Randolf Scholz

Amazonas - Wolkenjäger

Wir sitzen im Hafen von Manaus. Das überhängende Dach des Restaurants wirft einen kühlenden Schatten auf uns, und ein leichtes Lüftchen weht hinauf vom Rio Negro, der gemächlich unter uns seines Weges zieht. Leichtherzig und unbekümmert spiegeln sich Sonne, Himmel und Wolken in den wankenden Wellen. Der Fluss des Öls. Schwarz wie tiefste Nacht. Unergründlich und geheimnisvoll liegt er da und lässt keinen noch so kleinen Einblick in sein Inneres zu.
Im Grunde genommen existieren nur zwei Flüsse in diesem Spinnennetz aus ineinander fliessenden und anwachsenden Wasseradern, denn Namen sind nichts als vergängliche Eitelkeit. Der eine ist unter dem Namen Amazonas bekannt, den anderen nennt man Rio Negro. Beide sind wie zwei völlig gegensätzliche Brüder, so verschieden wie Sonne und Mond, Mann und Frau.
Der Amazonas zeigt sich als der Extrovertierte, der Alles-Mitreissende, der bezwingende Herrscher, der Schnelle, Wendige, Niemals-Ruhende, der unnahbare Lehrer und organisch-elementare Wegweiser. Der Rio Negro dagegen hat einen sanften Charakter. Leise und verschwiegen scheint er kaum zu fliessen und ist wie die selbstlose Schönheit, die von ihrer Schönheit nichts weiss. Er breitet sich vor uns aus wie ein See, ist vielleicht acht oder zehn Kilometer breit und verharrt stumm und zögerlich. Ein sanft Besänftigender, der seine Weisheit kundtut ohne auch nur das leiseste Wort zu flüstern, selbst nur reflektiert und nichts ausser seiner eigenen Dunkelheit preisgibt. Die samtenen, seidenweichen Wasser dieses Flusses sind so geheimnisvoll, dass es mich nicht verwundern würde, wenn vor uns ein Ungeheuer aus dem Fluss auftaucht und uns beide mit einem Mal verschluckt. Ist es nicht verwunderlich, dass gerade dies nicht passiert?
Ich wende mich an Denia. Wir haben eine Weile nicht gesprochen. “Stell dir vor, dieser riesige Fluss stirbt schon in einer Stunde den Fluss hinunter!” wobei mich die Überlegung selbst erstaunt. Dieser Gedanke gefällt ihr nicht “Nein! Sag das nicht!”, eine Traurigkeit legt sich kurz über ihr Gesicht, wie ich sie schon kenne. Ich beharre darauf  “In weniger als zwei Stunden flussabwärts, ist von diesem Giganten nichts übrig. Nichts!” Eine aufflammende Wut gesellt sich zu ihrer Traurigkeit, die sich schon fast aufgelöst hat, “Nao!” sagt sie langgezogen und schaut mich drohend an. Hat sie womöglich nie darüber nachgedacht? Nur wenige Kilometer ausserhalb von Manaus werden sich die beiden Ungleichen treffen und kurz miteinander ringen. Aber schon von Beginn an ist absehbar, dass nur einer den Kampf gewinnen kann. Denn was sollte den gelben Fluss aufhalten? Ausser das Meer vielleicht, und das nur scheinbar. Es können noch so viele Flüsse in ihn hineinfliessen, ob oben in Peru, wo er sich noch schmal und schlänglig durch das Land zieht und Ucayalli heisst, oder später wenn er an Iquitos als Amazonas vorbeifliesst, um dann auf den ersten tausend Kilometer in Brasilien Salimoes, später, nachdem er den Rio Negro geschluckt hat, wieder Amazonas zu heissen. Immer hat er dieselbe Farbe. Sie wird sich um keinen Mikrometer in der Spektralleiste verschieben.
Gegenüber von unserem schattigen Plätzchen im Hafen haben einige Boote festgemacht. Die meisten haben dieselbe Grösse, wie die Flussdampfer die mit Passagieren und Fracht den Fluss hinauf- oder hinabfahren. Drei Decks, an die 30 Meter lang. Nur ein riesiges rotbraunes Frachtschiff hat angelegt und ist schon von seiner Fracht entladen worden. Die vordere Bootsspitze schaut schräg aus dem Fluss und gibt ihm das Aussehen eines Flugzeugs beim Abheben. Im Hafenbecken zieht ein Mann mit einer kleinen Gondel entlang und befreit den Hafen von Treibgut. Er pfeift ein fröhliches Lied.
An diesem schönen Tag sehe ich mich von zwei Rätseln erfasst. Das eine ist die Anmut des Flusses, das andere der Wankelmut des Mädchens an meinem Tisch. Dem des Flusses ist kaum näherzukommen, es sei denn ich springe die sieben Meter von der Terrasse hinunter und tauche in ihn. Die Aussichten das Rätsel des Mädchens, wenn nicht aufzudecken, so doch mit dem flackernden Lichtstrahl eines Streichholzes zu beleuchten sind deutlich erfolgversprechender.
