Mareike Bach

Ich + Du = Wir


„Ich kann mir die Wohnung nicht leisten.“ Sage ich leise zu Lena, aber sie will es nicht hören. Sie schaut sich interessiert um, bewundert die großen Fenster im Wohnzimmer, stellt fest dass es zwei Zimmer hat die sich als Schlafzimmer eignen und trotzdem noch genug Platz für Küche und Wohnzimmer bleibt. Sie schaut mich an als müsse ich etwas sagen.
 
„Weißt du, liebe Lisa, was das bedeutet, was ich eben gesagt habe?“ fragt sie höflich. Ich schüttle den Kopf und versuche die Tränen zu unterdrücken.
 
Es ist erst eine Woche her, da bin ich ausgezogen. Ich habe mit meinem Freund Sebastian zusammen gewohnt. Aber er hat mich rausgeworfen. Wegen Marina. Er sagt er liebt Marina wie verrückt und ich würde ihn ja sowieso kaum beachten, weil ich zu beschäftigt damit bin mich um die Arbeit zu kümmern. Er sagt er habe es nicht geschafft etwas aus mir herauszuholen. Ich würde mich zurück ziehen.
 
Es tut immer noch weh und ich habe seither bei Lena und ihrer Familie gewohnt, aber sie meint es ist an der Zeit dass ich mir eine eigene Wohnung suche. Ich habe kaum Geld, mein Vater schickt mir aus den Staaten ab und zu etwas. Jetzt wo ich wieder eine eigene Wohnung brauche wird er mir mehr schicken, aber diese Wohnung ist es nicht.
 
Sie ist toll, sehr groß, sehr modern. Aber ich habe nicht genug Geld, ich sehe es.
 
„Du brauchst einen Mitbewohner.“ Sagt Lena ruhig.
 
„Aber wen denn?“ fragte ich matt. Ich will keinen Mitbewohner. Ich will nicht mit Freunden zusammen wohnen, und schon gar nicht mit einem Kerl. Männer sind Schweine, ich habe es an Sebastian gesehen.
 
„Keine Ahnung, schreib eine Annonce aus, dass du einen Mitbewohner suchst!“ schlägt Lena vor. Sie wischt mit der Hand über das große Fenster um lächelt stolz nach draußen.
 
„Ich will keinen Mitbewohner.“ Sage ich ehrlich. Sie seufzt.
 
„Lisa, du kannst dir diese Wohnung nicht leisten, aber es ist die einzig passable die wir gefunden haben. Wenn du dir die Miete teilst dann-“
 
„Ich bin nicht soweit mit jemandem zusammen zu wohnen.“ Murmle ich leise. Sie schüttelt ernst den Kopf und nimmt meine Hand. Sie hat schöne Hände, lange, schlanke Finger, manikürte Fingernägel. Ich bin Nagelkauerin, wenn ich nervös bin knabbere ich immer an meinen Fingern. Meine Finger sind nicht so schlank wie ihre und sie sind auch nicht so gerade. Ich schaue zur Seite.
 
„Du hast jetzt so lange mit mir und meinen Eltern zusammen gewohnt. Du musst es schaffen, Lisa. Du weißt, dass Sebastian dich nicht verdient hat!“ sagt sie eindringlich. Ich kaue auf meiner Unterlippe.
 
Lena hat gut reden. Sie ist so hübsch dass sie keine Probleme hat einen neuen Freund zu finden, aber ich habe ewig gebraucht bis ich endlich einen Mann gefunden habe der mich liebt, und den ich ebenso sehr liebe.
 
„Okay. Ich versuche es.“ Lenke ich ein. Wenn ich mit Lena diskutiere gewinnt sie sowieso immer die Oberhand, also kann ich mich gleich geschlagen geben. Ich gehe also zur Maklerin.
 
 
 
Lena freut sich für mich. Ich habe eine wunderschöne Wohnung. Jetzt brauche ich noch ein paar Möbel.
 
Ich muss meinem Vater sagen dass ich Geld brauche. Er wollte mich nie haben, deswegen hat er auch nicht angeboten dass ich zu ihm ziehen kann als Mama in die Klinik kam.
 
Da liegt sie immer noch. Im Koma. Sie hatte einen Autounfall als sie meinen kleinen Bruder vom Fußballtraining abgeholt hat.
 
Mike ist tot.
 
Mama lebt und lebt doch nicht. Ich habe ein paar Monate bei Oma gelebt, dann bei Sebastian. Jetzt bin ich erwachsen und darf selbst eine Wohnung haben. Ich schreibe zusammen mit Lena Zettel die wir in den Läden aufhängen wollen, damit sich bald ein Mitbewohner meldet.
 
Lena hat gesagt sie wird alles für mich in die Hand nehmen. Sie hat ihre Handynummer angegeben und wird mit Interessenten telefonieren, dann treffen wir den oder diejenige zusammen.
 
Ich will keinen Mitbewohner, aber als ich es Lena nochmals sage wird sie böse. Sie schaut mich herrisch an.
 
„Jetzt ist es zu spät, Lisa.“ Sagt sie dann ruhig. Ich nicke weil sie Recht hat. Es ist zu spät und ich muss damit klar kommen. Es ist ja nur bis ich wieder mehr Geld habe und mich traue in eine andere Gegend zu ziehen. Es ist nicht für ewig.
 
 
 
Gleich als ich den Zettel gesehen habe, habe ich mir die Nummer notiert. Kevin ist aufgefallen dass es um die Wohnung geht, die ich neulich ansehen wollte. Scheinbar ist mir jemand zuvor gekommen.
 
Es macht nichts, ich hätte ohnehin einen Mitbewohner gebraucht.
 
Ich habe mich noch nicht entschieden ob und wann ich bei der Nummer anrufe, jetzt gehe ich erst mal zu Kevin.
 
Kevin ist mein bester Freund. Er hat nicht viel Glück mit den Mädchen und ich soll ihm zeigen was er falsch macht. Wahrscheinlich kann man in solchen Dingen keine Nachhilfe geben, sondern man muss sie einfach können. Aber wenn ich ihm wirklich alles sagen würde was er falsch macht würde ich ewig brauchen. Obwohl er ja eigentlich nicht schlecht aussieht, er hat auch Selbstvertrauen. Zu viel Selbstvertrauen. Er redet zu viel, kleidet sich seltsam, lacht zuviel, macht zu gerne Witze und spielt anderen zu viele Streiche. Aber manche Mädchen stehen ja auf so was. Folglich muss er nur das richtige Mädchen finden.
 
Ich klingle an seiner Tür und er öffnet so schnell wie er immer öffnet.
 
„Komm rein, das Essen ist fertig.“ Sagt er zur Begrüßung. Kevin ist Koch. Wirklich, das ist sein Beruf!
 
„Was gibt’s denn?“ frage ich grinsend.
 
„Keine Ahnung, hab ein paar Sachen zusammen gemischt. Was ist jetzt wegen der Wohnung, hast du angerufen?“ fragt er neugierig. Ich schüttle den Kopf und hänge meine Jacke an einen seiner Haken.
 
„Warum nicht?“ fragte er vorsichtig.
 
„Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ziehe ich doch zu Belinda.“ Sage ich. Das ist Blödsinn. Ich würde niemals zu ihr ziehen, auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünscht. Kevin weiß das.
 
„Greif zu, Alter, sonst ist die Wohnung weg!“ belehrt er mich.
 
„Ich würde mit einem Mädchen zusammen wohnen.“ Teile ich ihm mit.
 
„Umso besser!“ sagt er nur und tischt einen Nudelsalat auf.
 
„Sie könnte hässlich sein, oder stinken.“ Gab ich zu bedenken.
 
„Oder sie könnte sexy sein und jeden Abend mit dir schlafen.“ Sagt Kevin einfach. Ich muss grinsen ohne es zu wollen.
 
„Überredet. Darf ich dein Telefon benutzen?“ frage ich lächelnd.
 
„Mein Telefon ist dein Telefon wenn du das Mädchen mit mir teilst!“ sagt er freundlich. Ich schüttle den Kopf und gehe in den Flur. Der Nudelauflauf riecht lecker, aber alles was Kevin kocht riecht lecker. Es wundert mich dass er nicht fett ist.
 
Ich tippe die Handynummer ein die auf meiner Hand steht und warte.
 
„Hallo?“ Ihre Stimme klingt nett, sie hat eine hohe Stimme, fast etwas piepsig, als würde sie im Hals stecken bleiben. Ich muss vorsichtig sein sonst muss ich lachen.
 
„Hey bin ich hier richtig, wenn es um die Wohnung geht?“ frage ich höflich. Ich schaue Kevins Fotos über dem Telefontischchen an. Seine Eltern und sein Hund. Ah, und seine kleine Schwester Sarah, wegen der er mich verprügelt hat als ich sie angebaggert habe.
 
„Ja, klar! Hast du Interesse?“ fragt sie gleich. Dumme Frage, sonst würde ich ja wohl nicht anrufen. Ich reiße meine Augen von Sarah los.
 
„Ja.“ Sage ich nur.
 
„Du kannst morgen Abend um sechs zur Wohnung kommen, meine Freundin Lisa wohnt dort, ich werde aber auch da sein. Geht das?“
 
„Sicher doch, ich werde da sein.“ Sage ich gelassen.
 
„Äh, und wie heißt du?“ fragt sie unsicher.
 
„Joshua Wheeler.“ Nenne ich meinen Namen. Ich bin Amerikaner, das heißt, meine Mutter. Mein Vater ist Spanier. Doch, ja, ich bin sehr zufrieden mit Herkunft und Aussehen. Danke Mama, danke Papa!
 
„Bist du Amerikaner?“ fragt sie interessiert.
 
„Meine Mutter, mein Vater ist Spanier.“ Erklärte ich langsam.
 
„Ah! Das klingt spannend! Ich bin deutsche, heiße Lena Mayer. Und meine Freundin heißt Lisa Mahogany.“ Erzählt sie. Ich frage nicht nach.
 
„Also bis Morgen, Lena.“ Sage ich nett und lege auf.
 
Ich sehe sie ja morgen, und wenn sie gut aussieht werde ich mir überlegen ob ich mich länger mit ihr unterhalten will oder nicht. Hoffentlich ist sie nicht blond, sie hat sich so angehört.
 
„Und?“ fragte Kevin. Er hat schon angefangen zu essen und ich setzte mich an den Tisch und nehme mit ebenfalls eine Portion.
 
„Ich darf mir die Wohnung morgen ansehen. Willst du mitkommen?“ frage ich.
 
„Nee, ich muss morgen arbeiten.“ Sagt er ausweichend. Ich nicke.
 
„Da war ein Mädchen am Telefon.“ Vermutet er.
 
„Ja.“ Seufze ich. „Es war die Freundin des Mädchens mit dem ich zusammen wohnen werde.“
 
„Klang sie nett?“ fragt er scheinbar desinteressiert. Ich denke nach. Sie klang wie jedes Mädchen das Bock hat zu reden und gerade niemanden hat mit dem sie reden kann.
 
„Ja.“ Sage ich also.
 
 
 
Ich beschließe pünktlich zu kommen. Schließlich will ich die Wohnung haben wenn sie mir gefällt und habe keine Ahnung wie viele andere sich außer mir dafür interessieren.
 
Vor der Wohnung steht eine Blondine, insgesamt ist sie groß und schlank. Hat große Brüste, ziemlich geschminkt, aber sehr gutaussehend. Ich schlendere auf sie zu und sehe wie sie mit interessiert entgegenschaut. Entweder ist das Lena oder Lisa.
 
„Hey.“ Sage ich grinsend. Sie lächelt erstaunt.
 
„Hallo! Bist du-“
 
„Joshua.“ Sage ich nickend. Sie mustert mich von oben bis unten und versucht zu verbergen was sie denkt. Ich muss wieder grinsen und sie grinst auch. Es ist Lena, ich bin mit ziemlich sicher.
 
„Du bist Lena?“ frage ich nach. Nicht dass ich mich irre. Aber sie nickt.
 
„Ja, die bin ich. Lisa ist innen sie..“, Lena runzelt die Stirn. „Packt gerade ihre Kisten aus.“ Sagt sie schließlich.
 
Die Wohnung ist schön. Groß und hell, Lisa hat eine Couch und einen kleinen Fernseher, viele Topfpflanzen ums Fenster herum, ein kleines Tischchen auf dem ein Telefon steht im Eck und einen großen Tisch in der Küchenecke. Sie scheint gerade in einem der Zimmer zu sein.
 
„Lisa!“ ruft Lena plötzlich. Sie lächelt mich an, ich lächle zwanglos zurück. Ein Mädchen kommt aus einem der Zimmer, mittelgroß, braune Haare, Sommersprossen um die Nase. Sie hat einen traurigen Blick und große, dunkelbraune, traurige Augen. Man würde sie dauernd trösten müssen! Sie ist sehr zierlich und sehr unsicher. Lisa ist alles andere als mein Typ.
 
 
 
Oh Gott ist das ein Arschloch. Ist das erste was ich denke als ich ihn sehe. Er sieht wirklich gut au, hat diese Art zu lächeln die sagt –zieh dich aus-. Ich versuche zu verhindern dass mir Tränen in die Augen steigen.
 
Seine Augen taxieren mich, aber ich werde ihm nicht den gefallen tun ihn anzuschauen. Er ist einer dieser Schönlinge, einer der Typen die denken sie verdienen nur das Beste vom Besten.
 
Meine sehnsüchtigen Blicke und Gesten wird er nicht bekommen. Männer sind Schweine, und Männer wie er besonders. Ich schaue ihn nur kurz an und gebe ihm die Hand.
 
„Joshua?“ frage ich freundlich. Er nickt und mustert mich von oben bis unten. Zehn Sekunden das Gesicht, zwanzig Sekunden die Brüste, zehn Sekunden die Taille, fünfzehn Sekunden meine Beine und fünf Sekunden den Rest von mir. Ich hasse ihn schon jetzt.
 
„Setzen wir uns doch erst mal!“ schlägt Lena vor und setzt sich als Erste an den blauen Tisch den ich passend zur Küche gekauft habe. Er setzt sich nicht neben sie.
 
Ich setze mich ans andere Ende des Tisches und schaue die beiden Aufmerksam an. Lena scheint ihn sehr anziehend zu finden, aber er zeigt kein weiteres Interesse an ihr.
 
„Erzähl uns doch was von dir!“ meint sie plötzlich. Ich schaue ihn auffordernd an, einen Moment treffen sich unsere Blicke. Er hat giftgrüne Augen. Sie leuchten bestimmt im Dunklen. Ich glaube er trägt Kontaktlinsen.
 
