Germaine Adelt

Mißverständnisse

   Er hatte gütige Augen. Zumindest hoffte sie, dass sie nicht irrte. Als ihr Therapeut wollte er Dinge von ihr wissen, über die sie nicht einmal nachzudenken wagte, geschweige denn reden konnte. Es störte nicht, dass er ein Mann war. Auch einer Frau gegenüber wäre es nicht anders. Sich selbst zu erklären, kam ihr einfach nicht über die Lippen, so sehr er sich auch bemühte ihr Vertrauen zu erlangen. Letztlich war es sein Job und damit war er professionell genug kein wirkliches Vertrauensverhältnis zu ihr aufzubauen.

Allerdings war er der erste, der sie nicht gleich mit Verdachtsdiagnosen überschüttete und sie in vorgefasste Bahnen drängte. Der erste, vor dem sie nicht gleich in der ersten Minute Angst hatte. Dennoch, war sie lediglich von Dr. Thiele überweisen worden, weil ihre Schlafstörungen, ihre Alpträume ungeahnte Ausmaße angenommen hatten. Er aber wollte Dinge aus ihrem Leben wissen, die damit nichts zu tun haben konnten. Wobei es schon angenehm war, dass Gefühl zu haben, dass er ihr die Schlaflosigkeit wirklich glaubte.

„Sie sagen, dass ihre Alpträume so beängstigend real sind, dass sie oftmals gar nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden können.“

Sie nickte nur.

„Wollen sie mir einen Traum detailliert erzählen?“

„Eigentlich nicht.“

„Und warum nicht?“

„Seien wir doch ehrlich, ich bin doch nur hier, weil das Jugendamt mir das Kind wegnehmen will.“

Erstaunt sah er sie an. „Natürlich nicht.“

Die Antwort kam ihr zu schnell. Er hatte nicht gezögert oder versucht zu erklären. Panik erfasste sie. Womöglich wurde ihr Kind gerade abgeholt, während sie hier plauderte. Sie musste hier raus. Sofort. Voller Entsetzen merkte sie, wie sich ihr Hals vor Angst zuschnürte und ihr Magen immer mehr rebellierte. Doch statt erneut dagegen anzukämpfen, wehrte sie sich diesmal nicht. Vielleicht eine Möglichkeit hier rauszukommen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.

Mit einer Hand vor dem Mund, um ein etwaiges Erbrechen aufzuhalten, schüttelte sie nur mit dem Kopf.

Dass er sie persönlich bis zur Toilette geleitete und sich offenbar Sorgen machte, fand sie richtig rührend. Dass er darauf bestand, mir ihr einen neuen Termin zu machen, nicht.

 

Die Tabletten wollten sich nicht auflösen und sie hoffte, dass es nur noch eine Frage der Zeit war. Dann ging sie zurück in das Schlafzimmer, betrachtete verträumt das schlafende Kind und fing an zu weinen. Sie hatte keine Kraft mehr zu kämpfen. Vielleicht hatte sie tatsächlich schon den Verstand verloren. Vielleicht war es wirklich nur eine Wahnvorstellung und nicht die Realität, dass man ihr das Kind nehmen wollte. Wenn es aber so war, musste sie handeln, bevor es die anderen taten. Wer weiß, was der Psychiater bei ihr am Ende noch alles so herausfinden würde. Und dann hatte sie vielleicht keine Zeit mehr eigene Entscheidungen zu treffen.

Schluchzend ging sie zurück in die Küche. Die Tabletten hatten sich noch immer nicht aufgelöst. Hilfesuchend sah sie sich um nach anderen Möglichkeiten und ihr Blick fiel auf den Balkon. Die Angst, dass selbst ein Sturz aus so großer Höhe sie nur verletzen würde, verdrängte sie. Noch heute würde sie sich den Schlaf verschaffen, in dem es keine Alpträume mehr gab. Entschlossen ging sie zurück in das Schlafzimmer und unterdrückte diesmal ihre Tränen. Vorsichtig ertastete sie mit ihren Fingern den Hals des Kindes und wusste im selben Moment, dass sie es nicht fertig bringen würde. So nahm sie aus ihrem Bett das Kopfkissen und legte es eher behutsam auf das Kind. Mit geschlossenen Augen drehte sie ihren Kopf zur Seite. Den Gedanken das Geschehen mit an sehen zu müssen, ertrug sie nicht. Sie spürte wie sich der kleine Körper unter dem Kissen bewegte und sie fragte sich wie lange es wohl noch dauern würde. Die Vorstellung wie qualvoll es für ihn sein musste, lies sie innehalten und das Kissen entfernen. Ihr Sohn atmete er hörbar durch und nuckelte verträumt am Daumen. Verschämt stand sie da, noch immer das Kissen in der Hand und musste sich eingestehen, dass sie schon jetzt nicht mehr wusste was sie tat. Wieder ging sie zurück in die Küche.