Tage zuvor haben Gabriel und ich Denia kennengelernt. Wir waren nicht weit von der Stelle wo ich jetzt mit ihr sitze mit zwei Mädchen verabredet gewesen. Gabriel hatte den ganzen Tag von ihnen gesprochen und war sich sicher, dass ich ihm die Füsse küssen würde, wenn ich sie zu Gesicht bekäme. “Sie wollen Krieg!”, sagte er strahlend und zwinkerte mir zu. Wir hatten beide keine Uhr dabei, aber es musste schon über eine Stunde vergangen sein, ohne dass die beiden aufkreuzen wären. Die Lage hatte sich nicht bedeutend geändert nur dass Gabriel seinen Eifer verlor “Ich war überzeugt, dass sie kommen... ahh... das erhitzt mich jetzt aber.” Ich wollte das nächste hübsche Mädchen nach der Uhrzeit fragen, aber die Strasse war schon wie ausgestorben.
Nach einer halben Stunde erblickte ich ein Mädchen, dass auf uns zukam, ich fragte Gabriel, ob es eine der beiden ist. Der Hoffnungsschimmer in seinem Gesicht erlosch so schnell, wie er erglüht war. Kurz vor uns bog sie auf die Rampe zum Hafen ab. Sie hatte keine Uhr am Handgelenk, nur ein schmales Armband, was von weiten wie eine Uhr ausgesehen hatte. Sie trug blaue Jeans, ein weisses Tshirt mit blauen Aufschrift einer Kirche, an den Füssen Sandalen. Die Taxifahrer am Taxistand, ein paar Meter neben uns, zogen mit ihren lauten Witzen über irgendwas her. Ich drehte mich zur Rampe und sah wie das Mädchen unentschlossen auf halben Weg gestoppt war und auf jemanden zu warten schien.
Wir entschlossen uns zur Praca zu gehen. Gabriel hatte bei einem seiner zahllosen Gespräche tagsüber in Erfahrung gebracht, dass sich die Praca des nachts in den lebhaftesten Ort der Stadt verwandelte.
Auf der Praca war es fast so leer wie im Hafen. Gabriel entdeckte zwei Bekannte von der letzten Dampferfahrt in einem Freiluftrestaurant und gesellte sich zu ihnen. Mir stand nicht der Sinn nach Unterhaltung und so blieb ich allein auf einer langen Steinbank sitzen und beobachtete das Geschehen. An einem Tisch sassen zwei Männer und eine Frau, alle im mittleren Alter, und unterhielten sich. Von hinten schlich sich eine Schwangere an einen der Männer heran und hielt ihm lächelnd die Augen zu. Als sie ihn losliesst und für den Mann das Geheimnis gelüftet wurde, schien dieser wenig erfreut zu sein. Er widmete sich gleich wieder seinen Tischgesellen. Die Frau war taubstumm und in sehr ausgelassener Stimmung. Sie ging an den nächsten Tisch und überreichte einen Zettel auf dem sie um Hilfe, in Form einer Bargeldspende bat. So ging sie von Tisch zu Tisch. Mal erhielt sie etwas Kleingeld, mal ging sie wieder, ohne etwas bekommen zu haben. Irgendwann schwenkte sie wieder auf den Tisch ihres Freundes ein, widmete sich aber den Tischgesellen. Sie zeigte auf den abermals wenig erfreuten Freund, und gab den anderen mit verschiedenen Gesten zu verstehen, dass sie ihn kenne, dass sie befreundet seien. Der Angesprochene zeigte auf den gewölbten Bauch und dann auf den Tischgesellen und fragte mit Lächeln, ob das Kind im Bauch von ihm da drüben sei... Meine Beobachtung wurde unterbrochen. Mit einiger Überraschung musste ich feststellen, dass uns das Mädchen aus dem Hafen gefolgt war. Sie ging langsam an der Steinbank vorbei. Kurz darauf ging sie wieder vorüber aus der anderen Richtung kommend. Sie setzte sich einige Meter neben mich auf die selbe Steinbank, die etwa 10 Meter mass. Dies hatte jedoch nicht den gewünschten Erfolg, da ich vorgab, sie nicht gesehen zu haben. Die Abendschule war aus und ich erinnerte mich an Gabriels Erwähnung, dass sich der Platz dann mit Mädchen füllen werde. Einige von ihnen, mit Schuluniformen bekleidet, setzten sich auf die steinerne Bank, zwischen das Mädchen und mich und unterhielten mit aufgeregten Stimmen. Das Mädchen gab sich nicht so leicht geschlagen. Einige Augenblicke später stand sie auf, kam auf mich zu und setzte sich umstandslos neben mich. Um mit diesem kleinen Wagnis nicht allzuviel Aufsehen zu erregen, begann sie Ausschau zu halten, als warte sie auf jemanden. Diese Blicke, die dann und wann an mir hängen blieben, waren dazu bestimmt, Aufmerksamkeit zu erregen und wollten mit meinem Blick in Korrespondenz treten. War es nicht verdächtig, dass ein junges Mädchen um diese Uhrzeit allein durch die Strassen streunte, und sich an die Fersen von Männern hing? Ich bekam den Eindruck, dass ich ohne mein Zutun mehr über sie erfahren würde, dass ich in der Falle sass, und sie jeden Augenblick versuchen würde mir ihre jungen Zähne ins Fleisch zu stossen. Schon sprach sie unvermittelt drauflos. Eher unprofessionell. Ihr Gesicht war hübsch, doch war es in einen schweren Nebel der Schwermut gelegt, ihre Körpersprache wirkte befremdlich. Die Fragen stellte sie automatisch und schien sich wenig um die Antworten zu kümmern. Fast augenblicklich musste ich eine gewisse Abneigung gegen sie feststellen und ich fühlte wie ihre Melancholie unweigerlich auf mich übersprang.
