Friederike Fischer

Endlich Frühling Teil 4

Kapitel 6
 
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, spürt ich als erstes Ryans Körper neben meinem. Seine rechte Hand lag auf meinem Bauch, sein Kopf lehnte an meiner Schulter und unsere Beine waren ineinander verschlungen. Ich lag noch einige Minuten reglos da und hielt die Augen geschlossen, bis ich bemerkte, dass Ryan sich bewegte und seine Hand von meinem Bauch weiter nach untern glitt. Sofort setzte ich mich auf und Ryan schreckte hoch.
„Was ist denn? Ist was passiert?“
„Nein, schon gut“, sagte ich lächelnd. Irgendwie fand ich es süß wie ahnungslos er war und gleichzeitig hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn aufgeweckt hatte.
„Tut mir Leid, dass ich dich geweckt habe.“
„Ach was! Wir haben ja lange genug geschlafen. Wie spät ist es denn eigentlich?“
Ich suchte in dem Haufen unserer Kleidungsstücke nach meiner Uhr, die ich gestern abgenommen hatte.
„Es ist halb neun.“
„Dann komm wieder her. Es ist noch viel zu früh, um aufzustehen.“
Ich kroch wieder zu ihm ins Bett, legte ihm meinen Kopf auf die Brust, lauschte seinem Herzschlag und er strich mit den Fingern durch meine Haare.
„Dan?“
„Ja?“
„Ich bin dir noch eine Erklärung schuldig.“
Ich sagte nichts denn auf einmal verspürte ich wieder dieses unangenehme Angstgefühl, das mich schon gestern den ganzen Tag gequält hatte. Nachdem wir Ryans Zimmer erst einmal betreten hatten, war dieser kleine gefaltete Zettel mit den beunruhigenden Worten darauf aus meinen Gedanken verschwunden. Wie hätte ich auch noch an etwas anderes als an Ryan denken können!
„Eigentlich hatte ich mir vorgenommen es dir gleich abends zu sagen, aber ich konnte meine Finger einfach nicht von dir lassen, immerhin hatten wir uns schon wieder eine Woche lang nicht gesehen und, Dan, ich konnte es kaum abwarten dich bei mir zu haben.“
Nun war er es, der mir nicht in die Augen sah und ich war ganz froh, dass er nicht so selbstbewusst war wie es sonst den Anschein hatte. Ich hatte mich schon öfters gefragt, ob er schon eine Beziehung gehabt hatte und vor allem, ob er schon eine Beziehung mit einem anderen Jungen gehabt hatte.
„Weißt du, Dan, ich muss dir etwas sagen, was mir nicht leicht fällt und ich würde es dir auch gerne ersparen. Ich... mag dich wirklich sehr, aber es gibt keine Möglichkeit für uns zusammen zu sein.“
Als ich mir sicher war, dass er nicht weiterreden würde und ich den ersten Schock überwunden hatte, entschied ich mich etwas zu sagen.
„Das verstehe ich nicht! Warum hast du dann wieder Kontakt zu mir aufgenommen, wenn du eigentlich gar nichts von mir wolltest? Gestern dachte ich...“
„Ja, ich weiß“, er schloss mich in seine Arme und fuhr mit leiser und zittriger Stimme fort, „ ich weiß, was du dachtest und es tut mir unendlich Leid, dass ich dir so nahe gekommen bin, obwohl aus uns nichts werden kann.“
„Es tut dir Leid? Mir tut es nicht Leid!“ Ich war wütend, einfach nur wütend. Ich wandte Ryan den Rücken zu und setzte mich auf die Bettkante.
„Mir tut es nicht Leid, dass wir uns begegnet sind, dass ich dich kennen- und liebengelernt habe, und dass ich gestern zu dir gefahren bin!“ Oh Gott! Hatte ich ihm gerade eine Liebeserklärung gemacht?
„So hatte ich das auch gar nicht gemeint. Es tut mir nicht Leid, dass wir uns begegnet sind, aber dass ich es so weit habe kommen lassen. Ich hatte nicht damit gerechnet dich zu treffen und nun kann ich es nicht mehr rückgängig machen.“
„Würdest du es denn rückgängig machen wollen?“
„Ich weiß es nicht. Es wäre besser für uns beide.“
„Ich versteh schon. Aber nenn mir den Grund! Warum willst du etwas, das gerade erst angefangen hat schon wieder beenden?“
„Meine Eltern wollen wieder nach England ziehen und ich muss mit.“ Er setzte sich jetzt neben mich und ich starrte ihn ungläubig an.
