Als ich aufwache, ist es fast Nachmittag. Draußen ist es diesig, die Wolken lassen kein bisschen Sonne durch, und verbreiten ein tristes Grau. An das Gurren der Tauben auf meinem Balkon habe ich mich längst gewöhnt, es stört mich nicht mehr. Carlos dagegen scheint es gestört zu haben, denn er ist längst gegangen. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, wann. Er ist weg. Ohne Abschiedskuss, ohne Kaffee. Einfach so. Wie alle in den letzten Monaten, die ich für wertvoll genug hielt, mit zu mir zu kommen - oder für geil genug. Die meisten anderen sind gerade gut genug, meine aufgestaute Lust zu befriedigen. Ich meine, wofür gibt es schließlich Darkrooms? Im PIT - das ist meine Lieblingskneipe - gibt es ein ganzes Stockwerk davon. Jeder, der die Szene in meiner Stadt kennt, weiß, wo ich wohne. Wenn ich noch das „Daniels“ erwähne, eine Stricherkneipe, in der ich mich auch ganz gerne zeige, dann dürfte jedem klar sein, dass Hamburg gemeint ist.
Und in den letzten Monaten ist wirklich alles schief gegangen, was schief gehen konnte. Damit, dass ich meinen Job verliere, habe ich von Anfang an gerechnet. Ist ja auch kein Wunder, so oft, wie ich krank war. Meine Projekte waren mir wichtiger - und nun brechen sie mir den Hals. Ich sag nur Hartz IV. Und als Haupterwerbs-Callboy kann ich auch nicht auf Dauer leben. Tagsüber die Randgruppen der schwulen Gesellschaft im Bett, und abends dann die Typen, die mir wirklich gefallen. Aber für länger als ein, zwei Nummern bleibt auch keiner bei mir. Resignation pur.
Früher war das anders. Früher hatte ich Freunde, auf die konnte ich zählen. Aber diese Zeit ist längst vorbei, auch wenn ich mir das Gegenteil einrede. Ja, sicher habe ich Freunde. Menschen, die gerne die coole Szeneschlampe sehen, der man auf der Toilette mal schnell irgendetwas einführen kann und die gerne alles mitmacht. Menschen, die sich mit der „Freundschaft“ zu einem Callboy schmücken. Menschen, die gerne mit mir spielen. Und es hat eine Weile ne ganze Menge Spaß gemacht, dieses Spiel mitzuspielen. Irgendwann bin ich aufgewacht, habe meine Augen geöffnet. Gesehen, wie diese Welt funktioniert. Gefühlt, wie weh es tut, wenn man Spielball ist. Beschlossen, vom Mensch zum Arschloch zu mutieren, um ausnahmsweise einmal auf der anderen Seite der Macht zu stehen, und festgestellt, dass sich dieses Gefühl geil anfühlt. In Momenten wie diesen blicke ich in meinen Spiegel und frage mich, ob ich wirklich auf dem richtigen Weg bin. Und ob es überhaupt noch mein Weg ist, oder nur der, den man mir aufoktriniert hat? Den ich für meinen Weg gehalten habe, als ich diesen verließ?
Arnold ist an allem schuld. Ich habe Arnold durch Zufall kennen gelernt. Ein Typ, viel zu jung für mich. Und viel zu hart. Aber ich habe ihm in die Augen gesehen und gewusst, dass ich diese Augen schon einmal irgendwo gesehen habe. Nicht hier, nicht in diesem Leben. Aber irgendwo. Und sie waren mir sehr nahe. Also habe ich mich in ihnen verloren. Zugelassen, dass ich in und mit ihnen träume. Doch es war die falsche Entscheidung. Ich habe ihm ein Stück von mir hingehalten, doch er hat mir ins Gesicht gelächelt und dieses Stück zurückgewiesen. Und meine Welt brach zusammen.