„Ich lebe seit zehn Jahren in Deutschland, bin jetzt gerade achtzehn geworden, habe vorher drei Jahre in Spanien gelebt, bei meinem Vater und davor fünf Jahre bei meiner Mutter in Amerika. Ich habe Abi und fange nächsten Sommer an zu studieren.“ Erzählt er. Seine Mutter ist Amerikanerin. Er hat amerikanisches Blut, genau wie ich. Aber ich bin nicht wie er. Es macht mir keinen Spaß Männer zu verführen, nur um zu wissen wie weit ich gehen kann.
 
Bestimmt ist sein Vater ein typischer Spanier, der am Strand abhängt und Mädels knallt die im Urlaub sind. Ich finde das ekelhaft.
 
„Das ist lustig, Lisa ist Amerikanerin!“ erzählt Lena gerade. Ich strafe sie mit einem Blick der sie zum Schweigen bringen soll.
 
„Das ist ja interessant.“ Sagt er pflichtbewusst. Fast lächle ich.
 
„Ist es nicht. Meine Mutter kam vor ein paar Jahren mit mir und meinem kleinen Bruder nach Deutschland. Sie liegt im Koma. Mein Bruder Mike ist tot und mein Vater will mich nicht mehr haben.“ Ich schaue zu Boden und schäme mich. Wie komme ich dazu das alles zu sagen. Ich habe außerdem darüber geredet als wäre es mir gleichgültig.
 
Er schaut mich aufmerksam an als erwartet er, dass ich noch mehr erzähle.
 
„Es ist eine traurige Geschichte.“ Sagt Lena in diesem Moment.
 
„Das klingt so.“ meint auch er. Ich stehe auf.
 
„Will jemand eine Tasse Tee?“ frage ich genervt. Lena schaut ihn an, er schaut mich an.
 
„Ja bitte.“ Sagt er dann nett. Lena nickt ebenfalls. Ich hasse sie gerade. Checkt sie nicht was das für ein Kerl ist? Er macht sich bestimmt einen Spaß daraus sie zu verführen und dann fallen zu lassen, sobald er merkt dass sie leicht zu haben ist. Aber Lena muss damit umgehen können.
 
„Wie findest du die Wohnung?“ fragt Lena gerade schnurrend. Ich verdrehe die Augen. Marina hatte in der gleichen Tonart zu Sebastian gesprochen. Monatelang hatte sie uns besucht und so getan als wären wir Freundinnen, nur um ihn mir dann wegzunehmen.
 
Ich schalte genervt das Radio an. Die Toten Hosen mit ihrem ’Liebeslied’ erklingen in der kleinen Küche. Genau das passende. Ich schlisse die Augen und versuche angestrengt nicht durchzudrehen.
 
„Bitte.“ Sage ich und stelle jedem eine Teetasse an den Platz. Lena lächelt schelmisch, er sagt danke und trinkt.
 
Ich setze mich wieder.
 
„Und, Joshua, hast du dich entschieden?“ frage ich betont freundlich.
 
„Ich denke schon, ich würde gerne hier einziehen.“ Sagt er und nickt. Lena leckt sich schon alle zehn Finger nach ihm, ich verziehe das Gesicht.
 
„Es ist aber gar nicht so schön hier. Es ist noch ziemlich kahl, und teuer! Und wir müssen putzen und kochen und einkaufen...“ ich muss versuchen ihn loszuwerden! Er lächelt mich an.
 
Es ist ein schönes Lächeln, auch wenn es das Lächeln eines Arschlochs ist. Er weiß es! Denke ich plötzlich. Er weiß, dass er Lena an der Angel hat, und er zögert nicht davon Nutzen zu ziehen.
 
„Das macht nichts. Ich würde mich freuen mit dir zusammen zu wohnen.“ Sagt er. Was hat Basti damals zu mir gesagt als ich bedanken hatte, was die andern sagen würden wenn ich zu ihm ziehe? Das macht nichts, ich würde mich freuen mit dir zusammen zu wohnen.
 
„Na dann.“ Murmle ich. Lena strahlt übers ganze Gesicht.
 
„Ich komme Morgen früh.“ Sagt er und nimmt mir die Schlüssel aus der Hand die ich ihm hingehalten habe. Gott sei Dank, dass Lena jetzt in den Ferien drei Wochen nach Italien fährt, drei Wochen um ihn los zu werden.
 
 
 
Lena ist peinlich. Sie schaut mich die ganze Zeit an als wären wir ein Paar. Ich finde Beziehungen ätzend. Man kann sich natürlich oft mit jemandem treffen und so, aber ich finde es scheiße wenn man seine Freiheit hergibt. Ich sehe jeden tag ein neues Mädchen, soll ich dann jeden Tag eine neue Beziehung beginnen? Nichts desto trotz wollte mir Lisa die Wohnung nicht geben. Ohne Lena hätte sie einfach nein gesagt und ich weiß nicht mal warum.
 
Im Allgemeinen mögen mich die Frauen, vor allem Mädchen wie Lisa, die eigentlich sehr unscheinbar sind. Sie haben jemanden für den sie Schwärmen können.
 
Lisa scheint anders zu sein. Sie hat eine andere Stimme als Lena, eine ganz andere! Während Lena eher piepsig klingt, klingt Lisas Stimme zwar unsicher, aber melodisch. Ob sie wohl singen kann? Ich würde sie sehr gerne singen hören. Sie ist keine dieser nervenden Kletten, die sich gleich an meinen Fuß hängen würden sobald ich eingezogen wäre. Sie wird mich weitestgehend ignorieren, denn ich habe gemerkt das es ihr lieber wäre ich würde gestern als heute gehen.
 
Aber jetzt bin ich erst mal dran. Ich kann Lisa genauso sehr ignorieren wie sie mich, das wird sie schon noch sehen. Ich stelle mit ihr Gesicht vor wenn sie im Bett liegt und ich im Nebenzimmer Sex mit einer anderen habe. Bestimmt macht sie sich dann Vorwürfe warum sie so gemein zu mir war und malt sich aus wie unsere Beziehung aussehen könnte. Ich lache auf dem Heimweg und freue mich auf Morgen. Ich bin nicht müde, eigentlich würde ich gerne zu Kevin fahren und zu Abend essen, aber Kevin ist nicht zu Hause. Ich frage mich plötzlich ob Lisa ihm gefallen würde.
 
Sie ist nicht hässlich, aber auch keine, die man sofort bemerkt. Auf ihre Art ist sie sicherlich hübsch. Sie würde Kevin sicher gefallen. Ich kenne Lisa nicht, aber vielleicht würde Kevin ihr auch gefallen. Mein Handy piepst und kündigt eine SMS an. Ich hoffe sie ist nicht von Lena.
 
Ist sie nicht. Sie ist von Belinda, die fragt ob ich jetzt zu ihr ziehen will. Ich sage ich wohne jetzt mit einer anderen zusammen. Daran hat sie zu kauen. Dann lege ich das Handy auf meinen Nachttisch und ziehe mein Hemd aus. Ich lege es sorgfältig zusammen und auf einen Stuhl neben dem Bett.  Meine Eltern sind nicht zu Hause, sie sind in den Urlaub gefahren. Ich springe unter die Dusche und singe irgendwelche Lieder mit dem Namen Lisa. Lisa. Lisa. Warum fällt mir kein Lied auf ihren Namen ein? Ich kann auch keines erfinden, weil ich nicht wüsste worüber ich singen sollte. Lisa. Lisa. Lisa.
 
 
 
Am nächsten Morgen stehe ich um sechs Uhr auf und gehe joggen. Ich habe es nicht nötig. Ich bin fit und sehe ziemlich gut aus, gehe zweimal in der Woche ins Fitnesscenter und trainiere. Ich habe einen Waschbrettbauch und klasse Muskeln, bin sehr zufrieden mit mir. Aber heute habe ich einfach Lust joggen zu gehen. Ich brauche einen Hund. Ich werde darüber mit Lisa reden. Vielleicht mag sie keine Hunde. Aber sie sieht aus als würde sie Hunde mögen.
 
Als kleiner Junge hatte ich einen Hund, er hieß Penis. Ursprünglich nannten wir ihn Wauzi, aber das war mir irgendwann zu kindisch und ich taufte ihn in Penis um. Seither konnte meine Mutter ihn nicht mehr rufen weil sie nicht Penis durch die Gegend schreien wollte.
 
Mein Vater hat ihn überfahren.
 
Damals war ich vierzehn. Ich weiß nicht mehr wie er aussah. Dunkel, glaube ich. Braun. Aber sehr schön, er war mein bester Freund. Nachdem er tot war begann ich mit Mädchen auszugehen, habe angefangen hier und da rumzubaggern. Mit fünfzehn schließlich meine Unschuld verloren.
 
Es ist acht Uhr als ich beschließe zu gehen. Ob meine Mitbewohnerin wohl schon wach ist? Vielleicht ist sie eine Frühaufsteherin. Wenn mich niemand weckt schlafe ich bis Mittags, ich liebe mein Bett.
 
Ich fahre mit der S-Bahn zum nächsten Bahnhof und gehe den Rest des Weges zu Fuß. Ich habe einen Führerschein aber kein Auto, und meine Eltern sind mit ihrem in den Urlaub gefahren.
 
Ich bin erstaunt Lisa vor der Türe zu sehen, sie trägt einen Morgenmantel und sieht etwas verschlafen auf. Wahrscheinlich holt sie die Zeitung. Als sie mich sieht macht sie ein erstauntes Gesicht und wartet bist ich da bin.
 
„Guten Morgen.“ Sagt sie gleichgültig. Ich lächle sie an. Sie müsste eigentlich dahinschmelzen, aber sie zeigte keine Reaktion.
 
„Morgen. Na, wie geht’s?“ frage ich freundlich.
 
„Ging schon mal besser.“ Murmelt sie und geht wieder ins Haus. Ich folge ihr. Sie legt die Zeitung auf den Küchentisch. In der ganzen Wohnung duftet es nach Spiegelei.
 
„Hast du gekocht?“ frage ich erstaunt.
 
„Ja. Spiegelei, Rührei und Pfannkuchen.“ Sagt sie und setzte sich an den Tisch. Sie hat nur einen Teller gedeckt.
 
„Willst du alles alleine essen?“ frage ich nachdenklich.
 
„Wenn du damit fragen willst ob du auch etwas haben kannst dann hol dir einen Teller.“ Sie nickt in Richtung des Schrankes und ich schenke ihr ein dankbares Lächeln dass wieder nicht bei ihr ankommt.
 
Langsam beginne ich an mir zu zweifeln. Ich habe ewig keinen Sex mehr gehabt, bestimmt eine halbe Woche. Wahrscheinlich verliere ich an Wirkung.
 
„Kochst du immer für dich?“ frage ich neugierig.
 
„Nein, nur an besonderen Tagen.“ Sagt sie leise. Ich schaue sie fragend an. Und sie legt ihre Gabel zur Seite und schaut an mir vorbei.
 
„Heute vor genau zwei Jahren bin ich mit Sebastian zusammen gekommen.“ Erzählt sie leise. Ach so! Sie hat einen Freund! Dann ist es klar warum ich nicht offensichtlich bei ihr ankomme. Der Tag ist gerettet, ich nehme mir noch ein Ei.
 
„Das klingt ja schön Warum ist er nicht bei dir?“ frage ich unvorsichtig.
 
„Weil er bei Marina ist.“ Flüstert sie. Ich brauche eine Weile bis die Worte bei mir ankommen.
 
„Oh. Und was geht mich das an?“ Stammle ich.
 
Verdammte Scheiße, was soll ich sagen? Ihr Freund hat also vor kurzem Schluss gemacht. Das erklärt warum sie nicht gut drauf ist. Aber was geht mich das an?
 
„Tut mir leid, ich wollte dich nicht nerven.“ Sagt sie genau in dem Moment, schüttet ihren Teller in den Mülleimer und verschwindet in ihrem Zimmer.
 
Ihre Spiegeleier schmecken nicht so gut wie die von Kevin, aber besser als meine. Ich komme mir vor wie ein Arschloch.
 
 
 
Er ist ein Arschloch. Obwohl er Recht hat. Warum erzähle ich ihm so was? Es geht ihn nun mal nichts an.
 
Gestern hat Sebastian angerufen. Ich war aufgeregt, habe gehofft er will mich wieder. Aber er hat nur gefragt ob er die goldene Lampe von mir behalten darf. Ich habe nein gesagt, aber scheinbar gefällt sie Marina so sehr. Ich musste erklären dass das Teil sehr teuer war und ich niemals Marina ein solches Geschenkt machen sollte. Wir haben uns gestritten, jetzt ist es vorbei.
 
Er muss mir die Lampe geben.
 
Joshua sitzt noch immer in der Küche, ich weiß es. Er isst wahrscheinlich meine ekelhaften Eier und überlegt was er hätte sagen können. Ich hätte ihn nicht mit so was belästigen dürfen.
 
Ich will keinen Mitbewohner. Ich brauche Platz für meinen Kummer.
 
Es klopft an meiner Tür. Ich sage herein und Joshua steht vor mir. Er sieht verlegen aus. Ich habe immer noch nur meinen Morgenmantel an und sitze auf meinem Bett.
 
„Darf ich reinkommen?“ fragt er verlegen.
 
„Wenn du willst.“ Sage ich leise. Was will er von mir? Vielleicht entschuldigt er sich, nur damit ich nicht mehr böse bin. Aber es tut ihm nicht Leid. Überhaupt, es muss ihm ja nichts Leid tun, er hat ja nichts getan!
 
„Bist du böse weil ich so taktlos war?“ fragt er freundlich.
 
„Nein. Es geht dich wirklich nichts an. Sorry.“ Sage ich ehrlich.
 
„Dann ist ja gut. Und ich brauche unsere Telefonnummer. Meine Freundinnen, und Freunde, beklagen sich weil Handy so teuer ist.“ Meint er cool. Ich lächle spöttisch.
 
Er ist ein Arschloch. An jedem Finger zehn Mädchen und tut so als wäre es nicht so. Ich mag Typen wie ihn einfach nicht. Er sieht zu gut aus, ist zu Selbstsicher und kann diese Tatsache zu gut verstecken. Er hat Charme, er ist nett, er hat Charisma, Ausstrahlung.
 
Dieser junge Mann ist perfekt.
 
Aber ich stehe nicht auf Perfektion. So etwas sollte es nicht geben.
 
Wahrscheinlich muss seine Freundin immer Top aussehen und darf kein Gramm zuviel auf den Rippen haben.
 
Ich sehe wie er mich anschaut. Er wartet auf eine Antwort. Ich schreibe die Nummer auf einen Zettel und gebe sie ihm.
 
„Ich will nicht dass mich Nachts Leute wecken.“ Sage ich ernst.
 
„Dich nicht.“ Sagt er grinsend.
 