„Das ist alles? Das ist der Grund?“, fragte ich schließlich.
„Na du bist gut! Wie stellst du dir denn eine Beziehung vor, die durch zwei Landesgrenzen und die Nordsee getrennt ist?“
Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Ich hatte mit einem ‚Ich liebe dich nicht‘ oder ‚Es gibt jemand anderes‘ oder ‚Ich bin nicht schwul‘ gerechnet, aber das war... lächerlich! Natürlich war so etwas nicht einfach, aber sollte ich ihn deswegen wieder aufgeben? Fiel ihm das so leicht?
„Ich könnte dich doch besuchen und du kannst auch mal hierher kommen. Ist das wirklich der einzige Grund?
„Ja, ist es.“
„Dann muss ich dir eine Frage stellen. Wie wichtig bin ich dir?“
Verblüfft sah er mich an und suchte scheinbar nach einer passenden Antwort.
„Findest du das fair? Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich sehr mag, und dass ich dich vermisst habe.“
„Dann lass es uns doch wenigstens versuchen, natürlich vorausgesetzt du meinst das ernst, was du eben gesagt hast. Wenn nicht, dann...“
Er hielt mir eine Hand auf den Mund und die andere legte er auf meine Schulter. „Bist du jetzt endlich still? Du hast ja Recht, aber weißt du auch was das bedeutet?“
Langsam kam er auf mich zu und wollte mich küssen, doch diesmal hielt ich meine Hand dazwischen.
„Hattest du das nicht eben noch bereut? Ich möchte weder dein Spielzeug sein, noch etwas tun, das die Situation noch verschlimmert.“
„Tut mir Leid, aber ich habe ständig das Bedürfnis dich zu küssen und zu berühren. Ich möchte dich nicht als mein Spielzeug, ich will dich nur bei mir haben. Verstehst du nicht, warum ich uns diese Entfernung ersparen wollte?“
„Sicher verstehe ich das, aber du kannst doch nicht alles wegwerfen, nur weil wir uns selten sehen werden. Denkst du, ich würde dich nicht vermissen? Aber ich lebe lieber mit der Entfernung, als dich nie wieder zu sehen.“
Ryan sah mich eine Weile an, dann lächelte er.
„Du hast ja Recht, Dan. Ich würde es wahrscheinlich schon am ersten Tag bereuen. Aber sag mal, wie wichtig bin ich dir?“ Sein Lächeln verwandelte sich mal wieder in dieses schelmische Grinsen und dann fragte er: „ Hab ich da vorhin nicht ein ‚kennen- und liebengelernt‘ gehört?“
Schüchtern war er mir eindeutig lieber gewesen.
„Vielleicht, das sag ich dir jetzt aber nicht.“
„Na gut, aber ich liebe dich.“
Er packte meine beiden Handgelenke und sah mir in die Augen.
„Darf ich dich jetzt endlich küssen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten lehnte er sich vor und küsste mich. Er hatte gesagt, dass er mich liebt! Ich schlang meine Arme um Ryan und zog ihn mit mir zurück aufs Bett, wo wir die ganze nächste Stunde noch zusammen lagen. Erst da fiel mir auf, dass meine Eltern mich gestern Abend schon zurückerwartet hatten.
Wir zogen uns an und gingen hinunter in die Küche. Ryans Eltern saßen schon dort beim Frühstück und Ryan begrüßte sie auf Englisch. Er setzte sich dazu und klopfte auf den Stuhl neben sich.
Der Morgen verging schnell und ich verstand mich glücklicherweise sehr gut mit Ryans Eltern, sodass ich während des Frühstücks meine gute Laune beibehielt, allerdings schon wieder vergaß meine Eltern anzurufen. Ich stupste Ryan von der Seite an und fragte ihn, ob ich das Telefon benutzen durfte.
„Natürlich, aber wen willst du denn jetzt anrufen?“
„Meine Eltern. Sie denken, dass ich eigentlich schon gestern Abend nach Hause kommen wollte und machen sich bestimmt Sorgen.“
Ich ging hinaus in den Flur und wollte gerade den Telefonhörer in die Hand nehmen, als Ryan mir hinterher gelaufen kam und mich davon abhielt.