Später, als ich aufgewacht bin, habe ich mir meine Welt wieder zusammengebaut. Hier ein Stück hinzugefügt, dort ein bisschen zusammen gesponnen und am Ende ein Stückchen zurechtgebogen, aber auf die Wahrheit kommt es gar nicht so sehr an. Nur darauf, dass es sich gut anfühlt. Wenn mich sowieso andere benutzen und mit mir machen, was sie wollen, dann sollen sie wenigstens dafür bezahlen. Dann tut es nicht so weh. Weil dann habe ich ja etwas dafür bekommen, dass sie mich benutzen. So kam ich zum Anschaffen. Ich rede mir selbst ein, dass ich diesen Job nur mache, wenn ich Lust dazu habe. In Wirklichkeit mache ich ihn nur, wenn es mir zu gut geht. Damit ich nie vergesse, dass ich es eigentlich nicht verdient habe, dass es mir gut geht. Ich muss leiden. Ich muss immer noch fühlen, dass ich da bin.
Irgendwo da, tief drinnen bin ich. Ein kleines Stückchen von mir muss da noch sein. Das ist nämlich genau das kleine Stückchen in mir, was immer aufschreit, wenn ich mir selbst wehtue, und das ich dann belügen muss, wenn ich mich schlecht fühle, dem ich dann erzählen muss, dass andere schuld daran sind. Ich bin nie schuld. Ich bin das kleine unschuldige weiße Lämmchen. Die bösen Wölfe sind die anderen.
Arnold wollte mich nicht. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht wollte er mich auch noch nicht. Aber damit es mir nicht so wehtut, und vor allem, damit ich nicht so leiden muss, während ich darauf warte, dass er es sich anders überlegt, habe ich ihm einfach erzählt, es gäbe noch ein Leben nach ihm. Und ich würde mich eigentlich nicht mehr mit ihm unterhalten wollen. Natürlich habe ich gelogen. Aber damit weiß ich, dass es vorbei ist. Es ist vorbei. Es besteht keine Hoffnung mehr, dass ich jemals wieder mit ihm zu tun habe. Und damit ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemals wieder abstürze, verschwindend gering geworden. Es sei denn, ich treffe ihn zufälligerweise. Dann garantiere ich für nichts.
Seitdem habe ich ziemlich viele Dummheiten gemacht. Ich habe mich ausgetobt, sexuell meine ich, und mich in meiner eigenen neuen Welt ziemlich gut eingerichtet. Damit ich den Bezug zur Realität behalte, habe ich mir sogar eine eigene Identität zugelegt. Extra für mein Doppelleben. Mit einem wundervollen Pseudonym. Es ist eine Mischung aus den Eigenschaften, die ich besonders gerne auf mich vereinen würde. Ich wäre gerne „wild“. „Wild“ assoziiert man mit hemmungslos, schmutzig, verrucht. Alles Eigenschaften, auf die Männer abfahren, wenn sie Sex wollen. Junge Körper, die wilden Dampfhammersex machen. Klischees. Aber genau das, was ich meinen Kunden biete. Zeitgleich bin ich „edel“. Etwas besonderes, das man sich gerne leistet. Keinesfalls zu vergleichen mit diesem Pack, das die Preise und das Image der Branche kaputt macht. Ich bin ein Engel. Tausend Mal besser als all diese. Und unterbewusst strahle ich das aus.
Nur Carlos hat das heute Morgen nicht verstanden. Er hat sich ausgetobt und ist gegangen, hat die Tür zu meiner kleinen Wohnung hinter sich zugezogen. Wenigstens hat er ein Kondom benutzt. Und er war ordentlich genug, es in die Küche zu tragen. Als ich aufstehe, um die Kaffeemaschine in Gang zu setzen, finde ich es auf der Spüle. Wenigstens gibt es Kaffee. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich Champagner getrunken habe. Die letzte Flasche steht noch ungeöffnet auf meinem Küchenschrank. Oder in denen ich das Frühstück ans Bett bekam. Aber darüber nachzudenken bringt nichts. Diese Leute haben in meinem Leben nichts verloren. Wer sich zu schnell zu wichtig nimmt, gehört nicht dorthin. Sie haben sich die Freundschaft selbst versaut. Außerdem brauche ich keine richtigen Freunde. Ich brauche Leute um mich, die mir sagen, wie toll ich bin. Kritik nehme ich sowieso keine entgegen. Die leeren Hüllen, die sich als meine Freunde bezeichnen, und die nach meiner Aufmerksamkeit lechzen, kritisieren mich nicht. Die finden mich so toll, wie ich bin.
