sie seit einer halben Stunde an dem vereinbarten Treffpunkt warte und sie sich statt dessen hier mit einem Fremden unterhielte.
Führt man die alltäglichen Erlebnisse auf die Geschichte zurück, so wird klar, dass die Portugiesen in ihrer Art zweifellos die sanfteren Konquistadoren gewesen sein mussten. Spaziert man von der kleinen kolumbianischen Dschungelstadt Leticia hinüber nach Tabatinga in Brasilien so kann man augenblicklich einen ausserordentlichen Kontrast vernehmen, innerhalb von wenigen Schritten. In diesem brasilianischen Dschungeldorf und auch später auf dem Flussdampfer bekommt man das sagenhafte Gefühl, in eine völlig andere Welt vorzustossen. Ein Zauberland. Es ist der Eindruck, dass das Ich und die Aussenwelt nicht mehr so messerscharf abgetrennt sind, dass diese beiden Begriffe vielmehr verwischt werden und ineinander verschwimmen.
“Warum willst mir nicht von der Peruanita aus Iquitos erzählen? Hast du vielleicht Angst, ich würde zurückreisen und sie dir wegnehmen?”, nimmt Grabiel lächelnd die Mundharmonika vom Mund. “Keine Frage, dass du es versuchen würdest. Aber du würdest kläglich scheitern.” sage ich mit einigem Wohlwollen und erkläre “Irgendwie ist alles noch zu nah, die Schwebteilchen, müssen erst zum Grund sinken, bevor ich etwas sehen kann. Denn das Meiste, was passierte entzieht sich meiner Erkenntnis.” - “Sag mir nicht, dass du dich verliebt hast!”, er lacht mitleidig. Ich schüttelte den Kopf. “Liebe?”, fragt er ernst. Ich lächele “Frag den Meister!”, und weise auf den Fluss. Diese Antwort lässt Gabriel auflächeln “Que poetico!” Wir schweigen eine Weile und blicken in die Nacht. In kurzen Abständen leuchtet der Scheinwerfer des Bootes auf und sucht den Fluss nach treibenden Bäumen ab, jenes Treibholz was eines Tages an der Küste gespült wird.
“Ach, die Mädchen...”, schwärmt Gabriel durch die Dunkelheit. “Hier eine Chilenin, da eine Bolivianerin, dort eine Peruanerin... und alle so unterschiedlich... in ihrem Wesen... ihrer Schönheit... ihrer Kultur!”, er lässt sich viel Zeit beim Sprechen. “Sie warten doch alle... auf ein bisschen Abwechslung... ein kleines, ein winziges Abenteuer... mit einem Reisenden... im besten Fall... einem Argentinier... hehehe...” Ich höre wie er mit weiten Mundwinkeln spricht “Weisst du! Irgendwann, wenn ich wiedermal den Fluss entlang reise, werde ich in einem kleinen Dorf von Bord gehen und dort für einige Zeit leben... um alles kennenzulernen, vor allem... die Mädchen... des Dschungels”, seine Augen leuchten mir entgegen, “ich glaube, die werden nicht viel von mir übriglassen... aber was macht das schon!” Man hört ihn in der Dunkelheit kichern. “Weisst du eigentlich, dass es hier wahre Fruchtbarkeitsfeste gibt? Natürlich viel weiter im tiefen Dschungel, wo die Menschen noch nicht christianisiert sind!” wieder lächelt er “Habe ich dir eigentlich schon die Geschichte von dem Pfarrer erzählt? Nicht? Also pass mal auf. Als ich in La Paz...”
Die Geschichte handelt von zwei Mädchen, die Töchter von einem amerikanischen Pfarrer, die irgendwo im Dschungel leben, oder besser gesagt, leben sollten. Ein paar Tage später sollte sich herausstellen, dass sich die Geschichte nur in seiner Fantasie zugetrug.
