Klaus-D. Heid

Für meinen Sohn David

Die schwerste Entscheidung unseres Lebens bestand darin, ihn leben zu lassen, damit er ehrlich sterben konnte. In dem Moment, als er tot in unseren Armen lag, sahen wir in das kleine blutige Etwas, dessen Hirn von keinem Schädelknochen geschützt wurde und dessen zarter Rücken auseinander klaffte und seine zerbrechliche Wirbelsäule erkennen ließ. Wir sahen in sein Gesicht. Wir sahen seine kleinen geschlossenen Augen, die niemals Freude oder Trauer zeigen würden. Unendlich still vergingen fast zwei Stunden, die man uns mit David schenkte. David. Unser Sohn hieß David. Er sollte David heißen, seit wir erfuhren, dass unser Sohn sterben würde, bevor er leben durfte. Nie zuvor habe ich geglaubt, dass es einen Schmerz geben konnte, der einem die Seele zerreißt; aber in dem Moment, in dem meine Tränen auf das tote Gesicht Davids tropften, riss alles auseinander, was mich bis dahin zusammenhielt. Ich schrie mein Leid lautlos gegen die weißen Wände des Krankenhauszimmers und hoffte, von der Reflektion erschlagen zu werden. Warum? Warum gibt es so etwas? Warum gibt es Momente im Leben einiger Menschen, in denen sie sich von Herzen wünschen, niemals geboren worden zu sein? Kann auch nur irgendein anderer Mensch nachvollziehen, wie viele Jahre man in nur zwei Stunden verlieren kann? Wir verloren einen Teil unseres Lebens, als wir David, der in ein Tuch gewickelt war, betrachteten. Meine Frau trauerte anders als ich. Natürlich trauerte sie anders. Intensiver. Sie hat geboren. Sie hat das Leben in sich gespürt, von dem sie wusste, dass es nicht leben würde. Obwohl es unsere gemeinsame Entscheidung war, David trotzdem auf die Welt kommen zu lassen, war es doch ihr Leben in ihrem Bauch. Und wenn ich meine, einen Schmerz empfunden zu haben, der mit keinem körperlichen Schmerz verglichen werden kann – so ist es doch ein Bruchteil des Schmerzes gewesen, den meine Frau ertragen musste. Den kleinen leblosen Körper hin- und herwiegend, stellten wir uns Fragen, auf die es keine Antworten gab. Ich konnte nicht trösten, weil mir die Kraft fehlte. Ich konnte nicht trösten, weil mein Herz blutete. So gerne hätte ich ihren Schmerz auf mich genommen. So gerne hätte ich eine Last geschultert, an der ich zerbrochen wäre. Stattdessen brach in uns beiden etwas entzwei, das auch durch die Zeit nicht geheilt werden würde. Unser Sohn war tot. Liebevoll wanderten unsere Hände über seine Ärmchen, Fingerchen und über sein zartes Gesicht. Wir schwiegen. Wir schwiegen und erlebten eine Liebe zu unserem Sohn, die unsagbar tief war und die ein Mensch nur ein einziges Mal in seinem Dasein erleben kann. Meine Frau unterbrach ihr Schweigen, als sie unserem toten Sohn mit tränenerstickter Stimme zu erklären versuchte, wie sehr sie ihn liebte. Bestimmt wird niemand verstehen, dass es auch ein Glück war, dass uns trauern ließ. Es war das Glück, zumindest eine kurze Zeit lang jene Liebe verspüren zu können, zu der eine Mutter und ein Vater fähig sind, wenn sie ihr neugeborenes Kind in den Armen hielten. Alle Augenblicke, von der Geburt bis zum Betrachten eines erwachsenen Sohnes, bewegten uns innerhalb dieser ewigen zwei Stunden. Gleichzeitig endete mit dem Tod Davids die Angst vor seinem Tod. Das Gefühl der Erleichterung kämpfte in uns gegen das Gefühl des Verlustes. Keine Logik. Kein Verstand. Kein Begreifen. Wir wussten, dass die Trauer nie enden konnte.

David, der niemals lachen durfte, wurde begraben. In einem winzig kleinen Sarg verabschiedet er sich von uns, bis wir verstehen können, dass der Tod nur eine kurze Unterbrechung des Lebens ist. Viele Jahre sind seit dem Tod Davids vergangen. Schmerz und Liebe sind geblieben und haben sich tief in unsere Seelen eingebrannt. Vielleicht verstehen wir irgendwann, warum Du nicht leben durftest, David?

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