Karl-Heinz Fricke

Manitoba-zweiter Teil - Thompson

Manitoba - Zweiter Teil - Thompson

In unserer heutigen, schnelllebigen Zeit kann es nicht ausbleiben, dass man zwangsläufig des Öfteren umziehen muss, um Arbeit und Brot zu haben. So ging es uns damals in Winnipeg im Jahre 1962. Ich hatte im Sommer 1961 freiwillig die Arbeitsstelle gewechselt und war zu einer der größten nordamerikanischen Transsportunternehmen umgestiegen, das in alle Richtungen des Kontinents Handelsgüter beförderte. Meine Aufgabe war es, die großen Anhänger zu beladen. Die Straßenordnung verfügt, dass die Ladungen eine gewisse Gewichtsgrenze nicht überschreiten dürfen, und das muss von den Stauern beachtet werden. Von den täglich etwa 50 Anhängern mussten nach Beendigung der regulären Arbeitszeit im Schnitt 10 Anhänger gewichtsmäßig korregiert werden, was als Überstunden bezahlt wurde. Immer gab es Leute, die nicht rechnen konnten, deren Ladungen fast regelmäßig zu schwer waren. Ich konnte rechnen, und war deshalb gut angesehen. Das half mir allerdings nichts, als im Oktober wegen traditionsmäßiger Arbeitsminderung Leute zwangsläufig entlassen wurden. Bei der zweiten Gruppe war auch ich dabei. Als Gewerkschaftsbetrieb ging es strikt nach zeitlicher Zugehörigkeit. Man entließ mich nur ungern und man bat mich verfügbar zu sein, wenn es wieder normal zuging. Das könne allerdings bis März, also fast ein halbes Jahr dauern. Man versicherte mir, ich würde dann nie wieder zeitweise entlassen werden. Alles gut uns schön, aber es brachte kein Brot auf den Frühstückstisch meiner Familie und stempeln gehen wollte ich nicht. Deshalb suchte ich nach einer anderen Arbeitsstelle, die ich auch fand. Ich begann systematisch die Zeitungsannoncen zu studieren, und nachdem wir zünftig Silvester gefeiert hatten, fand ich ein Inserat, dass Werkspolizisten für Thompson, Manitoba gesucht wurden.

Da ich nun einmal beim Zoll und bei der Flak uniformiert war, war ich gespannt was hinter dieser Anzeige steckte. Ich begab mich zu dem Büro der Privatfirma, die diesen Service für große Fabriken und Bergwerke anbot. Ich wurde in das Büro eines älteren Mannes gebeten, den sie den Chief nannten. Er musterte mich von Kopf bis Fuß und begann Fragen über meine Herkunft zu stellen. Als er hörte, dass ich ein deutscher Staatsbeamter gewesen war, sagte er, solche Leute suchen wir und seine nächste Frage war, wann ich den Dienst beginnen könne. Als ich sagte sofort, wurde ich gleich eingekleidet, unterschrieb einige Papiere, die besagten, dass die Uniform Eigentum der Kompanie sei, solange sie nicht abbezahlt ist. Ich war froh Beschäftigung gefunden zu haben, und sagte zu allem ja und amen. Als ich erfuhr, dass der Chief ein früherer Offizier der hochgeachteten Royal Canadian Mounted Police, kurz Mounties genannt, war, hatte ich gar keine Bedenken dieser Organisation beizutreten. Man erklärte mir dann, dass ich für die International Nickel Company in Thompson vorgesehen sei, und dass der tägliche Dienst 12 Stunden betrug, für die $1.49 pro Stunde gezahlt würde. Schnell reichte man mir ein weiteres Papier zur Unterschrift, dass ich mit den Bedingungen einverstanden sei. Unterkunft und Verpflegung würden kostenlos von International Nickel gestellt, und ich würde in einem Barackenlager unmittelbar neben dem Werk wohnen. Über den Dienst würde ich von dem Leiter des Postens, eines Sergeanten, genauestens unterrichtet. Damit wünschte man mir Glück und ich war entlassen.