Später brachten wir sie nach Hause und gingen durch das leere Manaus. Die Stadt hatte sich schon längst zur Ruhe gelegt. Vereinzelt Paare, hier und da ein Obdachloser der sich im Lichtschein eines Ladens schlafen gelegt hatte, ein paar Prostituierte und Passanten. Zur Verabschiedung fragte Denia “Werden wir uns wieder sehen?”, im traurigen, verzweifelten Ton. Die Frage war einfach. Gabriel und ich sahen uns an und begannen verlegen zu lächeln. Wir dachten, sie würde es zu deuten wissen. Noch trauriger fragte sie “Ja oder nein?” Keiner von uns beiden hatte rechte Lust sie wieder zu sehen und doch einigten wir uns auf ein: “Wir werden sehen!”
Aus irgendeinem Grund hielt meine Abneigung nicht an, was ich schon wenige Stunden nach dem Treffen spürte. Aber als Gabriel und ich in der darauffolgenden Nacht wieder gemütlich im Park bei einem Caipirinha sassen und sie sich von hinten annäherte und freudig “Ola”, sagte, schauten wir uns beide an, als wäre dieser Abend gelaufen. Aber es entwickelte sich eine stärker werdende Neugierde und später sogar eine leichte Zuneigung, der ich nachgehen musste.
Jetzt, einige Tage später sitzen wir im Hafen. Gabriel ist anderweitig beschäftigt. Sie liest in dem Buch, das sie mitgebracht hat, spricht selten von selbst und wenn ich sie was frage, antwortet sie meist nur einsilbig. “Die Gedichte sind alle so traurig!” stelle ich beim Durchblättern ihres Buches Gedichte der Liebe fest. “Aber das Leben ist nicht traurig! Zeige mir dein Lieblingsgedicht!” fordere ich sie auf. Sie sucht es und ich lese es. In dem Gedicht kommt dreimal das Wort Geheimnis vor, worauf ich sie auf ihr Geheimnis anspreche. “Das habe ich dir schon erzählt”, sagt sie verhalten lächelnd. “Ich glaube", sage ich forschend, “dass das weit mehr als ein Geheimnis ist.” Sie negiert vergnügt.
Ich eröffne ihr recht schnell, dass ich den festen Plan habe am nächsten Tag weiter flussabwärts zu reisen. “Was?” bricht es aus ihr heraus und sie schaut mich zweifelnd an. “Morgen reise ich ab!” sage ich ernst. Sie wird aufgeregt und es entwickelt sie ein kleiner, hitziger Dialog. “Nein!”, sagt sie herrschend “Du reist morgen noch nicht ab!” Ich versuche die Sachlage ruhig darzulegen “Gabriel und ich haben das Gefühl, dass es Zeit ist, die Stadt zu verlassen.” - “Was? Dein Freund reist auch ab?”, sie klingt noch bestürzter. Ich sage den Satz den sie gar nicht mag “So ist das Leben!” - “Nein! So ist nicht das Leben!” Ich möchte schlichten “Jede Sache hat ihren Anfang und ihr Ende...” Sie unterbricht mich hastig, meint, dass es noch soviel gibt, was man in Manaus und der Gegend sehen könnte. Ich schüttele still den Kopf und wechsele das Thema. Wir kommen auf das riesige Frachtschiff zu sprechen und aus irgendeinen Grund weiss sie, dass es nicht von hier zu einem anderen Kontinent aufbrechen wird. Vielleicht hat sie schon einmal die Flucht aus Manaus geplant? Wir unterhalten uns und die Zeit verfliegt. Das Angebot was ich ihr machen will, schiebe ich auf.