„Damit wollte ich sagen, dass nach Mitternacht niemand mehr anrufen sollte, okay?“ frage ich freundlich. Er soll nicht denken ich gehöre zu diesen Weicheiern, er beleidigt mich und ich ziehe den Schwanz ein!
 
„Keine Ahnung, kannst du ja denjenigen mitteilen die nach Mittenacht anrufen.“ Schlägt er vor. Ich versuche ruhig zu bleiben.
 
„Ich will einfach mal wieder durchschlafen.“ Sage ich leise. Er schaut mich lange an. Wahrscheinlich überlegt er was ich nächtelang tue. Außer weinen. Er ist ein Arschloch und ich hasse ihn.
 
„Ich geh rüber zu Kevin, ich komme nachher wieder.“ Sagt er.
 
„Wann räumst du dein Zimmer ein?“ frage ich endlich.
 
„Wenn ich zurück komme.“ Sagt er ungeduldig. Ich mache eine entwaffnende Geste.
 
„Schon gut, mir ist es egal. Ich habe mein Bett!“ sage ich unsicher.
 
„Dann sehen wir uns später.“ Sagt er und verlässt mein Zimmer. Ich will ihm mein Kuscheltier hinterher werfen, aber ich habe ja eigentlich keinen Grund, außer dass ich ihn hasse und nicht weiß warum. Er kotzt mich einfach an. Alles an ihm.
 
Die schönen kurzen Haare, die Strähne die ihm ins Gesicht fällt, das süße Lächeln dass er mir schenkt, alles ist scheiße an diesem Kerl. Ich lege mich auf mein Bett und weine.
 
 
 
Später klingelt es an der Tür.
 
Ich stehe auf und denke Joshua hat seinen Schlüssel vergessen, aber vor der Tür steht Sebastian mit einem kleinen Karton in der Hand.
 
„Hi.“ Sagt er vorsichtig. Ich versuche zu lächeln aber es geht nicht.
 
„Hallo.“ Presse ich heraus. Er schaut auf das billige Türschild, das Lena uns besorgt hat. <Joshua und Lisa – Friends in da House>
 
„Joshua? Den kenne ich gar nicht.“ Sagt er zögernd. Ich sage nichts und er hält mir den Karton entgegen. „Deine Lampe und paar andere Sachen.“ Sagt er schnell. Ich nicke.
 
„Kann ich kurz reinkommen?“ fragt er dann. Ich stehe unschlüssig vor der Tür. Ich liebe Sebastian.
 
Er sieht so nett aus, mit seinem Bart und den blonden Haaren. Er ist vielleicht ein bisschen mollig, aber lange nicht dick und er sieht für meine Begriffe sehr gut aus! Ich nicke.
 
„Danke.“ Sagt er und stellt den Karton auf den Boden.
 
„Setz dich.“ Sage ich und nickte auf den blauen Tisch zu. Er setzte sich ans eine Ende des Tisches und ich mich ans andere. Zwischen uns ist eine riesige Strecke.
 
„Wie geht’s dir so?“ fragt er plötzlich. Ich zucke zusammen.
 
„Es geht.“ Gebe ich zu. Was bringt es ihn anzulügen? Er sieht mir ja doch an wie es mir wirklich geht. Er nickt verständnisvoll.
 
„Hey, hör mal, ich hoffe wir können Freunde bleiben, Lisa. Ich wollte dich wirklich nicht verletzen.“ Sagt er leise. Ich nicke.
 
„Es ist eben sehr schwer damit umzugehen.“ Erkläre ich und presse ein Lächeln auf mein Gesicht. Er nickt langsam.
 
„Ich weiß was du meinst. Hm... weißt du was heute für ein Tag ist?“ fragt er dann. Natürlich weiß ich das. Es ist Samstag.
 
Oder auch unser zweiter Jahrestag. Ich schüttle den Kopf.
 
„Heute wären wir genau zwei Jahre zusammen. Das mit dir war meine längste Beziehung.“ Erzählt er. Ich lächle diesmal wirklich.
 
Dann schweigen wir uns eine weile an bis er aufsteht und sich etwas umsieht. Er bewundert die blaue Küche, denn blau ist seine Lieblingsfarbe. Ich weiß das. Ich liebe ihn immerhin.
 
„So, du und dieser Joshua...“ er bricht ab und schaut mich an.
 
„Er ist ein Arschloch.“ Sage ich aus Versehen. Basti grinst.
 
„Lass mich raten – er ist die Art Typ, die mit Mädchen spielt wie es ihnen passt. Bestimmt sieht er unglaublich gut aus und weiß es. Allerdings schafft er es so zu tun als würde er es nicht wissen.“ Vermutet Basti. Ich nicke.
 
„Und Lena ist verliebt in ihn.“ Füge ich hinzu. Sebastian lacht.
 
„Ja, das hätte ich mir denken können, so ist sie, die gute Lena.“
 
Wir schweigen wieder eine Weile, er setzte sich diesmal neben mich als er sich wieder setzt. Er hat ein Pflaster am Finger und ich nicke darauf.
 
„Was ist passiert?“ frage ich um etwas zu sagen. Er grinst und wird rot.
 
„Das war Marina.“ Er macht das Pflaster ab und ich sehe einen Zahnabdruck. Ich will das nicht sehen.
 
„Vielleicht solltest du ihr einen Maulkorb anlegen.“ Sage ich eifersüchtig. Er seufzt und legt seine Hand auf meine.
 
„Es tut ihr genauso Leid  um dich wie mir, Lisa, aber wir können nichts dafür- ich liebe sie, und sie liebt mich auch.“ Sagt er leise.
 
„Man muss sich eben daran gewöhnen dass man ersetzbar ist.“ Flüstere ich bedauernd. Er schaut mich tadelnd an.
 
„Ich ersetze dich nicht, Lia. Niemand kann das. Du bist etwas so besonderes und ich liebe dich auf meine Weise. Aber nicht mehr so sehr wie früher.“ Erklärt er. Ich hasse solche Sprüche aber ich nicke. Ich nicke immer. Ich nicke, und nicke, und nicke. Ich kann nicht anders. Ich liebe ihn.
 
 
 
Ich habe keine Ahnung wer der Kerl ist, der neben Lisa am Tisch sitzt, aber er spricht leise und seine Hand liegt auf ihrer.
 
Vielleicht ist das ihr Freund. Sie sieht nicht glücklich aus, eher wie ein Häufchen Elend.
 
Als ich in die Küche komme und sie mich sieht, bilde ich mir ein sie sieht fast erleichtert aus.
 
„Hi, ich bin Joshua.“ Sage ich zu dem Kerl und gebe ihm die Hand.
 
„Sebastian.“ Sagt er etwas verlegen. Er schaut mich erschrocken an. Wahrscheinlich überlegt er sich was er tun muss um auszusehen wie ich. Er sieht lange nicht so gut aus wie ich ihn mit vorgestellt hatte. Ich hatte erwartet er würde durchtrainiert sein, ich hatte ihn außerdem dunkelhaarig geschätzt. Aber er ist blond, hat einen Bart und ist etwas dicklich. Er passt nicht zu Lisa, soviel steht fest.
 
„Warst du bei Kevin?“ fragt Lisa.
 
„Ja, und ich habe meine Möbel geholt, ich bring sie in mein Zimmer.“ Sage ich und schaue sie immer noch an. Sie sieht aus als wolle sie gleich weinen. Ich weiß nicht was dieser Sebastian zu ihr gesagt hat, und ich will es wohl auch gar nicht wissen.
 
„Brauchst du Hilfe?“ fragt sie gleich.
 
„Nein, das schaffe ich schon.“ Versichere ich ihr, dann drehe ich mich um und gehe wieder. Von der Wohnecke aus erkenne ich dass er aufsteht und sich verabschiedet. Es sieht aus als wolle er sie küssen.
 
Ich frage mich wirklich warum sie nicht mehr zusammen sind, es sind Spannungen da, beide scheinen verliebt zu sein.
 
Aber keiner ergreift die Initiative. Ich würde sagen einmal miteinander schlafen und die Sache war gegessen. Aber sie sehen das wohl anders.
 
Es geht mich nichts an.
 
Belinda ruft an. Ich drücke sie weg. Ich war vorhin bei ihr, nicht bei Kevin. Ich hatte es nötig mal wieder richtig zu ficken. Und sie hat es ja angeboten. Blöd das ich die ganze Zeit an Lisas Situation denken muss. Jetzt steht sie neben mir und schaut mich an.
 
„Ich helfe dir wenn du Hilfe brauchst.“ Sagt sie sicher. Ich nicke.
 
„Du kannst Teile von meinem Bett tragen.“ Meine ich und sie folgt mit nach draußen wo Belindas großer Wagen mit meinen Möbeln steht.
 
Ich besitze ein Himmelbett, es ist ziemlich breit und ziemlich schön, mit Vorhängen. Ich habe gar nicht gezählt wie viele Frauen ich darauf schon flach gelegt habe.
 
Verstohlen schaue ich zu Lisa. Sie hat Schweißperlen auf der Nase, neben ihren niedlichen Sommersprossen. Ich glaube sie ist traurig, immerzu schaut sie traurig. Deswegen sind Mädchen wie sie nichts für mich. Ich will einfach Freude am Leben haben, und habe keinen Bock Mädchen zu trösten und mir Gedanken um sie machen zu müssen.
 
Sie hilft mir meine Dinge ins Zimmer zu tragen, aber zusammen bauen muss ich sie selbst. Lisa schaut fern, ich kann es hören. Ich würde auch lieber mit einem Porno vor de Glotze liegen als hier mein Bett zusammen zu schrauben, aber was sein muss, muss sein. Bis es endlich steht habe ich es zweimal falsch zusammen und wieder auseinander gebaut. Aber jetzt sieht es perfekt aus. Ich stelle meinen Schreibtisch ins Eck und baue mein Notebook auf, dann gehe ich nach draußen zu Lisa.
 
 
 
Ich hatte erwartet sie würde einen Liebesfilm schauen, aber als ich ins Wohnzimmer komme liegt sich auf der Couch und hat sich mit einer Decke zugedeckt. Auf dem Bildschirm flackert <Jeepers Creepers 2> gerade wird einer der Jungen geköpft. Sie zuckt nicht mit der Wimper.
 
Ich lege mich einfach neben sie und klaue ein Stück von der Decke. Sie schaut mich erschrocken an, sagt aber nichts sondern versucht sich ganz und gar auf den Film zu konzentrieren.
 
Ich spüre an ihrem Körper dass sie Angst hat. Ob es am Film liegt oder an mit ist noch unklar, aber sie zittert und wenn ich ihr zu Nahe komme versucht sie sich ganz klein zu machen.
 
Ich beschließe auszuprobieren wie weit ich gehe kann und schlinge einen Arm um sie. Sie springt überrascht auf und baut sich vor mir auf. Ich versuche ein Gelächter zurück zu halten, da merke ich, dass sie wirklich wütend ist.
 
„Verführe und verarsche wen du willst, aber lass deine Griffel von mir. Deswegen hasse ich Typen wie dich, ihr glaubt euch immer das nehmen zu können was ihr haben wollt!“ faucht sie. Ich stehe auf und stehe ihr gegenüber. Sie tritt zurück.
 
„Du glaubst doch nicht wirklich ich würde was von dir wollen?“ frage ich verblüfft. Mädchen wie sie interessieren mich nicht im geringsten. Sie nickt und kräuselt ihre Nase, dann setzte sie sich wieder auf die Couch und schaut weiter. Sie warft mir einen Blick voll Verachtung zu. Ich habe das nicht verdient, oder?
 
 
 
Joshua geht duschen während ich versuche mich auf den Film zu konzentrieren. Er ist so gemein! Wie kann er es wagen zu versuchen mich anzubaggern und zu befummeln? Ich bin keine dieser Schlampen, die mit jedem ins Bett kriechen. Eigentlich krieche ich mit niemandem ins Bett, bin ich bis jetzt jedenfalls noch nicht.
 
Das schlimme ist: ich bin nicht nur sauer auf ihn, weil er mich umarmt hat, sondern auf mich, weil ich etwas gefühlt habe! Ich will nichts fühlen wenn es um ihn geht, das wäre mein Unglück!
 
Ich höre das Tropfen der Dusche während ich den Fernseher ausschalte und Nudelwasser hinstelle. Ich muss jetzt essen.
 
Das Telefon klingelt.
 
Ich gehe ran obwohl ich sicher bin, dass es für Joshua ist.
 
„Hallo?“ frage ich freundlich.
 
„Hier ist Belinda, ist Joshua da?“ fragt eine Frauenstimme.
 
„Er ist gerade nicht erreichbar. Ich sag ihm er soll dich zurück rufen.“ Sage ich und will auflegen, aber sie sagt noch etwas.
 
„Nein, ich rufe noch mal an, er ruft mich seit geraumer Zeit nicht mehr zurück.“ Sie klingt etwas traurig, aber ich lasse mich nicht erweichen.
 
„Alles klar.“ Sage ich und lege wieder auf. Als ich mich umdrehe bliebt mir die Luft weg.
 
Joshua ist gerade aus dem Badezimmer gekommen, trägt nur ein Handtuch um die Lenden und sieht absolut geil aus.
 
Wäre er kein Arschloch wäre dies der Moment in dem ich mich in ihn verlieben würde. Er kommt auf mich zu und lächelt mich verlegen an.
 
„Wer war das eben?“ fragt er. Ich bestaune seinen Sixpack und versuche mich zu erinnern wer das am Telefon war.
 
Er scheint zu merken dass ich ihn ansehe und grinst.
 
„Krafttraining.“ Zwinkert er. Ich lächle anerkennend.
 
„Jetzt weiß ich wieder wie sie heiß! Belinda!“ sage ich dann. Er verzieht das Gesicht.
 
„Du hast hoffentlich gesagt sie soll zur Hölle fahren.“ Er schaut mich flehendlich an. Ich zucke die Schultern.
 
„Nein. Sie ruft noch mal an.“ Sage ich und gehe zu meinem kochenden Wasser. Er seufzt. Ich salze das Wasser und kippe Nudeln rein.
 
„Ich glaube du würdest dich gut mit meinem Freund Kevin verstehen.“ Sagt er dann. Ich sehe ihn erstaunt an.
 
„Warum?“ frage ich und rühre in meinem Topf.
 
„Er ist koch, und er ist wie du.“ Ich weiß nicht was dieses <wie du> heißen soll. Ich habe keine Ahnung ob es nett gemeint ist, aber ich nicke.
 
„Das Essen ist fertig.“ Sage ich. Ich esse keine Soße, ich finde Nudeln muss man mit Salat essen. Ich mische kurz einen Salat zusammen und stelle ihn auf den Tisch, dann schüttle ich die Nudeln ab.
 
Joshua sieht mich an als wäre ich verrückt als ich ihm einen Teller mit Vollkornnudeln und Salat hinstelle.
 
