Sandra Lenz

Brennende Tränen - Teil IV

Sue hatte ein wenig geschlafen, als sie plötzlich durch irgendetwas geweckt wurde. Sie konnte den Grund dafür nicht feststellen. Nichts war passiert und sie hörte auch keine verdächtigen Geräusche. Sie richtete sich auf, doch auch im Zimmer konnte sie nichts außergewöhnliches feststellen. Erleichtert atmete sie auf. Doch irgendetwas hatte sie geweckt, ein inneres Gefühl der Unruhe vielleicht. Sie wusste es nicht, jedenfalls war sie nun hellwach und an Schlaf war vorerst nicht zu denken. Sie versuchte erneut einzuschlafen, doch sie wälzte sich nur unruhig hin und her. Resigniert gab sie auf und schlüpfte aus dem Bett. Nervös lief sie in ihrem Zimmer auf und ab. Michael hatte sein Zigaretten auf dem Tisch liegen lassen. Vielleicht würde sie das ein wenig beruhigen, also zündete sie sich eine davon an. Aber auch das half nicht. Sie trat ans Fenster und starrte in die Dunkelheit. Nach einer Weile konnte sie es nicht mehr in ihrem Zimmer aushalten und sie ging leise nach unten. Von den anderen sah und hörte sie nichts. Wo konnten sie bloß sein? Aber sie fand keine Antwort darauf. Sie entschied sich noch einmal in die Bibliothek zu gehen. Zielsicher fand sie das Buch wieder, in dem sie heute Abend geblättert hatte. Sie schlug die Seite auf, auf der der Fremde aus ihrem Traum abgebildet war und betrachtete ihn nochmals genauer. Er hatte ebenmäßige Gesichtszüge und in seinem Blick lag etwas Trauriges. Gekleidet war er in einen langen schwarzen Mantel und um seinen Hals baumelte eine silberne Kette. Den Anhänger konnte sie nicht genau erkennen, dafür war die Abbildung zu klein. Sie spürte eine Verbundenheit mit diesem Mann, die sie sich selbst nicht erklären konnte. Es war fast so, als ob sie ihn kennen würde. Als hätte sie ihn lange Zeit gekannt und dann etwas schlimmes passiert war. Ihre Gefühle waren wirr und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Grübelnd trat sie an die Verandatür und schob den schwarzen Vorhang zur Seite. Draußen im Garten spiegelte sich die Oberfläche eines kleinen Sees wieder und der Mond hing wolkenverhangen am Firmament. Sie zog den Gürtel ihres Morgenmantels enger um ihre Taille und trat hinaus auf die Terrasse. Der Wind fegte eisig über das Land und einzelne Blätter vollführten ihren Tanz in der Luft. Sue ging näher an den See heran und blickte in das schwarze Wasser. Sie spürte kaum die Kälte auf ihrer Haut, denn ihre Gedanken waren weit weg von diesem Ort.
Auch Tom war noch immer nervös in seinem Zimmer auf und ab gegangen, als er dann Sue unten am See stehen gesehen hatte. Ihre langen Haare wehten im Wind und sie starrte auf die Wasseroberfläche. Ihr schwarzes Gewand wurde von der Luft aufgebläht und ihre Haut schimmerte weiß. Er konnte es nicht mehr aushalten und machte sich auf den Weg zu ihr nach unten. Sue stand noch immer gedankenverloren am See, als sie plötzlich ein zweites Gesicht im Wasser auftauchen sah. Erschrocken drehte sie sich um und hätte dabei beinahe das Gleichgewicht verloren und wäre ins eisige Nass gestürzt. Doch die andere Person zog sie rechtzeitig zurück und hielt sie fest in seinen Armen. Einen Moment lang lag sie an seine Brust gestützt und sog den Duft seiner Haut in sich ein. Dann besann sie sich und schreckte ein Stück zurück. Sie blickte geradewegs in das Gesicht des Fremden aus ihrem Traum. Seine Augen waren auf sie gerichtet und fixierten sie eindringlich. In seinen Augen lag eine unbeschreibliche Macht und Stärke, die Sue daran hinderten auch nur für einen kurzen Moment wegzuschauen. Ihr Blick war auf diesen Mann geheftet und sie konnte nicht logisch denken. Ihr Puls spielte verrückt und ihr wurde heiß. Schwindel setzte ein und alles um sie herum fing an zu kreisen, bevor sie in dunkle Nebel abtauchte und ohnmächtig wurde.

