Jürgen Lorenzen

Küss mich!

 ‚Küss mich!’

 

 

In einem Landhaus am Waldrand  saßen vier Männer in einem Kaminzimmer um einen niedrigen Glastisch herum. Der goldgelbe Lichtschein des prasselnden Kaminfeuers erhellte schwach die Aufschrift ihrer T-Shirts: „Die fantastischen Vier!“

 

Der Schwarzhaarige hielt in seiner Hand vier Streichhölzer. Nacheinander zogen sie jeweils einen Strunk mit roter Kappe. Sie verglichen und der Blonde mit den azurblauen Augen erhob sich, da er das kürzeste Streichholz gezogen hatte. Er leerte sein Glas mit der tiefroten Flüssigkeit und ging in die Küche. Auf der Anrichte standen die frischen Zutaten für ein Festessen. Aus einer Schublade holte der Blonde ein Tranchiermesser.

 

Dann verließ er schweren Schrittes das Efeu umrankte Haus und bewegte sich auf den angrenzenden Schuppen zu, der silbrig im vollen Novembermond schimmerte.

 

Er öffnete das Scheunentor, trat ein und ging zum Verschlag. Vorsichtig zog er die Gattertür auf und setzte seinen Fuß auf das trockene Stroh.

 

Ein weißes Kaninchen schaute ihn mit großen Augen an. Seine Löffel hingen lang herunter und streiften einige abstehende Halme. Langsam schritt der Mann auf das ruhig atmende Angora-Knäuel zu. Hinter seinem Rücken blitzte die scharf geschliffene Klinge.

 

Das Kaninchen säuselte sanft: „Küss mich! Denn ich bin eine verwunschene Prinzessin! Bitte! Küss mich auf mein weiches Fell!“

 

Der Mann hielt inne und stutzte. Manchmal werden Märchen wahr und Wünsche erfüllen sich, schoß es ihm absurd durch den Kopf. Er stieß  das Messer in die nächste Holzplanke, beugte sich zum Kaninchen herunter und küsste es hinter dem linken flauschigen Ohr.

 

Ein Knall zerriss die Stille, dann stieg ein Rauchpilz  zur Decke.

 

Eine wunderschöne rothaarige Frau in einem glitzernden Abendkleid stand unschuldig dort, wo vorher das Kaninchen kauerte. Sie blickte zu Boden. Ein kleiner Laubfrosch mit einer goldenen Krone auf dem feuchtgrünen Schädel hüpfte hektisch auf dem zusammengefallenen T-Shirt hin und her und quakte sie an.

 

Die Frau sagte lakonisch: „Männer!“ und zog das Messer aus dem Holz. Als sie das Scheunentor hinter sich schloß, kräuselte sich der frostige Bodennebel um ihre zarten Knöchel.  Auf dem Weg zur Haustür hauchte sie kalt: „Und nun sind die drei anderen feigen Frösche dran…“

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.07.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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