„Bin ich auf Diät?“ fragt er geschockt. Ich muss lachen.
 
„Versuchs mal, es schmeckt gar nicht so schlecht.“ Versichere ich ihm. Ich finde wenn sich die Salatsoße mit einer anderen Soße mischt schmeckt das scheiße, deswegen muss ich mich immer entscheiden. Er nimmt einen Bissen und verzieht das Gesicht.
 
„Es schmeckt nicht schlecht, aber ich brauche Kalorien!“ sagt er dann.
 
„Ich brauche keine.“ Sage ich. Sein Handtuch ist verrutscht, ich kann sein Bein sehen. Es ist schlank und sehnig. Er sieht toll aus. Ich setzte mich schnell ihm gegenüber damit ich sein Bein nicht mehr sehe. Er hat nichts gemerkt.
 
Sein Fuß berührt meinen, aber ich ziehe ihn nicht zurück. Er soll nicht denken ich hätte Angst vor ihm.
 
 
 
Als wir fertig sind räume ich von alleine den Tisch ab und spüle. Er stellt sich neben mich und nimmt ein Handtuch. Wieder lächelt er mich an, aber ich reagiere nicht. Ich will nicht mit ihm flirten.
 
Mir fällt ein Teller runter. Unsere Hände berühren sich als wir beide die zwei großen Scherben aufheben wollen. Ich spüre wie mir schlecht wird. Vielleicht bekomme ich meine Tage.
 
Er zieht die Hand nicht zurück sondern lässt sie einen Moment auf meiner liegen. Dann nimmt jeder von uns eine Scherbe.
 
Unsere Füße berühren sich als wir den Mülleimer aufdrücken wollen. Ich muss lächeln und nehme den Fuß vom Pedal.
 
Ich habe Angst mich in ihn zu verlieben, etwas muss geschehen damit er auszieht, sonst habe ich mehr als ein Problem.
 
 
 
Ich weiß nicht was mit mir los ist. Sonst als bin ich nicht wie jetzt. Ich will es ja nicht unbedingt, aber anderer Seits will ich es doch. Ich will sie berühren! Ich hatte noch nie so einen unglaublichen Wunsch ein Mädchen zu berühren. Sie tut mir Leid. Ihre Mutter liegt im Koma, ihr Vater will sie nicht, ihr Bruder ist tot und ihr Freund hat sie verlassen.
 
Lisa tut mir Leid. Sie könnte so ein glückliches Mädchen sein wenn sie eine intakte Familie hätte. Bestimmt spricht sie sehr gut amerikanisch.
 
Sie sollte in Amerika leben. Bei ihrem Vater.
 
Ich weiß nicht warum ich ihr von Kevin erzählt habe, vielleicht weil ich es mir vorgenommen hatte. Aber jetzt denke ich gar nicht mehr dass sie zu ihm passt, Kevin ist ganz anders als sie. Sie braucht jemanden der sie beschützt, bei dem sie sich sicher fühlen kann.
 
„Ich habe unter dem Fernseher noch mehr Filme, wenn du einen sehen willst nimm dir.“ Sagt sie plötzlich. Ich schaue sie an. Sie hat die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt kleine Kreolen. Ich finde sie sieht sehr hübsch aus heute Abend.
 
„Schaust du mit?“ frage ich wie ein kleiner Junge. Sie schüttelt den Kopf. Ich ziehe mein Handtuch wieder zurecht und lächle sie freundlich an, aber sie reagiert wieder nicht. Es ärgert mich dass sie nie zurück lächelt. Andere lächeln auch ständig. Lena mag mich! Belinda mag mich! Kenzie aus den USA mag mich, und Bea mag mich auch. Paola aus Spanien, Aurore aus Frankreich, alle mögen mich! Aber sie mag mich nicht.
 
„Ich gehe schlafen.“ Sagt sie. Ich schaue auf die Uhr, es ist erst zehn.
 
„Bitte schau dir mit mir einen Film an.“ Sage ich leise. Ich habe noch nie ein Mädchen bitten müssen etwas mit mir zu tun. Hoffentlich weiß sie das.
 
„Einen kurzen.“ Sagt sie  zögernd. Ich lächle und diesmal lächelt sie zurück. Na also.
 
Sie geht in unser Wohnzimmer und durchwühlt ihre Filme nach dem kürzesten. Sie findet keinen. Ich muss sie mir ansehen. Ich entscheide mich für House Of Wax. Paris Hilton ist geil.
 
Sie wartet bis ich mich gesetzt habe uns setzt sich dann woanders hin. Eigentlich hätte ich jetzt gerne mit jemandem gekuschelt, egal ob Lisa oder ein anderes Mädchen. Aber wenn sie nicht will lasse ich sie in Ruhe.
 
Ich sehe wie sie mich ansieht. Sie überlegt ob ich immer noch ein Arschloch bin. Ich will kein Arschloch sein.
 
Das Telefon klingelt.
 
„Das wird Belinda sein.“ Sagt sie. Ich gehe nicht ran, also steht sie auf. Es ist Belinda.
 
Sie sagt ich bin nicht da. Der Fernseher. Sie weiß es nicht. Tschüss.
 
Dann kommt sie wieder zurück.
 
Sie setzt sich neben mich und schaut auf den Bildschirm. Es ist noch nicht besonders interessant.
 
Das Telefon klingelt wieder. Ich gehe ran, es wird nicht Belinda sein, wahrscheinlich versucht sie jetzt mich auf dem Handy anzurufen.
 
Es ist dieser Sebastian.
 
„Ist Lisa da?“ fragt er hastig. Er klingt nicht gerade glücklich.
 
„Sie schläft schon.“ Lüge ich. Lisa schaut zu mir rüber.
 
„Es ist wichtig, bitte weck sie!“ sagt Sebastian. Ich weiß nicht warum ich sie wecken sollte, ich bin ja nicht ihr Butler. Das sage ich ihm auch.
 
„Sie hat Recht, du bist ein Arschloch.“ Sagt er ärgerlich. Er hat bestimmt etwas getrunken. Ich zucke zusammen und schaue zu Lisa, die zu mir schaut.
 
„Lisa, komm mal her.“ Sage ich leise. Sie kommt zu mir und schaut mich an, ich drücke ihre ohne weitere Worte das Telefon in die Hand und gehe auf mein Zimmer.
 
Sie hat sich also nicht nur im Stillen gedacht dass ich ein Arschloch bin, sondern hat auch noch über mich geredet. Es ist irgendwie beunruhigend das zu wissen. Ich habe mich nie für ein Arschloch gehalten. Ich höre sie draußen reden. Als ich meine Tür einen Spalt aufmache sehe ich wie sie an die Wand gelehnt auf dem Boden sitzt und weint. Sie hat das Telefon nicht mehr in der Hand. Ich gehe zu ihr. Ich sollte es nicht tun, aber ich tue es.
 
 
 
Sie schaut auf und vergräbt ihr Gesicht dann in den Händen.
 
„Was ist los?“ frage ich unbeteiligt. Sie schüttelt den Kopf.
 
„Sebastian hat mit Marina Schluss gemacht.“ Sagt sie leise. Ich glaube ich weiß was das bedeutet. Er will sie wieder haben! Meine Augen weiten sich entsetzt. Ich weiß nicht warum, aber ich will nicht dass sie wieder mit ihm zusammen ist. Sie ist anders als er, sie passen nicht zusammen. Er kümmert sich nicht richtig um sie. All das weiß ich obwohl ich ihn nicht kenne.
 
„Und warum weinst du dann?“ frage ich kalt. Ich will nicht gemein sein. Aber es kommt von alleine. Sie sitzt da wie ein Häufchen Elend.
 
„Weil er mich wieder haben will. Aber-“, sie holt Luft. „Ich will ihn nicht wieder haben! Ich... ich komme mir so verarscht vor, verstehst du?“
 
Ich verstehe. Ich nicke.
 
„Ich liebe ihn noch.“ Sagt sie dann. Mein Herz zieht sich zusammen. Ich streiche ihr mit dem Finger über die Wange. Das wollte ich den ganzen Abend schon tun. Es fühlt sich gut an.
 
„Du musst wissen was gut für dich ist.“ Sage ich langsam. Meine Mutter hat das immer zu mir gesagt. Sie schaut mich an mit verweinten Augen.
 
Deswegen wollte ich niemals so ein Mädchen kennen lernen. Ich werde nicht schlafen können ohne von ihr zu träumen. Immerzu wird sie weinen. Immerzu denke ich an sie. Lisa. Lisa. Lisa.
 
„Ich weiß aber nicht was gut für mich ist. Ich weiß nur, was nicht gut für mich ist. Er ist nicht gut für mich.“ Flüstert sie. Sie zupft an ihrem einfachen T-Shirt herum und schaut mich fragend an. Ich nicke. Sie nickt.
 
Dann lächeln wir uns an.
 
„Wo ist Lena eigentlich?“ frage ich als ich darüber nachdenke seit wann ich sie kenne. Ihr Gesicht wird finster und sie steht langsam auf.
 
„In Italien.“ Sagt sie steif. Ich wollte es eigentlich nicht wissen, sie scheint zu denken ich bin an Lena interessiert. Lena interessiert mich nicht.
 
„Du fährst nicht weg.“ Stelle ich fest.
 
„Ich war ein paar Tage bei meinem Vater.“ Sagt sie langsam. Ich nicke.
 
„In Amerika.“ Sage ich. Sie nickt.
 
„Ja, ich bin gern dort, seine Frau und seine Kinder sind nett. Aber er mag mich nicht.“ Ich weiß nicht, wie man sie nicht mögen kann. Ich kann mit Mädchen wie ihr nichts anfangen, aber sie ist trotzdem nett. Ich mag sie.
 
 
 
Ich kann nicht glauben dass er hier mit mir redet als wäre er ein normaler Mensch. Er mag mich nicht. Er will nichts von mir. Und er ist ein Arschloch. Wie kann es also sein, dass er sich normal verhält?
 
„Kommst du klar?“ fragt er vorsichtig.
 
„Ja. Danke.“ Sage ich unsicher. Er lächelt mich an, aber sein Lächeln tut weh. Er lächelt jede an. Er lächelt gerne, er lächelt gut. Aber nicht ehrlich. Jedenfalls weiß man nie wann er es ehrlich meint.
 
„Ich gehe schlafen.“ Sage ich und gehe auf mein Zimmer zu. Er kommt langsam mit und wirft einen kurzen Blick auf meine Kommode, mein großes Bett, meinen Schreibtisch und den alten Computer. Dann entdeckt er meine Fotowand, an der lauter Bilder aus meiner Vergangenheit hängen. Er sieht sie an, es ist mir peinlich.
 
Auf einem Bild sind Mike und ich auf dem Sportplatz. Ich lache. Er lacht. Meine Mutter hat es aufgenommen. Dann ein ganz altes auf dem ich noch ein Kleinkind bin. Mike war noch nicht auf der Welt. Und eines, auf dem mein Vater ist. Er sieht gut aus. Meine Mutter war niemals so schön wie er. Deswegen hat sie ihn auch verlassen, damit konnte sie nicht leben. Wären wir doch bei ihm geblieben. Ich war seit Wochen nicht mehr im Krankenhaus. Ich fühle mich dort immer so verloren.
 
Dort hängt auch ein Bild von Basti und mir.
 
Ich sehe dass er dieses Bild am längsten ansieht bevor seine Augen weiter zu Lena, mir und ein paar anderen Freunden an meinem Geburtstag wandern. Es sind zu viele Bilder als dass er sie alle jetzt hätte ansehen können, also sieht er mich an.
 
„Ich finde dieser Sebastian passt nicht zu dir.“ Sagt er so direkt dass mir die Luft weg bleibt. Ich sehe ihn an und sehe in seinen Augen einen Blick, den ich sonst als immer nur in den Augen der Männer gesehen habe wenn sie Lena ansehen. In Pornos ist mir der Blick auch schon begegnet.
 
Ich ertappe mich dabei mich zu fragen woran er wohl denkt, dabei fantasiere ich von nackten Frauen und Männern. Scheiße.
 
„Er war der Erste in den ich mich verliebt habe.“ Gestehe ich. Er schaut mich erstaunt an, und geht weiter. Ich will nicht dass er all die Fotos sieht.
 
Seine Augen kleben an Lenas Bild.
 
„Ist sie deine beste Freundin?“ fragt er. Ich nicke.
 
„Ich kenne sie ewig, ich habe eine Weile bei ihr gewohnt nachdem ich bei Basti ausgezogen bin.“ Erzähle ich. Mir fällt auf dass ich kaum etwas über ihn weiß.
 
„Wer ist Belinda? Ist sie deine Freundin?“ frage ich also. Er lacht.
 
„Nein. Sie ist eine Freundin. Sie ist ganz hübsch und nett, aber ich will keine Beziehung.“ Sagt er. Er will keine Beziehung. Ich wusste er sucht nur ein Mädchen fürs Bett. Er ist wohl doch ein Arschloch.
 
„Das heißt, ich bin kein Beziehungstyp, ich kann es nicht.“ Sagt er ernst als wüsste er was ich denke. Ich lächle spöttisch. Jeder kann in einer Beziehung leben wenn er den richtigen Partner findet.
 
„Dein Zimmer ist nett.“ Sagt er schließlich. Ich mag mein Zimmer. Ich liebe all die Familienfotos an meinen Wänden, sie geben mir das Gefühl von Sicherheit.
 
„Jetzt sehe ich mir deins an.“ Sage ich einfach. Er starrt mich an.
 
„Aber...“ Ich schüttle den Kopf und gehe an ihm vorbei aus meinem Zimmer heraus. Er hat seines abgeschlossen. Ich sehe ich streng an und er schließt widerwillig auf. Ich knipse das Licht an.
 
Mich trifft der Schlag.
 
Es ist unglaublich! Er hat ein wundervolles, weißes Himmelbett, mit weißen Märchenvorhängen! Ich will gar nicht wissen wie viele Mädchen er darin schon flach gelegt hat.
 
Das Zimmer hat er schön hergerichtet, aber an seinen Wänden hängen keine Familienfotos, sondern große Fotos in großen Bilderrahmen, von Frauen, die sexy angezogen sind und in die Kamera lächeln.
 
„Wer sind die?“ frage ich erstaunt. Sie sehen alle klasse aus, viel besser als ich, vermutlich auch besser als Lena. Er lächelt und zeigt auf eine der Blonden, mit langen Haaren und vollen Lippen.
 
„Das ist Belinda.“ Sagt er nett, dann geht er weiter und nennt mir ein paar Namen. Ich bin ernsthaft erschrocken. Er treibt sich ja wirklich nur mit den hübschesten der hübschen rum. Keine, die einen Schönheitsfehler hat. Ich muss ihm ja direkt hässlich vorkommen im Vergleich zu denen!
 