„Ich habe schon gestern mit deiner Mutter gesprochen.“
„Wann das denn?“
„Als du schon eingeschlafen warst.“ Er grinste mich an. „Du sahst so süß aus, wie du geschlafen hast und ich wollte dich nicht wecken.“
„Danke“, sagte ich ein wenig verlegen, „Was hast du ihr denn gesagt?“
„Dass du bei mir eingeschlafen bist.“
„Ist das peinlich!“
„Ach was! Du wirst übrigens erst abends zurückerwartet.“
„Ah ja!“, sagte ich und diesmal grinste ich ihn an. „Und was hast du jetzt vor?“
„Wie wär´s, wenn wir Jerry anrufen? Der platzt bestimmt, wenn er nicht bald etwas von uns hört. Ich habe ihm am Samstag das letzte Mal eine E-Mail geschrieben.“
„Ja, ich auch, der bringt uns um!“
Ryan nahm das Telefon und wir liefen laut lachend wieder in sein Zimmer.
Jerry war nicht wirklich sauer, dass wir uns beide eine Woche nicht gemeldet hatten, aber er wollte natürlich trotzdem alles genau erfahren. Die Detailbeschreibung musste allerdings Ryan übernehmen, während ich vor Scham mein Gesicht in der Bettdecke versteckte und Ryan deswegen einen Lachanfall bekam.
Den restlichen Tag verbrachten wir gemütlich oben in Ryans Zimmer, sahen uns DVDs an und gingen nur wieder nach unten, um Mittag zu essen. Jedes Mal, wenn ich meine Lage beim Fernsehen veränderte, rückte Ryan ein Stück näher an mich heran. Ursprünglich lagen wir beide bäuchlings auf dem Bett, jeder auf seiner Seite, aber letztendlich fand ich mich ganz nah an ihn gekuschelt auf der Seite liegend. Jedoch behielten wir trotz der gemütlichen Stimmung den ganzen Tag unsere Klamotten an!
Am Abend fiel es uns beiden sehr schwer zu akzeptieren, dass ich wieder nach Hause musste. Ryans Eltern waren noch zu Freunden gefahren und so war es uns wenigstens möglich uns angemessen zu verabschieden.
„Wann fahrt ihr denn?“, fragte ich ihn nachdem ich meine Jacke und Schuhe schon angezogen hatte.
„Am Mittwoch.“
„Schon so bald?“
„Ja, ich kann es nicht ändern. Ich sage dir die neue Adresse, sobald ich sie weiß, dann kannst du ja vielleicht in den Weihnachtsferien schon kommen, ich glaube nämlich nicht, dass ich dann schon wieder wegfahren kann.“
„Ich werde mal nachfragen. Hoffentlich haben meine Eltern nichts dagegen, schließlich denken sie ja, dass wir nur ganz normale Freunde sind.“
Mit diesem Schlusswort ging ich auf Ryan zu, umarmte ihn und gab ihm einen Kuss. Gerade noch rechtzeitig, denn mein Vater bog schon einige Sekunden später mit dem Auto in die Straße ein. Ich hatte ihn kurz zuvor angerufen und gefragt, ob er mich abholen konnte, ich hatte nämlich keine Lust zu Fuß zu gehen.
Um den Schein einer normalen Freundschaft zu wahren, und um Ryan noch einmal berühren zu können, umarmte ich ihn noch ein zweites Mal. Dann verließ ich den Garten, ging die Einfahrt hinunter und stieg ins Auto ein. Ich sah noch einmal zu Ryan hoch und fragte mich, was die Geste zu bedeuten hatte, die er gerade machte. Er zeigte mit dem Finger auf seine Jackentasche und winkte mir dann zum Abschied zu.
Die ganze Fahrt grübelte ich darüber nach und als wir zu Hause angekommen waren und ich die Hand aus Gewohnheit in die Jackentasche steckte, fand ich darin einen zusammengefalteten Zettel. Ich kam mir unglaublich blöd vor, dass ich diese einfache Bewegung nicht hatte deuten können.
Nachdem ich meine Mutter begrüßt und ihr versichert hatte, dass ich ausgeruht war, ging ich hinauf in mein Zimmer und las die Nachricht von Ryan.
