Randolf Scholz

Coro

An sich ist das blaugestrichene Zimmer geräumig und bietet den ermüdeten Augen des Reisenden einen Fernblick auf einen Fetzen des Himmels. Wenn der trockene Wind durch den Patio streicht, kann man durch das selbe schmale Fenster unter der Decke die flatternden Blattspitzen einer Palme sehen. Hier im Zimmer stehen zwei schmale Betten. In der Ecke harrt ein Ventilator, wie ein vergittertes Windrad in Miniaturform, der Dinge und an der Wand hängt ein kleiner Spiegel. Das ist alles. Schenkt man der Szene aber ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, so ist eine gewisse Desolation schwer zu leugnen.
Auf dem Bettlaken des einen Betts kringeln sich kleine gebogene menschliche Haare, in Form von Kreisen, "S"en, Schlangen und Korkenziehern. Die Mannigfaltigkeit der Formen legt die Vermutung nahe, dass sich hier eine ganze Anzahl von genetisch fremden Personen temporal verewigt hat.
Wie schon erwähnt, ist das Zimmer blau gestrichen. Allerdings in zwei verschiedenen Blautönen. Die ursprüngliche Farbe war hellblau, aber offensichtlich entschied man sich, das Zimmer in ein Dunkelblau umzustreichen. Aus nicht erkennbarem Grund sind nur dreieinhalb der vier Wände mit der neuen Farbe bedeckt. Die vierte Wand ist zur Hälfte noch hellblau, es ist sogar möglich, den letzten dunkelblauen Pinselstrich auf dem helleren Untergrund zu verfolgen. Ich stehe auf und streiche langsam mit dem Finger über diesen letzten Strich, von hellblau nach dunkelblau. Geriffelt erstarrte Farbtropfen. Inspiriert von diesem unvollendeten Werk menschlichen Schaffens frage ich mich, woran es gelegen haben mochte, dass der Pinsel weggelegt wurde und die andere Hälfte der Wand nie zu ihrem legitimen Recht auf Gleichbehandlung kam. Mag sein, dass der Farbtopf leer war und die Mittel fehlten, ihn durch ein vollen zu ersetzen. Vielleicht war es aber auch Mittagszeit, es wurde Siesta gehalten und danach war die Sache vergessen. Für immer. Ich schaue unter die Betten. Fehlanzeige. Kein Topf. Mir fallen tausende Möglichkeiten ein, weshalb die Arbeit nie beendet wurde. Das Chaos verunsichert mich, ich stelle das Denken ein. Mein Blick gleitet zurück an die Wand. Ich erkenne verdächtig helle, langgezogene, abgetropfte Flecken. Sie machen keinen stabilen Eindruck auf mich, vermutlich kann man sie mit einen feuchten Lappen wegwischen. Den Ursprung kann ich nur erahnen, es schüttelt mich.
In der ersten Nacht habe ich den Fehler begannen, barfuss durch das Zimmer zu laufen. Ich lag schon im Bett und wurde darauf aufmerksam, dass meine Kehle auszutrocknen begann. Ich stand auf und ging eine paar Schritte, um die Flasche zu greifen die neben dem Rucksack stand. Schon nach dem ersten Schritt wurde ich mir der Folgen dieser kopflosen Tat bewusst. Ich stand auf Sandpapier. Oder stand ich am Strand und wollte ins Meer gehen? Jedenfalls spürte ich den Staub von Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahrhunderten unter den Füssen. Aber es war zu spät. Als ich meine Kehle versorgt hatte, wusch ich mit dem Wasser aus der Flasche meine Füsse. Es plätscherte auf den Steinboden. Aber das machte nichts. Es sollte die nächtliche Tränke der durstigen Ameisen sein. Schliesslich hatten sich diese an dem Stück Dosenthunfisch, was ich ihnen tagsüber neben die Tür geworfen hatte, gesättigt. Das Salz musste das Wasser innerhalb ihrer kleinen Hornpanzer gebunden und mochte einen furchtbaren Brand ausgelöst haben.
Natürlich hatte ich das Stück Nahrung auch als Almosen von meinem eigenen Mittagessen abgezweigt, aber in erster Linie war es dazu bestimmt, die überall durch das Zimmer irrenden Ameisen, selbst über das Bett liefen sie, neben der Tür zu beherbergen. Kaum hatte dieser Brocken Fisch den Boden berührt, als schon die ersten Ausgeschlafenen emsig darüber herfielen.