„Ähh, ja, also ich geh schlafen.“ Stammle ich und gehe wieder in mein eignes Zimmer. Er bleibt in seinem. Ich bin froh, lege mich auf mein Bett und weine, ohne zu wissen warum.
 
 
 
Ich wollte nicht dass sie die Bilder sieht. Die sind bearbeitet, natürlich sehen die Frauen auf den Bildern ziemlich gut aus, aber sie sind nicht so perfekt. Wahrscheinlich hat sie jetzt Minderwertigkeitskomplexe.
 
Ich liege ruhig auf meinem Bett und versuche einzuschlafen. Lisa, Lisa, Lisa. Seit wann denke ich nur noch an sie? Es gibt so viele arme Menschen auf der Welt, die mir Leid tun könnten, aber ich denke nur an Lisa!
 
Nebenan klingelt ein Handy, dann höre ich ihre gedämpfte Stimme. Ich will es nicht, aber ich kann nicht anders.
 
Ich stehe auf und schleiche an ihre Türe um zu hören was sie sagt.
 
„Ich kann nicht. Ich habe einen Mietvertrag.“ Ich runzle die Stirn.
 
„Nein, ich lasse ihn nicht alleine in meiner Wohnung wohnen.“ Vielleicht ist es Sebastian, der mit ihr zusammen wohnen will? Warum sagt sie ihm nicht einfach dass sie ihn nicht wieder will?
 
„Basti, ich kann nicht!“ ruft sie ärgerlich. Ja, es ist Sebastian.
 
„Ich liebe dich auch, aber ich lasse mich doch nicht abschieben und dann wieder holen!“ sagt sie ärgerlich. Sie senkt die Stimme damit ich nebenan nichts verstehe. Sie weiß ja nicht dass ich lausche.
 
Sie liebt ihn also immer noch.
 
„Mein Tuch kannst du mir Morgen bringen, wenn es wirklich ich bei dir ist, ich fahre nicht zu dir.“ Sagt sie. Ich nicke zufrieden.
 
„Was?“ fragt sie erstaunt. Ich werde wieder nervös.
 
„Oh, Basti!“ sie klingt belustigt. „Ein Mädchen wie mich doch nicht!“
 
Ich ärgere mich.
 
„Ich gehe jetzt schlafen, ruf einfach morgen noch mal an.“ Sagt sie leise und legt auf. Ich würde gerne zu ihr gehen und sie fragen was das soll. Was will sie mit diesem halben Typen, der sie abgeschoben hat.
 
Ich schleiche zurück in mein Zimmer und lege mich wieder auf mein Bett. Was macht Lisa mit mir? Macht sie das absichtlich? Ich gehe morgen mit ihr ins Kino, dann will ich endlich wissen warum sie dauernd in meinen Gedanken ist. Lisa, Lisa, Lisa.
 
 
 
Als ich um zehn Uhr aufstehe steht sie schon fröhlich in der Küche und kocht Haferbrei. Ich stelle mich hinter sie in schaue über ihre Schultern während ich mich an sie lehne. Ich weiß sie kann es nichtleiden wenn ich sie anmache, aber ich will es ja nicht. Es geschieht wie von alleine. Sie dreht sich um und sieht unglaublich glücklich aus.
 
„Guten Morgen.“ Sagt sie und küsst mich auf die Wange. Ich starre sie entsetzt an. Sie lacht kokett.
 
„Erschrocken?“ fragt sie grinsend. Ich grinse ebenfalls.
 
„Nur auf die Wange?“ frage ich freundlich. Sie dreht sich ihrem Haferbrei um und rührt ihn um.
 
„Du kannst den Tisch decken.“ Sagt sie mit dieser guten Laune. Warum hat sie so gute Laune? Sie ist völlig anders wenn sie so fröhlich ist.
 
„Warum so gut drauf?“ frage ich also.
 
„Ich weiß nicht, ich bin einfach glücklich!“ antwortet sie und stellt den Topf auf den Untersetzer den ich gerade auf den Tisch gestellt habe.
 
Ich setze mich ihr gegenüber und warte darauf dass sie noch etwas sagt, aber sie schweigt.
 
„Hängt es mit einem Anruf gestern Abend zusammen?“ frage ich dann.
 
„Was!?“ fragt sie erschrocken. Ich lächle.
 
„Ich habe gehört, dass du telefoniert hast, ich weiß nicht mit wem, aber ich habe deine Stimme gehört.“ Erzähle ich leise. Ich lüge!
 
„Ach das war Lena, es geht ihr gut.“ Sie lügt auch! Warum lügt sie mich an?
 
„Sicher?“ frage ich unvorsichtig. Sie legt ihren Löffel zur Seite und schaut mich ruhig an.
 
„Warum gibst du nicht einfach zu dass du zugehört hast?“ fragt sie nett.
 
„Okay. Ich habe zugehört, es war Sebastian und ich will wissen was er wollte.“ Gebe ich unverblümt zu. Sie schnappt nach Luft.
 
„Er hat gefragt wann ich wieder zu ihm ziehe.“ Sagt sie dann.
 
„Und?“ frage ich interessiert.
 
„Ich ziehe nicht wieder zu ihm.“ Sagte sie einfach. Sie schaue sie genau an. Dann lehne ich mich zurück und versuche gelassen auszusehen.
 
„Am Ende hat er etwas gesagt was dich wohl gefreut hat.“ Meine ich.
 
„Ja. Er hat nur wegen mir mit Marina Schluss gemacht. Und das, weil er gesehen hat dass ich mit einem wie dir zusammen wohne.“ Erklärt sie.
 
„Einem wie mir?“ frage ich erstaunt.
 
„Er hat Angst du würdest mich angraben und ins Bett zerren. Er hat Angst du würdest mir meine Unschuld rauben und mich schwängern und dann wegrennen wie es alle Typen machen, die sind wie du.“ Sagt sie ehrlich. Ich schlucke. Das hat sie wirklich unverblümt ehrlich gesagt!
 
„Ich würde niemals ein Mädchen wie dich ins Bett zerren.“ Sage ich dann, weil ich ziemlich sicher bin dass es stimmt. Sie hat die Bilder der Frauen gesehen mit denen ich mich abgebe. Sie nickt.
 
„Das habe ich ihm auch gesagt.“ Das tut weh. Sie weiß immer alles im Voraus! Ich will dass sie Leidet, ich weiß nicht warum. Lisa, Lisa, Lisa.
 
„Gehst du heute mit mir ins Kino?” frage ich. So ein Scheiß! Das war ja wohl gar nichts, so ein schlechtes Timing hatte ich noch nie.
 
„Nein.“ Sagt sie einfach. Nicht beleidigt, nicht empört. Einfach nur nein.
 
„Warum nicht?“ kann ich mir nicht verkneifen zu fragen.
 
„Ich habe keine Lust.“ Sie steht auf und wäscht ihre Schüssel ab. Ich starre sie an und überlege was ich sagen soll. Keine sagt nein, wenn ich sie frage ob sie mit mir ins Kino will.
 
„Bist du sauer auf mich?“ frage ich besorgt.
 
 
 
„Nein.“ Wieso sollte ich? Ich habe gesehen dass ich nicht dem üblichen Typ entspreche mit dem er sich abgibt. Ich werde nicht wieder zu Sebastian ziehen, aber ich bestehe auch nicht auf eine Freundschaft zwischen mir und Joshua.
 
Es ist zu spät, ich glaube ich habe mich verliebt. Wenn auch nur ein ganz kleines bisschen. Ich muss etwas tun. Ich darf ihn nie mehr ansehen!
 
„Ich habe keine Ahnung was du hast, Lisa, aber ich hoffe wir können bald wieder Freunde sein.“ Sagt er ernst, steht auf und geht in sein Zimmer. Ich bleibe zerknirscht zurück. Bestimmt weiß er es. Dass ich mir seit einer Weile nur wünsche dass er sich an mich drückt. Dass ich es schön finde wenn er mich angräbt. Aber er gräbt jede an. Nicht nur mich zum Spaß.
 
Und er sagt mir so oft dass ich nicht sein Typ bin. Was bringt es also mir selbst einzugestehen dass ich mich – wenn auch nur ein winziges bisschen – in ein Arschloch wie ihn verliebt habe?
 
Als das Telefon klingelt gehe ich nicht ran. Entweder ist es für ihn oder es ist Sebastian. Ich will nicht mit ihm reden. Ich will ihn nie mehr sehen.
 
Joshua kommt aus seinem Zimmer und trägt Schuhe.
 
„Ich geh rüber zu Kevin.“ Sagt er. Ich nicke. „Willst du mit?“ fragt er zögernd. Ich schaue ihn überrascht an. Kevin ist der Koch. Sein Freund, der angeblich zu mir passen würde. Kevin.
 
„Ich weiß nicht.“ Sage ich vorsichtig. Ich will nicht den Anschein erwecken mich in sein Leben drängen zu wollen.
 
„Ist so ein Freundestreff, wir treffen uns Sonntagmorgens immer bei Kevin, Kevin, Belinda, Maria, Pascal und ich.“ Erklärt er. Ich will nicht mitkommen, ich würde wahrscheinlich nur stören.
 
„Ich glaube nicht.“ Sage ich also. Er schaut mich lächelnd an.
 
„Du störst nicht.“ Meint er. Ich komme mir durchschaubar vor, als wüsste er jeden Gedanken von mir. Es ist unheimlich.
 
„Na gut, aber nur wenn ich wirklich nicht störe.“ Sage ich leise. Ich gehe in mein Zimmer und ziehe eine Jeans und ein normales, weißes, T-Shirt an.
 
„Wie kommen wir dort hin?“ frage ich unsicher.
 
„Ich habe noch Belindas Auto, sie hat es mit geliehen damit ich meine Möbel transportieren konnte.“ Er nickt auf den kleinen Bus, der sehr teuer aussieht. Ob Belindas Eltern so viel Geld haben? Oder sie selbst?
 
„Was arbeitet sie denn?“ frage ich unvorsichtig.
 
„Sie modelt hin und wieder, aber eigentlich ist sie Schauspielerin.“ Erzählt er mir. Ich denke an die wunderschöne Blonde auf dem Foto. Das ist also Belinda. Ein Model. Ich steige neben ihm ein und schaue unsicher aus dem Fenster. Warum gehe ich mit zu seinen Freunden? Sie denken jetzt bestimmt ich habe selbst niemanden mit dem ich etwas tun kann.
 
„Ich bin froh dass du dabei bist.“ Sagt er plötzlich. Ich schrecke zusammen und sehe ihn erstaunt an.
 
„Warum denn, das sind doch deine Freunde!“ sage ich überrascht.
 
„Schöne Freunde, von denen mich manche eine Weile nicht anrufen und andere jeden Tag fünfmal aus Hoffnung ich würde mit ihnen zusammen ziehen.“ Schnaubt er. Ich sehe zu Boden. Belinda.
 
„Warum wohnst du nicht mit ihr zusammen? Wenn sie so redet.. na ja man denkt eben ihr habt was miteinander.“ Sage ich leise. Er schaut mich kurz von de Seite her an und konzentriert sich dann wieder auf die Straße.
 
„Ich hatte was mit ihr. Aber ich will keine Beziehung.“ Sagt er nochmals. Ich verstehe ihn einfach nicht. Er hat lieber jeden Tag eine andere im Bett, wird aber dadurch niemals die Geborgenheit einer Beziehung kennen lernen. Ich sage nichts mehr bis wir da sind.
 
 
 
Ein Mann öffnet die Tür, er ist etwa so alt wie wir. Er begrüßt Joshua freundschaftlich. Das muss Kevin sein. Ich gebe ihm die Hand und er sieht mich und Joshua fragend an. Joshua lächelt.
 
„Das ist Lisa.“ Sagt er freundlich.
 
„Deine Mitbewohnerin?“ fragt Kevin verblüfft. Joshua nickt.
 
„Kommt rein.“ Meint Kevin dann. In der ganzen Wohnung duftet es nach Essen. Es wundert mich dass Kevin nicht fett ist. Wenn ich jeden Tag so etwas gutes riechen würde, würde ich mich kugelrund futtern.
 
„Belinda und Pascal sind schon da. Wir warten nur noch auf dich und Maria.“ Erklärt Kevin Joshua und sieht mich flüchtig an. Dann mustert er Joshua fragend, der den Kopf schüttelt  und die Schultern zuckt.
 
„Bei mir war sie nicht.“ Sagt er einfach. Kevin nickt und sieht mich an. Ich weiß nicht ob ich etwas sagen soll, also lasse ich es und versuche möglichst nahe bei Joshua zu sein. Ich komme mir so verloren vor. In Kevins Esszimmer sitzt die wunderschöne Belinda und sieht Joshua strahlend an. Am einen Ende des Tisches sitzt ein anderer junger Mann, der dann wohl Pascal ist. Er ist dunkelhaarig, sieht nicht schlecht aus, aber nicht so gut wie Joshua. Belinda winkt Joshua neben sich und er setzt sich. Kevin schiebt mir einen Stuhl neben Joshua zurecht. Ich lächle ihn dankbar an, er lächelt zurück.
 
„Na Josh, was hast du so getrieben?“ fragt Pascal und mustert mich.
 
„Das ist erst mal Lisa.“ Stellt er mich vor. Belinda lächelt mich freundlich an.
 
„Die Mitbewohnerin, nicht?“ fragt sie nett.
 
„Ja.“ Sage ich nur. Pascal nickt verstehend.
 
Es klingelt an der Tür und Kevin rennt um sie zu öffnen.
 
„Lisa. Was machst du so?“ fragt Pascal. Er sieht mich so komisch an.
 
„Sie ist nicht hier um sich ausfragen zu lassen.“ Sagt Joshua scharf. Pascal verzieht das Gesicht zu einer spöttischen Grimasse mit der er Joshua ansieht, doch Belinda springt ihm bei.
 
„Ich finde es schön dass du da bist, Lisa.“ Sagt sie ernst. Ich lächle dankbar. Wenigstens sie gibt mir das Gefühl willkommen zu sein. Ich frage mich was Joshua gegen sie hat. Sie ist wirklich sehr schön, macht aber einen unglaublichen sympathischen Eindruck. Kevin kommt zurück, in Begleitung von Maria. Maria hat lange schwarze Haare, sie ist Japanerin.
 
„Oh, hallo“ sagt sie überrascht und schaut mich an.
 
„Hallo.“ Sage auch ich. Wir sehen uns lange an. Sie kommt mir bekannt vor. Dann setzt sie sich ans Tischende, schräg neben mich.
 
„Bist du Lisa Mahogany?“ fragt sie interessiert. Ich nicke überrascht.
 