Sue erlangte langsam das Bewusstsein wieder und konnte sich im ersten Moment nicht mehr an das erinnern, das passiert war. Ihre Lider flatterten und nur langsam nahm sie ihre Umgebung war. Sie lag im Wohnzimmer auf der Couch und Tom beugte sich über sie. Sein Gesicht sah sorgenvoll aus, doch als er sah das sie langsam wieder zu sich kam, entspannten sich sein Gesichtszüge. "Sue ..." Seine Stimme war ein leises Flüstern in ihren Ohren. Allein der Klang seiner Stimme lösten in ihr wilde Gefühle aus und ein Schauer lief über ihren Rücken. Sekundenlang schauten sie sich nur stumm in die Augen und es entstand eine unausgesprochene Verbundenheit zwischen ihnen, die den Beiden selbst in diesem Moment noch gar nicht so bewusst war. "Sue ... ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht." Tom strich sanft über ihre Wange. Sue setzte sich langsam auf und starrte ihn völlig fassungslos an. Sie konnte es noch immer nicht begreifen, dass sie jetzt vor dem Mann aus ihrem Traum saß und der in dem Buch abgebildet gewesen war. Sie hatte dort gelesen, dass er vor vielen Jahren gelebt hatte, doch hier vor ihr saß ein junger gutaussehender Mann. Wie konnte das sein? Er musste doch schon längst tot sein. Sprach hier ein Gespenst mit ihr? "Ich ... das kann doch nicht wahr sein ... ich" stammelte Sue vor sich hin und schüttelte den Kopf. Tom legte ihr einen Finger auf die Lippen. "Pssst ... ruhig. Ich werde dir alles erklären."
Tom stand auf und lief zum Fenster hinüber. Er zündete sich eine Zigarette an und schaute minutenlang hinaus in die Ferne. Er wusste nicht, wie er Sue das alles am besten erklären konnte, ohne das sie ihn für verrückt erklären würde und vor Angst das Haus fluchtartig verließ. Leise klopfte es an die Tür und Michael trat ein. Er sah Tom am Fenster stehen und Sue mit blassem Gesicht auf der Couch hocken. "Wie ich sehe, habt ihr euch bereits bekannt gemacht?" Michael nahm neben ihr Platz und griff nach ihrer eiskalten Hand. "Michael ... nein ... ich ... ich weiß nicht so recht, was passiert ist. Ich stand draußen am See und dann wäre ich fast gestürzt und dann ... ich bin hier aufgewacht und er war hier." Sie deutete in die Richtung von Tom. "Er ist der Mann aus dem Buch ... und ... er ist doch schon lange tot, oder etwa nicht?" Sue zweifelte langsam an ihrem Verstand. Michael tauschte einen intensiven Blick mit Tom aus, der noch immer ratlos am Fenster stand und rauchte. "Gut Sue, ich werde dir die ganze Geschichte erzählen. Anschließend wirst du hoffentlich alles besser verstehen können." Während Michael begann zu erzählen, blieb Tom regungslos am Fenster stehen und starrte weiterhin in die Dunkelheit. Jetzt würde alles von Sue abhängen und davon, wie viel sie bereits für ihn empfinden würde.