Er spricht etwa 20 Minuten. Danach schweigen wir eine Weile. Alle Sekunden wirft der Scheinwerfer sein Licht auf den Fluss. Gabriel hängt wohl den Bildern seiner Geschichte nach. Ich selbst muss mich an einen Argentinier, den ich in Kolumbien kennengelernt habe, erinnern.
Luciano, so hiess er, war ein paar Wochen vor mir in Medellín eingetroffen. Er arbeitete im Hostel indem er gemeinsam mit dem Besitzer - ebenfalls Argentinier, Reiseschecks bei den verschiedenen Banken tauschte. Ausländer bekamen ein besseren Kurs und so heuerten die beiden oft Touristen im Hostel an, mit welchen sie dann kreuz und quer durch die Stadt fuhren um Schecks in Bargeld zu tauschen. Nach einer solchen Runde war der Rucksack meist mit 10, 15 Tausend Dollar, in Pesos gefüllt. Keine schlechte Summe für eine Stadt wie Medellín, wo man schon für weitaus weniger den Schädel abrasiert bekam. Auf den Touren erzählte er dann von den Mädchen, die er kennengelernt hatte. “Sie mögen es, wenn du sagst: Yo soy argentiiino!”, er sprach dies mit dem würdevollen Stolz und dem äusserst selbstgefälligen Lächeln eines Sonnenkönigs. Aber tatsächlich erwarteten ihn die weiblichen Angestellten mit sehnsüchtigen Blicken und strahlten herzlich, wenn sie ihren Argentino in die Bank eintreten sahen. Das Gesicht eines Mädchen blieb mir besonders im Gedächtnis bewahrt, da sie ihn ungewöhnlich verklärt, fast vergötternd ansah. Als wir die Bank verliessen und ich ihn darauf ansprach, reagierte er überrascht und meinte, er hätte es gar nicht bemerkt. Er habe schon genug Freundinnen und zog die Frauen in den Dreissigern vor - zu welchen das Mädchen aus der Bank noch nicht zählte. “In dem Alter haben sie die beste praktische Lebenserfahrung und sehen noch immer gut aus.” Seine bevorzugte Freundin würde demnächst heiraten, nicht Luciano, aber der Liebhaber dürfte er trotzdem bleiben. Er selbst war zu bescheiden, dies zu erzählen, wahrscheinlich wäre sein Grinsen dabei geborsten. Ihn faszinierte es, dass die Frauen in Kolumbien den Sex so genossen wie die Männer. Selbst das Mädchen im Hostel, eine Kunststudentin um die 20, war seine Freundin. “Ich liebe sie doch alle!”, sagte er mit verzückter Unschuld, überschäumend von der Gabe, allen einen kleinen Teil von sich schenken zu können, ohne jedoch zu vergessen, mich auf mögliche G! efahren aufmerksam zu machen. “Wenn mein Spiel von der falschen Person durchschaut wird, habe ich mit dem Schlimmsten zu rechnen. Estamos en Colombia”, sagte er ernst “da regelt man die Sache auf die einfachste Weise!” Tatsächlich ertappte ihn das Mädchen, aus dem Hostel. Er war mit einer älteren Freundin in der Disko und plötzlich tauchte jene Kunststudentin auf. Von ihr hatte er nicht viel an Rache zu erwarten. Sie war zu jung und noch nicht vom Leben verbittert.
Von diesen kleinen Unfällen abgesehen, machte er auf mich den Eindruck, als hätte er das Land gefunden, das ihm das bot, was er vom Leben erwartete. Zuvor war er für ein Jahr in Mexico gewesen. Die Frage, ob es ihm da gefiel, beantwortete er mit einem stimmlosen no.