Als sie zur Toilette geht, stehe ich auf und stelle mich an das Geländer. Sieben Meter unter der Terrasse wippt noch immer der Mann mit seinem Kanu von einer Welle zur anderen. Singend fängt er sich eine schwimmende Plastikflasche mit seinem langen Käscher. Als Denia wiederkommt sage ich “Wir gehen zum Hotel!” - “Warum?” - “Ich habe Durst. Im Hotel habe ich eine Flasche Wasser.” Sie schaut mich überrascht ab. “Willst du wirklich ins Hotel gehen, um Wasser zu trinken?” Die mündliche Antwort lasse ich aus, stattdessen blicke ich ruhig, mit dem Anflug eines Lächelns in ihr Gesicht. “Sexualität ist was ganz normales!”, sage ich offen. Wir stehen beide am Geländer und blicken auf den Fluss. Als sie sich mit diesem Gedanken konfrontiert, dreht sie sich zur Seite und wendet mir den Rücken zu. Im ersten Moment weiss ich nicht, was das zu bedeuten hat. In ihrem Bauch scheint es zu brodeln. Tief und kräftig will ein Lachen aufsteigen. Sie verschluckt diese Salve und ihre Augen werden riesig. Ich gehe um sie herum, um sie von vorn sehen, doch sie wendet sich immer wieder ab. Und immer wieder steigt ein unzähmbares Lachen aus ihr heraus. Ich frage sie, was so komisch ist. Sie gibt keine Antwort, lacht noch mehr und lässt diese Salven ungehindert aufsteigen. Wir setzen uns wieder an den Tisch. Nun sagt sie ernst “Du willst mich also ausnutzen, mich benutzen?” Ich negiere nachdrücklich. “Es ist doch ein gegenseitiges Geben und Nehmen.” und setze aufrichtig fort “Die Sache ist doch so. Hier wie wir uns unterhalten, tragen wir Masken. Wir geben uns nicht so, wie wir wirklich sind, wir verstellen uns, aus welchen Gründen auch immer. Diese Art der Kommunikation ist begrenzt. Nur wenn die Masken fallen, sehen wir uns wirklich! Um dem Geheimnis eines Menschen näherzukommen, um ihn wirklich zu verstehen, ist manchmal Sexualität die höchste Form der Kommunikation!” Schnell fragt sie “Würdest du es nur deswegen tun?” - “Es sind auch Hormone im Spiel.”, gebe ich zu “Es ist ein Mix aus diesen und der Neugierde mit dir auf anderer Ebene zu kommunizieren.” - “Aber du wirst mich vergessen!”, wirft sie ein. Ich erkläre, dass ich ein sehr gutes Gedächtnis habe. Sie hat kein Interesse. Ich kann es akzeptierten und so sprechen wir über etwas anderes. Fünf Minuten später macht sie eine überraschende Kehrtwendung. “Bleib bis Sonntag, wenn du es machen willst!” - “Machen? Was machen?”, frage ich konfus. Sie schaut sich heimlichtuerisch um, ob jemand in der Nähe steht der uns vielleicht belauschen könnte, kommt meinem Gesicht näher und sagt leise “Das, was du mir gesagt hast!” und sie hängt einen Satz dran, der mich noch mehr verunsichert “Ich möchte viel Sex mit dir haben!”. Sie verleiht also ihrem Wunsch kurz und knapp Ausdruck. Ob sie sich denn sicher sei? “Wenn du es wirklich machen willst, dann warte bis Sonntag!” Ich folgere laut “Gut. Dann würde ich also drei Tage länger bleiben und dann erst am Montag den Dampfer nehmen.” - “Nein! Dienstag! Ich möchte zweimal!” Ich lehne ab. Bis Montag wäre ohnehin schon mehr Zeit in Manaus als geplant. Sie musst sich zufrieden geben. Warum sie ihre Meinung geändert habe? Sie kommt wieder näher heran und sagt “Ich war mir erst nicht sicher. Aber jetzt bin ich es! Ich möchte es nicht nur ein bisschen, sondern wirklich! Muito!” - “Gut!”, bekräftige ich “Dann bleibe ich drei Tage länger!” Sie lehnt sich entspannt zurück, versenkte sich wieder in der gewohnten Stille und beginnt sich auf die Unterlippe zu beissen. Sie blickt geistesabwesend auf den Fluss führt ihre Hand an den Mund, knabbert am Daumen. Ihre Gedanken scheinen schon drei Tage in der Zukunft zu kreisen. Da die Sonne schon zu sinken beginnt und Denia nachmittags zu Hause sein soll, entscheide ich, dass wir aufbrechen. Wir laufen an den anderen Tischen vorbei, drehen einen kleinen Bogen nach rechts und steigen die Rampe hinauf. Die Ventilatoren mit ihren sprühenden Wasserdüsen rattern. Als wir die lange Gerade hinter uns gelassen haben, die Schräge der Rampe hinuntergehen und im Busbahnhof anlangen, beginnen wir uns voneinander zu verabschieden. “Kommst du am Sonntag zum Hotel?” Sie nickt. “Um welche Uhrzeit?” frage ich skeptisch. “Nachmittags zwischen halb fünf und fünf Uhr”, antwortet sie und schaut mich mit verzweifelter Zuneigung an. Sie möchte einen Kuss. Aus Erfahrung lehne ich ab. Gleich wird sie unbändig, atmet durch die geschlossenen Zähne, schliesst die Augen halb und wird wütend. Blitzschnell ändert sie ihren Gesichtsausdruck in verzweifelte Traurigkeit und geht ohne etwas zu sagen. Ich raufe ihr hinterher “Bis Sonntag!” Aber sie schaut sich nicht um und geht davon.
In den zwei darauffolgenden Tagen fahren Gabriel und ich an einen Strand des Rio Negro. Auf dem Weg dahin spricht Gabriel mit fast jeder Frau, die uns über den Weg läuft. Ich habe mich langsam an diese Eigenart gewöhnt, da es immer nach dem selben Muster abläuft. Wir überholen ein Mädchen und Gabriel beginnt ihr ins Gesicht zu lächeln. Da wir schneller gehen, er aber seinen Körper gerade auf den Weg gerichtet hält, muss er seinen Kopf immer mehr zur Seite biegen, um sie im Gesichtsfeld zu behalten. Gibt das Mädchen ein ersten Anzeichen einer Erwiderung seines Lächelns, läuft er einen kleinen Bogen, grinst schelmhaft und beginnt das Gespräch. Am Ende des Tages hat er fünf Telefonnummern und sagt zufrieden “Me encanta Brasil!” und schaut ekstatisch durch die Lüfte.
