Ingo Baumgartner

Die Aufschüttung

Ähnlich wie die Kirche auf Petrus, ist auch mein Haus auf Fels gebaut. Während Petrus aber sein Projekt auf vorzugsweise ebenen Flächen vorantreiben konnte, schmiegt sich mein Haus anmutig an einen Hang, oder nicht ganz so wohlmeinend ausgedrückt: Das ganze Gelände ist auffallend abfallend. Als gebürtiger Flachländer vermisste ich ein ebenes Fleckchen und schritt so zur Tat. Die Idee wurde geboren, als ich einmal nicht wusste, wohin ich etwas Bauschutt entsorgen sollte.

Ich leerte die Ziegeltrümmer einfach auf den dicht bewachsenen Hang und verstaute gleich auch den alten, löchrigen Eimer im hohen Unkraut. Zur besseren Tarnung bedeckte ich das Ganze mit Gras und Laub. Man sah fast nichts, weder von den Steinen noch von einer auch nur angedeuteten Veränderung des Hanges. Das stimmte nicht gerade zuversichtlich. Ich begann zu rechnen. Bei einem Kübel pro Tag, so sagte mir der Taschenrechner, würde ich in siebenundzwanzig Jahren Platz genug für einen Liegestuhl, ein nettes Tischchen und mehrere Sessel haben. Bei einem Kübel an jedem Tag, wohlgemerkt. Ich hatte weder Urlaubstage noch Schlechtwetterperioden eingerechnet.

Trotz dieser Unwägbarkeiten und Widrigkeiten schüttete ich unverdrossen weiter. Bald schon war der Substanz des Hauses nichts mehr zu entnehmen, denn die Mauern wollte ich unter allen Umständen stehen lassen. Nicht einberechnet hatte ich auch einen durchaus natürlichen Vorgang. Das Laubwerk, der Grasschnitt, die Biomasse also, hatte die unangenehme zu verrotten. Was übrig blieb, waren dann Schichten in Millimeterhöhe. Ich musste mich also zu effizienterem Vorgehen entschließen. So verschwanden im Laufe der Zeit zwölf Autoreifen (mit Felgen), eine Leder-Sitzgarnitur, mehrere Aktenkoffer, eine Klomuschel, zwei Paar Schi samt Stöcken, einige Dachträger, Schneeschaufeln und Mistkübel und viele andere Dinge des täglichen Gebrauchs in dem Haufen, der sich durch diese drastischen Maßnahmen tatsächlich merklich vergrößerte. Als dann vor einiger Zeit mein Mitsubishi den Geist aufgab, sah ich eine Möglichkeit für einen gewaltigen Sprung nach vorn. Im letzten Moment schreckte ich aus unerfindlichen Gründen dann doch zurück.

War die Sache bis zu diesem Zeitpunkt für den Betrachter eher unauffällig, bot sich nach dem Einbau aller Teile eines Kaninchengeheges (allerdings ohne Kaninchen) vor allem wegen des sperrigen Zaunes ein Bild von ins Auge springender Hässlichkeit.

Ab dem Tag meiner Pensionierung änderte sich aber alles sprunghaft. Ich mutierte zu einem Menschen ohne jegliche Skrupel und die Müllkippe, wie ich die Aufschüttung scherzhaft nannte, wuchs in Atem beraubenden Tempo. Einem Gemeindeweg neben meinem Haus entnahm ich nämlich so an die zwanzig Tonnen Material. Er bietet sich jetzt als anheimelnder Hohlweg dar. Auch der Wald im Osten des Hauses ist nicht mehr der, der er einmal war.

Im letzten Jahr kam ich gut und gerne auf eine tägliche Arbeitszeit von fünf Stunden. Da ich meistens schon vor Einbruch der Morgendämmerung mit dem Tagwerk begann, konnte ich um die Mittagszeit immer auf beachtliche Resultate blicken. Der Rest des Tages diente dann der Erholung.

So habe ich tatsächlich etwa dreißig Quadratmeter an redlich erarbeiteter ebener Fläche gewonnen. Allerdings – das Ganze sitzt etwa fünf Zentimeter die Woche. Bei einem wöchentlichen Nachschub von ungefähr einer Tonne kann ich aber das Niveau leidlich halten. An Beschäftigung wird also auch in der Rente nie Mangel herrschen.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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