 
„Ich würde morgen gerne zu dir kommen, wenn es dir recht ist.
Ruf mich an, falls es nicht geht, sonst komme ich gegen drei.
Ryan“
 
 
Kapitel 7
 
„Mama, sag mal, darf ich in den kommenden Weihnachtsferien nach England fahren?“
„Wie kommst du denn darauf? Was willst du denn da?“
„Ryan zieht wieder dort hin. Er hat mich gefragt, ob ich ihn nicht besuchen will.“
Ich hatte es mir wesentlich einfacher vorgestellt, die Geschichte so gleichgültig zu erzählen. Bei dem Gedanken Ryan bald nicht mehr sehen zu können, bleib mir beinahe das Herz stehen und was sollte ich machen, wenn ich in den Ferien nicht zu ihm fahren durfte?
„Das tut mir Leid, Schatz, aber du findest sicher einen neuen Freund und du hast doch auch noch Jerry. Wenn Ryan wieder nach England zieht und du weiterhin hier lebst, entfremdet ihr euch sicher irgendwann. Meinst du denn es lohnt sich eine Freundschaft über eine so große Distanz aufrechtzuhalten?“
„Natürlich denke ich das! Man kann doch eine Freundschaft nicht vom einen auf den anderen Tag beenden. Es gibt doch die Möglichkeit sich in den Ferien zu sehen und man kann sich Briefe schreiben und telefonieren.“
„Ja, natürlich, aber ist dir die Verbindung mit Ryan denn so wichtig?“
„Ja, ist sie!“
Langsam bekam ich das Gefühl, dass meine Mutter von meiner Ferienplanung nicht gerade begeistert war und sie vielleicht sogar verbieten würde. Was sollte ich dann tun? Wann würde ich Ryan in diesem Falle wiedersehen?
„Du willst es mir verbieten, hab ich Recht? Du willst nicht, dass ich zu ihm fahre.“
„Ich will nicht, dass du dich so sehr an ihn hängst. Es gibt so viele nette Jungs, mit denen du dich anfreunden kannst, die in deiner Nähe wohnen. Der Freundeskreis ändert sich nun mal und die Welt geht davon nicht unter.“
„Du verstehst das nicht!“
Mit diesen Worten verließ ich die Küche und rannte verzweifelt hoch in mein Zimmer. Dort lief ich eine ganze Weile hin und her, dachte angestrengt nach und versuchte mir vorzustellen wie Ryan diese Nachricht aufnehmen würde.
Apropos Ryan! Er wollte ja am nächsten Tag zu mir kommen. Das hatte ich meiner Mutter gar nicht erzählt und würde es jetzt auch nicht mehr nachholen. Sicher war ihr das auch nicht recht und noch so eine Diskussion mit ihr könnte ich nicht ertragen.  Doch trotz des eben geführten Gesprächs und meiner daraus entstandenen miesen Laune, überkam mich auf einmal ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Ryan würde morgen hierher kommen, ich würde ihn endlich wieder bei mir haben. Bei diesem Gedanken entspannte sich sofort mein ganzer Körper, ich atmete einmal tief durch und setzte mich einfach auf den Fußboden, mit dem Rücken an die Heizung unter dem Fenster. Die Wärme, die nun von meinem Rücken ausgehend meinen ganzen Körper durchströmte, machte mich schläfrig und ließ mich wenige Augenblicke später einschlafen. Gerade hatte mein Bewusstsein ausgesetzt, als mein Unterbewusstsein auch schon die verschiedensten Bilder von Ryan vor mein inneres Auge projezierte. Dies war die Welt, die mir gefiel, denn hier hatte ich Ryan immer bei mir und würde ihn auch immer bei mir haben; in meinen Gedanken und Träumen war er ständig da.
Etwa eine Stunde später öffnete ich die Augen wieder und fand mich zusammengekauert vor der Heizung liegen. Ich streckte mich, um auch den letzten schlafenden Muskel wiederzubeleben und wollte aus dem Fenster schauen, doch es war schon fast dunkel. Mein Armbanduhr verriet mir, dass es auch schon neun Uhr abends war. Vor zwölf Stunden war ich neben Ryan aufgewacht, nun war er nicht mal in meiner Nähe.
Ich beschloss mich schon bettfertig zu machen, auch wenn ich wahrscheinlich noch lange wach liegen würde. Doch es bestand zumindest die Möglichkeit, dass die Zeit so schneller verging und Ryans Ankunft somit immer näher rücken würde.