Es ist Sonntag. Ich sitze schon eine halbe Stunde vor der vereinbarten Uhrzeit auf einer Holzbank vor dem Hotel. Gabriel hat zur gleichen Zeit wie ich ein Treffen mit seiner Freundin. Ich verstehe nicht, was er anziehend an ihr findet. Sie ist nicht hübsch, ein bisschen zu dünn und wir vermuten beide, dass sie der Arbeit einer Hotelhure nachgeht. “Was stört es mich!”, pflegt er entspannt lächelnd zu sagen “Solange ich nichts dafür bezahlen muss!” Wahrscheinlich ist es das. Gabriel lebt in einer Welt, wo er für alles bezahlen muss, wo ihn jeder Griff ins Portemonnaie schmerzt - zum Mittag begnügt er sich zumeist mit einer Teigtasche - und so beschert es ihm ein heimliches Vergnügen, etwas zu erhalten, wofür alle anderen bezahlen müssenn. Ebensowenig ist zu verstehen, warum er sich nicht der Putz- und Frühstücksfrau im Hotel annimmt. Sie muss um die 35 sein, macht einen sauberen und vor allem gediegeneren Eindruck als la puta wie wir sie heimlich nennen, ist noch reizvoll und hatte offensichtlich ein brennendes Verlangen. Sie fing ihn zweimal vor seinem Zimmer ab. Er sei zu hübsch. Erst beim Frühstück warf sie ihm lächelnde Blicke zu und als er später auf seinen Zimmer war, kam sie das Laken wechseln und den Fussboden kehren. Ob es ihn störe, sie sei ganz schnell. Ach, wie hübsch er doch sei. “Sie jagt mir eine Heidenangst ein!”, sagte er ängstlich lächelnd.
Als er das Hotel verlässt scherzt er “Denia wird nicht kommen. Um fünf Uhr wirst du nervös werden und ein halbe Stunde später läuft dir die erste Schweissperle die Stirn hinunter.” Er schneidet ein amüsiertes Gesicht und verschwindet.
Ich sitze auf der Holzbank. Es wird höchste Zeit für Denias Erscheinen. Auf dem Bürgersteig gegenüber sitzt eine Gruppe Jugendlicher die sich unterhalten. Ich folge ihrem Gespräch. Unterdessen rückt die Zeit weiter voran. Es muss doch eine grosse Überwindung für ein Mädchen sein, denke ich, einen fast fremden Menschen in einem Hotel aufzusuchen um mit ihm zu schlafen. Ich beobachte die Szene auf der anderen Strassenseite, wo sich ein anderes Hotel befindet. Leute kommen, Leute gehen. Noch immer unterhalten sich die Jugendlichen. Auf einem Balkon erscheint eine Frau, die auf jemanden zu warten scheint. Ich hake Denia ab. Sie wird nicht kommen. Gabriel wird jeden Moment mit seiner Freundin um die Ecke biegen, wird schon von weitem grinsen und dann im Hotel verschwinden. Ich kann sein Gesicht schon in allen seinen Zügen sehen. Und selbst ich muss jetzt lächeln. Ich stehe auf, stelle mich auf die Türschwelle und blicke über die Köpfe hinweg an die Wanduhr. Es ist kurz vor 18 Uhr. Einige Einheimische, bei denen man nie so genau weiss, ob sie im Hotel arbeiten oder wohnen, sitzen vor dem Fernseher und verfolgen ein Fussballspiel. Eine Minute später sitzt Denia neben mir auf der Holzbank. Sie hatte langsam die Strasse überquert, lief in dem ihr eigenen Schritt, als würde sie über Scherben gehen, langsam und vorsichtig, zeitweise die Hände seitlich vom Körper abgestellt. Sie warf mir ein schüchternen Blick zu, war höchst unsicher und setzte sich still neben mich. “Ich habe schon gedacht, du würdest nicht kommen.” sage ich lächelnd “Fast.” antwortet sie kurz. Sie braucht einige Zeit um sich zu beruhigen und beginnt mir von dem gestrigen Geburtstag ihres Onkels zu erzählen. Und dass sie nicht in der Kirche war. Sie hat eine offene Einstellung zur Kirche, Gott und Religion. Ich erinnerte mich an eine Geschichte, die mir einfiel und erzähle sie. Ein Freund aus Mexiko, bei dem ich einige Monate im Hostel gearbeitet hatte, war auf einem Volksfest im Süden Brasiliens gewesen und lernte da einen jungen, hübschen Mann kennen. Die beiden unterhielten sich über alles mögliche, tranken gemeinsam ein paar Bier und verbrachten wunderschöne Stunden miteinander. Als das Thema auf Gott kam und mein Freund sagte, er wisse, dass es da etwas gebe, er selbst aber darauf verzichte in die Kirche zu gehen, schaute ihn der junge Mann verwundert an, stand auf und ging ohne auch nur ein Wort zu sagen. Ich merke erst sehr spät, wie ich mich mit der Geschichte in eine heikle Lage hätte bringen können. Aber sie ist scheinbar nicht daran interessiert tiefer in die Angelegenheit vorzudringen. Also frage ich sie sanft, ob sie nicht in das Hotel gehen möchte. “Nao!”, antwortet sie schnell und nachdrücklich. “Warum?”, frage ich verwundert. “Sie werden mich nicht eintreten lassen!” - “Mach dir darüber keine Sorgen. Wir werden es probieren! Wenn nicht hier, dann