Zu der Zeit gab es nur einen einzigen Transportweg, um das 800 Kilometer entfernte Thompson zu erreichen, obwohl es nur 450 Kilometer Luftlinie von Winnipeg entfernt ist. Die Bahnlinie führte um die beiden großen Manitoba Seen herum, was den großen Entfernungs Unterschied erklärt. Meine Frau und Kinder zurücklassend, befand ich mich am Morgen des 2. Januars 1962 im Zuge nach Thompson. Da Sumpfgebiete nördlich der Seen durchquert werden mussten, unter denen sich Permafrost befand, gab es des öfteren Entgleisungen, weil der Schienenstrang einfach absackte. Deshalb musste der Zug manchmal sehr langsam fahren, und wenn alles glatt ging, dauerte die Fahrt 24 Stunden. Je nördlicher die Fahrt ging, umso kälter wurde es. Besonders im Dezember, Januar und Februar ist die Tagestemperatur in der Region selten unter -35 Celsius. Oft lag sie bei 40 bis 50 Grad Kälte.

Am Nachmittag des zweiten Tages lief der Zug in Thompson ein. Es war erst 16 Uhr , aber bereits stockdunkel. Ein Kollege war erschienen, um mich in einem klapperigen Ford Truck abzuholen. Mit mir im Zuge waren etwa 30 Neuzugänge des Nickelwerkes, die der Kollege zu einem bereitstehenden Omnibus führen musste, der sie ins Lager brachte. Dann waren auch wir auf einer Straße voller Schlaglöcher auf der Fahrt zum drei Kilometer entfernten Werk und Lager. John, der Kollege erzählte mir, dass unsere Dienst- Schichten jeweils von 7 bis 19 Uhr, und von 19 Uhr bis 7 Uhr angesetzt seien, und dass mehr als zwei Drittel der Constabler, wie man uns nannte, im Nachtdienst die Baracken ständig kontrollieren und zwei pförtnerähnliche Buden mit je zwei Mann zwecks Kontrollen besetzen müssen. Eine dieser Buden befand sich an der Zufahrtsstraße zum Werk, die andere am Werkseingang. Als er mir das alles erzählt hatte, waren wir auch schon da. John machte mich mit dem Sergeant Fred, einem Corporal Kenneth und zwei Kollegen bekannt. Ich empfing Bettwäsche und wurde zu einer der Baracken geführt. In dem nicht sehr geräumigen Zimmer waren zwei Betten. In einem lag mein Zimmergenosse George Barber, der einen Tag vorher eingetroffen war. Wie ich später erfuhr, wurde er von der Winnipegger Stadtpolizei wegen wiederholter Trunkenheit im Dienst entlassen. Um 19 Uhr begann er seine erste Schicht, während meine am nächsten Tage um 19 Uhr beginnen sollte. Da ich sehr hungrig war, begab ich mich zu einem der zwei großen Esssäle und aß etwas Gebäck. Um 18 Uhr ging ich dann nochmals, um das Abendessen zu empfangen. Es wurde daran nicht gespart. Man konnte von drei Hauptgerichten wählen. Fleisch und Fisch gab es regelmäßig. Das Essen war wirklich von bester Qualität und man konnte essen, soviel hineinging. Das wirkte sich bei mir im Laufe der nächsten Wochen sehr nachteilig aus, ich begann ständig zuzunehmen.

In den nächsten Tagen erfuhr ich näheres über die Geschichte des Werkes. Seit dem Jahre 1956 ist im Norden der Provinz, nördlich des 55. Breitengrades der Ort Thompson entstanden, weil die ganze Region große Nickelerze aufwies. Die größte Bergwerksgesellschaft der Welt International Nickel hatte die Schürfrechte erworben. Man ging dann auch gleich ans Werk die benötigten Infrastrukturen von großen Baufirmen bauen zu lassen, sodass das geförderte Erz nicht nur verhüttet, sondern als fertiges Rohprodukt per Bahn versandt werden konnte. Die Über- und Untertagebelegschaft betrug etwa 3000 Arbeiter, Handwerker und Angestellte.

Thompson selbst, drei Kilometer vom Werk entfernt, wies nur einige Straßen mit Familienhäusern für die höheren Bergbeamten auf. Außerdem gab es eine Post, ein Hotel, ein Kino, ein Krankenhaus, ein Einkaufszenter und mehrere Geschäfte.

