Friederike Fischer

Endlich Frühling Teil 3

 

Kapitel 4
 
Jerry hatte mir Ryans Telefonnummer und Adresse gegeben und nun saß ich zu Hause auf meinem Bett, das Telefon in der Hand, die Nummer schon eingetippt und den Daumen zitternd über dem Anrufsknopf haltend. Immer wieder gab ich die Nummer neu ein, wenn sie vom langen Warten bereits wieder vom Display verschwunden war. Jedes Mal war ich kurz davor auf den „grünen Knopf“ zu drücken, aber irgendetwas hielt mich ständig zurück. Ich hatte furchtbare Angst, er könnte meine Absichten durchschauen, aber war es nicht eigentlich das, was ich wollte? Schließlich wollte ich ihn doch erreichen, um ihn wiederzusehen. Aber wie würde er reagieren? War es nicht offensichtlich, dass ich mich nicht aus rein freundschaftlichen Gefühlen bei ihm meldete? Ich legte das Telefon beiseite. Es ist einfach zu offensichtlich! Er würde es sofort durchschauen und nie wieder mit mir sprechen. Jerry war so zuversichtlich gewesen, warum? Natürlich kannte er Ryan schon seit Jahren und konnte ihn viel besser einschätzen, aber er konnte doch unmöglich denken, dass Ryan so für mich empfindet wie ich für ihn!
„Ach verdammt!“, fluchte ich und ließ mich rücklings aufs Bett plumpsen.
Auf einmal hörte ich Jerrys Stimme in meinem Kopf.
„Wenn das jetzt nicht klappt! Schnapp ihn dir!“
In diesem Moment schwappte eine Welle schlechten Gewissens gegenüber Jerry über mich. Er hatte Ryan und mich auf seiner Geburtstagsfeier gesehen, seine Gedanken aber für sich behalten und mich nicht damit aufgezogen. Er hatte mir zugehört, meine Gefühle akzeptiert und mir Ryans Adresse und Telefonnummer gegeben. Nun erwartete er von mir, dass ich seine Hilfe auch gebrauchen würde und mit Ryan Kontakt aufnahm, aber stattdessen saß ich in meinem Zimmer und war zu feige ein einfaches Telefonat zu führen, aus Angst vor den Konsequenzen.
Ich nahm das Telefon wieder in die Hand, wählte die Nummer und rief auch tatsächlich an.
Tut... tut...
Meine Hände wurden klitschnass und dann meldete sich endlich eine Stimme.
„Dieser Anschluss ist zur Zeit nicht erreichbar. Versuchen Sie es später noch mal.“
Ungläubig starrte ich das Telefon an. Das war jetzt ein Scherz, oder? Ich wählte die Nummer noch ein zweites Mal, war aber wieder erfolglos. In diesem Moment war ich unfähig meine Gefühle zu definieren. War ich enttäuscht, entsetzt, wütend, traurig, oder vielleicht sogar glücklich, dass ich nun keine Angst mehr vor einem Gespräch mit Ryan haben musste?
Ich wusste es einfach nicht. Da klingelte plötzlich das Telefon in meiner Hand und sofort fing mein Herz an zu rasen. War das Ryan, der meine Nummer auf seiner Anrufliste gesehen hatte und nun zurückrief?
„Ja?“ Dieses leise gestammelte Ja hallte noch einen Augenblick in meinem Kopf nach und löste dort unerträgliche Kopfschmerzen aus.
„Daniel bist du das?“
Das war eindeutig nicht Ryan, nur meine Eltern nannten mich noch Daniel, alle anderen hatten den Spitznamen übernommen, den Jerry mir gegeben hatte. Sie nannten mich nur Dan. Jerry war der Meinung gewesen ich bräuchte einen coolen englischen Namen, also hatte er aus Daniel Dan gemacht.
Ein Räuspern in der Leitung sagte mir, dass mein Vater immer noch auf eine Antwort wartete.
„Ja“, sagte ich also schnell.