irgendwo anders.”, und setze lässig hinzu “Es gibt tausende Orte dafür!” Sie lächelt, war aber nicht einverstanden und sagt schroff “Ich mache es aber nicht an irgendeinem Ort!” Mir wird klar, dass dies eine Situation fürs äusserste Fingerspitzengefühl ist. Ein unbedachtes Wort, eine herzlose Geste und die Sache ist gegessen. Wo es schon schwer genug ist, stellt sich ein neugieriger Belgier in die Tür. Er hatte mir am ersten Tag einen Vortrag über eine preisgünstige und einzigartige Tour in den Dschungel gehalten und scheint sich jetzt, dafür dass ich ihn kurzer Hand abgewimmelt hatte, revanchieren zu wollen. Er musste entdeckt haben, dass Denia nervös ist und verschlimmerte ihren Zustand, indem er den Blick eines Moralapostels auf ihr ruhen lässt, sobald sie zu ihm sieht. Er raucht eine Zigarette nach der anderen und lässt sich nicht einmal durch ein Tor, was vom Aufschreien der zuschauenden Männer begleitet wird, nachhaltig abschütteln. Erschwerend sind zudem diese Männer, an welchen Denia zwar nicht direkt vorbeigehen muss, welche allerdings einen kurzen Blick auf sie werfen konnten, wenn sie von der Türschwelle die ein, zwei Meter zur Treppe hinter sich bringen würde. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, frage Denia unsicher “Wieviele Leute sitzen denn da?” Ich stehe auf, gehe an dem Belgier vorbei und gebe ihm durch einen Blick zu verstehen, dass er mit ärgsten Konsequenzen für Leib und Leben zu rechnen hat, wenn er nicht schnellstens einen Flattermann macht, bleibe auf der Türschwelle stehen und zähle kurz durch. Denia gefällt dies nicht und macht sich bemerkbar. Ich setze mich wieder ruhig neben sie und sage leise “Drei oder vier.” Es sind fünf. Den Rezeptionisten mitgezählt.
Wir sitzen schon seit einer Ewigkeit vor der Tür, als die bebrillte, lockige belgische Elster, die ständig zwischen der Tür und dem Fussballspiel hin und her getapst ist, sich endlich aufmacht in die Dunkelheit davonzuflattern. Ich mache Denia darauf aufmerksam und sage entschlossen “Gehen wir!” Sie schaut mich unentschieden an. Ich verliere die Geduld “Willst du es nun tun oder nicht!”, die Fäden scheinen mir aus der feuchten, verschwitzten Hand zu rutschen. Das tropische Klima stiegt mir zu Kopf. Nun sagt sie ausdrücklich und mit grossen Augen “Ja!” - “Also, dann lass uns reingehen!”, sage ich wieder gefasst. “Frag den Rezeptionisten!” antwortet sie schnell. Ich erwäge es, komme aber zu keinem Ergebnis mehr, da Gabriel um die Ecke biegt, seine Freundin in kurzer Stretchhose an der Hand. Ich kann es nicht unterlassen, ihm mit einen Siegerlächeln entgegenzublicken. Nicht wegen des Triumphes, Denia hier zu haben. Keineswegs. Gabriel kommt genau zur rechten Zeit. Seine Freundin kann mit gutem Beispiel vorangehen und Denia zeigen, wie es ist, als Frau in einem Hotel einzukehren.
Gabriel ist überrascht uns zu sehen. Ich sage ihm grinsend “Um 20 Uhr sehen wir uns!”, um ihn aus der Klemme zu helfen. Das Treffen mit seiner Freundin zieht sich in die Länge und später erwartet ihn noch ein Treffen mit einem anderen Mädchen. Er stimmt zu. Nachdem seine Freundin kurz auf der Türschwelle stehen bleibt und einen kurzen, professionellen Blick auf den Fernseher wirft, sind beide im Hotel verschwunden. Denia ist verblüfft. Ungläubig strahlt sie. “Das ist normal!”, sage ich weltmännisch und füge hinzu “Gehen wir!” Ich stehe auf, wie ich es schon einige Male zuvor getan habe, doch diesmal tut sie es mir gleich. Ich starte eine langsame Spazier-Bewegung, trete über die Schwelle, passiere die Rezeption. Im gleichen Moment huscht sie mit hinein.
Wir steigen die lange Treppe hinauf. Denia wird zunehmend unsicher und schweigt. Sie hat einen kleinen Hügel erklommen um beim Erreichen der Spitze zu sehen, wie sich ein gigantischer Berg vor ihr auftut. Wir erreichen den zweiten Stock, lafen den langen Flur entlang, sie ist einige Schritte hinter mir. Als ich den Schlüssel in das Schloss der Tür stecke, wird sie sehr nervös, dreht sich um und möchte das Hotel verlassen. “Entspann dich!”, sage ich im ruhigen, im angemessenen Ton. Sie hat tatsächlich Angst. Das Zimmer neben dem meinen ist immer noch offen. Es hat sich nichts verändert seitdem ich vor Stunden hineingespäht hatte. Jedenfalls von dem, was ich erkennen kann. Aus dem Winkel sehe ich einen rechten tätowierten Arm. Er liegt offensichtlich mit freien Oberkörper auf dem Bett und seine Freundin liegt neben ihm. Ein englisches Paar. Sie schweigen. Es ist genau dasselbe Bild.