Ich erwartete blutige Ameisenkämpfe, wie sie sich in klassischen Zweikämpfen knäulartig auf dem Boden rollen, und der Unterlegene als verstümmelter Invalide auf dem Weg liegengelassen wird. So wie ich es ein paar Längengrade gen Westen gesehen hatte. Aber hier lief alles geordnet ab, für jeden gab es vorerst genug. Die fleissigen Sechsfüssler begannen unverzüglich mit der Arbeit, schnitten winzige Stückchen aus dem Fisch und verschwanden in einem Spalt der sich senkrecht in den Betonboden frisst.
Wahrscheinlich befindet sich unter meinem Hotelzimmer ein riesiger Ameisenbau, der gesamte Boden ist ausgehöhlt und irgendwann fällt der ahnungslos schlafende Reisende in das Nest, wird überwältigt, betäubt und zerlegt und dient wie der Thunfisch als Futter für die hungrige Brut.
Aber zurück zum Zimmer. Selbst der Laie kann erkennen, dass es bei der Konstruktion nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Die Zimmertür weist an der oberen Angelseite einen Spalt auf, wodurch eine schlanke Hand mühelos hindurch passt. Man könnte dem Chef die Hand reichen, ihm für die vorzügliche Gastfreundschaft danken, ohne auch nur die Tür zu öffnen.
Die dunkelblaue Wand zum anderen Raum wurde, da sie nicht richtig an der Decke abschloss, mit Papiertüten und Karton zugestopft, auf welchen noch die Schrift zu lesen ist. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich jetzt eben, als ich den Hebel des Ventilators umklackte, nur eben diese Klacken einzige Reaktion blieb. Der Luftzug hätte wiederum nur den Staub und die von Dosenthunfisch aufgedunsenen Ameisenleiber durch die das Zimmer gewirbelt. So ist er eben nur eine Zimmerverzierung.
Merkwürdig, dass ich keine Kakerlaken aufscheuche wenn ich das Zimmer des Nachts betrete, und diese, vom schlechten Gewissen getrieben, panikartig um ihr Leben rennen. Der Boden ist leer. Nur der Staub knirscht unter den Sandalen. Es gibt keine Kakerlaken. Nicht eine Einzige. Zwangsläufig befrage ich mich nach dem Speiseplan von jenen Bauchbrüttern. Ein verrückter Belgier hatte mir mal erzählt, er sei eines Nachts aufgewacht, als eine Kakerlake gerade an seinem Mund Speichel saugte. Ich hatte angenommen er spräche in einer Fabel von einer gescheiterten Beziehung. Aber er bestand darauf. Es war eine wahrhaftige, ausgewachsene Kakerlake. Er pflückte sie vom Mund, sprang vom Bett, warf sie angewidert zu Boden und verstauchte sich, nach seinen Angaben, den Fuss, als er ihr mit der Ferse stampfend durch Zimmer folgte und sie für dieses Vergehen zum Tode angeklagt und verurteilt hatte und die Strafe augenblicklich vollzogen sehen wollte. Tod durch Zerquetschen. Er sagte, er habe etwa zehnmal aufgestampft, sie sei so verdammt schnell gewesen und habe Haken geschlagen, wie ein Feldhase, bis er sie endlich erwischte. Aber sein unsicheres Gesicht sprach eine andere Sprache. Wahrscheinlich war sie durch den Türspalt geflüchtet, vorerst auf Nimmerwiedersehen und hatte sich schon in der nächsten Nacht feinfühliger angestellt.
Ich finde keinen Anhaltspunkt, warum es keine Kakerlaken gibt. Würden sie keine Ameisen fressen? Von denen gibt es ja mehr als genug. Wenn Ameisen überleben, Nahrung finden, sich wahrscheinlich auf das Abwetzen der geringelten Menschenhaare auf dem unsauberen Bett da drüben spezialisiert haben, jene auf Hochglanz polieren, so können es Kakerlaken doch auch. Dann und wann schläft ein Hotelgast mit offenen Mund und da gibt es doch noch die weissen Flecken an der Wand. Wo sind sie also?