„Ist alles okay bei euch?“
„Ja, ist es. Wann kommst du morgen am Bahnhof an?“
Mein Vater war für eine Woche nach Berlin auf eine Geschäftsreise gefahren, er arbeitete für eine Firma, die Computersoftware herstellt.
„Ich denke so gegen 17 Uhr. Was hast du denn am Wochenende vor, schon was geplant?“
„Nein, ich weiß noch nicht so recht. Vielleicht fahre ich zu Jerry.“
„Na ja, lass dir was Schönes einfallen, du hast ja noch einen Tag Bedenkzeit. Oh je“, er machte eine kurze Pause, „jetzt ist ja schon wieder eine Woche um und ich hab immer noch keine Idee, wohin ich deine Mutter nächstes Wochenende ausführen soll. Hast du nicht eine Idee?“
„Wieso denn nächstes Wochenende?“, fragte ich, da ich keinen Schimmer hatte, wovon er da sprach.
„Unser Hochzeitstag, Daniel! Das kannst du doch nicht vergessen haben!“
Und ob ich es vergessen hatte! Ich hatte weiß Gott genug eigene Probleme! Ich wollte mein Wochenende auch gerne mit Ryan verbringen, aber das war wohl mehr als unwahrscheinlich.
„Ach ja, natürlich nicht. Ich war in Gedanken gerade noch bei diesem Wochenende.“ Na ja, eher ganz woanders.
„Also, hast du nun eine Idee?“
„Nein, tut mir Leid, mir fällt dazu auch nichts ein, aber du hast ja noch eine Woche Zeit.“
„Das wird aber knapp. Na gut, ich überleg mir noch was. Bis morgen dann!“
„Ja, bis morgen!“
„Grüß deine Mutter von mir und sag ihr bloß nicht, dass ich etwas plane!“
„Nein, mach ich nicht. Tschüß!“
Als ob sie da nicht selber drauf kommen würde, dass mein Vater wie immer einen riesen Aufstand wegen ihrem Hochzeitstag machen wird.
Ich legte das Telefon einmal mehr zur Seite und schaltete den Fernseher an. Ich hatte beschlossen am morgigen Samstag in die Stadt zu fahren und meinem Lieblingscafé mal wieder einen Besuch abzustatten.
 
Am nächsten Morgen wachte ich schon früh auf, jedenfalls für meine Verhältnisse früh. Um neun schlug ich meine Bettdecke zurück, stand auf und sah aus dem Fenster. Ich beobachtete einen älteren Mann, der in seinem Garten Laub zusammenhakte, das Laub, das in den letzten Tagen massenweise von den Bäumen gefallen war und nun den Boden bunt färbte. Der Herbst versteht es die Arbeit, die er verursacht zu vertuschen und sie mit angenehmen Dingen zu verbinden. Die Farbenpracht der Bäume und sowieso der ganzen Natur ist einfach wunderschön anzusehen. Auch wenn ich den Herbst als Jahreszeit nicht besonders schätzte, da es häufig regnet und alles kahl wird, gefiel mir dies schon immer sehr.
Der Mann hatte sein Laub zu Haufen zusammengetragen und stopfte es nun in Säcke, die er vor sein Gartenhäuschen stellte. Seine Frau kam aus der Terrassentür gab ihm einen Kuss auf die Wange, legte ihm einen Arm um die Schulter und gemeinsam gingen sie ins Haus. Findet jeder im Leben den perfekte Partner für sich, oder zumindest jemanden mit dem man alles teilt, Freude, Leid und vor allem Liebe?
Langsam löste ich mich vom Anblick dessen, was hinter der Fensterscheibe geschah und verließ mein Zimmer. Ich ging ins Bad, duschte, zog mich an, putzte mir die Zähne und ging um zehn runter in die Küche. Meine Mutter war noch nicht wach, also frühstückte ich alleine, hinterließ ihr eine Nachricht ich sei in die Stadt gefahren und verließ um zwanzig nach zehn unser Haus. Wie immer in Gedanken vertieft lief ich zur Bushaltestelle. An diesem Tag hatte es gleich nachdem ich die Haustür zugezogen hatte zu donnern begonnen und ausgerechnet jetzt verspätete sich der Bus um einige Minuten. Auch die große schöne Eiche hatte die meisten ihrer Blätter bereits abgeworfen und ließ an jenem Tag die Äste weit hinunter hängen.