 

Die Mehrzahl der Menschen lebte zu der Zeit noch im Lager, für die nur das Kino und die große Bierhalle von Interesse waren. Das Lager bestand aus 24 großen Holzbaracken und jedes dieser Gebäude beherbergte 100 Belegschaftsmitglieder. Außerdem gab es weitere Unterkünfte in 200 winterfesten Zelten, die auch in der größten Kälte mit je vier Mann bewohnt waren. Drinnen befand sich ein Holzofen. Trotzdem blieb es nicht aus, dass einige dieser Zelte abbrannten, ohne dass jemand zu körperlichem Schaden kam. Weiterhin gab es im Lager ein großes Geschäft der Hudson Bay Company, in dem die Lagerinsassen alles kaufen konnten, was man so brauchte. Ein Gesellschaftsraum war ebenfalls vorhanden, wo an Tischen, wie im Wilden Westen, gepokert wurde. Es ging dort nicht immer friedlich zu. Die Lagerleitung befand sich in den Händen einer Gesellschaft, deren Dienste in Verpflegung und Unterkunft bestanden. Unsere Dienststelle war eine kleine Baracke mit drei Zimmern, eines davon war eine Gefängnis zelle und wir hatten die Zuständigkeit notfalls Lagerinsassen bei schweren Vergehen vorläufig festzunehmen, um sie der Polizei zuzuführen. Im Ort befand sich eine Polizeiwache mit vier Mounties, mit denen wir eng zusammen arbeiteten. Über die Arbeiter ist noch zu sagen, dass die etwa 2800 Lohnempfänger aus zwei Gruppen bestand: Europäer, hauptsächlich aus Griechenland und Portugal, und Kanadier, die im Süden keine Arbeit bekommen konnten, weil sie nichts gelernt hatten, oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Darunter befanden sich auch Alkoholiker, die, wenn betrunken, immer für Aufregung sorgten. Jeden Tag wurden im Durchschnitt 10 Diebstähle gemeldet, die wir aufzuklären versuchten, aber wenig Erfolg damit hatten. Alkohol war zwar im Lager nicht erlaubt, aber es wurden immer Wege gefunden, die verschiedenen Spirituosen ins Lager zu schmuggeln. Während also die Kanadier immer für Aufregung sorgten, gingen die Europäer fleißig ihrer Arbeit nach und sandten ihr verdientes Geld ihren Angehörigen in Europa. Sie waren sehr bescheiden, Verpflegung und Unterkunft waren frei, und im Anfang konnten sie viele freiwillige Überstunden arbeiten. Natürlich litten sie sehr unter den Kanadiern, besonders dann, wenn sie zusammen in einem Zimmer leben mussten.

Unsere Aufgabe war es, im Lager für Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu sorgen mit dem besonderen Augenmerk auf Feuer zu achten, denn diese Baracken brannten wie Zunder, wie es einmal bereits vor meiner Ankunft geschah. Betrunkene rauchten oft in ihren Betten, schliefen ein und setzten die Matratze in Brand. Das war automatisch ein Grund, den Mann sofort des Lagers zu verweisen, was gleichbedeutend mit dem Verlust der Arbeitsstelle war, weil im Ort Thompson keine Unterkünfte vorhanden waren. Die Lagerinsassen arbeiteten in drei Schichten und nach Mitternacht war keine Ruhestörung erlaubt. Zuwiderhandlungen oder gar Angriffe und Bedrohungen uns gegenüber wurden mit Ausweisung bestraft. Es wäre sonst unmöglich irgendeine Ordnung aufrecht zu erhalten.

Etwas möchte ich noch über das Kaliber meiner Kollegen sagen. Es waren zum Teil ehemalige Polizisten, die aus verschiedenen Gründen fristlos entlassen wurden. Andere waren Rauhbeine, und sogar zwei Sadisten waren darunter. Nur etwa ein Drittel der 18 Kollegen konnte man als gute Leute bezeichnen. Besonders auf zwei der Kollegen komme ich noch im nächsten Teil zu sprechen, in dem ich meinen Dienst an allen Arbeitspunkten und das Ende des Lagers beschreiben werde.

Es werden voraussichtlich noch 2 oder 3 Teile dieser Geschichte folgen, die 17 Jahre unseres Lebens und unsere Abenteuer in Thompson beschreiben.

Karl-Heinz Fricke 29.06.2006

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