Nun wollte es der Zufall, dass ich etwa ein Jahr später wieder nach Medellín kam. Mir öffnete die Kunststudentin, die er als un poco tonta in seiner liebenswürdigen Art bezeichnet hatte. Ich erkannte sie sofort und als sie mir die Bettwäsche brachte, fragte ich, ob Luciano noch hier sei. Ihr Gesicht fiel ein. Da hatte ich den Finger an eine unverheilte Wunde gelegt. In einer plötzlich niedergedrückten Laune sagte sie, dass er schon lange nicht mehr hier sei, wollte aber auf die näheren Umstände nicht eingehen. “Ist er denn wenigstens noch am Leben?”, fragte ich aufgebracht. “Ja, er müsste in Argentinien sein.” antwortete sie mit aufgesetztem Gleichmut und verwies mich an den Chef des Hostels. Mit skeptischem Blick schien sie mich zu fragen, ob ich denn etwas über ihre gescheiterte Beziehung wusste, mein Gesicht war wie ein offenes Buch, und so sagte sie ohne Umschweife “Alle wussten es! Nur ich nicht!” und sie fügte an “Aber es war keine Liebe! Nach ihm habe ich einen Mann kennengelernt, den ich wirklich liebte. Er war mein Leben.” Natürlich klang das alles wenig überzeugend und ihr Gesichtszüge behaupteten auch das Gegenteil. Mir wollte scheinen, als hätte Luciano sie durch den Betrug an ihr, auf ewig an sich gebunden.
Der Hostelbesitzer, ein sympathischer Dickwanst um die Vierzig, war mir noch gut im Gedächtnis. Beim ersten Besuch bereitete er sich gerade auf eine Heimreise vor, indem er Unmengen an Fisch und Fleisch verzerrte. Er schien dieses Fressen zu veranstalten, um sein Bedürfnis nach Liebe zu seiner in Argentinien wartenden Frau zu steigern. Beim zweiten Besuch war ich gerade in der Küche mit Kochen beschäftigt als er auftauchte und mir gleich wieder durch seine unsichere Art auffiel. Umstandslos fragte ich ihn, ob er noch Schecks tauschte. Er erinnerte sich nicht an mich und schaute misstrauisch. Ich erklärte die Situation und augenblicklich erfüllte ihn die Erinnerung “Ach! Die goldenen Zeiten! Das ist längst vorüber.” Er sah mich wehmütig an und schwätzte drumherum, bevor er zum Kern kam. “Nur ein paar Schritte vor der Hosteltür wurden wir ausgeraubt.” Er prüfte mein Gesicht. “Sie kamen auf zwei Mopeds, hielten uns die Pistolen in den Rücken und drückten uns zu Boden. Ich dachte es wär’ vorbei!”, er senkte seinen Blick und schüttelte resigniert den Kopf “Wir hatten den ganzen Rucksack voll Pesos. Aber sie taten uns nichts. Sie nahmen nur das Geld und verschwanden. Luciano verliess in der gleichen Nacht Medellín und zwei Tage später hatte er Kolumbien verlassen. Aber ich bleib und wurde krank. Ich dachte, dass sie erst mein Geld nehmen und mich dann irgendwann töten würden. Ich war krank! Ich verliess das Haus nicht mehr für drei, vier Monate, konnte nicht mehr schlafen, nichtmal essen. Ich war mir sicher, dass sie mich umbringen würden! Aber sie taten es nicht.” Ich fragte nach Luciano. “Er reist durch Argentinien.” und er wies mit einer Kopfbewegung auf eine Fotowand. Ich ging hinüber und verglich erstaunt zwei Fotos. Es war wie eine Vorher-Nachher-Studie. Auf dem einen, dem ersten, schäumte er vor Lebensfreunde und herzensbrecherischem Charme, es war Luciano, wie ich ihn kannte. Auf dem zweiten Foto, so musste ich mit mit Verblüffen feststellen, hatte er sich äusserlich nicht unbedingt zum Besseren entwic! kelt. Se ine Haare waren lang und strähnig, sein Gesicht abgemagert, die Backenknochen standen hervor und aus seinem Blick war das mitreissende Lächeln verschwunden. Er war ernst, bemühte sich ausgelassen zu sein, aber das Ergebnis war nur eine Grimasse. Eine schüchterne, fast armselige Grimasse.