Die Gassen in der Innenstadt waren wie leergefegt und nur ab und zu begegnete man jemandem. In den Läden dagegen drängten sich die Leute und man glaubte ersticken zu müssen. Ich hatte mein Café gerade betreten, als mir schon klar wurde, dass ich mich gar nicht erst nach einem Platz umzusehen brauchte. Mir blieb also nichts anderes übrig als auf dem Absatz kehrt zu machen. Ich hätte mich an eine Hauswand lehnen können und anfangen zu weinen. Wieso konnte nicht mal einen Tag lang alles so funktionieren wie ich es mir vorgestellt hatte? Und überhaupt, was machten diese ganzen Menschen in der Stadt? Sonst bleiben sie immer alle zu Hause, wenn es regnete und an diesem Tag gewitterte es sogar.
Trotz des Dranges mich auf den Boden zu werfen und nie wieder aufzustehen tat ich einen Schritt nach dem anderen. Ich durchquerte Gassen, die ich noch nie betreten hatte und fand mich schließlich in jener Gasse wieder, in der ich Ryan zum ersten Mal begegnet war.
Ich blieb an der Stelle stehen, an der er mich zu Boden geworfen hatte und versank in der Erinnerung an seine Stimme und seine ausgestreckte helfende Hand. Ein Blitz, gefolgt von dem Grollen des Donners, holte mich in die Realität zurück, bevor ich auf immer und ewig in meinen Träumen gefangen gewesen wäre. Zitternd vor Kälte schaute ich in die dunkle Gasse, aus der Ryan vor Monaten gelaufen kam, doch heute blieb sie unbewegt. Nur die Tropfen des gerade einsetzenden Regens hüpften auf den Steinen auf und ab, kamen schließlich auf dem Boden zur Ruhe und schlossen sich zu riesigen Pfützen zusammen.
Wie schon damals nach unserem Zusammentreffen lief ich nun durch den Regen der Bushaltestelle entgegen.
„Was wird heute noch alles schief gehen“, murmelte ich vor mich hin und auf einmal spürte ich die Regentropfen nicht mehr. Ich blieb stehen, sah nach vorne und ich konnte vor den dunklen Hauswänden erkennen, dass es noch regnete. Warum sah ich den Regen, spürte ihn aber nicht? War ich schon so nass, dass es auf den einen oder anderen Tropfen nicht mehr an kam?
„Ich hoffe heute geht nichts mehr schief!“, sagte eine Stimme hinter mir und ich fuhr erschrocken herum. Bevor ich  reagieren konnte, griff Ryan nach meiner Hand, zog mich an sich und küsste mich. Ich nahm gerade noch wahr, dass er einen Schirm über uns hielt, dann ließ ich mich einfach in seine Arme fallen und genoss den Augenblick als wäre er lebensnotwendig. Das erste Mal an diesem Tag war ich froh, dass niemand auf den Straßen unterwegs war und auch der Regen störte mich nicht mehr. Im Gegenteil, ich fand es einfach romantisch mit Ryan hier zu stehen und ihn zu küssen, während es von oben auf den Schirm prasselte, unter dem wir standen.
Ich hatte dem Tag Unrecht getan, denn wäre das Café nicht dermaßen überfüllt gewesen, hätten wir in dem Moment nicht in dieser Gasse gestanden.
Langsam löste Ryan seine Lippen wieder von meinen und lächelte mich an.
„Hab ich dich doch noch gefunden. Irgendwie habe ich mir gedacht, dass ich dich hier finde, wenn du schon mal in der Stadt bist.“
„Woher wusstest du denn, dass ich in der Stadt bin? Und wieso wolltest du mich finden und warum...?“ Er hob die Hand, um mir zu sagen, dass ich still sein sollte.