Als ich meine Welt neu baute, hatte ich gerade eine Affäre mit einem Typen begonnen. Sein Name ist hier unwichtig. Ich weiß ihn sowieso nicht mehr. Einer von vielen, was soll’s? Sein herausragendes Merkmal war sein toller Körper. Sonst sah er nicht besonders toll aus, aber er hatte einen großen Schwanz und er war nur aktiv. Und er konnte mit diesem Ding verdammt gut umgehen. Also nahm ich ihn mit zu mir und ließ zu, dass er mich vögelte. Das machte er so auch ganz gut. Irgendwann schleppte er dann diesen Typen an und wir machten einen Dreier. Beide aktiv, ich nur passiv. Der andere war so gut bestückt, dass wir keine passenden Gummis hatten. Also hatte ich eben Sex ohne Gummi. War ja nicht das erste Mal. Dann ging der andere Typ, und alles war gut.
Ein paar Tage später sah ich dann, wie einer meiner Freunde mit ihm nach Hause ging. War mir egal, ich hatte ihn ja schon, und daher war es langweilig. Es kamen immer neue, und ich bekam sie auch alle. Die einen ins Bett, für die meisten hat es nicht einmal bis dorthin gereicht, denn es gab immer irgendwo eine Toilette, einen Darkroom oder einen Billardtisch, auf dem gerade keiner spielte.
Monate später erfuhr ich durch Zufall, dass der andere Typ, den mein damaliger Ab-und-an-Lover mitgeschleppt hatte, gestorben war. An AIDS, Endstadium. Ich kriegte die Panik, volles Rohr. Schließlich hatte der andere in mir abgespritzt. Ich sah mich schon im Krankenhaus, überall Schläuche, meine Eltern weinend neben mir - by the way, das erste Mal, dass meine Eltern um mich oder wegen mir weinen würden -, mein Gesicht eingefallen und mein Leben vorüber. Natürlich ging ich am nächsten Tag sofort zu meinem Arzt und ließ einen HIV-Test machen. Dann versuchte ich, den Freund von mir zu erreichen, der ein paar Tage später mit dem Verstorbenen mitgegangen war. Erfolglos. Ich versuchte es immer wieder, aber scheinbar war die Handynummer falsch. Oder er hatte ne neue.
Keiner, den ich anrief, kannte ihn oder seine neue Nummer. Derweil wartete ich aufs Testergebnis. Morgens ging ich wie ein Toter zur Arbeit, erledigte mechanisch alle mir aufgetragenen Aufgaben, abends kam ich nach Hause, legte mich ins Bett und wartete auf den Tod. Dann schlief ich ein, wachte morgens wieder auf, ging zur Arbeit, legte mich wieder ins Bett und wartete. Irgendetwas musste doch passieren. Ich redete mir ein, in mir bereits die Zellen zu spüren, die meine gesunden Organe anfressen würden, und rechnete mir die Wochen aus, die mir noch blieben. Ich ging nicht mehr weg, hatte keinen Sex mehr, schaltete mein Handy aus, war nicht mehr erreichbar. Insgeheim hoffte ich, Gott würde gnädig sein und mich einfach zu sich rufen. Jetzt, sofort. Einfach so. Ohne Ergebnis, ohne Leid. Aber natürlich ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung.