Es war schon sehr lange her, dass ein Wochenende dermaßen schnell vorübergegangen war wie dieses und dennoch verband ich wohl keines mit so vielen wundervollen Erinnerungen. Nie war mir jemand wichtiger gewesen, meine Eltern natürlich ausgeschlossen, und doch spielte mir das Schicksal einen Streich und nahm mir diesen Jemand wieder.
Fertig umgezogen, die Zähne geputzt und die Schulsachen für den nächsten Tag gepackt, lag ich schließlich im Bett und starrte die Zimmerdecke an. Denk nicht an morgen, sagte ich mir selbst, aber das war einfacher gesagt als getan. Auch nachdem ich schon eine Millionen Schäfchen hätte zählen können, war nicht ein Funke Müdigkeit in mir. Was musste ich auch an der Heizung einschlafen?! Da kam mir eine Frage wieder in den Sinn, die ich mir vor Kurzem gestellt hatte: Ging Ryan noch zur Schule? Komisch woran man denkt, wenn man nicht einschlafen kann. Tatsächlich beschäftigten mich einige dieser scheinbar unwichtigen Fragen und ich grübelte in jener Nacht noch sehr lange bis ich in meiner Welt endlich Ruhe fand.
Unbarmherzig weckte mich das penetrante Piepsen meines Weckers am nächsten Morgen und es dauerte diesmal besonders lange den Knopf zu finden, der dem ein Ende machte. Schwankend und noch nicht wirklich wach, tapste ich im Badezimmer von einem Fuß auf den Anderen, versuchte meine Haare zu bändigen, die eigentlich glatt sein sollten und setzte mich um viertel nach sieben zu meiner Mutter an den Frühstückstisch. Mein Vater ging morgens schon etwas früher aus dem Haus, meine Mutter verabschiedete ihn aber trotzdem jeden Tag.
Über meine Träumereien hatte ich völlig vergessen, dass wir uns gestern gestritten hatten und setzte nun demonstrativ mein Schlechte-Laune-Gesicht auf. Leider war mir das erst eingefallen, als ich ihr schon einen guten Morgen gewünscht hatte.
„Na, ist dir wieder eingefallen, dass du eigentlich sauer auf mich sein solltest?“
„Das ist nicht witzig! Ich bin immer noch sauer auf dich!“
„Okay, dann muss ich dich wohl darauf hinweisen, dass du die Reise überhaupt nicht finanzieren könntest. Weißt du eigentlich wie viel eine Fahrt nach England kostet, egal mit welchem Transportmittel? Und du musst sogar hin und zurück fahren.“
„Ich kann auch gleich da bleiben“, sagte ich schnippisch und langsam erinnerte ich mich an das Gefühl von gestern Abend.
„Jetzt sei doch mal ernst! Man bezahlt doch nicht, was weiß ich wie viel, nur um einen Freund zu besuchen! Tut mir Leid, aber das kann ich einfach nicht nachvollziehen!“
„Das musst du auch gar nicht, ich will ja fahren.“
„Du wirst aber nicht fahren, Dan!“
„Das kannst du Ryan ja dann auch persönlich sagen, er kommt nämlich nachher hierher!“
Ich nahm mir ein wenig Geld aus meinem Portemonnaie für die Cafeteria und verließ das Haus. Die Schule lag nur etwa 15 Minuten entfernt und so ging ich wie jeden Morgen zu Fuß.