„Vielleicht könntest du erst mal eine Antwort abwarten, bevor du schon wieder eine neue stellst, dann beantworte ich dir auch alles, was du willst.“
Mein ganzes Blut schoss mir in den Kopf und ich sah schnell zu Boden.
„Ja, natürlich.“
„Ich hab gesehen, dass jemand versucht hat mich anzurufen und dachte es war Jerry, der mal wieder irgendwo in der Weltgeschichte irgendwelche Verwandten besucht, also hab ich ihn angerufen und gefragt. Na ja, und er hat mir dann gesagt, dass du nach meiner Telefonnummer gefragt hattest. Ich hab also deine Nummer angerufen und deine Mutter hat mir gesagt, du bist in die Stadt gefahren.“
„Aber Jerry hat dir nicht gesagt, wieso ich nach deiner Nummer gefragt habe, oder?“ Es wäre mir unendlich peinlich gewesen, wenn Ryan von meiner Sehnsucht nach ihm erfahren hätte.
„Nein, hat er nicht, aber ich habe mir da selbst etwas zusammengedichtet und wie ich sehe hatte ich Recht.“
Wenn es möglich war, wurde der Farbton meines Gesichtes noch eine Spur dunkler und Ryans Lächeln ähnelte nun mehr einem belustigtem Grinsen.
„Zu deiner zweiten Frage“, begann er erneut, „ ich habe nach Jerrys Geburtstag oft an dich denken müssen, war mir aber nie ganz sicher, was das zu bedeuten hatte. Nachdem ich allerdings erfahren hatte, dass du mich erreichen wolltest, war für mich klar, dass ich dich wiedersehen wollte.“
Das konnte doch nicht wahr sein! Ich stand sprachlos da und starrte Ryan an. Hatte ich nun tatsächlich denjenigen gefunden, der mir nach getaner Arbeit einen Arm um die Schulter legt und mich zurück ins Haus begleitet? War es so einfach jemanden zu finden, der einen genauso liebt wie man ihn? Konnte es sein, dass sich in einer Stadt wie Stade zwei Jungen finden, die Gefühle für einander entwickeln, die über bloße Freundschaft hinaus gehen? Ich hoffte, dass es so war. In diesem Moment hätte ich ohnehin nichts anderes hören wollen.
„Eigentlich hatte ich aber gar nicht vor hierher zu gehen, du hättest also durchaus auch umsonst hier suchen können“, unterbrach ich das Schweigen, wagte es aber immer noch nicht Ryan in die Augen zu sehen.
„Ich hab ja schon überall umsonst gesucht, da blieb nur noch diese Gasse, da ich davon ausgegangen bin, dass du nicht wieder nach Hause gefahren bist.“
Wieder schwiegen wir uns eine Weile an und währenddessen schien alles um mich herum in Zeitlupe abzulaufen. Es hatte inzwischen wirklich aufgehört zu regnen und Ryan klappte seinen Schirm wieder zusammen. Ich sah ihn die ganze Zeit an, beobachtete jede seiner Bewegungen. Sie waren so fließend und zogen mich in ihren Bann.
„Es tut mir Leid, Dan, aber“, er kam auf mich zu und nahm mich in den Arm, „ich muss wieder nach Hause. Mein Vater hat heute Geburtstag. Ich verspreche dir, dass ich dich bald anrufe, ok?“
Er sah mich an und dieses Mal wich ich seinem Blick nicht aus, dann küsste er mich noch einmal. Zuerst auf die Wange, dann auf den Mund. Ich war so unendlich glücklich.
„Ist gut“, sagte ich, kurz bevor er mir den Rücken zu wandte und ging. An diesem Tag wartete ich so lange bis er nicht mehr zu sehen war und erst dann machte ich mich auf den Heimweg.
 
 
 
Kapitel 5
 
Der Bus hielt um drei an der Haltestelle, die der großen Eiche gegenüberlag, ich stieg aus und schlug, wesentlich glücklicher als morgens, den Weg nach Hause ein.