„Dann kennen wir uns ja!“ sagt sie lachend. Ich kenne sie nicht.
 
„Woher?“ frage ich erstaunt. Sie lächelt.
 
„Wir sind uns neulich in der Werbeagentur begegnet in der du arbeitest. Du hast einen so guten Eindruck gemacht dass ich gleich darauf bestanden habe dass du mein Werbeplakat entwirfst.“ Erklärt sie mir. Ich weiß es wieder. Maria ist Tänzerin.
 
Auch sie ist wunderschön, sie hat nicht diese offene, zauberhafte Schönheit von Belinda, aber sie ist trotzdem sehr schön. Sehr zierlich und dünn, aber auch sehr elegant und hübsch.
 
Ich beginne zu begreifen aus was für Leuten Joshuas Bekanntschaft besteht.
 
„Du bist Joshuas Mitbewohnerin?“ fragt sie dann interessiert.
 
„Ja.“ Sage ich wieder nur.
 
„Das ist ja lustig, mit ihm würde ich auch gerne zusammen wohnen.“ Schnurrt sie und sieht Joshua an. Aber man merkt dass es Spaß ist. Er grinst sie an.
 
Kevin stellt das Essen auf den Tisch. Es duftet wundervoll. Er ist bestimmt ein sehr gutes Koch. Pascal stochert eine Weile in seinem Teller herum und sammelt alle Fleischstückchen heraus.
 
„Hör auf damit, Pascal, du verdirbst das Essen.“ Tadelt Belinda.
 
„Ich bin Vegetarier.“ Sagt er ärgerlich und wirfst ihre gemeine Blicke zu.
 
„Ich auch, aber wenn Kevin kocht esse ich es.“ Sagt Maria lachend.
 
„Erzählt doch mal, was habt ihr alle so getrieben?“ fragt Kevin.
 
„Ich habe mich für eine Rolle in einem Film beworben, sie rufen mich an wenn sie genaues Wissen.“ Sagt Belinda.
 
„Ich habe bald mein eigenes Tanzstudio.“ Sagt Maria und zwinkert mir zu. Ich lächle.
 
„Ich habe Urlaub.“ Sagt Joshua und streckt sich aus. Niemand sieht Pascal an, weil er nichts sagt. Ich frage mich allmählich wirklich was er für ein Typ ist. Kevin lächelt und schaut plötzlich strahlend auf.
 
„Ich gebe bald Kochkurse.“ Sagt er dann stolz. Ich lächle ihn an, das Essen schmeckt gut, wahrscheinlich werde ich selbst in seinen Kurs gehen.
 
„Und du, Lisa?“ fragt Belinda freundlich.
 
„Ich?“ frage ich erstaunt.
 
„Heißt hier sonst noch jemand Lisa?“ fragt Pascal grantig. Ich werde rot.
 
„Ich war ein paar Tage in den USA.“ Sage ich schüchtern.
 
„In Amerika? Das klingt schön, ich war auch mal in Amerika, mit Joshua, bei seiner Mutter.“ Erzählt Belinda fröhlich. Kevin lächelt mich an.
 
„Ja. Sie fand dich schrecklich.“ Murmelt Joshua. Ich schaue ihn überrascht an, Belinda lacht nur.
 
„Mütter finden mich immer schrecklich.“ Prahlt sie.
 
„Nicht nur Mütter.“ Sagt Kevin grinsend. Sie reckt ihr hübsches Kinn.
 
„Ich finde dich auch schrecklich Kevin!“ sagt sie dann.
 
„Danke.“ Kevin wedelt mit der Hand vor sich.
 
Ich esse vorsichtig etwas von Kevins Gemisch. Er schmeckt scharf, aber nicht zu scharf. Ich mustere mein Essen freudig erstaunt.
 
„Kannst du mir gleich ein Anmeldeformular für deinen Kochkurs geben?“ frage ich neckisch. Kevin grinst mich an.
 
„Lach nicht Kevin, sie hat’s wirklich nötig. Ihre Spiegeleier waren total versalzen.“ Sagt Joshua lachend. Ich trete ihm unter dem Tisch auf die Füße und lächle nur freundlich. Kevin übergeht Joshuas Kommentar einfach.
 
„Du bist die erste der ich eins schicke.“ Verspricht er. Belinda schaut uns aufmerksam an, sie hat das Gesicht in die Hände gestützt und keinen Bissen gegessen.
 
„Ist du wieder nichts?“ fragt Maria seufzend. Belinda richtet sich auf.
 
„Ich habe zugenommen.“ Sie schaut auf ihren dünnen Bauch.
 
„Das sind wahrscheinlich Hungergase.“ Spottet Pascal. Sie schaut ihn herrisch an und wirft dann ihre Haare zurück.
 
„Wenn du willst dass ich in deinen Filmen mitspiele musst du etwas netter sein.“ Schnurrt sie dann. Ich beginne zu begreifen. Pascal ist Regisseur.
 
 
 
Ich glaube Lisa fühlt sich nicht sehr wohl. Sie kennt meine Freunde nicht. Aber Kevin scheint sie zu mögen, die beiden lächeln sich ständig zu. Kevin wäre nicht gut für sie, er würde sich nicht um sie kümmern. Außerdem hat Pascal sie angestarrt. Mit dem sollte sich keine einlassen.
 
Belinda tut so, als wäre sie furchtbar nett, aber ich weiß sie ist nicht begeistert von Lisa. Das einzige was mich überrascht ist Maria, die Lisa wirklich zu mögen scheint.
 
„Du würdest tatsächlich mitmachen?“ fragt Maria pikiert und sieht Belinda an. Sie reckt ihr hübsches Kinn. Oh Gott, ich erinnere mich wie das Kinn an meinem Hals lag. Mir wird heiß.
 
„Wenn er sich benimmt!“ meint sie dann kokett. Lisa schaut sie aufmerksam an. Sie weiß ja nicht was Pascal beruflich macht. Ich sehe zu Kevin, der Lisa so eingehend mustert dass es fast überdeutlich wird. Ich nehme Lisas Hand und erwarte fast dass sie aufschreit, aber sie verzieht nicht mal das Gesicht. Sie redet einfach mit Maria und ignoriert meine Hand unter dem Tisch. Ich lasse die Hand wieder los und lege meine Hand auf ihr Knie. Ich merke wie sie angespannt wird. Wenn ich meine Hand jetzt nach oben berühren würde, würde jeder mitbekommen dass etwas passiert. Ich lasse es. Sie sollen nicht den Eindruck bekommen ich habe meinen Frauentyp geändert. Lisa interessiert mich nicht.
 
„Kommst du mal mit in die Küche, Josh?“ fragt Kein und sieht mich aufmerksam an. Bevor ich meine Hand von Lisas Knie nehme fahre ich dann doch ihren Oberschenkel hoch und stehe dann auf. Sie sieht mir hinterher als ich mit Kevin das Esszimmer verlasse. Ich würde sie nicht zurück lasen wenn ich nicht wüsste dass sie bei Maria in guten Händen ist.
 
 
 
„Diese Lisa.“, fängt Kevin an. In mir krampft sich etwas zusammen, wie immer bei dem Namen Lisa. Lisa. Lisa. Lisa. „Meinst du sie würde mit mir ausgehen?” fragt er vorsichtig.
 
Das war’s. Ich will nicht dass sie mit ihm ausgeht, aber das kann ich ihm ja nicht sagen. Er würde denken er ist nicht gut genug für sie. Ich stehe völlig neben mir. Am Anfang war es doch meine Idee die beiden zu verkuppeln, aber jetzt wo ich Lisa näher kenne sehe ich keinerlei Übereinstimmungen zwischen den beiden.
 
„Ich weiß es nicht.“ Sage ich und sehe zur Seite. Kevin mustert mich.
 
„Hast du abgenommen?“ fragt er dann. Ich lache verlegen. Wenn man von Lisa mit Vollkornnudeln und Salat gefüttert wird kann es passieren dass man an Gewicht verliert.
 
„Nein, höchstens ein Kilo.“ Vielleicht auch zwei oder drei.
 
„Hast du Probleme, Josh?“ fragt er besorgt. Ich glaube ich werde rot. Ich habe keine Probleme. Nicht mit Lisa und nicht ohne. Wie komme ich schon wieder auf Lisa? Er hat mich nicht nach ihr gefragt.
 
„Unsinn, mir geht’s gut, was sollte sein?“ frage ich nervös. Kevin seufzt.
 
„Ich glaube du bist verliebt.“ Sagt er dann offen. Ich erschrecke. Verliebt? Ich und verliebt? In wen sollte ich verliebt sein? Ich verliebe mich niemals. Niemals richtig. Wenn man richtig verliebt ist, dann will man eine Beziehung. Ich will keine Beziehungen, die bringen nur Ärger.
 
„So was Dummes.“ Murmle ich und sehe wieder zur Seite.
 
„Also gut, ich frage Lisa ob sie mit mir ausgehen will.“ Sagt Kevin lauernd.
 
„Schön, tu das!“ sage ich gereizt.
 
„Aber das gefällt dir nicht.“ Rät Kevin weiter. Ich lasse mich auf einen Stuhl fallen. Es ist mir völlig egal. Es ist mir völlig egal. Es sollte mir völlig egal sein.
 
„Du hast gewonnen! Ich glaube nicht dass sie zu dir passt!“ zische ich.
 
„Weil sie zu dir passt.“ Vermutet Kevin. Ich lache auf. So was Dummes habe ich noch nie gehört. Lisa, mit ihren traurigen Augen und dem Durchschnittlichen Gesicht, Lisa. Lisa, Lisa, Lisa.
 
„Sie passt gar nicht zu mir. Sie ist zu traurig, zu problematisch, zu normal. Sie ist lediglich hübsch, aber lange keine Schönheit. Sie passt nicht zu mir!“ sage ich und meine es völlig ernst. Kevin schüttelt den Kopf.
 
„Es ist doch verrückt wie man sich in die Vorstellung verrennen kann man verdient nur das Beste vom Besten. Du bist ein normaler Mensch, Josh. Und sie auch. Menschen verlieben sich hin und wieder, ob sie wollen oder nicht. Und wenn du dich nicht beeilst dann hat ein Anderer Lisa an der Angel, also pass auf.“
 
Ich habe Kevin noch nie so vernünftig reden hören.
 
Wir gehen wieder ins Esszimmer, Lisa hat angefangen den Tisch
 
abzuräumen und fragt Kevin wo sie die Teller hinstellen soll. Ich würdige die anderen keines Blickes und sage zu Lisa wir müssen gehen. Sie ist erstaunt, sagt aber nichts.
 
„Schade dass du schon gehst.“ Sagt Maria und küsst Lisa auf die Wange. Lisa lächelt sie an. Mich lächelt sie so selten an.
 
„Wir sehen uns ja morgen.“ Sagt sie und kommt zu mir. Ich nehme einfach ihre Hand und nicke allen zum Abschied zu. Sie schauen mich leicht verwundert an und verabschieden sich ebenfalls.
 
 
 
„Ich mag Maria.“ Sagt Lisa als wir draußen sind. Ich mag Lisa.
 
„Ich auch.“ Sage ich langsam. Sie schaut mich verwundert an. Vielleicht weil ich sie ununterbrochen anstarre.
 
„Ist was?“ fragt sie erschrocken. Ich schüttle den Kopf. Kevin kann nicht Recht haben, ich bin nicht in Lisa verliebt.
 
Ich ziehe aus, so schnell wie möglich. Wenn ich sie nie wieder sehe wird alles gut.
 
„Gehen wir noch ins Kino?“ fragt mein Mund. Am liebsten würde ich mir selbst eine in die Fresse hauen. Was ist los mit mir? Ich muss verrückt sein!
 
„Oh ja! Was läuft denn für ein Film?“ fragt sie erfreut.
 
„Keine Ahnung, war vielleicht ne blöde Idee.“ Sage ich leise und gehe schnell zum Auto. Sie runzelt die Stirn.
 
„Ist das nicht Belindas Auto?“ fragt sie erstaunt. Ich nicke.
 
„Sie hat zwei, also kann ich das hier wohl eine Weile fahren.“ Weiche ich aus. Sie zuckt die Schultern und setzt sich neben mich.
 
Wann soll ich ihr nur sagen dass ich nicht länger bei ihr wohnen kann? Und wie soll ich es begründen? Ich habe gar keinen Grund, und ich würde ja dort wohnen bleiben wenn Kevin nicht gesagt hätte... Aber das ist Blödsinn. Ich verliebe mich nicht in Mädchen wie Lisa. Sie machen Probleme, ich brauche keine Beziehung, ich brauche nur Sex.
 
Liebe und Geborgenheit habe ich bei meiner Mutter in Amerika, die paar Mal im Jahr wenn ich bei ihr bin. Lisa sieht mich an.
 
„Irgendwie bist du komisch.“ Sagt sie.
 
„Quatsch, ich konzentriere mich aufs Fahren.“ Sage ich hastig.
 
„Joshua. Wir fahren noch gar nicht.“ Erinnert sie mich. Ich schaue zur Seite.
 
„Was hat Kevin zu dir gesagt?“ fragt sie besorgt.
 
„Geht dich nichts an.“ Raunze ich sie an. Es tut mir ja Leid. Ich wäre ja gerne mit ihr befreundet, aber vielleicht verliebt sie sich in mich! Vielleicht ist sie ja verliebt in mich, und will nicht dass ich es merke. Sie ist manchmal so seltsam. Und sie hat so komisch auf die Bilder der Frauen in meinem Zimmer reagiert.
 
„Lisa?“ frage ich. Sie sieht mich abwartend an. „Hast du dich in mich verliebt?“ ich weiß ich bin direkt, aber was soll ich sonst tun? Ich starte den Motor während sie rot wird. Oh Gott! Sie ist also in mich verliebt! Ich will das alles nicht mehr, ich drehe durch!
 
„N-Nein.“ Sagt sie leise und sieht überall hin nur nicht zu mir.
 
„Ich glaube dir nicht.“ Sage ich ehrlich.
 
„Das ist nicht mein Problem! Du bist nicht der tollste Typ der Welt, Joshua. Du bist ein ganz normaler Mann, und nicht mal mein Typ. Du musst dir nicht einbilden dass jede dir verfällt. Ich tue es nicht.“ Zischt sie. Ich glaube ihr immer noch nicht. Vielleicht hat sie Recht, aber sie kann mir nicht in die Augen sehen, und sie ist rot geworden. Ich fahre zu unserem Haus und steige aus. Sie sieht mich noch immer nicht an und verschwindet gleich in ihrem Zimmer.
 
 
 
Ich lege mich auf mein Bett und weine. Das war nicht fair. Diese Frage zu stellen sollte verboten werden. Mir wird heiß und kalt, ich kann gar nicht mehr aufhören zu weinen.
 