Meine Mutter hatte sich zu meiner letzten Bemerkung nicht mehr geäußert und nun wusste ich nicht, ob es sie störte, wenn Ryan nachher kam. Ehrlich gesagt war mir das auch egal! Wenn es ihr nicht recht sein sollte, würden wir woanders hingehen, denn letztendlich machte es keinen Unterschied wo wir uns sahen, solange wir uns überhaupt sahen. Ich würde mir ein Treffen mit Ryan nicht verderben lassen, das hatte ich mir fest vorgenommen. Es war vielleicht das letzte Mal bevor er wegzog und ich wusste immer noch nicht wie ich ihm die grausige Nachricht von der Absage meiner Mutter beibringen sollte. Könnte ich meinen Eltern doch nur sagen, dass Ryan nicht nur ein Freund war, vielleicht würde dadurch alles leichter! Doch meine Angst vor ihrer Reaktion war viel zu groß. Da tauchte auf einmal eine weitere dieser Ryan-Fragen auf, die mir bis jetzt noch nicht in den Sinn gekommen war, dabei lag es eigentlich auf der Hand sich das zu fragen. Hatte Ryan seinen Eltern alles erzählt? Das brachte mich wiederum zu einer älteren Frage, die ich schon öfters durchgekaut hatte. Hatte er schon vor mir etwas mit einem Jungen gehabt? Ich fragte mich das immer und immer wieder, da er am Samstag einen so geübten Eindruck gemacht hatte, was das Thema Zärtlichkeit betraf. Es gab einfach noch viel zu viele offene Fragen, warum also blieb mir nicht mehr Zeit, um wenigstens auf ein paar von ihnen eine Antwort zu bekommen?
Ehe ich mich versah, stand ich schon vor dem Schulgebäude. Jerry wartete dort auf mich und wir gingen zusammen zum ersten Unterrichtsraum. Der Montag begann mit einer Doppelstunde Politik und wie immer fragte ich mich, wie unser Lehrer es schaffte nicht selber einzuschlafen. Unglaublich, was man uns Schülern schon in den ersten beiden Stunden nach dem Wochenende abverlangte! Ich wandte meinen Blick nach links zu Jerry und musste unwillkürlich grinsen. Auf seiner Wange zeichnete sich das Muster seiner Strickjacke ab, da er seinen Kopf längere Zeit auf die mit dem Ärmel der Jacke überzogene Handfläche gestützt hatte. Er schien es nicht bemerkt zu haben und ich beschloss es ihm nicht zu sagen, da es sowieso mit der Zeit wieder verblassen würde.
Der Vormittag wollte und wollte einfach nicht umgehen und ich weiß nicht wie oft ich auf die Uhr gesehen hatte bis es endlich zum Ende der siebten und für mich letzten Stunde klingelte. Erleichtert atmete ich auf und machte somit Jerry auf mich aufmerksam.
„Was ist eigentlich heute mit dir los? Ich hab dich schon lange nicht mehr so euphorisch gesehen, wenn du Schulschluss hattest.“
„Hab ich dir nicht erzählt, dass Ryan heute zu mir kommt?“
„Nein, hast du nicht“, sagte er beleidigt.
„Also dann, Ryan kommt heute zu mir.“
„Haha, du Scherzkeks! Na dann lass uns mal schnell nach Hause gehen.“
Wie gerne wäre ich mit Jerry gegangen, doch er bog nach links und ich nach rechts ab.
„Bis morgen und viel Spaß mit Ryan!“
„Danke, werde ich haben.“
Um halb drei war ich zu Hause und sofort kam mir meine Mutter entgegen. Was jetzt wohl kommt?, fragte ich mich.
„Hallo Daniel. Wie war die Schule?“
Was? Keine Standpauke wegen heute Morgen? Nicht einmal ein verärgerter Gesichtsausdruck?
„Zu lang.“
„Es tut mir Leid, dass ich dir verboten habe nach England zu fahren, aber ich halte es nicht für richtig sich so sehr an einen Freund zu klammern. Wenn er dir so wichtig ist, dann schreibt euch doch Briefe oder E-Mails. Ihr könnt euch ja auch mal besuchen, aber in den Weihnachtsferien ist er doch noch gar nicht lange weg. Außerdem wärst du an Weihnachten nicht zu Hause, wenn du zu ihm fahren würdest.“
„Ich versteh schon.“
„Ach wirklich?“
„Ja.“ Aber nur, weil sie die Hintergründe nicht kannte.
„Ok, dann... ähm...“ Ich schien sie vollkommen aus dem Konzept gebracht zu haben. „Ich mache jetzt Mittagessen, meinst du Ryan möchte auch etwas?“
„Ich weiß nicht, ob er schon gegessen hat.“
„Ich mache einfach ein bisschen mehr als sonst.“ Und mit einem Lächeln verschwand sie in der Küche. Ich blieb verdutzt im Flur stehen, sah auf die Uhr und stellte fest, dass Ryan schon in einer viertel Stunde hier sein würde. Also lief ich hoch in mein Zimmer, stellte die Schultasche dort ab und befand, dass es ordentlich genug aussah. Dann setzte ich mich auf die unterste Treppenstufe und wartete auf das Klingeln an der Haustür.