Ich sah meine Mutter durchs Küchenfenster und nur wenig später drang mir ein köstlicher Geruch in die Nase. Hungrig schloss ich die Haustür auf, zog Schuhe und Jacke aus und ging zu meiner Mutter in die Küche.
„Du bist schon wieder da? Ich hatte dich ehrlich gesagt erst am späten Nachmittag zurück erwartet.“
„Das Café war vollkommen überladen und in den übrigen Geschäften konnten man auch kaum mehr einen Fuß vor den anderen setzen.“ Grinsend ließ ich mich auf die Essbank fallen.
„Dafür, dass du nicht das machen konntest, was du vor hattest hast du aber ausgesprochen gute Laune. Ich hab dich ja schon Ewigkeiten nicht mehr so lächeln sehen. Hast du dich mit diesem Jungen getroffen, der hier angerufen hat? Wer war das überhaupt?“
„Er heißt Ryan und ich habe ihn auf Jerrys Geburtstag kennengelernt.“ Und ich liebe ihn! „Er hat mich in der Stadt noch gefunden und wir haben uns“, ich suchte nach einem anderen Wort als geküsst, aber das fiel mir nicht gerade leicht, „die Stadt angesehen. Er kommt aus England, wie Jerry.“
„Ach, wirklich? Er hatte gar keinen Akzent.“
„Wahrscheinlich hat er schon in England Deutschunterricht gehabt. Bei Jerry hört man es ja auch nicht.“
„Ja, das ist wahr. Und er gefällt dir, dieser... Ryan, oder wem hast du dein Lächeln zu verdanken?“
„Ich finde ihn sehr... nett, ja.“
So langsam wurde mir bewusste, dass meine Mutter irgendwann erfahren musste, dass ihr Sohn schwul war. Ich würde Ryan sicherlich auch mal mit nach Hause bringen, wenn sich zwischen uns etwas entwickeln sollte, nur musste sie es dann schon wissen. Wie sollte ich das denn schaffen? Ich brachte es ja kaum über mich, ihr eine fünf zu beichten und nun musste ich ihr gestehen, mich in einen Jungen verliebt zu haben? Das war unmöglich!
„Schatz, wir können erst essen, wenn Andreas da ist. Du musst dich so lange noch irgendwie beschäftigen.“
„Aber Papa kommt doch erst gegen fünf, jetzt ist es viertel nach drei. Ich hab jetzt schon tierisch Hunger.“
„Dann musst du dir noch eine Kleinigkeit vorweg machen. Ich habe heute morgen Brötchen geholt, da sind noch welche, mach dir doch schnell eins davon.“
„Ja, dann mach ich das. Ich sterbe sonst, wenn ich noch zwei Stunden warten muss.“
„Na wenigstens isst du jetzt wieder regelmäßig. Ich dachte schon ich müsste dich irgendwann zwangsernähren, wenn du weiterhin so wenig gegessen hättest.“ Sie zwinkerte mir zu und gab mir ein Messer aus der Schublade. „Dieser Junge hat einen sehr guten Einfluss auf dich. Geht er auch auf deine Schule?“
Das war eine sehr gute Frage! Ging Ryan eigentlich auf meine Schule, oder überhaupt noch zur Schule? Vielleicht hatte er ja auch seinen Realschulabschluss gemacht und steckte jetzt mitten in einer Ausbildung. Ich hatte mein Wissen über ihn bislang nur auf Namen, Adresse und Telefonnummer ausweiten können.
„Ich weiß es nicht, ich weiß sowieso nur sehr wenig über ihn, aber wir haben uns ja heute auch erst zum dritten Mal gesehen.“
„Wieso denn zum dritten Mal? Hast du ihn nicht erst auf Jerrys Geburtstag kennengelernt?“
„Ja, klar, zum zweiten Mal. Es kommt mir nur schon solange vor.“ Meine Mutter schien sich mit dieser Antwort zufrieden zu geben und ich atmete erst einmal erleichtert auf. So etwas durfte mir nicht noch einmal passieren, wenn sie mein Geheimnis nicht lüften sollte, bevor ich es ihr gestehen konnte.