Ich ignoriere mein Handy als es klingelt. Vielleicht ist es Lena. Lena hat sich vom ersten Moment an in Joshua verguckt, ich habe erst nach und nach gemerkt dass ich ihn toll finde.
 
Aber jetzt finde ich ihn nicht mehr toll. Ob Kevin ihm gesagt hat ich wäre verliebt? Habe ich mich wirklich so auffällig benommen? Ich habe Kevin zugelächelt, mit ihm geflirtet, warum also sollte irgendjemand denken ich wäre in Joshua verliebt? Nicht mal Maria war auf diese Idee gekommen. Und Belinda war wohl nur so nett weil sie mich nicht als Gefahr gesehen hat. Wütend reiße ich meinem Kuscheltier <Titti> seine Haare aus.
 
Es ist fast siebzehn Uhr.
 
Mein Handy klingelt wieder. Ich schaue auf den Display. Es ist Lena. Ich gehe ran, melde mich aber nicht.
 
„Lisa?“ fragt sie erstaunt. Ich sage immer noch nichts.
 
„Was ist los, Lisa?“ fragt sie besorgt. Ich glaube sie hört dass ich weine.
 
„Es ist...“ ich kann es ihr nicht sagen. Sie fand ihn von Anfang an toll, ich nicht. Wie könnte ich ihr sagen, ich liebe ihn und er weiß es?
 
„Wegen Sebastian und Marina?“ fragt sie.
 
„Er hat mit Marina Schluss gemacht weil er mich zurück will.“ Erzähle ich schluckend. Mir ist plötzlich schlecht, ich glaube ich muss kotzen.
 
Es klingelt an unserer Türe, ich glaube Joshua hat aufgemacht. Er scheint sich zu freuen, ich höre seine Stimme. Seine Stimme, und die Stimme einer Frau. Ich versuche wegzuhören.
 
„Das ist ja fantastisch! Wie geht es Joshua?“
 
ich ziehe meinen Papierkorb zu mir und kotze hinein. Der Brei sieht wirklich eklig aus. Schade, Kevins Essen war so gut, ich hätte es gerne verdaut.
 
„Joshua geht es gut.“ Bemühe ich mich zu sagen.
 
„Was ist denn eigentlich los mit dir?“ fragt sie genervt. Ich zucke zusammen. Ja, was ist eigentlich los mit mir? Nichts. Ich bin todunglücklich. Ich habe mich in ihn verliebt obwohl ich mit aller Kraft versucht habe mich nicht zu verlieben. Und er weiß alles.
 
„Ich bin grade sehr beschäftigt Lena, außerdem habe ich kaum Geld auf dem Handy. Wie ist es in Italien?“ frage ich höflich.
 
„Schön, aber-“
 
„Klasse! Ich ruf dich bald an, Ciao!“ ich lege auf und drehe meinem Handy den Saft ab. Joshuas Besuch ist immer noch da, die beiden sind in seinem Zimmer. Ich höre Gekicher und Gestöhne.
 
Es interessiert mich nicht. Ich schleiche mich raus, rufe Sebastian an und bitte ihn vorbei zu kommen. Dann gehe ich wieder in mein Zimmer und versuche mein Gesicht zu reparieren.
 
Ich gebe vor die Türglocke überhört zu haben und lasse Joshua die Tür öffnen. Es klopft an meiner Türe. Joshua steht davor.
 
„Sebastian ist da, soll ich ihn wegschicken?“ fragt er hilfsbereit.
 
„Bewahre! Warum das denn?“ ich stehe auf, lächle ihn an und gehe zu Sebastian, den ich küsse. Dann gehe ich mit ihm ins Kino.
 
Ich brauche Joshua nicht und Punkt.
 
 
 
Warum tut sie das? Ich dachte wir hätten uns darauf geeinigt dass sie nicht zu Sebastian passt. In meinem Zimmer wartet Belinda, aber ich habe auf einmal gar keine Lust mehr mit ihr zu schlafen.
 
Ich schaue Lisa und Sebastian hinterher. Sie ist flatterhaft. Schießt es mir durch den Kopf. Dann lache ich über mich selbst. Wenn etwas nicht zu ihr passt, dann flatterhaft.
 
Belinda kommt aus meinem Zimmer. Ihre Kleider sind verrutscht, so wie meine, und ihr Haar zerzaust.
 
„Wer war das eben?“ fragt sie und schmiegt sich an mich.
 
„Sebastian.“ Ich spucke diesen Namen.
 
„Wer ist das denn? Ein Freund von dir?“ fragt sie verblüfft. Ich schüttle den Kopf und sehe sie abschätzig an.
 
„Lisas Freund.“ Erzähle ich angeekelt.
 
„Sie hat einen Freund? Das ist doch schön!“ meint Belinda.
 
„Er passt nicht zu ihr. Ich dachte sie hat es kapiert als ich es ihr gesagt habe.“ Schnaube ich. Belinda seufzt und küsst mich auf die Nase.
 
„Du kannst ihr nichts befehlen, Joshua. In ihrem Leben spielst du keine Bedeutende Rolle.“ Belehrt sie mich.
 
„Woher willst du das wissen?“ frage ich scharf.
 
„Als sie mit Maria geredet hat ist nicht einmal dein Name gefallen. Aber von einem Sebastian hat sie geredet. Und von ihrem Vater in den USA. Von ihrer Mutter und ihrem toten Bruder. Sie ist kein Mädchen für dich, Joshua. Sie ist nicht deine Klasse.“
 
Sie hat ja Recht, aber wieso muss sie das sagen? Lisa ist ein so nettes Mädchen. Sie hat so vieles was Belinda fehlt.
 
„Ich habe jetzt keinen Bock mehr auf ficken.“ Sage ich ehrlich.
 
„Kein Problem. Sehen wir uns einen Film an.“ Schlägt sie vor. Ich nicke.
 
„Was hat Lisa denn so für Filme?“ fragt sie und geht zu dem Schränkchen unter dem Fernseher. Sie verzieht das Gesicht.
 
„Igitt! Lauter Filme in denen Menschen zerfetzt werden. Die ist doch nicht normal.“ Jammert sie. Ich setze mich auf die Couch und beobachte Belinda. Sie ist ein Mädchen für mich. Sie ist die, bei der ich wohnen sollte.
 
„Ich glaube ich ziehe zu dir.“ Teile ich ihr mit. Sie schaut auf und rennt zu mir. Ich hasse es wenn sie sich in meine Arme wirft und mich so küsst wie jetzt. Es ist als wäre sie meine Freundin oder so.
 
„Schatz, meinst du das wirklich?“ fragt sie begeistert. Ich nicke.
 
„Ich sage es Lisa heute Abend.“ Meine ich. Sie vergräbt ihr Gesicht in meinem Nacken. Ich merke wie ich einen Steifen bekomme. Aber ich denke an Lisa. Lisa, Lisa, Lisa.
 
 
 
Es ist schon nach elf als Lisa endlich nach Hause kommt. Sie küsst Sebastian an der Tür und zieht ihre Jacke langsam aus. Ihre Bluse ist halb offen. Ich schließe angeekelt die Augen und bleibe auf der Couch liegen.
 
Sie sieht mich genau, ich weiß es. Sie schaut auf ihre DVDs die auf dem Boden liegen und kommt her um sie aufzuräumen.
 
„Ich ziehe aus, weißt du.“ Sage ich zu ihr. Sie schaut auf mich und ich richte mich auf.
 
„Gut.“ Sagt sie nur und packt die DVDs in den Schrank. Neben mir steht die Flasche Likör die ich zusammen mit Belinda getrunken habe.
 
„Gut?“ ich stehe ungläubig auf. „Macht es dir nichts aus, dass ich ausziehe?“ frage ich verletzt. Sie schaut mich seltsam an.
 
„Nein, nicht wirklich. Ich ziehe wieder zu Sebastian sobald mein Mietvertrag abgelaufen ist.“ Erklärt sie.
 
„Ich dachte du willst ihn nicht mehr.“ Sage ich. Etwas pocht in meinem Kopf. Sie schaut auf den Boden.
 
„ich liebe ihn.“ Sagt sie dann wie ein kleines Kind. Es fehlt nur noch dass sie aufstampft. Aber sie tut es nicht. Ich stelle mich genau vor sie und sehe sie an. Man sieht ihre Brüste weil die Bluse offen ist. Im Wohnzimmermülleimer liegt ein Kondom, sie sieht es natürlich gleich.
 
„Hattest du Spaß?“ fragt sie mit einem spöttischen Lächeln. Ich kann mich nicht mehr halten, da ist etwas in mir, dass will jetzt raus. Es tut weh sie so reden zu hören. So gleichgültig. Ich lege meine Arme um ihre Schultern.
 
„Ich will nicht dass du zu ihm ziehst.“ Sage ich eindringlich.
 
„Warum nicht? Weil er nicht zu mir passt?“ fragt sie schluckend. Ich schüttle den Kopf. Ich weiß doch selbst nicht warum, alles was ich weiß ist, dass mein Herz klopft und mir übel wird wenn ich daran denke wie er sie küsst. Ich lege meine Arm um sie und presse sie an mich so fest ich kann. Sie fühlt sich so gut an! Aber sie wehrt sich.
 
„Ich dachte du wärst in mich verliebt.“ Sage ich leise.
 
„Dann hast du falsch gedacht.“ Sagt sie wütend. Ich schüttle den Kopf. Und fahre mit den Händen an ihrem Rücken herab bis zu ihrem Hintern. Dann küsse ich sie einfach. Ich schiebe meine Zunge in ihren Mund und reibe meinen Körper an ihr. Oh Gott, wie lange ich drauf gewartet habe! Sie erwidert meinen Kuss und ich kann nicht anders. Ich ziehe sie in mein Zimmer als ich einen Ständer bekomme.
 
 
 
Seine Hände sind überall! So was bin ich nicht gewohnt, ich habe Angst! Er liegt halb auf mir und küsst mich. Er küsst mich! Ich dachte ich bin nicht sein Typ, ich dachte er will nichts von mir.
 
Ich will ihn von mir schieben, aber er küsst mich einfach. Ich muss ihm sagen das ich Jungfrau bin, dass ich es noch nie getan habe. Dann wird er aufhören. Aber ich will es doch! Ich bin doch verliebt in ihn, auch wenn ich etwas anderes behauptet habe.
 
„Joshua...! sage ich leise. Er reagiert nicht. Ich sage es lauter.
 
„Was ist denn?“ fragt er und knöpft konzentriert meine Bluse auf.
 
„Ich muss dir was sagen, würdest du bitte zuhören?“ frage ich ärgerlich. Er schaut mich genervt an, liegt immer noch halb auf mir.
 
„Ich dachte es interessiert dich vielleicht dass ich Jungfrau bin.“ Sage ich leise. Er schaut mich eine Weile unerreichbar an bis die Worte zu ihm durchgedrungen sind. Er flucht.
 
„Verdammt! Du hast mit einem Kerl zusammen gewohnt der dich nicht ein einziges al gefickt hat?“ fragt er ungläubig. Mir gefällt seine Ausdrucksweise nicht.
 
„Ich habe mir vorgenommen zu warten!“ Verteidige ich mich. Er schnaubt.
 
„Worauf? Bis kleine Kobolde auf Schweinchen fliegen? Scheiße warum hast du mir das nicht früher gesagt?“ fragt er, aber er klingt nicht mehr wütend. Ich schaue ihm diesmal in die Augen.
 
„Wann hätte ich es dir denn sagen sollen? Irgendwo zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer?“ frage ich höflich. Er lacht und küsst mich auf die Nase.
 
„Willst du weiter warten oder darf ich?“ fragt er dann. Ich bin gerührt dass er fragt. Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Nur, dieses darf ich klingt ziemlich erwartend. Ich zucke die Schultern.
 
„Für wen sollte ich es aufheben?“ frage ich und sehe ihn ernst an.
 
„Kluges Mädchen.“ Er küsst mich wieder, diesmal vorsichtig. Ich lache.
 
„Ich bin vielleicht Jungfrau, aber man kann mich küssen wie jede andere.“ Teile ich ihm mit. Er seufzt und streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
 
„Das glaube ich dir. Aber wenn ich nicht aufpasse dann drehe ich durch! Erklärt er langsam. Ich nicke mit gerunzelter Stirn. Also er ist wirklich ganz schön ehrlich.
 
Er küsst mich wieder und ich lege mich zurück. Ich vertraue ihm. Ich liebe ihn. Ich werde nicht zu Sebastian ziehen. Was ist schon Sebastian? Wenn ich an ihn denken habe ich kein Herzklopfen, dann werde ich nicht mit diesen Gefühlen von Zärtlichkeit überschüttet.
 
 
 
Ich wache am nächsten Morgen auf und will mich ausstrecken.
 
Lisa liegt neben mir.
 
Ich schließe die Augen und öffne sie wieder, aber Lisa liegt immer noch neben mir. Ich fluche. Wie konnte mir das passieren? Sie schläft und atmet gleichmäßig. Ich stehe vorsichtig auf.
 
Langsam erinnere ich mich wieder an gestern. Dieses Gefühl kommt wieder. Dieses Gefühl dass ich sie beschützen will, dass ich sie von Sebastian fern halten will. Lisa, Lisa, Lisa.
 
Trotzdem hätte ich das nicht tun sollen. Ich habe einen Fehler gemacht. Was würden meine Freunde sagen wenn ich ihnen Lisa als meine Freundin vorstelle? Meine Freundin? Ich habe keine Freundin.
 
Ich will keine Beziehung.
 
Aber Lisa ist kein Mädchen für eine Nacht. Lisa braucht eine Beziehung, jemanden der sie beschützt.
 
Was habe ich nur angerichtet? Wie konnte ich so dumm sein? Ich habe gestern nicht mehr aufgepasst was ich tue, verdammt, ich bin mit mir durchgegangen. Aber das Gefühl ist geblieben. Es überschwemmt mich immer wenn ich sie ansehe. Dieses Gefühl alles richtig gemacht zu haben. Ich muss hier raus!
 
Schnell ziehe ich mich an und stürze aus meinem Zimmer. Lisa schläft immer noch. Was soll ich jetzt tun? Habe ich überhaupt ein Kondom benutzt? Ich kann mich nicht daran erinnern.
 
Verdammt!
 
Wenn sie jetzt schwanger ist und am Ende will dass ich sie heirate?
 
Ich bin am Ende! Sie wird erwarten dass ich sie liebe.
 
Aber ich liebe sie nicht. Ich weiß das sich sie nicht liebe. Ich kann sie nicht lieben. Sie ist nicht mein Typ. Sie macht Probleme. Sie macht, das ich mich um sie sorge. Dass ich mir Gedanken um sie mache. Ich will das nicht. Ich will sie nicht.
 
