Mandy Gesick

Ein alter Mann und sein Koffer

Ein alter Mann und sein Koffer
 
Ein alter Mann sitzt am Bahnhof, sein Blick gefasst, die Hände unruhig, auf dem Schoß gefaltet, gezeichnet von Falten und harter Arbeit. Neben ihm ein alter Koffer, abgeschabt, nur an wenigen Stellen erkennbar, einstmals glänzend braun. Das herannahende Dröhnen des Zuges lässt den Mann kurz zusammenzucken und dann stiehlt sich eine einsame Träne aus seinen Augen……..
 
Einst war er jung und ungestüm, voller Hoffnung saß er damals am selben Bahnhof, einen alten Koffer im Schlepptau. Er hat all sein Hab und Gut darin verstaut, auf seine Reise in die Zukunft. Er trug die Kleider des Vergessens darin, bunt gestreifte Hosen des Erwünschten, Hemden des Alleinseins, eine Schachtel voller Schuld, Dosen mit Verstecktem und Erlebten, gestreiftes Verletzsein, einen großen Schal von Entschwundenen. Als der Zug einfuhr, musste er sich durch viele Menschen kämpfen, sie zogen und schoben, stießen und rangen, aber er schaffte es und als er endlich im Zug saß, glücklich, weil er den Fahrtwind in seinem Gesicht spürte, merkte er, das er seinen Koffer in dem Gedränge verloren hatte. Ein ungutes Gefühl überkam ihn und doch war er geblendet, von der Schönheit, die ihn umgab. Dies musste die Zukunft sein, strahlend schön, glänzend, voller Dinge, die er in seinem Koffer nicht hatte. Er überlegte nicht lange, schnappte sich ein bezauberndes Tuch aus Zukunft und Glück, versteckte es und sprang aus dem Zug. Seine Füße liefen so schnell sie ihn nur tragen konnten, zurück, zurück zu seinem Koffer.
Natürlich stand er noch an seinem Platz, die Schnallen vom vielen Gebrauch alt und rostig. Er öffnete ihn und legte das Tuch hinein und dann saß er da und wartete auf den nächsten Zug. Das Dröhnen erklang und doch, wollte er noch einmal das schöne Tuch betrachten, von dem er nicht wusste, dass es sich auflösen würde, wenn man es versucht in die Vergangenheit zu bringen. Hastig öffnet er den Koffer und wühlt darin herum, Schweiß steht ihm auf der Stirn, aber er kann es nicht finden, nichts nimmt mehr von ihm Besitz, nur der Wunsch, das Tuch würde unter den anderen Dingen irgendwo verborgen sein. Er merkt nicht, das die Zeit vergeht, das ein Zug nach dem Anderen, den Bahnhof verlässt,  der Wind an seinen Haaren zerrt, der Pfiff in seinen Ohren Einlas wünscht. Er merkt nicht, dass seine Hände und seine Augen, selbst seine Gedanken immer älter werden.
 
Heute öffnet er seinen alten Koffer und in ihm verborgen befindet sich eine kleine Tasche, in ihr ein Gewand , gemacht aus all den Dingen , die er einst im großen Koffer trug, die er braucht , um zu wissen, wer er ist,  ohne die ewige Last zu tragen.
Der Zug fährt ein und mit entschlossenem Gesicht, steigt er ein, den Blick nach vorne gerichtet.
Am Bahnhof steht ein alter Koffer, abgeschabt, nur an wenigen Stellen erkennbar, einstmals glänzend braun.
©wieso 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.07.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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