Auf der Toilette, sie befindet sich auf der anderen Seite des Patio, sah ich auch keine. Vielleicht leben sie ja dort und ich kann sie nur nicht sehen. Denn Licht gibt es da nicht. Oder der Wolframfaden in der Glühbirne ist an Altersschwäche gestorben, oder hat sich der Ungemütlichkeit wegen aus dem Staub gemacht. Einen Lichtschalter findet man an der Wand neben der Tür. Diese Tür lässt sich nur anlehnen, nicht zuklinken. Erstaunlicherweise ähnelt nicht nur der Geruch den eines Fledermauskloakensees, sondern der ganze optische Eindruck lässt einen sofort an eine dunkle, feuchte Höhle erinnern. Reflexartig zieht man beim Betreten den Kopf ein, da man flugfähige Deckenschläfer aufzuscheuchen fürchtet. Nun befindet man sich in einem länglichen dunklen Gang, an dessen Ende sich ein Klo und ein Rohr befinden. Die Klobrille, ist nicht die sauberste, ein wenig verkrustet, und diese zu berühren, und sei es nur der eigene Urinstrahl, will tunlichst vermieden werden. Erhöhte Infektionsgefahr. Richtet man den unerschrockenen Blick direkt in das Auge des Hurrikans, so kann man mit ein wenig Glück einen dunklen länglichen Schatten darin schwimmen sehen.
Am Morgen nach der ersten Nacht wartete ich darauf, dass die Toilette frei würde. Nach kurzer Zeit kam eine alte Frau heraus, die mich überrascht ansah, noch einmal in der Höhle verschwand und die Klospülung betätigte. Ich sollte nichts falsches von ihr denken. Beim Betreten konnte ich selbst mit meinen Schuhen, deren Sohle gut einen Zentimeter dick ist, die Unreinheit auf der Fusshaut spüren.
Das Strassenbild Coros ist auch durch diese Selbstüberlassung geprägt. Es wirkt alles ein bisschen schäbig, verwahrlost, stehen- und liegengelassen, unbeachtet. Die Farbe blättert von den Gebäuden ab, und wenn dies vollzogen ist, so tut es ihr der Putz und Mörtel gleich. Irgendwann folgen dann die Steine und Ziegel.
Punkt 11.30 Uhr fallen die Gitter der Geschäfte und die Stadt ist von einem zum anderen Moment wie leergefegt. Wohlgemerkt von Menschen leergefegt. Ein paar Stunden später belebt sich die Todgeglaubte wieder, die Gitter werden hochgezogen und die Geschäfte verkaufen wieder allerlei nützliche Dinge.
Am zweiten Abend kommt kein Wasser aus dem Rohr in der Tropfsteinhöhle. Also nehme ich das Wasser aus einem Eimer, welcher vor dem Bad steht. Als ich mein Hotelzimmer betrete, höre ich wie der Angestellte über den halbleeren Eimer flucht. Er führt sich auf, als hätte ich den letzten Tropfen Wasser vergeudet. Vielleicht herrscht Wassernotstand und ich habe ungebührlich gehandelt? Die Geräusche, die nun folgen, beruhigten mich jedoch schnell. Er nimmt den halbvollen Eimer schlurft um die Ecke, stellt ihn unter einen Wasserhahn und füllt ihn wieder auf. Vor dem Spiegel reibe ich mir die Haare trocken und stelle fest, dass mir die örtliche Cusine zu schaffen macht. Meine Wangenknochen treten hervor. Meine Ernährung besteht seit dem ersten Tag in diesem Land nur aus Hotdogs, welche an jeder Ecke zu kaufen sind. Eine wahre Alternative konnte ich nicht ausfindig machen. Als ich einen Supermarkt entdeckte, stellte ich meine Ernährung kurzfristig auf Toastbrot mit gesalzener Margarine um. Aber nach zwei Toastbrot-Mahlzeiten konnte ich den Brei nur noch mit Wasser hinunterspülen. Die Lebenshaltungskosten in dieser Region sind immens. Für den Preis eines kleinen Hotdogs bekäme ich woanders ein zweigängiges Menü mit Limonade und Serviette.