Das Boot bewegt sich auf das Ufer zu. Der Mond und die Milchstrasse zeigen an, dass der Fluss einen Knick macht. Langsam gleiten wir über das glatte Wasser. Gabriel spielt wieder Stille Nacht auf seiner Mundharmonika. Das Lied wollte er schon Weihnachten beherrschen, aber er hatte es immer vor sich hergeschoben, wie er sagte, und dann, in der Weihnachtszeit, vormochte er nicht, es vorzuspielen. Der dunkle Uferstreifen kommt langsam näher. Der Steuermann sichtet einen schwarzen Schatten im Wasser und leuchtet ihn mit dem Scheinwerfer aus, als versuche er ihn mit dem Lichtstrahl zu hypnotisieren. Wir werden langsamer und der Baum treibt bewegungslos vorbei. Jetzt in der Regenzeit überschwemmt der Fluss riesige Gebiete die sonst während des ganzen Jahres, manchmal jahrelang, trockengelegen haben. Gebiete auf denen die Vegetation wie Gras hochgeschossen war. Steht er besonders hoch, reisst er ganze Landstriche mit sich.
Als erster Bote des Ufers umatmet uns der süsse, schwere Duft des Dschungels. Gabriel unterbricht sein Spiel, um sich zu vergewissern, was er da vernimmt. Ich nickte ihm lächelnd zu. Er setzt wieder beschäftigt die Mundharmonika an den Mund und spielt aufs Neue. Ich ziehe die mit Düften schwer beladene Brise tief ein, gleich einer verklärenden Droge. Ich atme so lange durch die Nase ein, bis sie unempfindlich gegen die Blütendüfte ist, der erste Schwall ist immer der kräftigste, alles Nachfolgende nur ein verglühender Hauch. Die Bäume werden schemenhaft sichtbar, spiegeln sich im Fluss. Auf allem liegt die Bläue dieser Nacht. Die andere Uferseite ist nur noch ein haardünner dunkler Streifen am nächtlichen Horizont. Gabriel beendet sein Spiel. Im Moment als er aufhört, beginnt der Dschungel herüberzuklingen. Beide richten wir unsere Köpfe zur Seite, als meinen wir, irgend etwas erkennen zu können. Aber alles liegt unbeweglich und starr, wie auf einen Bild. Das chaotisch geordnete Orchester lässt sich nicht beobachten. Zikaden, die Taktgeber, zirpen, Vögel singen, rufen, locken. Hin und wieder Schreie, die wie in Todesangst ausgestossen werden. Floppen, Schnalzen, Klacken. Wir sind nah und doch so fern. Mosquitos, Spinnen und alle möglichen Insekten werden durch ein unsichtbare Linie vom Boot ferngehalten. Sollte sich doch mal ein Mosquito verirren, so wird er durch den leichten Fahrtwind von Bord geweht. “Alles liegt so starr, fast wie auf einem Friedhof... aber hört man den Gesang, so könnte es gar nicht lebendiger sein.” sage ich, meinen Blick auf diese Umrisse der Bäume gerichtet. “Stell dir vor! Du sässest nicht hier auf dem Stuhl, sondern da am Ufer, sagen wir nur mit einen kurzen Hose bekleidet”, wir lächelten uns an, “innerhalb von ein paar Minuten hätten sie dich leer gesaugt!” Gabriel beginnt über die Vorzüge des Bootes und die Dimension der Reise sprechen. Die Ausstrahlung dieses Waldes lässt mich nicht los. “Ich frage mich, warum ich diesen Duft so mag? Vielleicht ist es der Duft nach Heimat? A! ls ich M aya-Ruinen im Norden besuchte, schlief ich auf einem riesigen Zeltplatz, der die Grösse eines Fussballfeldes hatte. In jener Nacht waren nur zwei Zelte auf die Wiese gestellt. Zur Hälfte war sie mit Dschungel umgeben. Nachts hörte man das Brüllen der Affen und alle erdenklichen Geräusche, die Vögel, Frösche, Säugetiere und Insekten