Michael begann zu erzählen. "Vor vielen Jahren haben wir alle glücklich und zufrieden in diesem Haus gelebt. Mit wir meine ich John, Paul, Georg, Tom und mich selbst. Wir waren schon immer gute Freunde gewesen und haben oft gemeinsam musiziert. Es war unser Hobby und oft konnten wir anderen Menschen damit Freude bereiten. Dieses Haus hier war uns immer ein Heim gewesen, in das wir uns in weniger glücklichen Zeiten verkriechen konnten. Eines Tages lernte Tom ein schönes hübsches Mädchen kennen, mit Namen Samantha. Sie war so lieblich und rein, ein freundliches Wesen, was wir alle sehr gern hatten. Doch Tom und Samantha verliebten sich ineinander. Ihre Liebe war etwas besonderes und sie wollten für immer zusammen sein und glücklich werden. Dann eines Tages kam ein schlechter Mann hier in die Gegend. Sein Name war Graf Marcus von Manson. Ein widerlicher Kerl mit schlechtem Benehmen, zudem hässlich wie eine Schleiereule. Irgendwann traf er auf Samantha. Ihr Liebreiz faszinierte ihn und er wollte sie besitzen. Egal was es kosten sollte. Doch Samantha erwiderte seine Gefühle nicht. Ganz im Gegenteil, sie hasste diesen Mann der ihr ständig hinterher stellte und sie belästigte. Als dieser Graf Marcus von Manson begriff, dass Samantha niemals freiwillig Tom verlassen würde um mit ihm zu kommen, beschloss er seine abscheuliche Tat. Er belegte uns alle fünf mit einem teuflischen Fluch. Er verfluchte uns zur ewigen Verdammtheit. Wir sollten Geschöpfe der Nacht werden. Seitdem leben wir immer nur nachts bzw. wenn es dunkel draußen ist. Tagsüber verschwinden wir einfach, als ob es uns nicht geben würde. Und wir sind ständig an dieses Haus hier gebunden. Wir können es zwar verlassen, aber wir können nicht weit weg gehen. Für uns gibt es also kein Entkommen. Samantha hat er damals umbringen lassen. Er dachte sich, wenn er sie schon nicht besitzen konnte, dann sollte sie auch kein anderer mehr besitzen können." Michael machte eine kurze Pause und sah in das Gesicht von Sue. Diese war von der ganzen Geschichte tief bewegt und Tränen standen in ihren Augen. Sie konnte das ganze Leid nachvollziehen, das sie alle hatten die ganzen Jahre über ertragen müssen.
"Seitdem leben wir hier einsam und allein und warten auf den Tag, an dem unsere Erlösung kommt." Sue blickte Michael an. "Es gibt also noch Hoffnung für euch alle erlöst zu werden?" Michael nickte. "Ja, die gibt es. Irgendwann wird eine Person kommen und sie wird uns retten können. Aber diese Person muss allein herausfinden, wie sie das anstellen muss." Tom schaute Michael ernst an und blickte dann hinüber zu Sue. Diese saß wie ein Häufchen Elend auf der Couch und rang nach Fassung. Das alles war doch recht viel für sie gewesen. Michael drängte Tom plötzlich nach Draußen zu gehen. Es wurde Zeit für die Beiden, denn bald würde es hell werden und sie würden wieder verschwinden. Sich einfach in Luft auflösen und nicht existieren, bis der Abend wieder hereinbrechen würde. Tom trat näher zu Sue und lächelte sie an. "Sue, bitte habe keine Angst vor uns und vertraue uns. Du würdest uns damit sehr helfen." Er schaute sie noch immer an und Sue wurde es unter seinen Blicken heiß und kalt. Sie nickte stumm, nicht fähig ein weiteres Wort zu sagen. Michael und Tom verließen den Raum, um Sue allein zu lassen. Allein mit ihren Gedanken und den Gefühlen, die sie noch immer nicht erklären konnte. Kurz darauf ging am Horizont die Sonne auf und der neue Tag begann. Nichts konnte Sue mehr auf der Couch halten. Wie ein wildes Tier