Am Morgen inspiziere ich die Baustelle der Ameisen. Sie kommen gut voran. Ihre Zangen geben dem Fisch nun schon seit 36 Stunden eine neue Gestalt. Erstaunlich ist jedoch die langsame Arbeitsgeschwindigkeit. Sie sind erschöpft? Oder geben sie es nur vor? Denn vielleicht beobachtet eine Soldatenameise die Arbeit und so bewegen sie sich alle gleichförmig kraftsparend im Schneckentempo. Sie kommen behäbig aus der Ritze neben der Tür gekrochen, schauen sich träge um, lahmen dann in Richtung Fischberg. Schlaff lehnen sie ihre Oberkörper dagegen und beginnen mit ihren Kieferzangen kleine Stücke herauszuschneiden. Ist es überhaupt noch ein Schneiden? Ich krame im Rucksack und erkenne nun durch die Lupe, dass dieses vermeintliche Schneiden nur noch ein Scharren ist. Deshalb die Verzögerung! Mich beschäftigt die Frage, wann wohl die erste Ameise vor Erschöpfung tot zusammenbricht. Vorausgesetzt natürlich, dass sie tatsächlich aus Schwäche so behäbig arbeiten. Die Schicht dürfte noch gut zwei Tage dauern, da das Stück Fisch bisher kaum bedeutend an Grösse verloren hat. Ist denn die Nahrung nicht ein Fluch für diese armen Teufel?
Ich lasse die Ameisen allein und fahre mit dem Bus an den Strand. Der liegt etwa eine Stunde entfernt auf einer Halbinsel, die auf der Landkarte wie ein Zipfel anmutet, es ist das nördlichste Schwänzchen des südamerikanischen Kontinents. Darunter liegt Coro. In dem kleinen Zielort angekommen, springe ich aus dem Bus und gehe ans Meer. Es ist nur ein paar Schritte von der Strasse entfernt. Es ist windstill, nur ein warmer Hauch gleitet sanft an mir vorbei. Ich setze mich in den Sand, ziehe die Sandalen aus und stecke die Füsse in den Sand. Am Horizont weht das Segel eines kleines Bootes. Es ist kein Wölkchen am Himmel aber das Wasser ist trüb. Niemand ist hier, nur eine Familie amüsiert sich etwas abseits im Wasser. An dem Strand schliesst sich ein Parkplatz an und an diesen ein längliches weisses Häuschen auf dessen Fensterbrett ein grauhaariger Rastaman sitzt. Ich gehe hinüber. Nähergekommen lächeln wir uns an und eröffnen das Gespräch.
Er sagt, er sei der Parkplatzwächter, und würde für Sauberkeit sorgen, auf die Autos aufpassen, die hier am Wochenende parken, wenn die Einwohner aus Coro an den Strand strömen. Da nun aber Wochentag ist, hat er nichts zu tun. Er wohnt gleichzeitig hier, zeigt hinter sich durch den offenen Fensterladen auf ein flaches Holzbrett. Es sei sein Bett. Ich nicke respektvoll. Wir sprechen erst in Spanisch, aber er zieht es vor in seiner Muttersprache Englisch zu sprechen. Er kommt aus Tobago und ist schon seit ein paar Jahrzehnten in Venezuela. “Hmm... Tobago?” frage ich und er beginnt mir allerlei von seiner Insel zu erzählen. “Einmal im Jahr gibt es ein magisches Fest... es braucht zwei Wochen Vorbereitungszeit um die Geister aus Afrika und Indien zu bestellen.” er spricht kraftvoll und langsam im singenden Kreolen-Englisch. “Ich sah solche Feste einige Male... als ich noch jünger war... ein kleiner Junge von fünf oder sechs Jahren. Ich versteckte mich hinter einem Baum, legte mich auf den Bauch und beobachtete unglaubliche Dinge. Dinge die ich niemals geglaubt hätte, wenn ich sie nicht mit meinen eigenen Augen gesehen hätte!” Ernst schüttelt er den Kopf. Ich fordere ihn auf, näher darauf einzugehen. “Die Geister nahmen Gewalt über einige Menschen. Eine Frau lief eine Palme hinauf. Nicht, dass sie kletterte... oder ihre Hände benutzte... nur ihre Füsse hafteten am Stamm und ihr Körper stand ab wie ein Ast. Im Rhythmus der Trommeln tanzte sie langsam den Baum hinauf. Dann ging sie auf das längste Blatt und tanzte da weiter. Ein Blatt, dass schon bei einem Vogel umgeknickt wäre... aber bei diesem Fest hielt es eine erwachsene Frau, die tanzte!” Schweigend blickt er auf die See und hebt an “Einer anderen Frau setzten sie eine brennende Kerze auf den Kopf. Sie ging an den Strand und dann ins Meer. Immer weiter hinein. Die Kerze brannte noch, als der Kopf schon unter Wasser war. Sie