Zwei Wochen später erfuhr ich, dass ich riesiges Glück gehabt hatte: Ich war negativ. Alle Türen, die ich vorher verschlossen sah, sprangen wieder auf und offenbarten mir ihre Pracht aufs Neue. Alles leuchtete wieder heller denn je und ich hatte alle Chancen der Welt. Ich war negativ.
Ein knappes halbes Jahr später traf ich durch Zufall den Ex-Lover von dem Freund, den ich so lange erfolglos versucht hatte zu erreichen. Als ich ihn fragte, was denn Gregor mache, und ob er eine neue Nummer habe, blickte er mich verständnislos an.
„Gregor ist tot. Er hat sich umgebracht.“ Ich war wie vom Donner gerührt.
„Umgebracht? Aber... warum?“ Ich konnte... wollte es nicht begreifen.
„Weil er positiv ist. Der Typ, vor dem Du ihn nicht gewarnt hast, hat ihn angesteckt. Mörder!“, sagte er und spuckte vor mir aus.
Ich habe es bis heute nie verstanden, aber es musste wohl so sein. Seitdem habe ich mich nie wieder in die Lokale getraut, in denen man uns beide kannte. Ich meide jede potentielle Begegnung mit den Menschen, die wissen, welche Last meine Seele bedrückt. Ebenso weiche ich Arnold aus. Ihm und allen, die ihn kennen. Ich laufe weg, anstelle mich meinem Problem zu stellen. Stattdessen kommen immer neue Leute in mein Leben. Ich verbrauche viele. Sie und ihre Emotionen. Ich lähme ihre Gedanken, ihre Sehnsüchte, ihre Liebe. Ich sehe jung genug aus, um mit dem Nachwuchs mithalten zu können, und ein Ideal für sie zu sein. Aber ich muss sie beschützen. Muss ihnen die Gefahr vom Leib halten, in der ich schwebte, und die Gregor das Leben gekostet hat. Muss verhindern, dass es ihnen genauso geht. Denn so wie ich ihnen etwas gebe, indem ich da bin, geben sie mir etwas: Sie sind da. Sie und ihre Essenz sind meine Nahrung. Sie sind mein Halt. Ohne sie würde mein Leben nicht weitergehen. Ich bestimme nicht über sie. Aber sie müssen wissen, welches Risiko sie eingehen, wenn sie ohne Gummi vögeln. Je früher sie das wissen, desto besser für sie.
Für mich ist sowieso alles zu spät. Und das kleine Etwas in mir wird früh genug seine Stimme erheben und das tun, was es am besten kann: Klagen. Irgendwann werde ich der Klage nachgeben. Keine Ahnung, was mir dann einfällt, um es zu betäuben. Die moderne Chemie bietet so viel Auswahl. Und zur Not gibt es in Hamburg genügend Brücken. Bis dahin werde ich jedoch die Zeit nutzen. Jede Nacht. Wenn Du einst in einer Kneipe auf einen verführerisch wirkenden jungen Mann triffst, könnte ich es sein. Und wenn ich Dich mit zu mir nehme, dann bitte ich Dich: Bleib bis zum Frühstück, und lass mich träumen.
Nur ein kleines, kleines Bisschen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2006.
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13 Brains of Zombies
von Doris E. M. Bulenda
Zombies …Man kann sie erstechen, erschießen, in Brand setzen, zerstückeln, überfahren und, und, und …Meistens vergehen sie still, mit einem letzten „Gehirne …“ auf den untoten Lippen.Trotzdem – sie sind nicht endgültig totzukriegen!Immer wieder raffen sie ihre Körperteile wieder zusammen und erblicken neu das Licht der – u.a. literarischen - Welt.Und wieder ist es passiert!In dieser Anthologie mit 13 ausgewählten Zombie-Geschichten.Doch Vorsicht! Die Zombies haben dazugelernt. Sie sind nicht mehr nur die Gehirne fressenden Dumpfbacken.Und nicht alles ist so, wie es scheint …
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