Die Tabletten hatten sich noch immer nicht aufgelöst, es brauchte wohl mehr Zeit. Sie nahm das Glas mit den Tabletten und schüttete die Flüssigkeit in die Toilette. So lange sie nicht wusste, wie sie ihren Sohn in den Tod mitnehmen konnte, würde sie es verschieben. Denn ohne ihn würde sie nicht gehen. Und vielleicht konnte der Arzt, dieser Dr. Hoffmann, ihr mit seinen vielen Fragen doch irgendwie helfen, hatte er doch so gütige Augen.

 

Leise betrat Eleonore das Zimmer und legte schweigend die Unterschriftenmappe auf den Tisch. Doch dann bleib sie stehen und das war so ungewöhnlich , dass er fragend aufsah.

„Dr. Thiele auf Leitung drei.“

„Vielen Dank“, murmelte er und fragte sich ernsthaft, wann er sie das letzte Mal gelobt hatte. Als er den Hörer abnahm, beschloss er dies gleich nach dem Telefonat nachzuholen.

Thiele war nicht sonderlich verwundert und vermutlich sogar über den Anruf erfreut. Ein Zustand, der wohl nicht lange anhalten würde.

„Hör zu, du weißt, dass ich mich keine Gutachten für Sorgerechtsfragen anfertige. Du erwartest doch nicht ernsthaft, dass ich irgendeine Partei ergreife. Ich bin Psychiater und nicht so ein Sachbearbeiter vom Jugendamt!“

„Wovon redest du?!“

„Frau Graumann, deine Überweisung.“

„Ja, die Schlafstörung – und?“

„Du hast vergessen zu erwähnen, dass diese Schlafstörungen aus der Angst resultieren, dass ihr das Kind weggenommen werden soll.“

„Mach was du willst, ich verstehe kein Wort. Die Frau Graumann, die ich meine, hat keine Kinder.“

„Bitte?“

„Ich habe hier die Akte. Julia Graumann, nie verheiratet, keine Kinder. Doch, warte ... sie hat vor Jahren eine Totgeburt erlitten.“

„Und warum erfahre ich das erst jetzt?!“

„Weil ich nicht dran gedacht habe, weil ich im Stress war, weil ich keinen Zusammenhang gesehen habe ... Glaubst du, dass hat mit den Schlafstörungen zu tun?“

„Sieht so aus. Wie du ja weißt, schrieb schon Freud über die Konsequenzen der blockierten Trauer.“

„Also konnte ich mit meinem Valium nicht weiterkommen.“

„Das hast du sehr gut erkannt.“

„Was meinst du, soll ich bei ihr vorbeisehen?“

„Das halte ich für keine gute Idee. Hör zu, die Patienten warten.“

„Wem sagst du das?“

 

Das laute Klingeln riss sie aus einem unruhigen Traum. Noch völlig verwirrt darüber, dass sie am Tag eingeschlafen war, versuchte sie sich zu orientieren. Es war bereits dunkel draußen, Stunden mussten vergangen sein. Plötzlich war sie nicht mehr sicher, ob es tatsächlich geklingelt hatte oder sie schon unter Halluzinationen litt. Vorsichtig spähte sie aus dem Fenster und sah zu ihrer Verwunderung, wie Dr. Thiele vor der Haustür stand und darauf wartete, von ihr hereingelassen zu werden. Zwar war er dafür bekannt, seine Patienten zu Hause zu besuchen. Was er aber von ihr wollte, konnte sie sich nicht erklären.

Hinter ihm hielt ein dunkler Van, das konnte kein Zufall sein. Mit Sicherheit hatte Hoffmann sie für unmündig erklärt und Thiele ist geschickt worden sie abzulenken, so dass man in Ruhe ihr Kind wegnehmen konnte. Erneut klingelte es und fieberhaft versuchte sie einen Fluchtplan zu entwickeln. Doch dann kam Berger aus dem Parterre nach Hause und ließ so Thiele einfach in den Hausflur.

   Er würde gleich oben sein. Die Tränen liefen und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wie hatte sie sich nur so in Hoffmann täuschen können, hatte er doch so gütige Augen. Hastig nahm sie ihr schlafendes Kind und kletterte entschlossen auf die Balkonrüstung.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.06.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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