„Ok, dann geh ich eben noch ein bisschen nach oben.“
„Mach das, ich ruf dich, wenn dein Vater da ist.“
Ich nahm mir mein geschmiertes Brötchen und ging die Treppe hinauf in mein Zimmer.
Sobald ich die Zimmertür geschlossen und den Teller abgestellt hatte, stellte ich das Radio an und ließ mich aufs Bett fallen. Endlich konnte ich mir wieder wie jeder andere Mensch auch die Musik aus dem Radio anhören, ohne dass ich verzweifelt zusammenbrach. Wann Ryan wohl anrufen wird? Ich legte das Telefon auf meinen Nachttisch, obwohl ich nicht glaubte, dass er sich an dem Tag noch melden würde. Dann setzte ich mich an meinen Computer und überprüfte meine E-Mails. Da war sogar eine, sie kam von Jerry. Hätte ich mir auch denken könne. Jerry war von Natur aus sehr neugierig und musste natürlich sofort wissen, ob Ryan mich noch gefunden hatte.
Und ich hatte Recht.
 
„Hey,
hast du Neuigkeiten für mich?
Ich hab mich vielleicht gewundert als Ryan vor meiner Tür stand!
Ich gehe einfach mal davon aus, dass er dich noch gefunden hat und dir alles erzählen konnte.
Auf jeden Fall habe ich mein Versprechen dir gegenüber gehalten und ihm nichts von deinen Gefühlen erzählt.
Also, was habt ihr gemacht? Er hatte es ziemlich eilig als er bei mir losgefahren ist, musst du wissen! Ich glaub der hat sich echt gefreut dich zu sehen, aber was rede ich denn da. Du solltest derjenige sein, der mir Bericht erstattet.
Ich will natürlich alles genau erfahren, ich kenne euch ja immerhin beide sehr gut und sehr lange. Glaub also bloß nicht, dass du mir etwas verheimlichen kannst. Ich seh dir das an der Nasenspitze an, wenn du etwas auslässt.
Sobald ich es schaffe, schau ich mal wieder bei dir vorbei.
Jerry“
 
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und spielte mit dem Gedanken die besten Szenen der Geschichte einfach wegzulassen. Allerdings kannten wir uns wirklich schon sehr lange und ich glaube Jerry, dass er mich jederzeit durchschauen könnte.
Nachdem ich eine sehr ausführliche Antwort geschrieben hatte, die sogar die Presse zufrieden gestellt hätte, hörte ich wie die Haustür ins Schloss fiel und kurz darauf rief mich auch schon meine Mutter. Ich beendete also das E-Mail-Programm, fuhr meinen Computer herunter und verließ mein Zimmer mit dem breitesten Grinsen, das in meinem Gesicht Platz fand.
Mein Vater erzählte eine Menge von seinem Lehrgang und zwar vor, während und nach dem Essen. Ich hatte mich halb verhungert auf das Kartoffelgratin gestürzt und hörte ihm nur mit einem Ohr zu. Meine Mutter warf mir ständig einen höchst zufriedenen Blick zu und auch mein Vater schien meine Veränderung bemerkt zu haben. Wahrscheinlich waren meine Eltern beide froh, dass man wieder mit mir reden konnte.
Den Rest des Abends verbrachte ich in meinem Zimmer, sah mir das Abendprogramm im Fernsehen an und wünschte mir Ryan neben mich. Zum ersten Mal verspürte ich den Wunsch ihn ganz nah bei mir zu haben und mich an ihn zu kuscheln. Die ganzen Wochen zuvor wollte ich immer nur in seiner Nähe sein, aber jetzt da wir uns schon näher gekommen waren, wollte ich diese Nähe um jeden Preis bewahren und vor allem wollte ich ihn immerzu küssen.
Vielleicht meldete er sich ja schon morgen. Ich konnte es kaum abwarten ihn wiederzusehen und  bildete mir ein, dass meine Sehnsucht nach ihm noch größer geworden war.
Doch am Sonntag meldete er sich noch nicht.
