Klaus-D. Heid

Gibt’s das?

Wir verzichteten auf die obligatorische ‚Zigarette danach’ und schwiegen uns an. Was hätten wir uns auch erzählen sollen? Vielleicht, dass es wiedereinmal ein tolles Erlebnis für uns beide war? Wir wussten längst, dass Lügen auch nichts an der Tatsache des mechanischen Kopulierens änderten. Manuela hatte sich seit Jahren damit abgefunden, dass ich sie nicht befriedigen konnte. Mich störte es auch nicht mehr, dass Manuela beim Sex grundsätzlich auf der Missionarsstellung bestand. Irgendwie war im Laufe der Jahre unser einst erotisch aufregendes Verhältnis zu einem unterkühlten Pflichtbesuch verkommen, dessen Ziel lediglich darin bestand, mich zum Ejakulieren zu bringen, während sie vorm vollständigen Austrocknen bewahrt wurde. Lust? Geilheit? Ekstase? Womöglich sogar noch ein Orgasmus? Weiß der Geier, wo Manuela sich ihren Spaß holte oder ob sie ihn überhaupt wollte. Ich kann jedenfalls nur von mir behaupten, die 15 Minuten, die unsere ‚Vereinigungen’ allerhöchstens dauerten, in meinem Kopf weniger bewirkten wie die Speisekarte der Pommesbude von nebenan! Manuela erwartete wohl kaum noch, dass ich in den 15 Minuten auch nur einen einzigen Gedanken an sie verschwendete. Ich bin sicher, dass sie genau wusste, welchen Phantasien ich mich lieber hingab, um nicht an sie denken oder sie ansehen zu müssen. Es würde mich auch nicht überraschen, wenn Manuela von meinen diversen Affären wusste, mit denen ich mich vom trostlosen Ehe-Alltag abzulenken suchte. Mehr als einmal hatte Manuela eindeutige Beweise für meine Untreue in Jacken und Taschen gefunden, ohne mich daraufhin anzusprechen. Offenbar nahm sie’s genauso gelassen, wie ich. Die häufigen Anrufe, die abrupt beendet wurden, sobald ich meinen Namen nannte, belasteten mich nicht. Dass Manuela keinen Ehering mehr trug, ließ mich so kalt wie eine eisgekühlte Pepsi. Wie oft wir Sex miteinander haben? Bevor ich antworte, möchte ich noch schnell die Frage korrigieren. Manuela und ich haben keinen Sex miteinander. Wir haben Sex nebeneinander! Das bei diesem zufälligen körperlichen Ineinandertreffen ausgerechnet ihre und meine Geschlechtsorgane kontaktieren, ist ein Übel, dem wir uns nun mal stellen. Und nun zu der Frage, wie oft wir’s machen. Irgendwann habe ich mal festgestellt, dass es immer in Monaten passiert, die mit ‚J’ anfangen. Dreimal im Jahr. Einmal im Januar, einmal im Juni und einmal im Juli. Komisch, nicht wahr? Aber so ist’s tatsächlich! Da es niemals länger als 15 Minuten dauert, kommen wir folglich locker auf 45 Minuten Geschlechtsverkehr im Jahr! Sie verstehen nicht, weshalb Manuela und ich uns nicht scheiden lassen? Es macht ohnehin jeder, was er will? Gar nicht so einfach, einen passenden Grund zu finden, der plausibel und – auch für uns – einleuchtend ist. Vielleicht liegen wir deshalb jetzt schweigend nebeneinander und denken an all die fantastischen Sexerlebnisse, die wir verlebten, ohne gemeinsam in einem Raum zu sein? Vielleicht sehnen wir uns aber auch tief in unserem Inneren nach den ersten Wochen unserer Ehe zurück, in denen wir kaum dazu kamen, die Post aus dem Briefkasten zu holen? Wir waren tatsächlich so wild und scharf aufeinander, dass unsere Nachbarn damit drohten, die Polizei zu rufen, wenn das ewige ‚Jaaaa!’ und ‚Tiiiiiefer!’ nicht aufhörte. Es hat auch aufgehört. Irgendwann. Einfach so. Garantiert waren wir uns in dieser Zeit absolut treu. Wie hätten wir auch fremdgehen sollen, wenn wir von morgens bis morgens ineinander, aufeinander und nebeneinander lagen? Aber wie gesagt: irgendwann hat’s aufgehört. Jetzt absolvieren wir unser Pensum mehr schlecht als recht. Rein, raus, rein, raus. Zigarette. Lungenzug statt Zungenkuss. Dreimal jährlich. Jämmerlich. Die Moral von der Geschichte? Ob’s irgendeine Botschaft in dieser Geschichte gibt? Was weiß ich! Vielleicht. Auf jeden Fall ist die Botschaft, die mir spontan einfällt, dass man nicht immer alles glauben sollte, was man liest. Denken Sie allen ernstes, dass Manuela und ich eine solch triste Ehe führen? Schnickschnack. In Wahrheit läuft es zwischen uns wie geölt. Im Moment liegen wir auch nicht schweigend nebeneinander, sondern reizen uns gegenseitig mit unseren Blicken. Wir lieben es, uns anzusehen. Wir lieben es auch, uns zuerst in Gedanken bis zur Weißglut zu treiben, bis wir dann so heiß sind, dass wir uns gegenseitig auffressen könnten. Sie entschuldigen, dass ich jetzt nicht weiterschreiben kann? Ich bin beschäftigt. Sie wissen schon, ja? Vielleicht lesen Sie ja eines Tages eine Geschichte von mir, in der ich Ihnen erkläre, warum man nichts von dem, was Sie eben gelesen haben, ernst nehmen darf. Im Moment muss ich allerdings schnell den Kugelschreiber aus der Hand legen, damit meine Schrift nicht zu zittrig wird. Tschüß. Bis später, wenn Sie mögen...

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