ausstossen. Aber das wirklich Erstaunliche an diesem Ort waren die Träume!” Ich halte inne. Gabriel nickt gespannt. “Ich kann mich nicht erinnern, Träume jemals so geistesgegenwärtig miterlebt zu haben, so hellwach gewesen zu sein und gleichzeitig doch so fantasiert zu haben. Einer der Träume handelte von einem U-Boot. Ich weiss nicht wer ich war, denn es lief ab wie in Filmsequenzen. Ich sehe das U-Boot auftauchen, weiss dass jemand abgesetzt werden soll. Die Luke wird aufgestossen, die Sonne strahlt in den kleinen Raum hinein, eine Person kniet unter der Luke, schaut zur Sonne, zum blauen Himmel hinauf und ruft etwas in Verzückung des Anblicks. Es bleibt nur für einen Augenblick an der Meeresoberfläche, weil irgendeine Gefahr droht. Das Boot beginnt zu tauchen, obwohl die Klappe nach nicht richtig verschlossen ist. Das nächste was ich sah, war wie das Boot schräg nach unten wegtaucht und an mir vorbeizieht. An der geschlossenen Ausstiegsluke hing jemand, wahrscheinlich der selbe der die Sonne erblickt hatte und der hatte ein kleines Tauchgerät auf dem Gesicht, ähnlich wie Schnorchel und Schwimmbrille. Er schien nur mit dieser Maske atmen zu können, ohne Pressluftflaschen. Dieses U-Boot tauchte mit dem Mann direkt an mir vorbei. Die Visualität war unfassbar...  Er hält sich mit einem Arm fest und dann lässt er los und taucht an die Oberfläche, die schon weit entfernt ist... Es gibt einen Bruch. Menschen, drei, vier Menschen die sich auf irgend etwas bewegen, man sieht sie nur halb, Sandwehen und Sandhügel versperren die Sicht. Alles bewegt sich in Zeitlupe. Eine wundervolle Musik erklingt. Meine Neugierde verlangt, zu wissen, auf was sich die drei Leute bewegen... sie tanzen regelrecht. Es war wie in einem Traumland. Als sich die Perspektive ändert, sehe ich auf was sie stehen - kleine Surfboards mit einem Draht an der Seite. Ich wachte in meinem Zelt auf und hatte noch die Melodie eines Liedes im Ohr, die immer leiser geworden war, je weiter ich mich von dieser Welt entfernte. Das war der letzte Traum der Nacht. Ich öffnete die Augen und draussen war es hell. Die ganze Nacht war voll mit solchen Träumen. Ich erwachte zwischendurch, hörte den Dschungel und fiel in den nächsten Traum.” Gabriel hat die ganze Zeit genickt “Meinst du es hat an dem Wald gelegen?” Ich kann es nicht sagen. Gabriel schaut mich fasziniert an: “Der Dschungel und der Traum... sie ähneln sich, sind kaum fassbar!”, er macht eine unbestimmte Geste mit den Fingern.
Wir haben die Biegung des Flusses umfahren, lösen uns von der Uferlinie und bewegen uns langsam zur Flussmitte, wo die Strömung gewaltiger ist und unsere Nussschale so schneller den Fluss hinabzogen wird. Die bläulichen Baumkonturen werden kleiner und der Wind trägt nur noch selten einen Schrei aus dem Wald zu uns hinüber.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.05.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Ein neuer Landstrich mit teilweise eigenartigen Naturgesetzen und „Dimensionsrissen“, welche zu anderen Welten führten war entstanden. Da sogar Beobachtungssatelliten nur unbrauchbare Bilder von diesem Gebiet liefern konnten, wurde es von offiziellen Stellen als X-Territorium bezeichnet. Allgemein benannte man es jedoch als das Crashland.
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