Am Montag ging ich ganz normal in die Schule und musste Jerry natürlich alles noch mal persönlich erklären. Der Tag ging zu meinem Vergnügen ziemlich schnell rum, aber als ich nach Hause kam, wurde meine gute Laune wieder stark reduziert, da Ryan sich immer noch nicht gemeldet hatte. Seitdem lief jeden Tag das selbe ab. Ich ging morgens zur Schule, kam nachmittags zurück und wartete den ganzen restlichen Tag auf eine Nachricht von Ryan. Doch auch am Freitag Morgen hatte ich noch nichts von ihm gehört.
Meine Eltern hatten den erneuten Umschwung meiner Laune natürlich bemerkt und ich konnte ihnen sogar indirekt den Grund verraten. Ich sagte ihnen einfach die Wahrheit; dass ich Ryan lange nicht mehr gesehen hatte.
Am Freitag Nachmittag öffnete ich die Haustür, stellte meine Schultasche auf die Treppe und da kam mir meine Mutter freudestrahlend entgegen.
„Ich hab hier etwas, das dich sicher aufmuntern wird. Ryan war vorhin da und hat dir eine Nachricht hinterlassen. Er sieht wirklich sehr nett aus und er war sehr höflich.“
Sie gab mir ein zusammengefaltetes Blatt Papier und verschwand wieder im Wohnzimmer. Ich nahm das Papierstück, setzte einen Fuß auf die erste Treppenstufe und dann stürmte ich nach oben. Endlich! Endlich hörte ich etwas von Ryan. Ich entfaltete den Zettel und las ihn rasch durch. Es stand nicht viel darauf, nur zwei Sätze.
 
„Dan,
ich muss dir dringend etwas sagen, es betrifft auch dich.
Kannst du morgen zu mir kommen, die Adresse hast du ja?
Ryan“
 
Was hatte das zu bedeuten? Ehrlich gesagt machte mir das ein wenig Angst, oder eher sehr viel Angst.
In der Nacht wachte ich immer wieder auf, wälzte mich von einer Seite auf die Andere und versuchte vergeblich die Worte von dem Papier aus meinem Kopf verschwinden zu lassen. Um sieben Uhr morgens gab ich es schließlich endgültig auf und machte mich im Bad schon mal fertig, um nachher zu Ryan zu fahren. Dieses Gefühl nicht zu wissen, was man mit sich anfangen soll, kam mir nur allzu bekannt vor und somit wusste ich auch wie die Zeit am schnellsten verging. Ich setzte mich an meinen Computer, surfte ein bisschen im Internet, schaute mir gespeicherte Bilder an, sah nach, ob ich E-Mails bekommen hatte und vieles mehr.
Um zehn standen meine Eltern auf und eine halbe Stunde später frühstückten wir zusammen. Da Ryan keine Zeit angegeben hatte, wann ich kommen sollte und ich noch ein wenig Vorbereitungszeitzeit brauchte, beschloss ich erst nachmittags zu ihm zu fahren.
Mein Vater bot mir an mich zu bringen und so brachen wir um drei von zu Hause auf. Die Fahrt dauerte ewig, obwohl wir nur etwa zehn Kilometer zurückgelegt hatten.
Mit klopfendem Herzen stieg ich letztendlich aus dem Wagen und betrachtete zunächst das Haus. Es war groß und ziemlich schlicht in der äußeren Form. Der Vorgarten war gepflegt, aber überall mit Laub bedeckt. In die Hauswand waren Holzbalken eingesetzt, die an die Bauart von Fachwerkhäusern erinnerten. Die Fensterrahmen waren dunkelbraun gestrichen, wie auch die Balken und die Steine der Hauswand waren weiß.
Ich ging der Haustür entgegen, doch bevor ich klingeln konnte, öffnete Ryan schon die Tür.
„Hallo. Schön, dass du gekommen bist.“
„Hi.“
„Tut mir Leid, dass ich mich so späte gemeldet habe, aber den Grund wirst du heute erfahren. Aber komm doch erst mal rein.“
Er öffnete die Tür jetzt ganz und winkte mich herein. Von innen war das Haus auch sehr einfach eingerichtet, die Möbelstücke standen gut verteilt und die Wände waren durchgehend weiß gestrichen. Es gefiel mir dort.