Als wir im Zimmer sind, macht sie eine Geste, als würde sie gleich wieder rausstürmen wollen. Ich lächele ihr vertrauensvoll zu “Du brauchst keine Angst zu haben!” Sie sagt aufgeregt “Das Fenster zum Flur bleibt offen!” Doch kurz darauf ändert sie ihre Meinung und schliesst es selbst. Sie mustert alles mit schnellen, fast panischen Blicken, denkt kurz nach und sagt nun schon anführerhaft “Wir schliessen die Tür ab, aber der Schlüssel bleibt bei mir! Das Licht bleibt an!” Ich zucke die Schultern und nicke “Wie du willst!”. Um der Atmosphäre die Spannung zu nehmen, frage ich sie, ob sie sehen möchte, mit was für Sachen ich reise. Sie sei interessiert, also packe ich meinen Rucksack auf. Ganz oben liegen gleich drei Bücher, ich erkläre, dass ich früher mal ungefähr 15 gehabt habe, mir aber nur noch wenige verblieben sind. “Entweder habe ich sie verschenkt, verkauft oder irgendwo vergessen... oder ich habe sie als meine besten Freunde bewahrt.” Ich hole das erste Buch heraus “Das ist hier ist Freund Kafka. Und der hier”, ich nehme zwei weitere Bücher zur Hand, “ist Freund Krishnamurti und Freund Miller”. Für das nächste Buch muss ich mit meiner Hand tiefer in den Rucksack stossen, am Zelt vorbei unter den Klamotten hindurch und bekomme ein kleines, eingebundenes Buch zu fassen. “Das hier ist Freund Hölderlin. Ein grosser Poet. Der Grösste den ich kenne. Weisst du was! Ich werde dir ein Gedicht vorlesen!” Sogleich ziehe ich den Reissverschluss der oberen Rucksacktasche auf und habe die zwei Blätter in der Hand. “Das hier ist von einem anderen Poeten!”, erkläre ich. Und erinnere mich, wie ich dieses Gedicht schon zu den unterschiedlichsten Anlässen Leuten vorgetragen habe, die es nicht verstehen konnten, nur um zu sehen, wie der reine Klang wirkt. “Ein Gedicht schöpft aus zwei Bereichen seine Schönheit”, erklärte ich gewöhnlich, “beides ist bei diesem Gedicht genial”, und beobachte dann beim Lesen genau das Gesicht des Zuhörers. Es hatte immer etwas ernüchterndes. Als ich Denia das Gedicht vortrage, tut sich nicht viel. Also unterbreche ich mich und erkläre die Reime. Aber ich scheine sie zu langweilen und so lasse ich mich auf den Rücken fallen, legte mir das Kopfkissen zurecht und lese leise: “Mistralwind du Wolkenjäger, Trübsalmörder, Himmelsfeger, Brausender, wie lieb ich dich! Sind wir Zwei nicht eines Schosses, Erstlingsgabe, eines Loses, Vorbestimmte ewiglich?” Ich schaue über das Blatt hinweg auf Denia, spreche aus dem Gedächtnis “Hier auf glatten Felsenwegen, lauf ich tanzend dir entgegen”, ich richte mich auf und spreche sie direkt an “tanzend wie du pfeifst und singst: Der du ohne Schiff und Ruder, als der Freiheit freister Bruder, über wilde Meere springst.” Ich lege meine Hand an ihre Hüfte, sie sagt zeitgleich “Aber ohne Licht!” Ich stehe sprechend auf “Kaum erwacht, hört ich dein Rufen”, Es macht klick, das Licht ist aus. “Stürmte zu den Felsenstufen, hin zur gelben Wand am Meer.” Durch das weissgestrichene Fenster zum Gang dringt noch genügend Licht ein, um die Konturen von Denia, dem Bett und vor allem den Nachttisch mit dem kondompräparierten Aschenbecher zu sehen. Ich spreche weiter “Heil. Da kamst du schon gleich hellen, diamantnen Stromesschnellen, sieghaft von den Bergen her. Auf...”, beginne ich die neue Strophe, “Sccch!” gebietet mir Denia Einhalt. “Ist nicht die wundervolle Lautebene zu erkennen?” frage ich. Denia bejaht, es klingt nicht überzeugend. Ich setze mich neben sie, lege die Hand an ihre Hüfte. Sie drückte mir ihre Lippen auf den Mund und ich drücke ihren Oberkörper aufs Bett, beuge mich über sie und wir beginnen zu küssen. Sinnlich küsst sie, scheint noch nicht oft geküsst zu haben. Meine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit und ich kann ihr hingebungsvolles Gesicht erkennen. Als wir einige Minuten so verbracht haben, öffnet sie auf einmal erschreckt die Augen, lässt ihren Blick durchs Zimmer schweifen. “Haaaa”, stösst sie aus. Ihre Augen weit geöffnet. Für mich sieht es wie ein Panikanfall aus. “Was hast du denn?” Nach einigen Sekunden antwortet sie “Das ist mein Asthma... aber das geht vorüber.” Sie bekommt schwer Luft, küsst mich aber schon wieder. Der erste Seufzer fällt ihr es dem Mund. Kurz darauf öffnet sie die Augen und schaut sich wieder erstaunt um. “Ich kann nicht glauben, dass ich hier mit dir bin!” Nachdem das Pfeifen des Asthmas verklungen ist, widmen wir uns wieder der Sache. Sie beginnt an meinem Tshirt zu ziehen, lässt meinen Gürtel folgen. Sie übernimmt mehr und mehr die Leitung. Eine junge Person mit Führungsqualitäten. So muss ich es feststellten.