ging auf dem Grund... immer weiter... alle verfolgten den Schein der Kerze. Als sie zurückkam, hatte sie einen lebendigen Fisch zwischen den Zähnen!” - “Tatsächlich?” frage ich ihn. “Ich selbst habe nichts mit Magie zu schaffen. It’s too big!” Er stelle jede Nacht eine Kerze in den Fensterladen, neben seine Schlafecke “Die Leute hier denken, ich könne Geister beschwören. Deshalb lassen sie mich in Frieden.” Kurz darauf kommen drei einheimische Frauen langsam den Weg entlanggegangen. “Diese Frauen hier sind schlecht!” sagt er leise. Während sie vorübergehen schweigt er. Sie schauen ihn mit eigenartigen, reizenden Blicken an. Er schaut auf den Boden und blickt ihnen nicht einmal, nicht für den Bruchteil einer Sekunde in die Augen. “Diese Frauen sind schlecht!” wiederholt er “Hier wird es niemals kalt, wie in deinem Land. Deshalb schlafen die Menschen nicht aus Liebe miteinander, sondern des Geldes wegen. Ich habe eine Putzfrau als Geliebte, aber ich schlafe nicht mehr mit ihr. Denn ich habe Angst! Angst vor Aids.” Er habe ein Kondom, aber es sei schon etwas mitgenommen. “Wenn ich zurück nach Tobago gehe, dann möchte ich im Haus meiner Mutter wohnen und nicht davor, weil sie mich nicht hineinlässt... weil ich krank bin!”, er spricht inbrünstig “Ich werde da eine Inderin finden, denn mein Grossvater war Inder, und sie werde ich dann heiraten. Deshalb will ich jung und gesund bleiben... Ich möchte nicht alt werden!” Bei seiner Arbeit braucht er sich da keine grossen Sorgen zu machen. Denn obwohl seine Haare schon zum grossen Teil ergraut sind, sieht er noch nicht aus als sei er fast 60 Jahre alt. Von der Strasse kommt ein Brummen näher. “He! Das ist dein Bus. You better run!”

Es ist Nacht. Ich bin zurück in Coro, packe meine Sachen. Es ist Zeit, die Stadt zu verlassen. Ich mache einen kleinen Nachtspaziergang und suche einen Hotdog-Stand, da mich ansonsten der Hunger wecken würde. Eine Viertelstunde später bin ich wieder im Hotelzimmer. Jedes Mal wenn ich über die Schwelle durch die Tür trete fällt mein Blick unweigerlich auf die Ameisen. Das Stück ist noch riesig, und hat seit dem Morgen kaum an Grösse verloren. Ich schliesse die Tür, entkleide mich bis auf die Shorts und schalte das Licht aus. Mein Kopf gleitet auf das Kopfkissen und ich schaue durch den Türspalt nach draussen. Es bewegt sich etwas. Kurz darauf klopft es an der Tür. Ich nehme an, es ist der Wirt mit dem Wechselgeld für die bezahlten Übernachtungen. Ich ziehe mir die Sandalen an, ohne die Füsse auf den Boden gesetzt zu haben, gehe an die Tür und öffne sie einen Spalt. Das Licht blendet mich und ich erkenne nur Umrisse. Augenblicklich wird mir die Tür aus der Hand gestossen und eine Person drängt sich schnell ins Zimmer hinein. Ich erschrecke zu Tode und mein Herz bleibt stehen. Dann meine ich, die kleine Person zu erkennen, die vor mir steht ohne etwas zu sagen. Sie nimmt ihre beiden Hände an meinen Bauch und drückt mich mit einiger Kraft, die ich dem Mädchen nicht zugetraut hätte, auf das Bett. Sie bebt. Zieht sich die wichtigsten Kleidungsstücke aus.
Selbst als sie wieder geht, ich aufwache und schlaflos auf den Lichtschein starre, der zwischen Tür und Angel in mein Zimmer bröckelt, höre ich nicht auf, Coro in einem anderen, neuartigen Licht zu sehen.
Am Morgen bücke ich mich noch einmal hinab um das Geschehen um den Fisch zu beobachten. Die Ameisen haben davon abgelassen, machen einen grossen Bogen darum. Was ist passiert? Was haben sie? Erst jetzt fällt mir auf, dass sie schon wieder über das halbe Zimmer verteilt sind. Ich warte eine Minute, zwei Minuten, bis eine Ameise den Fisch kurz berührt und danach in schlimmen Krämpfen durch das Zimmer taumelt. Sie wischt sich die Zange am Steinboden sauber, stabilisiert ihren Zustand und zieht wieder ihres Weges. Ich öffne die Tür und verlasse Coro.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.05.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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