Ryan führte mich die Treppe hinauf in sein Zimmer. Auf dem Weg hatte er mir den Arm um die Schultern gelegt und ich spürte, dass es das war, was ich mir gewünscht hatte. Er öffnete die Tür, ließ mich rein und sofort nachdem er sie wieder hinter mir geschlossen hatte nahm er meine Hand und führte mich, ohne auch nur ein Wort zu sagen, zu seinem Bett, das mit dem Fußende in den Raum hineinreichte. Dort setzte ich mich und richtete den Blick wieder auf Ryan.
Er stand vor mir, sah mich mit einem undurchschaubaren Blick an und begann langsam sein Hemd aufzuknöpfen. Gespannt folgte ich jeder Bewegung seiner Finger. Mit einem leisen Rascheln fiel sein Hemd zu Boden, und als ich den Blick wieder hob, war Ryan bereits dabei Knopf und Reißverschluss seiner Hose zu öffnen. Alles, was mir eben noch durch den Kopf ging, alle Sorgen, Gefühle des Kummers und vor allem die Sehnsucht nach Ryan waren gelöscht, ausgeblasen wie die Flamme einer Kerze. Doch wie das Auslöschen des Kerzenlichtes die plötzliche Dunkelheit mit sich bringt, so wurde es auch in meinem Kopf schwarz. Es blieb nur die Frage: Wie ist das so schnell gekommen?
Die Wärme von seinen Händen auf meinen Schultern holte mich aus diesem Trancezustand und füllte mein Inneres mit dem starken Gefühl des Glücks und der Liebe; der Liebe für Ryan, die so lange gefangen war. Was kümmerte mich diese dämliche Frage? Er war jetzt hier bei mir, das war alles woran ich denken wollte, und es gelang mir.
Ich saß da auf der Kante seines Bettes und schaute nervös auf die Kleidungsstücke, die eben noch Ryans wundervollen Körper bedeckten. Als ich mich schließlich seinem Gesicht zuwand, dem Gesicht, das mir so lange enthalten blieb, schenkte er mir ein Lächeln und küsste mich. Währenddessen wurde der Druck auf meinen Schultern kräftiger und ließ mich langsam aufs Bett sinken. In diesem Augenblick passierten viele Dinge, doch ich erinnere mich noch heute an jedes Einzelne. Meine Arme umschlungen seinen Körper, mein Mund erwiderte seinen leidenschaftlichen Kuss und meine Körpertemperatur passte sich der Seinen an, als wollten unsere Körper sich auf immer und ewig verbinden.
Nachdem auch ich von meinen Kleidungsstücken befreit war, verwöhnten Ryans Lippen meinen Oberkörper mit zahlreichen Küssen und an jeder dieser Stellen hinterließen sie noch einen Moment lang ein kribbelndes Gefühl.
Dass es nicht bei den Küssen bleiben würde, dachte ich mir schon, als ich sein Zimmer betrat, aber jetzt, da ich seine Hand zwischen meinen Beinen spürte, zuckte ich zusammen. Ryan schien es bemerkt zu haben, hielt jedoch nicht inne. Obwohl es mir peinlich war und ich spürte wie mein Gesicht rot wurde, tat ich es ihm gleich.
Für mich war diese Nacht mein erstes Mal und ich hätte nie gedacht, dass es mit einem Jungen sein würde, doch ich war überglücklich. Ich wünschte mir für immer neben ihm liegen zu dürfen, ihn zu küssen und mit meinen Händen über seinen Körper zu streichen. So zärtlich wie Ryan mich ansah dachte er sicher das Selbe, daran hatte ich keinen Zweifel. Nie wieder wollte ich Sehnsucht nach ihm haben, nie wieder wollte ich ihm nachlaufen müssen. Es sollte immer so sein wie in dieser Nacht, in der mein Leben eine Seele bekam.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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