Kevin kann nicht Recht haben, ich kann nicht verliebt sein. Ist dieses Gefühl, dass man einen Menschen braucht, wie die Luft zum Leben wirklich Liebe? Vielleicht tut sie mir nur Leid. Sie hat viel durchgemacht in den letzten Jahren.
 
Ja. Sie tut mir Leid. Ich habe sie getröstet.
 
Obwohl sie glücklich war? Sie wollte mit Sebastian zusammen ziehen. Ich wäre sie los gewesen und hätte bequem zu Belinda ziehen können, aber jetzt? Jetzt wird sie erwarten dass wir eine Beziehung haben. Sie wird jedem erzählen was für ein Arschloch ich bin wenn ich sage dass ich sie nicht liebe.
 
Ich höre Schritte in meinem Zimmer. Die Tür geht auf.
 
Sie sieht verschlafen aus. Natürlich. Wir haben nicht viel geschlafen letzte Nacht. Sie hat eines meiner Hemden angezogen.
 
Es würde keiner so gut stehen wie ihr, auch wenn sie fast darin versinkt. Sie sieht verwirrt aus. Schaut mich an. Schaut sich an. Schaut in mein Zimmer und schließt die Augen. Vielleicht überlegt sie auch ob sie einen Fehler gemacht hat. Hoffentlich denkt sie das selbe wie ich.
 
Ich will ihr nicht noch mehr weh tun, ich will ihr nicht sagen müssen das ich das nicht hätte tun sollen.
 
Sie kommt auf mich zu, lächelt. Sie lächelt. Lisa, Lisa, Lisa.
 
„Morgen.“ Murmelt sie. Sie sieht mich müde an, wartet dass ich etwas tue. Ich sehe sie nur an, weiß nicht was ich sagen soll. Ich glaube sie sieht es mir an. Sie beißt ihre Lippen zusammen.
 
„Du Schwein.“ Flüstert sie wütend zitternd.
 
„Lisa..“ es tut mir doch leid. Ich wollte das nicht. Ich will dass wir Freunde sind. Ich kann das alles nicht sagen. Ich stehe nicht auf solche Sätze.
 
„Du hast mich entjungfert und so wie ich dich kenne ist dir das scheißegal!“ faucht sie. Es ist mir nicht egal. Sie ist mir wichtig. Sehr wichtig. Aber ich will keine Beziehung.
 
„Du wusstest dass ich keine Beziehung will!“ sage ich ärgerlich. Ich sehe dass sie gleich weint. Jetzt komme ich mir wirklich vor wie ein verdammtes Arschloch. Sie lächelt nicht mehr. Ich will dass sie fröhlich ist.
 
„Ich habe nicht mal nachgedacht. Ich dachte...“ sie bricht ab und sagt nichts mehr. Ich verstehe sie ja. Aber wir können doch wieder Freunde sein. Ich mag sie. Ich mag sie wirklich. Aber sie ist so kompliziert!
 
„Du dachtest ich würde dich lieben? Will eine Beziehung mit dir?“ frage ich tief atmend. Sie nickt unsicher. Ich sacke zusammen.
 
„Es tut mir Leid, Lisa. Ich will keine Freundin haben die mir den Spaß verdirbt.“ Erkläre ich leise. Sie schluckt.
 
„Ich wusste von Anfang an was für ein Arschloch du bist.“ Flüstert sie. Sie dreht sich um und geht in ihr Zimmer. Nein, sie bleib vorher stehen und zieht mein Hemd aus um es mir vor die Füße zu werfen.
 
Es stört sie nicht dass sie darunter nackt ist, jetzt verschwindet sie in ihrem Zimmer. Ich gehe in meins.
 
Alles hier drin tut mir plötzlich weh.
 
Nach einer Weile höre ich wie sie die Tür zuschlägt. Sie ist also gegangen. Wann sie wohl wieder kommt? Sie wird sich beruhigen. Hoffentlich.
 
Neben meinem Bett liegt ihr BH. Ich hebe ihn auf und schaue ihn an. Warum habe ich mit ihr geschlafen?
 
Ich habe ihr angesehen dass sie keines der Mädchen ist, mit denen ich mich sonst als rumtreibe. Warum habe ich es dann getan? Wenn sie wieder kommt sage ich ihr dass ich sie nicht verlieren will. Dass ich mit ihr zusammen wohnen will, aber ich will nicht dass wir immer zusammen hängen und sie es als selbstverständlich ansieht dass ich ihr gehöre. Ich will mich nicht einschränken.
 
Und sie?
 
Was ist wenn sie mit Sebastian schläft während ich mit Belinda schlafe? Und dann wieder mit mir? Ich schlucke angeekelt.
 
Sie hat es geschafft. Mein Leben ist kompliziert geworden. Ich will nicht dass sie zu Sebastian geht. Ich will nicht dass sie zu einem anderen geht. Das ist meine Lisa.
 
Ich zucke zusammen. Ich habe gerade meine Lisa gedacht.
 
Erstaunt stelle ich fest dass es mir scheißegal ist wenn sie mich ihren Joshua nennen würde. Ich glaube es würde mir sogar gefallen.
 
Ich lächle erstaunt. Ich will eine Beziehung mit Lisa. Mit der traurigen, komplizierten Lisa. Mit diesem hübschen, klugen Mädchen, dass eine Leidenschaft für Horrorfilme hat.
 
Ich fühle mich wie vor den Kopf geschlagen. Ist es das? Das was alle meinen wenn sie davon reden verliebt zu sein? Den Wunsch zu haben sein ganzes Leben mit einem Menschen zu verbringen, auch wenn man ihn kaum kennt?
 
Lisa, denke ich. Lisa, Lisa, Lisa.
 
 
 
Ich stehe in Sebastians Küche und schaue mich um. Alles dreht sich in meinem Kopf. Ich weiß jetzt was ich von Joshua halten kann. Das tut weh. Seit gestern hatte ich das Gefühl er liebt mich und ist wirklich bereit eine Beziehung mit mir einzugehen. Ich sehe sein Lächeln und höre seine Stimme.
 
Sebastian kommt wieder und hat ein Päckchen Taschentücher für mich dabei. Ich lächle ihm dankbar zu.
 
„Jetzt erzähl was passiert ist.“ Bittet er mich. Ich schlucke, schaue zu Boden und erzähle was Joshua getan hat. Was ich getan habe. Was wir getan haben. Sebastian sieht mich enttäuscht an, lässt mich aber ausreden.
 
„Also hast du dich wirklich in ihn verliebt?“ fragt er leise. Ich nicke. Es tut mir Leid. Es tut mir alles Leid. Es tut mir Leid, dass ich Sebastian betrogen habe. Mein ganzes leben tut mir plötzlich Leid.
 
Es tut mir Leid, dass wir aus Amerika hergekommen sind. Es tut mir Leid, dass mein Bruder tot ist. Es tut mir Leid, dass meine Mutter im Koma liegt. Es tut mir Leid, dass ich sie solange nicht besucht habe. Es tut mir Leid, dass Sebastian mich für Marina verlassen hat. Es tut mir Leid, dass ich mich während dessen in Joshua verliebt habe.
 
Und ich hoffe ihm tut es Leid, dass er mich behandelt hat wie eines seiner Betthäschen. Ich hasse ihn.
 
„Ich stürze mich am besten von einer hohen Brücke.“ Schlucke ich.
 
„So ein Unsinn. Ich glaube du solltest einfach mal eine Auszeit nehmen. Ich rufe bei der Agentur an und sage du kommst heut nicht mehr zur Arbeit. Dann gehe ich zu Joshua und werfe ihn raus. Und dann bleibst du eine Weile alleine und erholst dich.“ Beschließt Sebastian.
 
„Warum tust du das für mich? Ich habe dich betrogen.“ Sage ich und schäme mich. Er lächelt schwach.
 
„Erinnerst du dich wie du mir das Gefühl beschrieben hast, dass du im bezug auf Joshua hast?“ fragt er freundlich. Ich nicke. „Ich fühle genau so für dich. Ich frage mich wie ich jemals so blöd sein konnte zu denken, dass Marina mir mehr bedeutet als du.“
 
Ich versuche glücklich zu sein, aber ich liebe Sebastian nicht mehr. Ich liebe Joshua. Ich liebe seine Art mit mir zu reden. Ich liebe sein lächeln und seine Stimme. Ich liebe sein Aussehen, seinen Körper und seine Aura. Ich liebe alles an ihm, sogar die Tatsache dass er keine Beziehung haben will. Auch wenn ich ihn deswegen nicht haben kann.
 
Sebastian kocht mir eine Tasse Tee und setzt sich wieder mir gegenüber. Dann seufzt er tief.
 
„Ich hab’s verstanden. Ich bekomme dich nie wieder. Das ist okay, ich weiß wie es ist wenn man verliebt ist.“ Sagt er neckisch. Ich lächle und stehe auf.
 
„Ich gehe in den Park, spazieren und einen freien Kopf kriegen... und so.“ sage ich unsicher. Er schaut mich misstrauisch an.
 
„Du tust dir doch nichts, oder?“ fragt er vorsichtig. Ich seufze tief.
 
„Nein.“ Sage ich bestimmt.
 
Und dann gehe ich meine Mutter besuchen, die immer daliegt und mich nicht sehen kann. Es tut alles so weh!
 
 
 
Ich suhle mich gerade in diesem Gefühl verliebt zu sein, da klingelt es an der Tür. Zufrieden lächle ich. Lisa kommt zurück und hat sich beruhigt, ich werde ihr sagen, dass ich sie liebe. Alles wird wieder gut.
 
Doch nicht Lisa steht vor der Tür, sondern Sebastian. Ich verziehe das Gesicht. Was will der denn hier.
 
„Lisa ist nicht hier.“ Sage ich abweisend. Er nickt.
 
„Ich weiß. Sie war gerade eben bei mir. Sie hat mir alles erzählt. Ich bin hier um dir zu sagen dass du bis heute Abend Zeit hast um deine Sachen zu packen und auszuziehen.“ Sagt er klar. Ich starre ihn an.
 
„Was hat sie dir erzählt?“ frage ich erschrocken. Oh Gott!
 
„Alles. Und du tätest gut daran gleich anzufangen deinen Krempel zusammen zu räumen. Nur damit du’s weißt – sie wollte sich etwas antun, und das ist alles deine Schuld!“ Die Worte zischen auf mich herab wie ein Hammer auf meinen Kopf. Lisa ist zu Sebastian gefahren und hat ihn beauftragt mich rauszuschmeißen?
 
„Aber ich kann nicht gehen!“ sage ich entsetzt. Er sieht mich an.
 
„Und wieso bitte schön nicht?“ fragt er schief. Ich hole tief Luft.
 
„Weil ich Lisa liebe!“ sage ich ernst. Es ist raus. Ich habe der ersten Person meine Liebe zu Lisa gestanden. Es klingt seltsam wenn man es ausspricht. Nicht so stark, wie wenn man es denkt.
 
„Du liebst Lisa?“ fragt Sebastian stammelnd. Ich nicke.
 
„Aber sie hat gesagt du hast gesagt du liebst sie nicht und willst keine Beziehung!“ sagt er verblüfft. Ich schaue verlegen zur Seite.
 
„Ich bin es nicht gewohnt mit einem Mädchen wie Lisa zusammen zu sein. Sie ist anders als alle die ich kenne! Ich habe eben etwas Zeit gebraucht um zu merken dass sie mir viel bedeutet.“ Sage ich und merke schnell wie kitschig das klingt.
 
„Aber -... du...“ Sebastian sieht völlig vor den Kopf geschlagen aus.
 
„Wo ist sie?“ frage ich eindringlich.
 
„Sie sagte sie will einen freien Kopf kriegen.... und so.“ sagt er langsam.
 
„Verdammt und wo kann sie sein?“ frage ich genervt.
 
„Das musst du wissen, ich dachte du liebst sie.“ Sagt er angriffslustig. Ich habe keine Lust mich jetzt mit ihm zu streiten. Ich schnappe mir eine Jacke und gehe um sie zu suchen.
 
Sie hat eine Mutter die im Koma liegt, einen Bruder der Tod ist und Freunde, die ich nicht kenne. Entweder ist sie ganz einfach spazieren, oder bei ihrer Mutter, oder auf dem Friedhof, bei ihrem Bruder.
 
Ich werde sie nie finden.
 
 
 
Ich komme gerade aus dem Blumengeschäft und habe einen Strauß bunter Blumen in der Hand.
 
Er steht vor dem Friedhof und schaut sich suchend um. Ich bin versucht umzudrehen, aber ich will mir beweisen, dass ich nicht feige bin.
 
Ich kann mir nicht vorstellen was er hier tut, außer mich zu suchen. Also gehe ich zu ihm.
 
„Suchst du mich?“ frage ich mutig. Er dreht sich erstaunt um und ich erschrecke als ich auf seinem Gesicht einen Ausdruck tiefer Glückseligkeit sehe. Er lächelt mich an und ich kann nicht anders als zurück zu lächeln.
 
„Sebastian war bei mir.“ Sagt er dann. Ich sehe zu Boden.
 
„Ich habe mir gedacht dass er zu dir geht.“ Gebe ich zu.
 
„Ich habe ihm erklärt warum ich nicht ausziehen kann.“ Sagt er leise.
 
„Und warum kannst du das nicht?“ frage ich und bemühe meine Stimme abkühlen zu lassen. Ich will nicht, dass er auszieht.
 
„Weil“ er holt tief Luft. „Ich mich in dich verliebt habe.“ Sagt er. Ich schaue ihn aufmerksam an um festzustellen ob er lügt. Aber entweder er ist ein sehr guter Schauspieler, oder er hat sich tatsächlich in mich verliebt. Ich wage nicht gleich daran zu glauben.
 
„Du hast dich in mich verliebt?“ frage ich flüsternd. Er nickt ernst.
 
„Es tut mir so Leid, dass ich es nicht früher gemerkt habe.“ Sagt er. Ich nicke langsam und schaue – auf meiner Lippe kauend - zur Seite.
 
Dann sehe ich ihn wieder an.
 
Er wirkt nervös, als erwarte er, dass ich etwas sage. Ich gebe mir einen Ruck und lächle ihn an.
 
„Weißt du, es ist völlig egal, dass du es erst jetzt gemerkt hast. Hauptsache du hast es gemerkt.“ Sage ich ehrlich. Er schließt ausatmend die Augen und öffnet sie dann wieder um mich anzusehen.
 
Und dann küsst er mich.
 Gemeinsam gehen wir zu dem kleinen Grab meines Bruder und legen ihm die Blumen darauf die ich ihm gekauft habe. Es tut nur noch halb so sehr weh wie zuvor. Ich hoffe wirklich, dass meine Mutter überlebt um ihn kennen zu lernen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.07.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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