lief sie durch das Haus. Keinen klaren Gedanken konnte sie fassen. Ständig musste sie an die Geschichte denken, die Michael ihr erzählt hatte. An den furchtbaren Fluch, der sie alle hier an das Haus fesselte und an die tragische Liebe zwischen Tom und Samantha. Die hübsche Frau auf dem Gemälde musste demnach Samantha sein. Aber Sue sah ihr doch zum Verwechseln ähnlich. Sollte etwa sie die Person sein, die alle Fünf hier erlösen konnte? Aber wie sollte sie es dann anstellen? Sie musste es unbedingt herausfinden und ging erneut in die Bibliothek. Vielleicht konnte sie ja hier einen Hinweis darauf finden. Doch so sehr sie sich auch anstrengte und sämtliche Bücher durchstöberte, sie konnte keinen brauchbaren Hinweis finden. Vielleicht sollte sie noch einmal sämtliche Räume absuchen. Eventuell konnte sie hier mehr finden. Ein Raum fesselte sie besonders stark. Sie hatte ihn vorher noch nie betreten, doch er zog sie förmlich an. Schüchtern trat sie ein und schaute sich um. Der Raum war geschmackvoll eingerichtet und ebenfalls in dunklen Farben gehalten. Das große Bett war mit schwarzer Satinbettwäsche bezogen und überall standen Kerzen verteilt. Sue wurde neugierig und schaute sich intensiver um. Ein Duft lag in der Luft, der ihr bekannt vorkam, den sie jedoch nicht zuordnen konnte. An der Wand stand ein kleiner Tisch mit verschiedenen Utensilien, unter anderem hing ein schwarzer Rosenkranz an einem silbernen Kerzenleuchter und ein anderer silberner Anhänger lag auf der Platte. Es zeigte ein Herz, das mit einem Dreieck verschlungen war. Vorsichtig nahm Sue es in die Hand und betrachtete es. Es war der Anhänger, den Tom in dem Buch getragen hatte. Sie erinnerte sich genau daran und drückte ihn gegen ihre Brust. Sie atmete tief ein und dachte an Tom. Dieser Mann hatte sie fasziniert und verhext. Seit sie von ihm geträumt hatte, schwirrte er ständig in ihren Gedanken herum. Jedes Mal schlug ihr Herz bis zum Hals und als er sie draußen am See in seinen Armen gehalten hatte, war es vollkommen um sie geschehen. Jetzt wusste sie es auch, der Duft hier im Zimmer stammte von ihm. Sie hatte ihn intensiv gerochen, als sie an seine Brust gelehnt hatte. Er betörte ihre Sinne und Sue konnte nicht anders, als sich in sein Bett zu legen. Irgendetwas zwang sie dazu. Waren es unbekannte Mächte oder einfach nur das Bedürfnis nach Schlaf? Schließlich hatte sie die halbe Nacht und den ganzen Morgen noch nicht geschlafen. In seinem Bett fühlte sie sich geborgen und es war fast so, als ob seine Finger sie liebkosen würden. Mit dem Anhänger in der Hand schlief Sue schließlich tief und fest ein und entschwand in eine andere Welt. Sie träumte von ihm und er rief immer wieder ihren Namen. Seine Augen blickten sie hilfesuchend an und er griff nach ihrer Hand. Doch immer wenn Sue seine Hand fassen wollte, wurden sie von einer unbekannten Macht getrennt. Ihr Schlaf war unruhig und sie wälzte sich hin und her. Als sie erwachte, war es draußen bereits dunkel. Ihr Herz fing wie wild an zu pochen und auf ihrer Stirn standen Schweißperlen. Der Traum hatte sie mitgenommen und sie musste einen Moment lang tief durchatmen, um sich ein wenig zu beruhigen. Wie spät mochte es wohl sein?
Sue stand auf und machte sich auf den Weg zu ihm. Sie musste ihn unbedingt sehen. Hoffentlich würde sie ihn finden können.



Fortsetzung folgt ...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.07.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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