Fast wäre ich dort eingeschlafen, aber glücklicherweise kam Ryan fünf Minuten früher.
Ich rannte, vom Klingeln hochgeschreckt, zur Tür und ließ ihn herein.
„Hi!“, sagte ich.
„Na du. Ich hab dich vermisst!“ Er kam auf mich zu und küsste mich.
„Meine Mutter ist in der Küche“, flüsterte ich ihm zu.
„Aber sie sieht uns nicht, oder?“
Woher nahm er nur dieses Selbstvertrauen?
„Dein Zimmer ist oben, oder?“
Ohne eine Antwort abzuwarten ging er die Treppe hinauf und ich folgte ihm nachdem ich meiner Mutter Bescheid gesagt hatte.
„Sag mal, hast du schon gegessen?“
„Nicht so richtig.“
„Was soll das denn heißen?“
„Ich hab mir beim Bäcker ein Brötchen gekauft, aber das ist auch schon länger her.“
Jetzt kannst du ihn fragen, dachte ich mir und tat es auch.
„Gehst du eigentlich noch zur Schule?“
Grinsend sah er mich an und stellte mir dann eine Frage.
„Was glaubst du wie alt ich bin?“
Was sollte die Frage denn? Was hatte das mit meiner Frage zu tun? War es ihm unangenehm  mir zu sagen, dass er nicht mehr zur Schule ging und wich deshalb meiner Frage aus?
„17, 18?“
„Du bist süß, weißt du das?!“
Ich verstand die Welt nicht mehr, während Ryan lachend neben mir auf meinem Bett saß! Eigentlich wollte ich doch nur wissen, ob er noch zur Schule ging.
„Jetzt mach nicht so ein Gesicht! Ich hab mich nur gewundert, dass Jerry dir das alles nicht erklärt hat.“
Langsam wurde mir ein wenig mulmig. Was gab es denn da Großartiges zu wissen?
„Und was hat er mir nicht erklärt?“, fragte ich schließlich, als ich das Gefühl bekam, dass Ryan mich zappeln ließ.
„Also“, begann er, „ich bin 20 Jahre alt und studiere Germanistik im zweiten Semester.“
Sprachlos sah ich ihn an und dachte ich müsste im Erdboden versinken. Er sah nicht älter aus als Jerry oder Ich! Wie peinlich! Warum hatte Jerry mir das nicht gesagt?
„Ok...“
„Findest du es so schlimm, dass ich älter bin als du?“
„Nein, es kommt nur so überraschend. Ich dachte du bist etwa so alt wie ich, da war ich mir sogar ziemlich sicher. Tut mir Leid.“
„Wieso denn? Ich hätte es dir früher sagen müssen, aber ich hab anderes im Kopf gehabt und dachte es sei nicht so wichtig.“
„Jetzt weiß ich es ja.“ Ich lächelte ihn an, hatte mich aber immer noch nicht an diese neue Tatsache gewöhnt. Deswegen hatte er einen so erwachsenen Eindruck auf mich gemacht und sicherlich hatte er in diesem Fall auch schon mindestens eine Beziehung gehabt. Doch die Frage, ob es ein Junge oder ein Mädchen gewesen war, blieb vorerst offen.
„Meinst du wir sind hier vor den Augen und Ohren deiner Mutter sicher?“
„Na, ich hoffe doch!“
Er sah mich so zärtlich an, ich hätte schmelzen können. Seine Finger fuhren durch meine Haare und ich schloss die Augen. Ich spürte seinen Mund auf meinem und seine Hände, die sich unter meinen Pullover schoben, auf meinem Bauch. Wie sollte ich ohne Ryans Berührungen und sein Lächeln die lange Zeit der Trennung überstehen? Warum konnte sich mein Wunsch von Freitag Abend nicht erfüllen und alles so bleiben, wie es war? Doch selbst diesen Augenblick durfte ich nicht genießen, da meine Mutter uns in dem Moment zum Essen rief. Ryan hielt inne und sah mich mit einem Grinsen an.
„Ok, dann essen wir eben vorher. Vorfreude ist doch auch was Schönes!“
Ich lief sofort puterrot an und bezweifelte, dass es sich wieder normalisiert hatte, wenn wir untern angekommen waren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.07.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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