Vielleicht eine viertel Stunde ist vergangen. Die Temperatur im Zimmer scheint um zehn Grad gestiegen zu sein und der Ventilator jauchzt vor Freude. Denia zieht mich durch die Mangel, hat mich untergeordnet und in einer Art Klemmgriff fixiert. Ich bin ihr mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Aber soll mich das stören? Ich bin noch meilenweit davon entfernt kleinbei zu geben. Das Gedicht zieht seine Kreise, hat sich wie ein Fisch im Netz verfangen “Mistralwind... du Wolkenjäger”, sage ich leise, fast flüsternd “Trübsalmörder, Himmelsfeger, Brausender, wie lieb ich dich!” Denia protestiert lautstark und beachtenswert. Nicht mit Worten, sondern in angemessenerer Weise. Aber das nützte nichts. Langsam spreche ich weiter “Sind wir Zwei nicht eines Schosses... Erstlingsgabe... eines Loses, Vorbestimmte ewiglich? Hier auf glatten Felsenwegen, lauf’ ich tanzend dir entgegen, tanzend, wie du pfeifst und singst...”
 

 Mir kommt in den Sinn wie ich später, am letzten Tag des Amazonas, auf dem Deck des Dampfers stand und sich eine Frage, die ich mir oft gestellt hatte, in Luft auflöste. Jene nämlich, wie es sei, wenn dieser Fluss ins Meer strömt und da zerfliesst. Es war noch früh am Morgen, ich stand an der Reling und schaute hinaus auf den kolossal angewachsenen Riesen. Die Sonne und getupfte Schleierwölkchen standen still über dem Fluss. Das Ufer zu beiden Seiten war fern und nur ein dünner dunkler Streifen. Ab und zu fuhren wir an einer Insel vorbei. Eine Möwe begann das Boot zu begleiten. Das Meer schien nah. Lautlos schlug sie mit den Flügeln, wendete unaufhörlich, ausschauhaltend, den Kopf, bewegte den gelben Schnabel von der einen zur anderen Seite. Die schwarzen Federn auf den Kopf sahen aus wie ein winzige Fliegerkappe. Mit wippenden Flügelschlägen hielt sie die Geschwindigkeit des Bootes. Flatternd legte sie sich von einer auf die andere Seite und stürzte sich mit ausgesteckten Flügeln tollkühn in die Tiefe. Wenig später stieg sie wieder auf und schüttelte sich das Wasser aus dem Gefieder. Nach einer Zeit gesellten sich zwei Freunde zu ihr und nun stürzten sie sich abwechselnd hinab in den Fluss, stiegen auf und wippten im Gleichtakt mit den Flügeln. Unermüdlich suchten sie den Fluss ab. Schwarze Häubchen, schwarze Flügelspitzen und schwarze Schwänze. Der Fluss änderte an diesem Tag unaufhörlich den Farbton, gleichzeitig musste ich mich fragen, ob ich es war, der ihn anders wahrnahm. Denn wie konnte ein solcher Gigant noch sein Wesen ändern? Der Halbmond stand noch am Himmel. Die Wolken wuchsen zu grossen, steilen Bergen an und schwebten alle in einer Höhe langsam gen Süden. Der Fluss nahm einen grünlichen Schein an. An der hintere Bootsspitze hingen nun schon sieben Möwen. Eine winzige war unter ihnen. Abwechselnd schossen sie in die Tiefe. Ich wandte den Blick auf den Fluss und die Neugierde, die mich seit dem ersten Tag auf dem Fluss erfasst hatte, war spurlos verschwunden. Die Frage wie es wohl wäre wenn dieser Fluss stürbe, war völlig bedeutungslos. Denn eines war offensichtlich: hier war der Fluss schon selbst ein Meer, hatte seine Flinkheit verloren, war unendlich ausgebreitet und floss müde von der langen Reise, langsam seinem Ende entgegen. Ich hatte immer angenommen, es müsse ein trauriger Anblick sein, wenn der Fluss von den Wellen des Meers überwallt wird, aber in jenem Augenblick auf dem Boot wurde mir klar, dass es Zeit für die Wandlung war. Er hatte die selbe sanfte Behebigkeit angenommen, wie sie der Rio Negro kurz vor seinem Ende zeigte.

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Wir Kinder aus dem JWH von Annett Reinboth



Mein Buch "Wir Kinder aus dem JWH", erzählt von meinen ersten 18 Lebensjahren. Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Mein Elternhaus war ein kaputtes und krankes dazu.
Es war nur eine Frage der Zeit bis ich in einen JWH eingewiesen wurde. Viele glaubten damals das so ein Jugendwerkhof für Verbrecher sei. In meinem Buch geht es nicht darum, das ich nach dem Mitleid der Menschen schreie. Ich stelle nur in Frage, ob das was man uns damals angetan hat noch in einem gesunden Maße gerechtfertigt werden kann...

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