Christine Inden

Erinnerung an einen fabelhaften Menschen

Sie mochte diese Ohrläppchen. Ohrläppchen, riesengroß, die Geschichten erzählten - von der Liebe, vom Leben, von Krieg und Frieden, von 2/3 Jahrhundert und noch mehr. Sie kannte jede kleine Furche, die grauen Haare, die aus dem Inneren des Ohres hervolugten und wie lustig man an diesen Ohrläppchen ziehen und sie wieder zurückflitschen lassen konnte. Das hatte sie früher sehr oft getan und auch längst erwachsen kaum davon lassen können.
Träger der Ohrläppchen war ein alter Mann. Sie konnte sich nicht erinnern, dass er jemals jung gewesen war und auch die zahlreichen Geschichten vermochten ihrem Vorstellungsvermögen kein Bild zu erschließen. Für andere mochte er mit einer Vergangenheit existieren, für sie war er immer alt und weise, grau und belesen gewesen. Ihn sich beim Klingelmäuschen vorzustellen -schier undenkbar.
Seit der 5. Klasse hatte man sie Latein lernen lassen und seitdem hatte sie jedes Jahr an ihrem Geburtstag eine Karte mit lateinischem Spruch erhalten. Dann saß er ihr immer gegenüber und wartete auf ihre kläglichen Übersetzungsversuche. Er wartete selten lange, zu ungeduldig war er, selbst die Übersetzung dazu zu liefern und zu erklären, wer diesen Spruch wann wo geäußert hatte und welche Moral für das eigene Leben daraus zu ziehen sei. Gegen Ende hin musste sie immer länger auf diese Erklärungen warten, zu schwer fiel ihm das Sprechen, immer wieder rang er nach Atem. Ihn ärgerte das dann sehr, seine Ungeduld und sein zunehmender Verfall stritten miteinander, kämpften einen Krieg. Sie hatte nur mit den Tränen zu kämpfen und schämte sich dessen, weil es doch sein Krieg war, den er tapfer Tag für Tag austrug und sie so schwach war, dass sie schon beim Mitleiden in die Knie ging.
Im letzten Jahr hatte es keinen lateinischen Spruch gegeben.
Sie waren ein gutes Team gewesen, der alte Mann und das Mädchen. Als er ins Altersheim gegangen war, hatte sie ihn zu Anfang sehr oft besucht. Sie hatte seine Art, damit umzugehen, dass er nicht mehr alles konnte, sehr bewundert.Manchmal hatte er gescherzt, wenn er früher nackt unter der Dusche gestanden habe, dann sei die Frau um ihn herum entweder auch nackt oder nicht dabei gewesen. Sie hatte gelacht und sich dabei auf die Unterlippe gebissen.
Irgendwann hatte er dann noch einmal angefangen zu rauchen. Das war die Zeit, in der er ihr jedesmal, wenn sie zu Besuch gekommen war 4 Päckchen Zigaretten schenkte, und dabei verschwörerisch zuzwinkerte. Die anderen hatten es ihm verbieten wollen, war es denn nicht genug, dass er aufgrund seiner vom Muskelschwund längst befallenen Lunge die Nächte an einem Sauerstoffgerät verbringen musste? Sie hatte es verstanden, spätestens in dem Moment, als sie mit ihm und einer noch viel älteren Frau am Mittagstisch saß. Die noch viel ältere Frau hatte alle Krebssorten, die man sich vorstellen kann auf einmal, und Magengeschwüre, blickte die Olive auf ihrer Gabel an und sagte ?darf ich bestimmt nicht? bevor sie sie mit einer Mischung aus verzweifelter Entschlossenheit und Genuss in den Mund steckte. Die Raucherei war aber nur eine Phase gewesen und danach war der alte Mann wieder militanter Nichtraucher geworden und hatte es ihr jedesmal abgewöhnen wollen.Früher sehr sparsam, hatte er im letzten Jahr angefangen einzukaufen. Berge von Büchern und Haushaltsgeräten, die er mit seinem Ferrari, wie er seinen motorisierten, 4-rädrigen Roller aufgrund eines Aufklebers nannte, in das schweinchenrosa gestrichene Gebäude des Altenheims kutschierte. Er hatte ein Käppi getragen und eine Sonnenbrille und pfeifend gesagt:?Ich muss ja nichts vererben?. Das gefiel ihr gut, obwohl sie eine Bitterkeit dahinter roch und wieder die verzweifelte Entschlossenheit mit der die noch ältere Frau die verbotene Olive gegessen hatte. Er war noch viel draussen gewesen, in Konzerte gegangen und darin eingeschlafen und traf sich abends mit verwitweten Damen an der Bar.
Einmal waren sie im Auto gefahren, das hatte er bis zuletzt getan. Er fuhr dann immer mit 60 über die Autobahn und beschimpfte in der Stadt jeden, dem er die Vorfahrt nahm.Sie hatte dann immer inbrünstig mitgeschimpft, sie waren sich ziemlich einig darin, dass er immer noch ein großartiger Autofahrer war. An jenem Tag war die Großmutter dabei, die sich an der Beifahrertür festhielt: ?nicht so schnell...?. Der alte Mann pfiff trotz Atemnot vor sich hin. Das Kassettendeck spielte ein Lied: ?und wenn es so weit ist, dann will ich bei dir sein, in deinen liebenden Armen...? die beiden Alten, für die dieses `so weit´ schon sehr nah war hatten über andere Dinge gesprochen und sie hatte auf dem Rücksitz geweint, bemüht es zu verbergen, aus dem Bewusstsein der beiden herauszuhalten wie nah es schon sein könnte. Ihre eigene Angst nicht noch den anderen aufzudrängen.
Gestorben ist er schließlich allein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.06.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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